Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651492--04116-2661074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 45 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 667 Grosskolonisation werden. L:.s müssen Betriebe entstehen, die dem Ihnen dargeliehcncn Kapital nicht nur absolute Sicherheit bieten, sondern es auch entsprechend den! Marktsatz verzinsen. Nur dann, nur u'.itcr dieser Voraussetzung, werden wir anstatt der schmalen Bachlein des Almosens den Riesenstrom des Kapitals, den goldhaltigen Paktolus selbst auf das Räderwerk unserer Mühlen leitd.1 können. Und wieder nur daun ist es möglich, schnell grosse Massen der Todbcdrohien aus Russland lierauszunchmen und zu Bürgern des neuen Landes zu machen. Was wir bezwecken, sicht den Kolonisationen der älteren Periode der reinen Barm- Herzigkeit also nur äusserlich ähnlich: war jenes Klein- Kolonisation als Selbstzw eck, so wollen wir Kleinkolonisation als Mittel zum Zwecke der Grosskolouisation. Jene waren glücklich, w enn Samuel und Salomon zu ge־ deihenden Bauern wurden: uns interessieren m diesem Zusammenhang Salomon und Samuel nur als Massenrepräsentaaten, und wir werden cs als volla.1 Misserfolg empfinden, wenn sie nicht so gedeihen, dass sie das ihnen dargeliehene Kapital ohne jede Schwierigkeit und Schädigung hoch genug verzinsen können* um dem Kapital in Paris und Lo'.nion Appetit daiam zu machen, auch Jechiel und Manasse. Abraham und Jacob und allen anderen untc! gleichen Bedingungen Geld vorn!־ strecken. Ich denke, das ist klar genug unterschieden. Dieser Zweck schliesst jedes Almosen von vorn• herein und für die Dauer völlig aus. Wir wollen nicht Einzelne heben, sondern ein ganzes Volkstum, und das ist mit Almosen unmöglich. Wir wollen lediglich die Bedingungen schafien, unter denen auch der Jude, auch der jüdische Handwerker des Ostens bei ehrlicher Arbeit existieren kann, bis sich seine Rasse in Freiheit und guter Kost so weit regeneriert hat, dass sic in Wohlstand existieren kann. Mit europäischem Bauernmatcrial liessc sich dieses Werk allenfalls durch Ansetzung in einzelnen Bauernhöien durchiühren, wenngleich diese Art der Kolonisation zwei sehr schwere Bedenken gegen sich hat. Erstens erfordert sie ein sehr bedeutendes Kapital, wie die J. C. A. erfahren musste, und zweitens führt sie mit Notwendigkeit das ganze verderbliche Getriebe wilder Bodenspekulation und der Bereicherung nicht-arbeitender Elemente durch den hart arbeitenden Bauern mit sich. Die Beschaffenheit des Menschenmatcrials, mit dem w ir cs zu tun haben, macht die'se Art der Kolonisation zum Glück ganz unmöglich. Es fehlt ihnen für den Anfang jede Fähigkeit zur Bauernschaft, sowohl die physische Kraft als auch die landwirtschaftlich-technische Vorbildtmg. Setzt man sie sofort zur Selbständigkeit an, so muss man in 99 von 100 Fällen die Erfahrungen des Baron Hirsch machen: sie halten nicht durch, verlaufen sich als Hausierer und Handwerker in die Städte, und der grosse Aufwand ist vertan. Darum kann man gar nicht anders Vorgehen, als diese Leute als Lohnarbeiter in Grossbetriebca einstellen, die ״versteckte Genossenschaften“ sind. Die Unternehmer dieser Modellversuche, die jüdischen Organisationen, müssen das Risiko der ersten Jahre durchaus auf ihre Schulter uetuueu, die Arbeiter müssen unter allen Umständen soviel Lohn cihalten, um mit ihrer Familie existieren zu können. Man wird ihnen, um sie langsam zur Selbständigkeit zu erziehen, ein eigenes Haus mit kleinem Feldstück geben, das sie mit ihrer Familie in den Freistunden zu bestellen haben und zwar auch hier unter der fachmännischen ‘Aufsicht des Leiters. Um die volle Intensität der Arbeitsleistung zu erzieien, wird sich die begründende Organisation mit einer bescheidenen Verzinsung ihres Kapitals begnügen, den Reingewinn aber zum grossen Teile den Arbeitern zuflicssen lassen. Auf diese Weise werden die Ansiedler physisch und technisch erzogen, ehe man sie auf eigene Fiissc stellt, und es ist nach allen Erfahrungen zu erwarten, dass der Ertrag solcher genossenschaftlich verwalteten Grossgüter reich genug sein wird, um die unentbehrliche Kreditbasis für weitere, zahlreiche Gründungen abzugebea. Sobald eine Arbeiterschaft weit genug gediehen ist, um den Betrieb in eigene Regie nehmen zu wollen und ihren Ernst durch Einzahlung eines entsprechenden Kapitalteiles bewiesen hat, soll ihr das Grossgut ohne grossen Aufschlag eines Gewinnes überlassen werden. Sie mag nun den erprobten Gcmei.nbetrieb fortsetzen oder das Land teilen, wie sie cs vorzicht. Nur das eine wird man sicher stellen, dass niemals der Einzelne sog. ireier Eigentümer des Bodens wird, den er bearbeitet. Er darf mir ewiger Nutznicsser sein, darf aber unter keinen Umständen Spekulationen damit treiben können, an denen er sich auf Kosten der späteren Bearbeiter bereichert. Darum wird die Genossenschaft aller Arbeiter für ewige Zeiten die Eigenlümerin des Bodens sein müssen, zu der jeder Einzelne nur im Verhältnis des Erbpächters steht. Auf diese Weise werden w ir der neuesten grundlegenden Erkenntr;is der sozialen Wissenschaft gerecht werden und gleichzeitig die uralten Volksgesetze über den Boden und sefa Recht wieder, nur in modernerem Gewände, einführen, die im alten Gesetzbuch unseres Volkes niedergelegt sind. Das ist in kurzen Zügen die dreifache Hauptrichtung der jüdischen Arbeit in Palästina in Gegenwart und Zukunft; die Erweckung und Verbreitung des kapitalistischen Interesses, die Schöpfung eines weitspannenden Rahmens gewerblicher Tätigkeit und die Schöpfung von landwirtschaftlichen Modellversuchen mit dem Zwecke, eine starke Kreditbasis für die schnelle und breitausladende landwirtschaftliche Besiedelung zu erreichen. Das alles gelenkt von der Absicht, die schlimmsten Schäden der kapitalistischem Kultur vom heiligen Lande durch Förderung alles genossenschatt־ liehen Wesens womöglich ganz und dauernd fern zu halten. Wir wollen den heimatlosen Massen Osteuropas eine Stätte schaffen, wo sie nach saurer Arbeit frohe Feste feiern kann; Arbeitsgelegenheit wollen wir ihr schaffen, damit sich das Dichterwort an ihr bestätige: ״Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“. Um das Jüdische Volk des Ostens ganz zu einem Volke zu machen, genügt es nicht, ihm. das Land seiner Sehnsucht zu schenken: cs muss es sich mit Pflug und Karst erobern, um es ganz zu besitzen, um ganz von ihm besessen zu werden. Das ist ja heule der Glaube, der uns selig macht: hat die Menschheit das Paradies verlassen müssen, um im Schw eisse ihres Angesichts ihr Brot zu essein, so kann tmd wird sic sich im Schweissc ihres Angesichts ihr Paradies zuriiekerobern, um es zu besitzen, nicht im unbewussten Glück spielender Kinder, sonder:.׳! im bewussten Glück der Reife. Hohe Ziele! Weite Ziele! Erreichbar sind sie nur. und zur rechten Zeit, ehe der Mord all unser Bemühen unnütz macht, gewiss nur erreichbar, wenn unsere Arbeit Alle mit ans Werk lockt, die eine Minute Zeit und ein Scherflein übrig haben. Es genügt nicht, in Versammlungen zu laufen, beliebte. Redner zu beklatschen, ein paar Pfennige springen zu lassen. Ein