Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6S2 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45 nicht ganz klar. Man begnügte sich vorläufig damit, in Palästina unter philantropischer Flagge schlecht und recht Jüdische Kolonien zu gründen und überliess alles weitere der Zukunft• Die Unklarheit und Harmlosigkeit dieser Bestrcbungen brachte cs mit sich, dass die in der ersten Phase entstandene grossen Organisationen keinen Anstand nahmen, sic zu »Ordern. Es war charakteristisch für die Gesinnung der führenden Persönlichkeiten, dass die Leiter der Alliance, des Rothschildkomiiees und der Hirsehstiftun״ zugleich an der Spitze des Pariser Zentralkomitees standen, zu dem sich die Palästina- Kolonlsatioiisvercinc der ganzen Welt zusainmengeschlossen hatten. Die Entstehung dieses Komitees iti Verbindung mit der erwähnten Personalunion war von grosser Tragweite für die jüdische Volksbewegung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten die Juden begonnen, das politische Lehen eines modernen Volkes zu führen. An ihre Spitze traten die Präsidenten der grossen jüdischen Assoziationen. Sie, die vielfach u nreligiös waren, wurden die berufenen Vertreter und Führer des zerstreuten Jüdischen Volkes, wie einst die rabbiniscluvi Autoritäten. Eine verhängnisvolle Schwäche wies aber diese neue Organisation auf: den Mangel an Zentralisation, an Einheitlichkeit des Wollens und Führens. Der Grundgedanke der Alliance, dem Jüdischen Volke durch Organisation eine regierende Behörde zu ersetzen, war nur unvollkommen verwirklicht statt einer starken föderativen Zcntrallpitung gab cs zahlreiche JFartikulargewalten, Duodezfürsten des Exils, die auf ihrer Selbständigkeit bestanden und vielfach gegen einander regferten. Die Annäherung zwischen der Alliance, den Kolonisationsstiitungen und den Koionisationsvereincn bildete den ersten Versuch der Herbeiführung einer autoritativen, weltlichen, jüdischen Zentralgewalt. Ein viel bedeutsamerer sollte ihm folgen. Es liegt in der Natur grosser Bewegungen, dass sie Ideen reihen, die uns selbstverständlich erscheinen, wenn sie völlig ausgereift sind, nur Glied um Glied zu durchlaufen fähig sind. Jede Generation macht gewissermassen nur einen Schritt und bleibt auf halbem Wege stehen. Es bedarf der Anstrengung oder vielmehr des frischen, unbefangenen Denkvermögens der nachfolgenden Genreation, uni die Idee zu Ende zu denken. Freilich gibt es Vordenker, führende Geister, die die Idee in ihren letzten Konsequenzen erlassen und äussprcchen, jahrzehntelang, bevor sie zum Gemeingut des Volkes wird; aber sic werden eben spät begriffen. Die grosse Wendung der Geschichte der modernen Judcnheit, sagten wir einleitend, ist nicht nur auf äussere, sondern auch auf innere Erlebnisse zurückzuführen. In der Tat: lange vor dem Neuerwachen der antiifidischen Bewegung in ihren verschiedenen Nuancen von der Presslictzc bis zum Massaker, haben jüdische Denker und Politiker die wahre Situation des Jüdischen Volkes, die ganze Bedeutung des historischen Momentes erfasst und der indischen Politik ein weiteres, klareres Ziel gesteckt, als die Alliance es wagte oder wollte• Fast gleichzeitig mit dem Entstehen der Alliance gelangten einerseits modern gebildete Schriftsteller, wie Moses Hess und $ a 1 v e ״ d i, andererseits Talmudgelehrte, wie Hirsch Kn li.sc her zur Ucber- Zeugung, dass die Epoche angebrochen sei, wo die zweitausendjährige' Sehnsucht des Jüdischen Volkes nach politischer Wiederherstellung sieh verwirklichen müsse. Und je mehr die Ereignisse fortschritten, desto.mehr begann man ihre ursprünglich für utopistisch erachteten Anschauungen zu begreife״. Auf der einen Seite der geschlossene Hauptkörpcr des Jüdischen Volkes im Osten, gezwungen, seine Wohnsitze zu verlassen, durchdrungen von der Erkenntnis, dass der Besitz eines eigenen Landes ein unerlässliches Lebensbedürfnis für ihn sei. Auf der anderen Seite die Judengruppen des Westens, finanziell und politisch so einflussreich, wie nie in der Geschichte des Exils, lieber beiden die Regierungen der Weltmächte, zum erden Mal der Idee der Humanität und der nationalen Ent- Wicklung zugänglich. Die Politik gebietet es, diesen Augenblick zu benutzen, um ein jüdisches Gemeinwesen zu gründen, und die Religion gestattet cs. Eist dreissig Jahre, nachdem sie ausgesprochen worden war. begann die politische Auffassung der Au!־ gaben der indischen Volksbewegung, durchzudringen. eine Täuschung war, denSchatten für das Glück zu halten. Der hundertjährige Hakim mit dem vom Alter vergilbten Haar hörte ihm aufmerksam zu und sagte endlich: — ״Dein ganzes Unglück, Bai-Sugdi, war, dass du dein Glück in Aeusserlichkeiten gesucht hast! Am liebsten hättest du alle Herden von Handigai, alles Gold, alle Gewänder und alle schönen Frauen für dich allein gehabt. Aber kannst du denn auf zehn Pferden zugleich reiten, zehn Chalats (langer Rock) zugleich tragen und für zehn Menschen allein essen und trinken? Dein Reichtum drückt dich wie ein Joch! Wozu brauchst du alle diese Kamele und Diener und Ballen mit dem vielen Gerät? Wäre es nicht angenehmer, allein zu wandern und nur für sich zu sorgen?“ — — ״Du hast recht. Ttiiasak,“ sagte Bai-Sugdi, ״cs tut mir leid, dass ich nicht früher daran gedacht habe!“ — Er verteilte sogleich sein Hab und Gut unter seine Diener und entliess sie nach Hause. ״ —־Bai-Sugdi, du hast noch nicht alles getan,“ sagte Tujasak, ״gehe in das Khannat Scliibe, dort lebt der weiseste der Hakims-Urumtschi-Oloi, er wird dich alles lehren. III. Drei Wochen hatte die Reise vom Khannat Handigai bis zum Khannat Thuharaigir gedauert und noch einmal drei Wochen zum Hakim Ttiiasak in die Berge, aber drei volle Monate gebrauchte der Hakim Bai- Sugdi, um zu Urimitscbi-Oloi zu gelangen. Er wanderte zu Fuss und trug ein einfaches Kleid aus Kamelwolle, wie es die armen Hirten tragen; im schweren Rucksack befand sich der notwendigste Vorrat um nicht Hungers zu sterber. Der Weg war sehr bcschwerlich, es ging über hohe Berge und durch finsterc Wälder und gefahrvolle Uebcrgäuge, aber Bai- Sugdi wanderte vorwärts, glücklich im Gefühl, dass er, Dank dem weisen Tujasak. von unnützer Last befreit war. Wozu brauchte denn in der Tat ein einzelner Mensch so viele Kamele, Diener und Gepäck? Hakim Urinutschi-Oloi, ein luiiidcrtzwanzigjälirigcr Greis, lebte unter freiem Himmel. Er war dermassen von Haaren bewachsen, dass er seine hcrunterhängendcu Brauen aufheben musste, um seinen Gast aazusehen. Der lange Bart hing ihm bis an die Knie herunter und durch das durchlöcherte Gewand konnte man den gelben magern Körper sehen. — ״Gottes Segen über den weisesten der Hakims.“ begrüsste ihn Bai-Sugdi, sich bis zur Erde 'verneigend.