Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 44 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 657 den Zivilanzug in einem ,.jüdischen Konfekt io ns* geschält“ gekauft hat. Der Mann hätte doch wenigstens so vfel christlich-deutsches Bewusstsein haben sollen, dass er nur zu seinen germanischen Stammesbrüdern, oder wenigstens in ein solches Judengeschüft ging, das wie Bacr und Marcus in der STAATSBÜRGER-ZEITUNG inserieren. s-0. Turnbewegung und Uudenehre Stettin. Kürzlich sollte hier die Gründung eines Zentralverbahdes für Leibespflege stattfinden, ln der konstituierenden Versammlung spracli der Referent Stadtschulrat Prof. I)r. Riihl. Schriftführer des deutschen Turnverbandes, cs offen aus. was die Turnvereine oft zu beschönigen suchten. Rassen- und Klassenhass seien es, die gerade innerhalb der Vereine für Lcibcszucht eine ungeheure Rolle spielten und dadurch diesen edlen Bestrebungen den Boden zu untcrwühlen drohten. Gegen die Geschlossenheit der deutschen Turnerschaft, wie auch der Radfahrervereine, kämpften besonders die Antisemiten. vornehmlich die Oestcrreichcr, unter Führung dei Schöncrcrpartci. Wenn wir aber auf dem Gebiete der Leibes- Übungen wirklich segensreich wirken wollten, müssten wir Klassen- und Rassenhass beiseite lassen und jeden, der ein gutes deutsches Herz im Leihe hat, aufrufen. für sich und seines Volkes Zukunft zu arbeiten, lind Herr Prof. Ruchl weiss noch nicht den tausendsten Teil dessen, was die jüdischen Turner aus den Turnorgaiiisatimen mit Gewalt hinaustreibt. Jeder jüdische Turner lernt gelegentlich, dass er nicht bloss geduldet sein darf, wenn er seine Ehre hochgchaltcn wissen will. Jüdischer Kolonisationsverein in Wien Der Jüdische Kotonisationsverefn tu Wien, dessen Atnrui wir neulich veröffentlichten ,macht aiic Erwartungen über• steigende Fortschritte. Unausgesetzt laufen Anmeldungen und Mitgliedsbeitriigc ein. Es ist wirklich erfreulich, schreibt die Wiener NEUE ZEITUNG, dass sich so weite jüdische Kreise, ohne Unterschied der Parteistellung, der nationalen, politischen und religiösen Überzeugung, für die Kolonisation Palästinas interessseren. Beitrittserklärungen und Geldsendungen sind an das Sekretariat, II.. Gredk-rstr. 9, zu richten. Ein ordentliches Mitglied zahlt jährlich mindestens 5 K, ein immerwährendes Mitglied einmal für immer mindestens 250 K und ein Stiftei einmal für immer mindestens 2010 K. Verschärfung der Sonntagsruhe Czernowitz. Eine. Verordnung der Bukowinacr Landesregicrung beschränkt die Zeit, in der am Sonntage die Arbeit gestattet ist, von •I auf 2 Stunden. Hierzu schreibt die BUKOW1NAER POST u. a.: Mehr als 85 Prozent der Kauücute sind hierzulande Juden. Und wohl drei Viertel dieser jüdischen Kaufleutc beobachten freiwillig eine Samstagsruhe von mindestens einem halben, viele aber den ganzen Tag. Dem Ruhebedürfnis ihrer jüdisehen Angestellten ist somit Rechnung getragen. Es geschah noch ein Uebriges, dass sie auch den Sonntag Nachmittag frei erhielten. Jetzt aber werden diese schwer belasteten Steuerträger zu einer nahezu zweitägigen Sonntagsruhe gezwungen, was weit über Gebühr und auch die Tendenz des Gesetzes geht, weil es geradezu zu einer Unterbrechung der Arbeit führt. Wie soll die Kaufmannschaft den Ausfall am Samstag cinbringcn, wenn ihr am Sonntag nicht einmal die vier Stunden des lebhaften Verkehres zur Verfügung stehen! Das Recht auf Einhaltung seiner Religionsgebote hat doch ieder Staatsbürger in Oesterreich. Aber einen damit strafen, dass man ihn. zwingt, die Gebote einer anderen Religion zu beobachten, ist schon mehr als streng. Denn das ist* ein Unrecht. Haben die jüdischen Handelsgeiiilfen den Samstag ganz frei, dann Ist ja kein Grund vorhanden, ihnen auch die Freiheit am Sonntag zu sichern.'* Man schreibt hierzu der Wiener NEUEN ZEITUNG aus Czernowitz: , ״ ״In Czernowitz wohnt ein Mensch, der BIeyleben heisst und Landespräsident ist. Das wissen nicht alle Oesterreicher. Insbesondere in Wien hat man beinahe darauf ver% gessen — sehr schmerzlich für einen jungen Herrn, der aufwärts kommen will und keine Fähigkeiten hat, sich selbst zur Geltung zu bringen, wie das seinerzeit Hohenlohe in Czernowitz vermochte. Aber er kam doch auf einen Einfall. Dass er darauf kam, ist nun ein umso glücklicherer Fall, als der Statthalterposten in Brünn bald zur Besetzung gelangt und es gut ist, in solcher Zeit die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. — Der jonst so verschüchterte Mann am Franz Joseis-PIatz, der auf alle dringenden Verwaltungsfragen der Bukowina nur mit einem verbindlichen Lächelu zu antworten wusste, gibt plötzlich einen Erlass hinaus. Bleylebcn in Fechtersullung. A11 den Juden will er seine Kraft zeigen, den bukowinischcn Juden den Brotkorb höher hängen. Also: Am Sonntag wird die Arbeitszeit für das Handelsgcwerbc auf zwei Stunden, nir die Zeit<von 8—10 Uhr eingeschränkt. Für die Juden heisst das Sonntag sperren, Samstag öffnen. Die Juden, die den ganzen Handelsstand ausmachen, halten Samstag als Ruhetag. Noch einen Yerordnungsruhetag und die Steuern, die für die Juden, tausehen wir uns nicht, nach besonderen Grundsätzen bemessen־ werden, hält man nicht aus. Die Erregung beginnt. So weit hält man gerade in Czernowitz. Man weiss aber auch, was weiter kommen wird. Mit Zustimmung des Präsidiums der hohen Landesregierung erklärt morgen die offiziöse Presse die neue Verschärfung der Sonntagsruhe für unerträglich!nid rührt die Trommel. Der Gemciuderat tut seine Bedenken gegen diesen Erlass kund. Einer der ״hohenorts“ aus- und eingeht, wird Bleylebcn nachgeben. Neuer Lärm. Vcrsainmlutigcn. Leitartikel, Zusammenstoss mit den Sozialisten, Berichte in den Blättern. — Endlich, endlich merkt man in Wien, dass Bleylebcn auch christlich-sozial ist. — Es ist eine alte Tatsache, dass die ״Regierung“ bei einiger Geschicklichkeit die Juden immer für ״ihre Zwecke4‘ verwenden kann. — Das ist die Geschichte und de Moral von der Sonntagsruhe.“ Keine Gleichberechtigung Die russische Regierung ha: sich schnei! und ängstlich dagegen verwahrt, dass die in einem kaiserlichen Ukas vorsprochene Gleichberechtigung aiier sich auf die Juden beziehen solle. Nein, man will die Judenirage teelöffelweise lösen, den Juden einige Vergünstigungen gewähren, so dass es aussieht, als hätte man etwas für sie getan, während in Wirklichkeit und in der Hauptsache alles beim alten gelassen wird. Man lässt mehr Juden zu den höheren Unterrichtanstalten zu und gestattet den jüdischen Hebammen, ihr Gewerbe ini ganzen Reiche auszufibcn. Es soll der Ansiedlungsrayon für jüdische Kaufleute und Fabrikanten erweitert, getauften Juden der Rücktritt zum jüdischen Glauben gestattet und den Juden das Recht zum Erwerb von Grund und Boden in den Wcichseiländcrn eingeräumt werden. Und dass wir es nicht vergessen, man will jüdischen Eltern, die im Rayon wohnen müssen, gnädigst erlauben. bei ihren Kindern zu leben, die ausserhalb desselben wohnen dürfen. Es soll nun nicht geleugnet werden, dass diese Änderungen gegen früher einem minimalen Bruchteil der jüdischen Bcvölkerung Russlands sehr angenehm sein werden, wenn die Änderungen erst wirklich einmal beschlossen und auch durchgeführt werden. Aber eben nur einem ganz unbedeutenden, verschwindend kleinen Bruchteil der jüdischen Bevölkerung. Das sind geringfügige Brocken, übe/, die sich für den Augenbück freut wer einen davon zu erhaschen in der Lage ist. Von einer Lösung der Judenfrage •ist nicht die Rede; denn die Lösung liegt einzig und allein in *der Vollständigen Gleichbcrcchtigung, von der aber1 die" Regierung noch immer nichts wissen will. Ob die J^cichsduiua. falls diese überhaupt zusammentritt und etwas auszurichten in der Lage ist, ein Mehr zustande bringt, bleibt abzuwarten. Vorläuüg aber ist durch den direkten Hinweis der offiziösen Tclegraphenagentur, dass die im letzten Ukas ausgesprochene Gleichberechtigung nur auf di: Bauern Bezug habe, den Juden die Hoffnung auf baldiges Erscheinen der Morgenröte wieder ganz genommen worden. Die RUSSISCHE KORRESPONDENZ stellt uns das vorläufige Ergebnis der Beratungen zur Verfügung, die zwischen dem Finanzminister Kokowzew und dem Premierminister Stolypin über eine Neuregelung der gesetzlichen Bestimmungen über die Lage der Jude!! in Russland stattgefunden haben. Die Erörterungen führten zu einem Gesetzentwurf, der seinem Inhalt nach als definitiv festgestellt noch nicht betrachtet werden kann und der daher auch in zwei Variationen vorliegt. Der erste Entwurf Der Inhalt des Gesetzentwurfes lautet nach der einen Fassung wi: folgt: Da wir es als gerecht erachten, bis zur allgemeinen Rcvision der Judengesetzgebung die sie bestimmenden Verordnungen einigen Änderungen zu unterwerfen, so befahlen wir, um die Lage der jüdischen Rcichsbevölkcrung zu verbessern, folgende Regeln fcstzusctzen: 1. Alle Juden, die russische Untertanen sind, haben das Recht, sich dauernd und ausnahmslos in allen städtischen An- 7 7r