Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 46 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 681 planmässlger Aktion, wo früher nur zersprengte Individuan in kraftloser Passivität zu sehen waren. Auch die Verständigung zwischen Juden verschiedener Länder machte stetige Fortschritte, wie sehr auch ererbte Ohcttoängstlichkeit vor ihr warnte und parti- Kularistische Tendenzen sich ihr entgegcnstcinniten. Eine der wichtigsten Organisationen zur Erhaltung jüdischen Bewusstseins und tatkräftiger Förderung der schutzbedürftigen jüdischen Massen entstand in dem Unei-Brith-Orden, dessen Logen von Amerika aus über Europa sich verbreiten. In eine neue Phase trat die jüdische Volksbcwegütig durch die russischen Judcnmetzeleien der achtziger Jahre. Nun erst erkannte man, welche furchtbaren Katastrophen dem Haupttei! des jüdischen Volkes trotz der Fortschritte der Zivilisation immer wieder drohen• Man überzeugte sich., dass die blossen Be• niühungen um Gleichberechtigung und Hebung der Judenmassen des Ostens nicht genügen, dass man neue Wohnsitze für sie suchen müsse. Vor allem aber trat nun das eigentliche jüdische Volk zum ersten Mal auf den Plan. Vor den hochkultivierteu jüdischen Wohltätern des Westens, die sich erst langsam wieder in ihr Judentum hiueinfinden, erscheinen Vertreter der östlichen Judenheit. Man er-?ährt, dass dort Millionen leben, die ihrem Volkstum nie entfremdet wurden, die von nationaljüdischem Geist belebt, eine jüdische Literatur und Presse in hebräischer Sprache und im Jargon geschaffen haben, die nur von der Erfüllung der nationaliüdischen Ideale ihre Rettung erhoffen und selbständig an die Verwirklichung dieser Ideale herantreten. Man sieht Scharen bcgeisterter jüdischer Jünglinge lind Frauen, die nach Palästina auswandern, um dort Kolonien zu gründen. Diese erste, elementare Volksbewegung, die von den Massen, von unten ausgeht, übt auf die Bewegung von oben eine tiefe Wirkung aus. Angesichts der a׳.!e Herzen ,erschütternden Leiden ihrer russischen Brüder beginnen die Juden aller Länder ihre Sonderstellung immer mehr aufzugebeo: 111 den aus den Vertretern der Judenheit der ganzen Welt zusamengesetzreu rtbhilie- Komitees äussert sich die neuentstehende Solidarität aller Juden. ruhig der Arbeit der Räuber zu. Darüber waren sie über die Massen erstaunt. — ״Dauert dich dein Hab und Gut denn garnicht,“ fragten sic, ״wer bist du?“ — -- ״Ich bin der Hakim Bai-Sugdi aus Handigai!“ — — ״Der Schwan von Handigai bist dt!?“ — Sogleich hielten die Räuber in ihrem Werk inne, beluden von neuem die Kamele, banden die Diener los und, ohne das Geringste an sich zu nehmen, entliesscn sie den berühmten Sänger. — ״Wir berauben nur die Kaufleute und die Reichen“, erklärten sie verlegen. ״Verflucht soll derienige sein, der nur eine einzige Feder aus dem Flügel des Schwans von Handigai herausrelsst! Deine Lieder öffnen dir den Weg, ziehe hin in Frieden!“ — Und als die Karawane sich in Bewegung setzte, sang einer der Räuber: — Mit einer roten Rose ׳st dein Lachen geschlossen, das Lied der Nachtigall birgt deine junge Brust. — Wieder das Lied und wieder betrübte es Bai-Sugdi bis in die Tiefe der Seele, ihn an seinen Wahn erinnernd, der ihn wie ein Schatten überall verfolgte! — ״Das ist mein Fluch", dachte Hakim Bai-Sugdi, ••*•nein Lied verfolgt mich wie ein schwarzer Schatten!“ i Während diese Komitees, nur auf momentane Ab- Hilfe bedacht, dem tiefen Kern des jüdischen Problems ängstlich aus dem Wege gehen und durch tunlichste Zerstreuung der Auswanderer neuen Katastrophen vorzubeugen suchen, erkennen einsichtige grosse Wohltäter den einzig richtigen Weg zur dauernden Beseitigung der Judennot, indem sie dem Sehnen des Jüdischen Volkes Sinn und Herz eröffnen. Moses Montefiore, Edmund v. Rothschild und Baron Hirsch gelangen zur Ueberzeugung, dass nicht die Zerstreuung, sondern die Ansiedlung der Juden in geschlossenen Massen geboten sei, dass die Juden nur in einer grossen, landwirtschaftlichen Kolonie zur Ruhe und Sicherheit, zur sozialen, körperlichen und moralischen Wiedergebürt gelangen können. Und zum ersten Mal in der Geschichte des modernen Judentums sehen wir jüdische Millionäre, die für sozialpolitische Zwecke des Jüdischen Volkes Riesenstiitungen schaffen, denen kein Unbefangener einen nationalen Charakter absprechen kann. Ein Zwiespalt, der in der jüdischen Volksbewegung auch später sich wiederholen soll, tritt bei diesen ersten grossen, von oben unternommenen Kolonisationswerkcn hervor: während Monteiiore und Rothschild unter Anlehnung an den elementaren Drang des Jüdischen Volkes, eine jüdische Ansiedlung in Palästina fordern, versucht Hirsch, ein jüdisches Zentrum in Amerika zu schaffen. Das Werk Baron liirsch’s blieb der aristokratische Versuch eines einzelnen; an jenes von Monteüore und Rothschild schloss sich eine breite spontane Volks- Organisation an. In allen jüdischen Hauptzentren entstanden Vereine, die unter dem gemeinsamen N2men von Chowewe-Zion — Zionsfreunde — dis Ansiedlung der jüdischen Auswanderer als Ackerbau- und Gewerbetreibende in Palästina förderten. Die Losung der nationalen Selbstbefreiung durch Wiederkehr nach der alten Heimat, eine Losung, welche von Russland ausging und in der Broschüre Pinsker’s ״Autoemanzfpatlon“ ihren mutigsten Ausdruck fand, verbreitete sich immer mehr und elektrisierte auch die Jüdische Jugend des Westens. Freilich war sich diese nationale Kolonisationsbewegung über den einzuschlagenden Weg Am Ausgange der Hungerwüste erhoben sich lauhe Gebirge, in welchem Tujasak lebte. Mit unsäglicher Anstrengung erreichte die Karawane endlich das Gebirgstal, wo der berühmte Hakim lebte. Eine Felsenhöhle diente ihm als Wohnung. Die Reisenden trafen Ihn an einem Bcrgquell, wo er sich stiller Beschaulichkeit hingab. Bai-Sugdi näherte sich ihm und verneigte sich vor ihm. — ״Hakim Tuiasak, ich komme weit her, um aus dem Born deiner Weisheit zu trinken!“ — Tujasak schaute verwundert auf und, den Fremdling mit seinen hundertjährigen Augen •musternd, sagte er streng: / — ״Weisheit führt man nicht auf Kamelen; Weisheit braucht keine Prachtgewänder! Du hast deine Zeit verloren!“ — Bai-Sugdi verbrachte zwei Tage In beschaulichen Gesprächen bei Tujasak. Er erzählte dem Einsiedler sein ganzes bisheriges Leben: wie er, ein junger armer Balgusch (Hirt), in ganz Handigai durch seine Lieder berühmt geworden war; wie ihn Burun-Khan mit Ehren nud Reichtümern überschüttete und wie er selbst auf *eins Lieder, die in ganz Handigai gesungen wurden, stolz geworden sei und wie er jetzt darüber nachgrübelte, l ob er recht gehandelt hätte, so zu leben, ob es nicht