Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Irkutsk 2× ep/2294887
- Geisa 1× ep/1044602
- Kursk 1× ep/1044963
- Safed 1× ep/1046078
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N0.-45 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 671 # 4 , Kursk. Es werden hier zahlreiche Pogromproklamationen verbreitet und auf allen jüdischen Häusern aufgeklebt. Die Proklamationen endigen mit den Worten: ״Es lebe der Juden- Pogrom!“ Unter der Bevölkerung!1erseht schreckliche Panik. Viele Jüdische Familie!! verlassen die Stadt. Kwilna (Gouv. Lomza). In vier letzten Zeit wird in Kwiina eine starke Pogroitiagitation geführt. Die christliche Bcvölkerung boykottiert alle jüdischen Geschäfte. Die jüdischen Kauflcutc sind vollständig ruiniert. Besonders stark ist die antisemitische Agitation der Nationaldcmokraten. Aus der schwarzen Bewegung In Ekaterinoslaw fand eine Sitzung aes russischen Volkes statt. Den Vorsitz führte der Bischof Arscnij. Der Hauptreferent Archimandrit Sergii wandte seine ganze Beredsamkeit gegen die Juden auf. Die Versammlung brach in helle Bcgeisterung aus. Alle Juden und Andersgläubigen sollen aus dem Maatsdienst ausgeschlossen werden. Es wurde ein feierlicher Fluch über sie verhängt. Der Verband des russischen Volkes in Moskau crliess einen Aufruf an die Studenten, worin diese aufgefordert werdet», die ״provokatorischen jüdischen Studenten und Professoren“ aus der Universität zu entfernen. Wenn die Studenten das tun werden, wird der Verein den ״ccht-russisciien“ Studenten beistehen. Der Vorstand des russischen Volkes in Irkutsk sandte ein drohendes Telegramm an das Professorenkollcgium der Universität Kasan, in welchen! er die Rclcgicrung aller Juden verlangt, weil diese ein unruhiges und unsicheres Element bilden. In das Bildungsministerium gelangen in der letzten Zeit viele Gesuche der verschiedenen Abteilungen des Verbandes des russischen Volkes gegen die Aufnahme der Juden in die Universitäten. In den meiste״ Fällen werden diese Forderungen dadurch motiviert, dass mit der Entierung der Juden aus den Universitäten auch die Revolution verschwinden wird. Seit dem Erscheinen der POTSCHJEWSK1JA IZW1ESTIJA wird die Agitation der ״Schwarzen Hundert’• im Gouvernement Wolyn mit Jedem Tage stärker. Diese Zeitung ist sehr billig und wird in Tausenden Exemplaren verbreitet. In Kiew wurde der Verkam* der hooliganschcit Zeitung WIETSCHE verboten, weil diese die Bevölkerung gegen Juden und Intelligenz hetzte. Die Juden in Sibirien In Sibirien leben etwa *10 000 Juden, meist wegen politischer Vergehen Deportierte, die unter polizeilicher Aufsicht stehen, oder ehemalige Gefangene, die nach Beendigung ihrer Kerkerhaft die Erlaubnis erhielten, im Lande zu bleiben und sieh in den Städten niederzulassen. Die stärksten Gemeinden sind die in Chiwa und Tomsk mit etwa 200 Familie!!, in Charbin mit *!<)()0 Seelen, und in Kaiyensk, Yakutsk und Irkutsk mit 1500 Familien. Die Mehrzahl der auf freiem Fuss befindlichen Juden erfreut sich guter materieller Verhältnisse. Sie bctreiben alle Arten von Geschäften, befassen sich mit Regierungslieferungcn, mit dem Export von Butter. Pelzen u$\v. Sie würden in diesen! reichen Land filier nichts zu klagen haben, wenn die Regierung ihnen nicht aut Schritt und Tritt Beschränkungen auferlcgtc. Fiir die Entwicklung des Butterhandeis haben die wohlhabenden und unternehmenden sibirisehen Juden besondere Anstrengungen gemacht. Die Koscherbutter wird unter Aufsicht des Rabbiners Lcvinc in Charbin hergesteilt und ־mit seinem Zeugnis versehen nach dem Auslande ausgeführt. Grosse Mengen dieser Ware werden alljährlich nach dem Westen versandt. Dieselbe stellt sich viel billiger als die in Deutschland produzierte Butter. Intellektuell stehen die sibirischen Juden hinter ihren westlichen russischen Brüdern zurück. Es ist ihnen nämlich verboten. Lehrer anzustellen und so wächst denn die Jugend in tief bedauerlicher Unkenntnis der jüdischen Lehre auf. Gross jedoch ist die Anhänglichkeit der sibirischen Juden an das heilige Land, und viele von ihnen beabsichtigen, dorthin auszuwandern. Rabbirier Lcvinc wurde von 65 wolilhabenden jüdischen Familien beauftragt, einen geeigneten Landstrich .zur Ansiedelung für sie zu erwerben. Die Leute besitzen zu* säum!eu 160 000 Rubel, sind also auf fremde Hilfe bei ihrem Unternehmen nicht angewiesen. Wenn dieses Unternehmen sich als erfolgreich erweist, so wird es seitens vieler anderer Juden Sibiriens baldige Nachfolge finden. Vom Hilfsverein Aus dem Bericht sei ein Abschnitt wiedergegehen, der sielt auf den vom Hilfsverein der Deutschen Juden subventionierten Kindergarten in Safed bezieht, und der weitere Kreise interessieren dürfte. ״Mein erster Besuch in Safed galt dem Kindergarten. Wie überall in Palästina, hat diese Institution auch hier gute Resultate gezeitigt. Mit ca. 60 Zöglingen eröffnet, zählt der Kindergarten gegenwärtig 84 Zöglinge (75 Mädchen und 9 Knatien) und das Komitee erwartet das nächste Semester eine weitere bedeutende Steigerung der Frequenz. Vom Beginn an hat sich hier keinerlei Feindseligkeit gegen die Anstalt bemerkbar gemacht. . Bei einem Besuch des Kindergartens glaubt man s<ch ausserhalb Safeds versetzt. Die Zöglinge halten sich sauber, sind munter und frisch, weichen nicht scheu den Blicken des Besuchers aus. antworten auf alle Fragen laut und präzise und unterhalten sich miteinander im Schulhofe nur in hebraischer Sprache. Der Kindergarten hat drei Klassen, von Jenen die obere mehr eine Schulvorklasse ist, in welcher die 6—Bjälirigen Zöglinge von der tüchtigen ersten Lehrerin. Frl. L. Lcwin, auch im Lesen. Schreiben und Rechnen unterrichtet werden. Das Lokal befindet sielt in guter Lage und besteht aus 5 Zitntnern, welche einen gepflasterten Hof einschliessen." Von Stöckers Gesinnungsgenossen Man schreibt der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ aus Petersburg: Der sehr geachtete demokratische Journalist L. Pantelcjew veröffentlicht folgenden Brief an den Grafen Piicklcr, den w׳ir im Wortlaut wiedergehen: ״Durchlauchtigster Herr Graf! Zum zweiten Mal ist es Ihnen bcschicdcn. für die unbeugsame Festigkeit Ihrer Ueber- Zeugungen zu leiden. Das ist gewiss sehr traurig, obwohl auch begreiflich: niemand ist Prophet in seinem Vaterlande. Aber, Herr Grat, es gibt noch in Europa ein einziges Land, wo Sie, ungeachtet des 20. Jahrhunderts und der allunuasscnden Macht der Juden, sich so wohl fühlen würden, wie ein Fisch im W asser. In diesem Lande versteht man es, Leute, die so treu w ie Sie, zum Antisemitismus stehen, zu ehren und zu schätzen Siedeln Sie doch dahin über! Man wird Sie Ihren urvatcrlichen Titel sicherlich beibehalten lassen: ja noch mehr — Sie können dort eine hervorragende Stellung in der Administration citinchmcn, worauf Sie in Deutschland doch gcwi$$ keine Aussichten haben. In jenem schönen Land können Sic nicht nur an allen Strassenecken offen ausschreien, dass ״jeder anständige Antisemit ein paar Steine in der Tasche tragen muss,“ sondern sie können tatsächlich mit Steinen nach den luden werfen, ohne sich irgend welcher Gefahr auszusetzen; ganz int Gegenteil *— Sie würden das köstliche Vcrgnügen erleben, dass die von Ihnen beschädigten Juden dazu noch aut die Anklagebank gesetzt werden. In Ihrem neuen Vatcrlande wird das verfluchte Volk nicht nur mit der Nagaika, wie Sic es träumen, sonder»! mit Kugeln nach allen Ricntungen auseinandergetrieben. Herr Graf! Ihr undankbares Vaterland belästigt Sie mit Strafen und sperrt Sie in Gefängnisse; in Ihrem neuen Vaterlande würden Sie eine einflussreiche Partei vorfinden, die der Regierung ihre Befehle diktiert. Diese Partei wird nicht nur freudig Sie in ihrer Mitte aufnehmen, sondern würde Sie zum Fahnenträger machen. Juden aber werden in diesem Laude nicht nach Tausenden, sogar nicht nach Hunderttausenden. sondern nach Millionen gezählt. Denken Sie einmal, welch weites Feld für Ihre Energie eröffnet sich dort, und mit welch unvergänglichem Ruhm würden Sic Ihren Namen bedecken, wenn Sie meinen Rat befolgten.“ Im Relchstagswalilkreise Weimar ist das Kartell der dcutschsozialcn Antisemiten, Christlichsozialcn. Konservativen, der Mittclstandsvcrcinigung und des Bundes der Landwirte perfekt geworden. Eine Vertrauensmännervcrsammlung dieser Parteien hat den dcutschsoziakn Oberamtsrichtcr Graf aus Geisa als Reichtstagskaiididaten proklamiert. Im Falle seiner Wahl wird sich Graf der Wirtschaftliche!! Vereinigung ansclilicssen. Im Jahre 19(13 erhielten der reichsparteilichc Rcgicrungsrat Dr. Heydcnrcich .3771, der freisinnige Vcrla״sbuchhänd!er Dr. de Gruyter 2924, der sozialdemokratisch•; Gastwirt Baudert 1865 יי und der biindlerischc Gastwirt Zieht! 57.37 Stimmen. In der Stichwahl wurde der sozialdemokratische Kandidat mit 12 826 Stimmen gewählt gegen den Kandidaten des Bundes üct Landwirte, auf den 11995 Stimme fielen. im 19. Hannoverschen Wahlkreise, Otterndorf-Neuhaus, entfalten die deutsehsozialen Antisemiten neuerdings eine lebhafte Agitation. Sie beabsichtigen den Generalsekretär ihrer Partei. Hcnnigscn, als Kandidaten autzustellcn. In unflätigen Schimpfereien erging, sich der Dreschgraf Piicklcr aus Klcin-Tschirne wiederum in einer gestern von »hm abgehaltenen Versammlung.