Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ls ist nicht nur die alte romantische Selmsucht aus Urväterzeiteu, nicht nur das Nachklingen der ehrwürdigen Gebete und Hymnen, sondern ein wohlbcreelltigter Zug zum Orte des geringsten wirtschaftlichen Drucks auf der Linie des geringsten Widerstandes. Hierher ist der nächste Weg, liier ist Siedelraum und die Möglichkeit wirtschaftlicher Existenz bis zur Regeneration der Volkskraft, hiei wenigstens Sicherheit für Leib und Leben, hier schon die Atmosphäre Midisehen Volkstums in der starken, geschlossenen iiidisehen Bevölkerung, lind hier schliesslich die Aussicht auf Eteporkommcn in jedem Betracht, rassehygienisch, politisch, ökonomisch. Dass das schmale Land fast buchstäblich unter den Kanonen der britische»! Mittelmccrflotte liegt, ist auch nicht zu verachten. Und schliesslich kommen hierher die Juden als Vertreter und Sendboten einer höheren Kultur, während sie nach England und Amerika als Vertreter einer überwundenen Wirtschaftsepochc gelangen. Was sic dort unwillkommen machen muss, muss sie hier willkoimuen machen. Ich bin gern bereit, jede Bestrebung zu unterstützen, die das Ziel verfolgt, Juden in grosserer Masse unter Gewähr der Selbstverwaltung irgendwo in der Welt anzusiedcln, namentlich ausgesuchte Leute als Ackerbauern. So weit bekenne kl! mich zum Territorialismuss, dass ich Jedes Mittel gutheissc, um cindi Teil des furchtbaren Problems der Ost Juden zu lösen. Aber ich glaube doch nicht, dass sich irgendwo ein Land wird finden lassen, das auch nur annähernd gleiche Massen mit gleich geringen Kosten unter auch nur annähernd gleich günstigen Bedingungen aufnehmen könnte. Zeigt man es mir, so will ich mit Freuden daran mitarbeiten, es zu erschlossen und nutzbar zu machen; aber es müsste fast ein Schlaraffenland sein, soll es für die Judcr.frage das leisten, was Palästina leisten kann: denn hierher werden die Massen strömen, sobald das Stichwort ausgegeben ist, גד fünend sie der UebersicdeUmg in jedes andere Land den Widerstand der Gewohnheit entgegensetzen werden. Sie wollen lieber in Palästina in Kargheit leben, als irgendwo anders in Wohlstand. Das mag uns gebildeten Westeuropäern närrisch erscheinen, aber es ist einmal da als ein gewaltiges Imponderabile der Masscnscele, und wir müssen damit rechnen. Und wenn wir recht naehdenken, so finden wir es viel weniger närrisch. Jedes Wesen strebt mit Notwendigkeit nach Vollendung. Dem Jüdischen Volke fehlt nur eins, um ganz ein Volk zu sein: ein jüdisches Land, ganz sein eigenes Land — und darum kann es nicht zur Ruhe kommen, bis es dieses Land ge• wonnen hat. Wir Westeuropäer, die wir dem Jüdischen Volke nicht augehören, müssen uns das erst mühsam klar machen. So ungefähr di äugte die deutsche Volksscele auf die deutsche Einheit hin, und das kam vielen Leuten, die nur Preussen oder Bayern sein wollten, nicht .1111 sehr närrisch, sondern auch sehr verbreche* risch vor! — % ..So, meine D. 11. H., sind wir, nicht vom Standpunkt des Zionisten, nicht einmal von dem des Juden, sondern rein vom Standpunkt des mitfühlenden Menschen, 7.11 der Erkenntnis gelangt, dass, wo.in es überhaupt ein Mittel gibt, um einen grösseren Teil der osteuropäischen Judenschait zu retten, das mir durch Massenansiedelung in Palästina geschehen kann. Und daraus erwächst uns die Pflicht, neben dem selbstverständlichen Zugreifen, wo drängende Not es fordert, in Palästina die Vorbedingungen für die jüc’.isclie Mr.ssenkolonisation zu schaffen. Was erstrebt und was geleistet ist, wissen Sie im allgemeinen. Der grosse Wunsch, alles später praktisch Aufzuhatiende vorher rechtlich zu sichern durch Erlangung eines eine gewisse Autonomie verleihenden Ficibricfes durch die Pforte, hat sich bisher nicht verwirklichen lassen. Wir müssen uns mit der Hoffnung begjnigcn, dass dieses Ziel früher oder später erreicht werden wird. Bis dahin ist nicht meine Meinung, dass w ir die Hände in den Schoss legen sollen, 11m resigniert zu warten. Dazu ist keine Zeit, während die Feuersbriinste von Bialystok und Siedlec den Horizont blutig färben. Wir müssen es darauf hin wagen, und ich meine, wir können cs darauf hin wagen. Die Türkei war nie iudenfeindlich, sic hat ein starkes Interesse an der Besiedelung ihrer brach liegenden Provinzen durch eine friedliche und arbeitsame Bevölkerung, — und schliesslich Ist sie eine Kkinniacht. mit der im Notfall die Mächte anders verhandeln würden, als mit der ,.christlichen“ — das Wort ist eine Blasphemie — Grossmacht Russland. Und schlimmstenfalls ist etwas Steuerbedrückung und Korruptionswesen noch lange