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Jüdische Rundschau · 1906-11-02 · Heft 44 (2.11.1906) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 44 Seite 659 JÜDISCHE RUNDSCHAU Die russischen Kolonisten siedelten sich ganz eigenmächtig auf den Kalmücken gehörenden Ländereien an und verjagten diese von ihrem Besitze. Den Koloriistcn helfen dabei die Missionare, die hier, unter den Kalmücken das Christentum verbreiten. Die Tätigkeit dieser Missionare und Anhänger der rechtgläubigen Kirche ist, nach der Erzählung eines Zeugen, des Herrn Erter. sehr interessant. Sic gehen foJgendermasscn vor: Nachdem ein oder zwei Kalmücken zum russischen Glauben fibergegangen sind, stellen die Missionare ein hölzernes Kreuz auf und erklären dabei, dass es den Heiden nach dem Christliehen Gesetze nicht gestattet sei, ihre religiösen Gebräuche näher als 5 Werst vom Kreuze zu vollführen. Die Kalmücken gehorchen dieser Vorschrift, entfernen sich um 5 Werst vom Kreuze und die russischen Bauern nehmen ihre Plätze ein. Herr Ertor, der diesen Vorgang, dessen Zeuge er war, beschreibt, weigerte sich, der Aufstellung eines solchen Krcuzes beizuwohnen und erklärte bald darauf in Gegenwart zweie! Missionare und eines PoHzeibeamtcn, dass diese Kreuze den Kalmücken Eurcht einflössten. Auf diese Bemerkung hin beschuldigten ihn die Missionare (er war damals Beamter der Gouvcrncmenlsverwaltung für Bauemangelcgenheiten) der Beleidigung des Heiligtums, und der Bischof von Tomsk, Makari. klagte ilm später wegen seiner ״strafbaren“ Reden beim Gouverneur an. obgleich Herr Ertor immer nur das Intcrcsse der getauften Kalmücken im Auge hatte. Nicht weniger interessant ist die folgende Erzählung: Ein reicher .einheimischer Heide. Schaburakofi Tschurska, wandte sich an die Behörde mit der Bitte, das ifini nach dem Gesetz gehörende!.and. das von den russischen Bauern cingcnomnien war. wiederzugeben. Schaburakoif gewann den Prozess. Die Missionare erklärten ihn aber für einen Feind des Christentums und versuchten ilm auf administrative Weise aus dem Altaigcbietc auszuweisen. Der Bischof von Tomsk crliess schliesslich folgende Erkk'irung: ״Die Entscheidung des Prozesses zu Gunsten des Schaburakoif könnte die Autorität der gläubigen Kirche, als der herrschenden, beeinträchtigen.“ Der erste jüdische Minister in Amerika Durch die Ernennung des Mr. Oskar S. Straus zum Sekretär des Handels und der Arbeit, tritt zum ersten Male ein Jude in das amerikanische Kabinett ein. Der neue Minister ist 56 Jahre alt. Er besuchte die Universität Columbia und war bis zum Jahre 1SS1 Jurist. Er war zweimal Gesandter de» Vereinigten Staaten im Haag-Tribunal. Er hat sich als Schiedsrichter auf dem Gebiete der Streiks einen Namen gemacht. Mr. Straus Ist auch als Schriftsteller bekannt. Er hat verschiedenc Bücher über Regierung und Religionsfreiheit geschrieben. Schon früher hat er für die Unterdrückten seines Volkes ein'warmes Mitgeiühl gezeigt und dies neuerdings da durch betätigt, dass er in den Länderrat der Jto cintrat und in öffentlicher Rede die Vereinigung des Zionismus, der Jto und aller jüdischen Gesellschaften zur Rettung der Vertriebenen anriet. v Merkwürdige Begriffe von Freiheit New-York. (Jomkippur-Krawalle.) Während im Ghetto von London diesmal der Jomkippur ohne die üblichen Sclilägcrcicn 7.wischen konservativen Juden und den jüdischen Jüngern Carl Marx äbgclatifcn ist, brach eine solcher den jüdischen Namen schändender Krawall an der Eastsidc von New-York ans. Eine Bande jüdischer Gocialisten machte sich den unverschämten Spass, die frommen Juden, die am Jomkippur Morgen in die Synagoge in der East Brodway eilten, zu verhöhnen und heranszufordern. Auf der Treppe des Hauses Nr. 272 dieser Strasse versammelte sich ein grosser Haufen Bundisten, die sich nach der Manier der Hooligans ihrer Heimat damit amüsierten, die frommen Beter mit Brot- Krusten und leeren Bierflaschen zu bombardieren. Die bundistischen Helden, welche die Flaschen vorher gründlich geleert und aus ihnen sich Kainpfesmut getrunken gaben schic* 1׳en. verloren jedoch bald alle Kouragc. als die Angegriffenen sich zur Wehr setzten und den freventlichen UeberraH mit einem Stcinregen erwiderten. Nach einigem Widerstand flohen die Angreifer durch den Hofausgaug des Hauses und ver• schwanden, noch bevor die Polizei sielt hincinmischen konnte. Auswanderung nach Palästina In der letzten Zeit hat sich der Emigrationsstrom nach Palästina wiederum verstärkt. Was den Charakter diesei Emigration anlangt, so unterscheidet sie sich von der Auswanderung in andere Länder durch gewisse ideell-.' und schöpferische Faktoren, Was die diesjährige Auswanderung nach Palästina anlangt, so besitzen wir dank der Tätigkeit der Inforrnatmnshureaus eine umfassende Statistik, auf deren Grund Herr Tcria im DAS JUEDISCHE VOLK folgende Tabellen veröficntlicht hat. Verzeichnis der Auswanderer nach den Monaten: Jan. Febr. März April Mai Juni Männer 129 2.32 299 HS 103 78 Frauen 97 197 2dl 60 100 73 Zusammen 228 429 540 19S 203 151 Im Ganzen Männer 959 Frauen 79S Zusammen also 1747 Personen im Laufe von 6 Monaten, d. i. etwa dreimal so viel als 1111 Vorjahre. Alter nach waren: Kinder bis 15 Jahren — 59S oder 34,23 % von 16 45 ״ tt - 797 ff 42,62 % 45 ״ 16 von: ff - 797 tt 42,62 % . 60 ״ 46 ,. *t — 199 t* 1139% über 60 ft — 109 tt 635 % unbek. Alter tt — 44 tt 2,51 % 1747 100,00% An Kapital wurde nach den Angaben der Auswanderer 781,910 Rubel mitgenommen. Es besussen: Bis 1000 Rubel — 300 Personen. Von 1000 bis 10 000: — 66 Pcrs. 000 10 ״ bis 20000: — 19 25 000:- 1 30000: — 1 40000: - 1 Höchste Summe SO 000: — 1 Ucber die soziale Stellung der Auswanderer belehrt uns die folgende Tabelle: Handwerker 277 oder 44.S3 % Kaufleute 201 ,. 32,52% Händler Andere Kategorien 140 22,65 ״ % 60S oder 100,00 %. Die übrigen sind Frauen und Kinder und solche, bezüglich deren keine näheren Angaben vorliegen. Sehr interessant ist die Auswanderertafel je nach den Gouvernements. Die grösste Zahl, 462 Personen, gab das Chersonor Gouvernement, dann 285 das Ekaterinoslawer, dann 94 das Bcssaraber. Mehr als 50 gaben die Gouvernements: das Dongcbiet, Tauryd. Kiew. Podolsk, Poltawa, Tschernigow, Minsk. Grodno; weniger als 50. aber mehr als 10 gaben: Kaukasien, Kurland, Mohilewer, Wolnyer, Kownaer und Wilnaer Gouvernement. Weniger als 10: Sibirien, Zentralrussland und Gouvernement Witebsk. Was das Königreich Polen anbelangt, so wanderten aus: Gouvernement Warschau 94 Personen ״ Petrikau 39 ״ ״ Lublin 5 ., Suwalki 4 ״ Radow 3 ״ Ueber die Ortschaften, nach denen sich die Auswanderer begeben, orientiert die folgende Tabelle: In Jaffa blieben 1372 Pers. 78.53% In Jerusalem 13,85% ״ 242 ״’ In anderen Städten 12 ״ In Kolonien 7,62% ״ 80 ״ 1747 Pers. 100.00%. Auf die Frage nach dem Zweck der Auswanderung nach Palästina erhielt man folgende Antworten: 67 wollen dort Ihre letzten Jahre verleben; 6 wollen lernen; 1 zur Kur; 17 zu Besuch oder zur Besichtigung des Landes: 19 wollen eine'Zeit lang dort verbleiben, die übrigen 1637. d. 11. fast 94% wollen sich iest im Lande ansiede!״. Aus: DIE WELT. n der Wiener NATIONALZEITUNG wird eine tendenziöse Mitteilung über angebliche A tiswander u 11 g aus Palästina gebracht. Nachdem auch ein sonst ernstes Blatt in Berlin diese Tatarennaebricht abgedruckt hat. sehen wir uns genötigt, festzustellen. dass von einer soeben Auswanderung nicht die’ Rede sein kann. Dass einige sozial wertlose Chalukahjuden die Stadt Jerusalem verlassen, ist ein Gewinn, kein Verlust für das Land Bei der NA1 IONAZEITUNG ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Das türkische Sprichwort aber sagt: Wenn jeder Wunsch von der Hand so ginge wie von He frz und Mund, so wäre jeder Fakir ein Pascha.

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