Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 46 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 685 -על.־-=■»» Rundschau «■« . ־■- 1___ Vom asemitischen Gesetz ln der Handliabung des F r c m d c n g e s c t z c s hat sich in den letzten Monaten nichts geändert. Mag auch die Regiertmg seihst eine möglichst milde Anwendung der Gesetzesbestimmungen wünschen — wie sic dies s. Zt. zum Ausdruck gebracht hat - das Gesetz bestellt nun einmal und die Fülle, in denen die grausamen Wirkungen desselben sich äussern. erneuern sich von Tag zu Tag. Während der ersten neun Monate dieses Jahres wurden 373 Fremde bei der Landung zuräckgewiesen. Hei 291 derselb.*n wurde Mittellosigkeit, bei S2 Krankheit als Grand angegeben. An und iiir sich erscheinen diese Ziffern nicht bedeutend; wer aber ahnt, welche Summe der Leiden und des Kleuds *sieh darunter birgt! In 036 Fällen hatten die ZuriickgcwicsciKii Berufung gegen die Entscheidung der unteren Behörden eingelegt, aber nur 35S dieser Berufungen hatten Erfolg. Hand in Hand mit der rigorosen Be- Handlung der die Zulassung ins Land Begehrenden geht eine bedeutende Anzahl von Ausweisungen, die seit der Annahme der Alien Bill erfolgt sind. Herrn Gordon und Genossen ist jedoch die bisher geübte Praxis lange nicht streng genug. Die Herren haben sich in den vorwöchigcn Sitzungen des Unterhauses darüber beschwert. Pie Tatsache, dass in IS3 Fällen dem Antrag auf Ausweisung statt-gegeben wurde, beweist die Grundlosigkeit dieser Beschwerde. Gordons Empfehlung des Otsafrikaangcbots kann uns nicht darüber täuschen, dass er der bewusste Führer einer werdenden antisemitischen Partei ist. Der jüdische .,Board 01 Deputics“ hat vor kurzem an das Ministerium des Innern eine Denkschrift• gerichtet, in der er die Aufmerksamkeit der Regierung auf eine Reihe von Missständen lenkt, die die ohnehin schon harte Behandlung der ankomnicnden Fremden noch schlimmer gestalten. Die Denkschrift weist auf die widerspruchsvolle Art hin, wie das Gesetz in den verschiedenen Entscheidungen der Behörden ausgelegt wird, und auf die Tatsache, dass die Einwanderungsbeamten ihre Aufgabe nicht in einer objektiven Untersuchung des Tatbestandes sehen, sondern von vornherein als die Gegner der Einwanderer auftreten. Sie verlangt ferner die Zulassung von Sachverwaltern der Fremden und die Anordnung von Massnahmen, wodurch es den Leuten crieicntert würde, den Beweis für ihre Angaben zu führen. — Der Board of Deputies at sich in seiner letzten Sitzung auch mit dem Bericht der parlamentarischen Kommission über die Angclcgcnheit der Sonntagsruhe beschäftigt. Der Antrag der Kommission, dass cs den innerhalb der jüdischen Stadtviertel gelegenen Geschäften gestattet bleiben solle, ihre Lüden bis zum Mittag offen zu halten, wurde als ungenügend bezeichnet. Einmal, weil die Beschränkung dieser Erlaubnis auf die jüdischen Bezirke eine durchaus unerwünschte Zuwanaerung in diese aus den anderen Stadtteilen zur Folge haben würde, und dann weil die freigegebene Zeit viel zu kurz bemessen sei, um eine wesentliche Schädigung der den Sabbath beobachtenden Juden abzuwenden. Gegen Zion Der Rat der Anglo - Jewish - Association hielt am vorvergangenen Sonntag unter den! Vorsitz des religiös ..liberalen* Claude Montefiore eine Sitzung ab. Nach Nachruf auf den verstorbenen Reverend Singer und dein Präsidenten der Abteilung Manchester Mr. Beüsha wurde zunächst in die Beratung des Vorschlags des Zionistischen Aktions-Komitees eingetreten, ein Waisenhaus für Pogronnvaisen in Palästina cinzurichten. Die Beteiligung wurde abgelchnt. (Wie der GENERALANZEIGER FÜR DIE GESAMT-INTER. DES JUDENTUMS, der gewissermassen ein Organ des Hilfsvereins und in diesem Zusammen hang auch Freund der 1T0 ist. hört, hat auch der Hilfsverein der Deutschen Juden eine gleiche Aufforderung des Zionistischen Aktions-Komitees abgelchnt.) Aus der Debatte, in der die Herren Claude Montefiore, Kisch. Oswald. J. Simon und Elkan Adler das Wort ergriffen, seien die Ausführungen Adlers wiedergegeben, der es für die Anglo-Jewish-Association für bedenklich erklärte, sich in die politischen Verhältnisse Palästinas cinzumischcn, was sic mit der Annahme des Vor• Schlags tun würde. Die palästinischen Juden seien in den letz• ten Wochen in einem Zustande der Gärung gewesen, Infolge des Todes des Chacham - Baschl, und die zionistische Frage und die Absichten der Zionisten seien während der Wahlen mit ausserordentlicher Leidenschaftlichkeit diskutiert worden, ln einem solchen Zeitpunkte erscheine es ihm nicht opportun, eine zionistische Gründung in Palästina zu unterstützen. Der Bericht des Sekretärs verbreitete sich über Subventionen an Schulen ln Alexandria, Bagdad, Bombay, die Eveline-Rothschild-Schule in Jerusalem. Saloniki usw. Eme längere Debatte riefen Bewilligung für die Mädchenschule in Mogador (Marokko) hervor, die von 214 Schülerinnen besucht wird. Mail muss sagen, dass die Äusserungen Adlers, so komisch und lächerlich sic sind״ doch ein tief bedauerliches Zeichen für den jüdischen Tiefstand sind, der die herrschende ..liberale•‘ Klasse der schon seit einer ganzen Generation eingewanderten ״englischen" Juden charakterisiert. Alliance Israeliie Universelle Aus dem Deutschen Bureau der Albane•.- Israölite Univcrseile erhalten wir folgende Mitteilung: ,.Im Laufe des letzten Jahres, vom Oktober 1905 bis Oktober 1906. hat die Alliance Israelitc Universelle in die geminsame Kasse der jüdischen Hilfsorganisationen in London zur Unter- Stützung der verfolgten russischen Juden 803 525 Francs eingezahlt, ausserdtm nach Petersburg 100 000, nach Odessa 310000. für Bialystok 25 (»00 Francs überwiesen. Ferner sind von der Alliance IsraGitc Universelle in demselben Zeitraum 2*10000 Francs an unmittelbaren Zuwendungen an russische Juden ausserhalb Russlands gemacht worden. Ein sehr erheblicher Teil des letztgenannten Betrages kam in Berlin und in anderen deutschen Städten zur Verteilung. Die Beiträge, die aus den Mitteln und durch die Vcrmittlung der Alliance brachte Universelle für das russische Hilfswerk zur Verwendung kamen, haben sich demnach in dem Jahr Oktober 1905/06 aut 1 473 000 Francs belaufen. .Schwarzhundertorganisation Gegenwärtig funktionieren folgende Scliwarzhundertorganisationen: uDer heilige Bund des Volks-Selbstschutzes‘‘, ״Die beschützende Partei“‘. ״Die Monarchische Partei", ״Die russische Brüderschaft", ..Die russische Versammlung‘‘. ״Der Bund der russischen Leute". ״Der Bund des russischen Volkes“, ״Die Liga der Patrioten“‘, ״Die patriotische Liga", ״Die Gesell- Schaft der Nationalisten'*, ״Die Partei der russischen Wietsche". ״Die Minin’sche und Posharsky'sche Partei". ״Die Partei des volkstümlichen Zentrums", ״Die Partei der aktiven Bekampfung der Revolution und der Anarchie“, ״Die Volkswirtschaftliehe Partei". ״Die Gesellschaft der Kirchenfahnenträger", ״Die Partei der redlichen Patrioten und Kämpfer für Vaterland*‘, ״Der Bund der russischen Patrioten", ״Der Bund der weissen Fahne", ״Der Bund der Eiferer für das Wicderauiblühe!» des kirchliclt-gcsellschaftlichen Lebens und die geistige Wiedergeburt des Vaterlandes“, ״Der Bund für den Kaiser und das Volk‘‘. ״Der Bund für den Kaiser und die Ordnung“. ״Die Brüderschaft der Freiheit und der Ordnung“, ״Die altrussischc vaterländische Partei" und ״Die Gesellschaft der Gesetzlichkeit lind der Ordnung". Die grosse Zahl der Namen darf indessen nicht zu sehr beirren. So besteht z. B. die in Archangelsk wirkende Organisation alles in allem aus zwei Polizeibeamten! Wie Pogrome/gemacht werden Man schreibt der R. K. aus Petersburg: Es bleibt noch immer die Frage zu beantworten: ist Herr StoljTün ein Gegner oder ein Freund von Judenkrawallen als Regierungsmassnahme gegen unzuverlässige Gesinnung? Herr Stolypin versprach offiziel! die Frage am 23. Juli in der Reichsduma anlässlich des Pogroms in Bialystok zu beantworten, zog es aber vor, am 21. Juli die Volksvertretung aufzulösen und die Antwort schuldig zu bleiben. Die Haltung des Ministeriums dem Sicdlecer Krawall gegenüber ist auch eine höchst verdächtige. Jedenfalls ist sic solcher Art, dass der sogenannte ״Verband des russisehen Volkes" in seiner Propaganda für neue Krawalle sich offen auf die Zustimmung der Regierung beruft. Und die Ereignisse bestätigen, dass der Verband der schwarzen Hundert Grund dazu hat. Einen sehr charakteristischen und höchst bedenklichen Vorfall, der lebhaft an den ersten Teil der Siedlezer Tragödie erinnert, meldet man aus Reschlza (Gouv. Witebsk). Der ziemlich harmlose und ganz alltägliche Tatbestand ist folgender: einige jüdische Jünglinge im Alter von 17—20 Jahren zankten sich mit einigen altgläubigen Burschen. Es entstand ein Handgemenge, wobei einer der Altgläubigen eine geringe Verletzung am Kopf davontrug. Der ganze Vorfall war bedeutungslos, da dergleichen in Reschiza sehr oft vorkommt, selbst die Polizei sah keinen Grund zum Einschreiten. Zum Unglück gehörten aber die russischen Burschen zum ״Verbände echt russischer Leute“, und der Verband nahm sie unter seinen Schutz. Es entstand ein Briefwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Verbandsfilialc Herrn Rybakow und dem Vorsteher der lokalen ״Strafexpedition‘' Oberst Werchowsky. Endlich am 20. Oktober lud Herr Werchowsky den Rabbiner