Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 666 ■JÜDISOHB RUNDSCHAU No. 45 « t nicht so schlimm wie der staatlich organisierte Massenmord. Was aui dem politischen Felde zu geschehen hat, müssen wir also vertrauensvoll der Weltgeschichte und den berufenen Führern der jüdischen Organisationen — vielleicht auch der Finanznot der Türkei, überlassen. Aber die \v i r ts c h a 11 ו i c 11 e Organisation können wir nicht von uns au! andere abwälzea. Es ist schon manches, und sehr wichtiges, geleistet. Sie kennen die Versuche landwirtschaftlicher Kolonisaiion, die von den verschiedenen Palästina-Vereinen, voran dem Esra und der Ueulah, und von reichen Philanthropen, vor allen! Rothschild, gemacht worden sind. Sie haben mindestens so viel geleistet, dass wir heute mit Sicherheit wissen, dass der osteuropäische Jude die Fähigkeit zu landwirtschaftlicher Berufstätigkeit noch besitzt und dass ebenso die Erde seines alten Vaterlandes die. Fähigkeit bewahrt •hat, die Arbeit mit Ernten zu lohnen. Trotzdem der Libanon seinen alten Waldsclimnek eingebiisst hat, kam! Palästina unter dem Zauberstabc der Arbeit bald wieder d is Land werden, wo Milch und Honig fliesst, und wo ein jeder ausrulien mag iiiiter seinem Weinstock und seinem Oelbaum. Das w enigstens ist das positive Ergebnis der bisherigen Kolonisationsfähigkeit, und ferner die Erfahrung, welche organisatorischen und technischen Massnahmen zu Misserfolgen geführt haben: ein :negatives Ergebnis von grösster Bedeutsamkeit. Wenn heute doch immerhin einige tausend jüdische Bauern Heimat un i Grund- Wurzel im heiligen Lande genmden haben, wenn sie jetzt, «ach manchem Fclilsclilag und mancher getauschten Hoffnung, ihrer Zukunft sicher sein können, so ist diese erfreuliche Tatsache fast noch weniger wichtig für das grosse Werk, das zu tun ist, als die Klarheit über den W eg, den man fortan gehen muss. Seit das Jüdische Volk sich in! Zionist?׳us seiner selbst und seiner Aufgabe bew usst geworden ist, und namentlich, seit es für die Palästina-Arbeit sich ein eigenes Organ geschaffen hat, habet! siel! die Bemühungen praktischer Palästina-Arbeit vervielfältigt und in der Kraft ihrer Betätigung vermehrt. Sic kennen die Wege, die betrc.cn worden sind, die Keime künftigen Wachstums, die in den Boden gelegt sind. Fs ist uns vor allem darauf angekommen, nach moderner wissenschaftlicher Methode zu ergründen, was geschehen kann und wie cs geschehen kann. Zu dem Zwecke hat man Gesetzgebung und Verwaltung der Türkei studiert; es sind Expeditionen hinausgegangen, um über die Naturschätze ai.J Naturkräfte des Landes Aufschluss zu gewinnen, und cs hat sich dabei ergeben, dass auch in dieser Hinsicht Palästina gütig vom Schicksal bedacht ist. Europäisches Kapital und europäischer Unternehmungsgeist w ürden aus den Schätzen* des Toten Ateeres und seine/ Umgebung und aus den Wasserkräften des Jordan Beschäftigung und Lebenstaum für Zehntausende gewinnen. Während die Ebenen Getreide, Wein und Südfrüchte tragen können, die Hänge im Gebirge für' die Viehzucht Raum bieten, können im heissen Jordantal die wirtschaftliche.! Er- Zeugnisse der Subtropen gedeihen, vor allem die Baumwolle. Nichts fehlt dazu, als Mcnsehenkraft und Kapital. Da wir Mcnseher.krait aus dem ungeheuren Reservoir des ostmdisch.n Volkstums nach Belieben schöpfen können, ist also nichts anderes erforderlich, als das wir das Kapital ins Land ziehen. Auch das ist planmassig, so weit die Mittel reichen, geschehen. Unsere Bank hat mehrere Filialen im Lande errichtet um nach neuzeitlichen Grundsätzen die Arbeit zu bcfruchten und dem grossen internationalen Kapital als Pionier zu dienen, das sich bisher erstaunlichcrwcisc noch immer scheut, die glänzenden Exploitations-Möglichkeitcn dieses vor seiner T:'i1 liegenden Gebietes anszunutze!! und, sich statt dessen lieber in weit entlegenen überseeischen Gebieten betätigt. Schon ist es gelungen, einzelne kleinere kapitalkräftige Gesellschaften zur Arbeit in Palästina zu gründen und ans W'crk zu stellen, und neue Unternehmunge:! in dieser Richtung sind in* Zuge. Darüber hinaus hat man bereits begonnen, Werke auszugcstalten, die, zum Unterschiede gegen die frühere, planlose, rein auf Wohltätigkcitsdrang beruhende Koionisation, in ihrem Aufbau die Gewähr eigenen, schnellen Wachtums ans in.ieren Kräften tragen. Das eine Werk ist bereits in freudiger Entwicklung, der Bczalel, eine Unternehmung, dazu bestimmt, die industrielle Arbeitskraft vieler auizimehmcn und zu entlohnen. Wenn es, wie zu hoffen ist, gelingt, das schöne .W'crk des grossen Künstlers und Menschenfreundes P>oris Schatz über die erste Zeit der Entwicklung fort- Zufuhren, so wird von hier aus in reissendem Wachstum ein mächtiges Kunstgev erbe im Hausileiss entstehen, die zehmausenden von Familien reichlichen und fröhlichen Lebensunterhalt gewährt. Für einen tmerschöpflichcn, besonders reich zahlenden Markt wird eine fort und fort waeliser.de Arbeiterschaft in einem veredelnden Gewerbe tätig sein, und cs wird sich leicht verhindern lassen, dass die so oft mit der Hausindustrie verbundenen sozialen Schäden diese Arbeiterschaft hcnnsuclicn. Denn der Einkauf der Rohstoffe und der Absatz des fertigen Erzeugnisses wird von vornherein genossenschaftlich,organisiert sein und bleiben: das grosse Mittel, durch das die chinesische Kultur den Kapitalismus überall, wo sie auf ihn stösst, besiegt und ihrer! Arbeitern den vollen Ertrag ihrer Anstrengung sichert; ־und hoffentlich wird es dann auch bald gelingen, jeden Arbeiter in diesem Gew erbsz\ve׳ge mit einem kleinen Eigenbaus mit Feld und Garten auszustatten, eine Verbindung zwischen Industrie und Landwirtschaft, die nach den! Zeugnis der Wirtschaftsgeschichte völlig ausreicht, um den Hausarbeitcr gegen die Schäden des Vcrlagssystems zu sichern. Noch wichtiger als diese auf die Entwicklung von Handel und Gewerbe gerichteten Bestrebungen sind die auf die Entwicklung der Landwirtschaft abzielenden Pläne und Unternehmungen. Hier sind w ir über das Stadium der ersten Vorbereitungen nur wenig hinausgekommen. Wir haben einen Feldmesser im Lande unterhalte״, um es zu kartieren, und haben aus den Mitteln des Nationalfonds einiges l.rf.i.d gekauft, mit der dreifachen Absicht, eine technische Versuchsstation, eine Lohnfarm und eine organisatorische Versuchsstatio.t, einen üdnossenschaftsbetricb darauf einzuriehten. Der empfindliche Mangel an Mitteln, verstärkt durch manche in ihren Gründen sehr ehrenwerte, aber doch sehr lästige Widerstände in unseren eigenen Reihen, haben uns noch nicht weiter kommen lassen. Aber der Weg ist abgesteckt und wird weiter beschritten " erden. Unser Ziel ist, landwirtschaftliche Betriebe zu eröffnen, die eine solide tragfähige Kreditbasis darstellen, eine Kreditbasis, stark genug, um das internationale Kapital dazu zu bewegen, gleiche Betriebe In genügend grosser Anzahl zu begründen. Denn nur so kann aus der für unser!! grossen Zweck ganz belang* losen Kleinkolonisation die uns einzig interessierende