Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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i i וי Seite 670 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45 Verbrecher erheben, auf dem Dorfe und noch mehr in den Städten, alle Kräfte müssen wir anspannen, uni uns aus dem jüdischen Joche zu befreien. Nur einig und^ mutig, sei es, dass auch einzelne von uns das Leben einbussen und unser Blut in Strömen fliesst. seid nur keine Ecigl.ngc, fürchtet Luch vor nichts auf der Welt, lasst Luch von niemandem cinschnch* tern . und sollte sich jemand finden, sei cs wer immer, der die *Juden verteidigen wollte, so soll man denjenigen zuerst auf schöne Art. und wenn das nicht hilit. auf gewalttätige Weise beseitigen.*' Um das Volk leichter für Judcnntassakrcs zu gewinnen, beruft sich die auf den Proklamationen anonym unterfertigte ״Gesellschaft*' auf die Beamten, Advokaten, Gutsbesitzer, Geistliche und Lehrer, die mit Prcudcn eine solche Bewegung gegen die Juden erwarten und welche sic auch unterstützen werden, anfangs zwar ״geheim** — so dass diese Unterstützung für die Massen nicht bemerkbar sein werde. Und um alle Bedenken des Volkes zu zerstreuen, wird in den Aufrufen noch gesagt: ״Auch die militärischen (!) Behörden sind für Judenmetzeleien. denn auch im Militär gibt es bereits gewissenhafte Männer d. h. Männer, die bereit sind, mit uns gemeinsam gegen die Juden zu kämpfen.“ Wie eine Ironie ohnegleichen klingt der Satz, dass man keinen Juden erschlagen solle, nur wenn cs nottiirc . . . Mit den Worten ״ נKroaten, neidenmutig und klug im Namen Christi!'* schlossen die Aufrufe. Den Behörden wurden bereits einige Personen namhaft gemacht, die diese Proklamationen bei hellem Tage unter das Volk verteilt haben, so dass man hont, den Vcriasscrn und Verbreitern derselben auf die Spur zu kommen. Reichsratszentrum und die dudenfrage Man schreibt uns aus Petersburg: Seit jeher gilt die Stellung zur Judenfrage als Prüfstein der Aufrichtigkeit und Lauterkeit der politischen Gesinnung bei uns. Gar manche Auch-Libcrale erklären in ihren Wahlaufrufen und Reden, sowie bei sonstigen öffentlichen Auftritten, sie seien unbedingt für gesetzliche Gleichberechtigung der russischen Juden. Aber wenn man die Versprechungen einlöscn und die W orte in Taten umsetzen soll, kommen plötzlich die sonderbarsten Bedenken zutage, und mau findet die abenteuerlichsten Ausfluchte, um die meistens kleinlichen, eigensüchtigen Motive zu maskieren und auch die etwaige Gunst der schwarzen Hundert nicht zu verlieren. Am 30. Oktober 1905 sagte Graf Witte einer Deputation: ״Die Emanzipation der Juden sei eine Frage der nächsten Tage.** Dieses Versprechen wurde viele mal von hohen und allerhöchsten Stellen wiederholt, bis endlich nach Auflösung der Reichsduma eine neue geistreiche Theorie erfunden wurde. Dieser Theorie zufolge sei die Judenfrage nämlich eine Frage des Volksgewissens, und als solche muss ihre Lösung den. Volksgcwisscn. das in der Volksvertretung verkörpert :st, überlassen werden. Nun atmete man erleichtert auf: das erlösende Wort war gefunden. Judenverfolgungen begannen von neuem mit neuer Kraft und Eifer. Die für die Polizei sehr gewinnbringenden Ausweisungen aus den Orten, die nicht zum Ansiedlungsrayon gehören, werden mit der grössten Roheit ausgeführt: man meldet (sogar durch die Tclegraphen-Agentur), dass, um die nicht wohnbercchtigtcn Juden zu fangen, förmliche Treibjagden bei Nacht auf die Juden veranstaltet werden. Gegen die natürlich steigende Unzufriedenheit stellt man Judenkrawallc — als bewährtes ständiges Institut — offen in Aussicht. Während noch unlängst jede politische Partei sich zu offener Stellungnahme in Bezug auf die Judenfrage verpflichtet fühlte, beruft man sich jetzt auf das Volksgewissen, und die delikate Sache ist damit abgetan. Eine solche Wendung nahm eben die Judenfrage im Reichsrats- Zentrum, dessen wichtige Beratungen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Die Beratungen des Zentrums des Reichsrats, wenn auch privatim abgehaltcn, sind insofern von praktischer Bedeutung, als in den jetzigen bewegten Zeiten die Meinungen des Zentrums für die Regierung allein massgebend sind. Hätten also die Zcntrumsmitgliedcr irgend weleben positiven Beschluss bezüglich der Juden gefasst, so würde ihr Beschluss gewiss Zustimmung der Regierung ge• iumk-n und Gesetzeskraft bekommen haben. Das Zentrum wusste es, und war um so vorsichtiger. Weder der Chauvinisnius. noch der Antisemitismus durfte in seinen Ausführungen und Beschlüssen zum Vorschein kommen, denn das würde der Partei hei den Duniawahlen schaden; man durfte aber auch nicht liberal in dieser Frage sein, denn Liberalismus ist ihnen wie ihren hohen Gönnern unangenehm. So flüchtete man . . . zum Volksgewissen. Die Sitzung des Reichsratszentrums war sehr belebt; während sonst hei den Beratungen gewöhnlich 7—8 Mitglieder sprechen, hatten sich bei dieser Frage 18 Mitglieder des hohen Rates zum Worte gemeldet. Die Initiative ergriff Graf Kolken, der zwar nicht persönlich In der Sitzung erschien, aber eine Denkschrift schickte, in der er die Abschaltung aller gegen die Juden gerichteten Sonderbestimmungcii 111111 volle bürgerliche Gleichberechtigung befürwortete. Pies wurde entschieden abgelehnt, aber natürlich mit der Begriindung: ״Die Lösung der Judenfrage sei Aufgabe der Reichsduma.** Nun beantragten die oolnischen Mitglieder des Zentrums die Abschaffung der ״temporären** Gesetze vom 16. Mai ISS’, die nicht auf gesetzlichem Wege, sondern seinerscits vom Ministerkomitee erlassen worden sind, und daher unverzüglich durch den Ministerrat abgeschabt werden können.!Man hat darüber viel gestritten, wobei die Mitglieder, die aus dem Ansiedlungsrayon kamen, für die Abschaffung, die übrigen meistens dagegen plädierten. Endlich wurde über zwei Rcso lutionen abgestimnit. Die erste von Korwin-Milensky vorgeschlagcne Resolution lautet: ״Die Zentrumsgruppe des Reichsrates ist der Ansicht, die allgemeine Lösung der Judenirage kann nur Sache der gesetzgebenden Gewalt unter Teilnahme der Volksvertretung sein, doch ist die unverzügliche ßeseitigung lästiger Beschränkungen, die seit dem 16. Mai ISS י gelten und nicht auf die übliche gcsetzinässigc Art erlassen sind, geeignet das Los des arbeitenden Teiles der jüdischen• Bevölkerung zu erleichtern und zur Beruhigung beizutragen.“ Die zweite Resolution hat folgenden Wortlaut: ״In Anerbennung der Notwendigkeit einer Revision der Judeiigcsctzc erachtet es die Zentrumsgruppe für unmöglich, gegenwärtig in ihrer Mitte die Frage näher zu prüfen.“ Bei der Abstimmung wurden für die erste Resolution 16 Stimmen, für die letzte 29 Stimmen abgegeben. Man sicht, die hohe staatsmfumischc Kunst, wichtigen Fragen aus dem Wege zu gehen, ist auch den russischen Rcichsratsmitglicdcru bekannt. Eine Frage, die man nicht geneigt ist, gewissenhaft und redlich zu beant- Worten, lässt man am besten ״ungeprüft'* und beruhigt den Wühler, indem man ihm sagt: ״Ja, Sie wissen doch noch nicht, wie wir zu der Frage stehen. Vertagung der Judenreform Di;• RUSS. KORR, erhält das nachstehende Telegramm aus Petersburg: Von vertrauenswerter Seite erfahre, dass der Zar auf den Vortrag Kokowzews betreffend die Judenirage und Vorlage des inzwischen bekannt gewordenen Gesetzentwurfs über diese Materie die folgende Acusscrung tat: Die Behändhing ,der Judenirage sei noch nicht zeitgemäss, man müsse damit noch warten. Auf diese Acusscrung hin scheint jede Aktion in bezug au! diese Frage wieder ins Stocken geraten zu sein. Dass die Behandlung der Judenfrage in Russland noch nicht zeitgemäss sei, dürfte manchen überraschen. Fast scheint es als wolle man sich in Peterhof nicht ln die Kompetenz der ״wahrhaft russischen Männer'* mischen, denen, wie die jüngst mitgetcilten Enthüllungen des früheren Polizeichefs Lapuchin ergeben hatten, die Lösung der Judenirage von der Regierung privilegiert worden ist. Der Verband des russischen Volkes Das Zerwürinis zwischen dem Premierminister Stolypiu und dem ״Verbände des russischen Volkes" ist jetzt eine öffentliche Tatsache. Die Stärke des Verbandes liegt aber offenbar nicht in der Hilfe, die er seitens der Minister bekam, sondern in Verbindungen, die viel höher reichen. Das Organ des Verbandes fährt fort, in dem früheren Tone die Minister zur Verantwortung zu ziehen. In der letzten Nummer des Verbandsorgans behauptet übrigens der Redakteur selbst, der Verband brauche nicht die Unterstützung der Herren Minister, ״er habe eine viel stärkere", und cs werde ״bald eine Zeit kommen, wo dieses allen einleuchtend werde.“ Diese Acusserungen in Verbindung mit der besonders intensiven Tätigkeit des Verbandes hier und auch in der Provinz verstärkt überall die erregte Stimmung. Pogromchronik Odessa. Am 21־. Oktober erschien beim Rabbiner eine Fra». Sie nannte ihren Namen und erzählte, dass sic im Wirtshause des Verbandes des russischen Volkes gedient hat. Als Christin hielte sie cs für ihre Pflicht, dem Rabbiner mitzuteilcn. dass der Verband einen Judenpogrom für den 31. Oktober vorbereite. Zu diesem Zwecke wurden Wafien an die weisse Garde verteilt und eine Liste derjenigen Juden und Christen zusanimcngcstellt. die getötet werden sollen. Das Gespräch fand in Anwesenheit von Zeugen statt. Der Rabbiner teilte das Gehörte der Polizei mit, die Vorsichtsmassrcgeln zur Verhütung des Pogroms getroffen hat. Klschinew. Die Kisehinewer Rabbiner erhielten zahlreiche Briefe, in denen sie ersucht werden, die Juden zur Emigration z.u bewegen.