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Jüdische Rundschau · 1906-11-02 · Heft 44 (2.11.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 44 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 655 in diesem Schreiben die mir bekannten auf den Bericht Makarofis bezüglichen Tatsachen Ihnen mitzutcilen; ich habe es deshalb.nicht getan, weil mir der Gedanke fern blieb, es könnte bei der, durch die Anfrage in der Duma, in betreff des Makaroffsehen Berichts hervorgerufenen Untersuchung die Wahrheit Eurer Exzellenz verheimlicht bleiben. Und doch musste ich aus den Zeitungsberichten über die Dumasitzung vom 21. Juni die Überzeugung gewinnen, dass in dem Material, das Ihnen zum Zweck der Abfassung einer Antwort auf die Dumafrage zugestellt wurd:;, der Tatsachenbestand ,vollständig entstellt war. Infolgedessen halte ich es für meine Pflicht, durch dieses Schreiben Ihnen die mir bekannten Tatsachen mitzutcilen. Im Januar dieses Jahres teilten mir einig? Personen mit, cs seien Anzeichen da, dass in verschiedenen Gegenden Russlands jüdische Pogrome vorbereitet werden, und sie erbaten meine •Unterstützung zur Verhinderung dieses Unglück. Die Untersuchung dieser Atigatvn bestätigte ihre Wahrheit, überzeugte mich von der Anteilnahme der Regierungsvertreter, an der Pogroruvorbercitung und führte mich auf die Spur der Druckerei des Polizeidepartements. Am 2t). Januar lud mich der Präsident des Minister-Komitees Graf Witte, zu sich ein und forderte mich auf. ihm meine Ansichten mitzuteilen über die indische Frage und üb׳:r die Ursachen der Anteilnahme des jüdischen Proletariats an der revolutionären Bewegung. Nachdem ich dem Grafen Witte meinen prinzipiellen Standpunkt in dieser Frage klargelegt hatte, teilte ich ihm zugleich mit, dass ausser der juristischen Seite deser Frage, von Wichtigkeit noch eine andere sei, nämlich der Antisemitismus, der nicht nur durch db langdauermlc rechtlose Lage der Juden bedingt ist, sondern auch durch die direkte absichtliche Pro%׳okation seitens der Vertreter der Regierungsgcwalt. Ich machte dabei dem Grafen Witte, von der speziell dieser Provokation dienenden Druckerei des Polizeidepartements Mitteilung, worüber übrigens in diesem Moment noch keine genügend ausführlichen Angaben in meinen Händen waren. Graf Witte gab mir, als einem Beamten, der dem Ministerium des Innern zugeteilt war, den Auftrag, womöglich eingehender die erwähnten Tatsachen zu untersuchen. Folgendes wurde dann von mir festgestcllt: Nach dem Manifest vom 30. Oktober 1905, als dank den Unruhen, die nach diesem Regierungsakt in vielen Ortschaften ausgebrochen sind, in gemässigten Kreisen der Gesellschaft, Anzeichen einer Reaktion auftauchten, unternahm der Chef der polnischen Abteilung des Polizeidepartements. Beamter für besondere Aufträge beim Minister des Innern, Ratschkowski. zwecks einer Unterstützung und Stärkung dieser Reaktion, die Herausgabe entsprechender Aufrufe. Sie wurden damals von einem Gendarmerie-Offizier gedruckt im Lokale der Petersburger Gendarmerieverwaltung, auf einer Druckpresse, die bei einer Haussuchung den Revolutionären abgenommen war. Ich hatte In meinen Händen, einen von diesen Aufrufen; er wandte sich an die Arbeiter, trug die Unterschrift'״Gruppe russischer Fabrikarbeiter Petersburgs“ und suchte das Vertrauen der Arbeiter zu ihren radikalen Führern zu vernichten durch die Behauptung, dass diese Führer die von den Arbeitern für den politischen Kampf gesammelten Gelder veruntreuten. Dieser Aufruf war nicht der einzige, der in der Gendarmerieverwaltung gedruckt wurde; ich konnte bei meiner Untersuchung die andern Aufrufe nicht bekommen, da sic bereits verbreitet waren. Als dann die Druckpresse, die früher den Revolutionären diente, sich als unzureichend erwies, wurde auf Kosten des Polizeidepartements eine vervollkommnete gekauft, die in einer Stunde 1000 Abdrücke liefern konnte. Sie wurde in der geheinien Abteilung des Polizeidepartements untergebracht. Die Aufsicht über ihre Arbeit wurde dem Rittmeister Komisaroff übertragen; an der Arbeit waren zwei Setzer beschäftigt. Auf dieser Maschine wurde im Dezember 1905 und im Januar 1906 nicht einer, sondern eine ganze Anzahl von Aufrufen gedruckt; alle in verschiedenem Stil abgefasst, aber alle gleichen Inhalts. In allen diesen Aufrufen wurde neben einer Verurteilung der revolutionären Bewegung der Nachweis geführt, es seien an ihr hauptsächlich Andersgläubige, vor allem aber Juden, schuld; zum Kampfe gegen diese stachelten die Aufrufe an. ln meinen Händen waren drei Aufrufe, die in der Typographie des Polizeidepartements abgedruckt waren. Es waren, wie Ich festgestellt habe, nicht die einzigen; der vierte befand sich in diesem Moment (3. Februar) erst im Satz. Er enthielt die ailerunsinnigsten Beschuldigungen gegen die Juden und rief zu ihrem Boykott bei den Wahlen in die Reichsduma auf. Von den abgedruckten Aufrufen, die in meinen Händen waren, er scheint einer aber besonders verbrecherisch; der Verfasser! wendet sich an die Soldaten und ruft die Armee zum Kamp! gegen die ״Polen. Armenier und Juden.“ Ein jeder Aufrul wurde in tausenden von Exemplaren gedruckt. Der Aufruf , an die Soldaten wurde in 5000 Exemplaren durch den Bc- : amten für besondere Aufträge beim Wilnaer Generalgouvcrneur Herrn Schkott, nach Wilna zur Verbreitung geschickt. Schkott . verbreitete einen Teil selbst, nachts in den Strassen der Stadt, den Rest übergab er dem Wilnaer Polizcimcister. der gegen den 28. Januar an das Fo'iz *idepartement telegraphierte mit der Bitte, ihm, in Anbet ach des Erfolges, welchen dieser Aufruf an die Soldaten hatte, eine neue Partie zu schicken. Der Aufruf wurde in ciii’gen Tausenden Exemplaren abgedruckt und an den Wilnaer Priizeimeistei abgesandt. Derselbe Aufruf wurde in Tausenden Exemplaren nach Kursk gesandt an den dorthin abkommandicr en Arzt .Michailofi, der auf die Aufforderung des Herrn Ratsch.־owski zum Geheimagenten des Polizeidepartements ernannt Wirde. Michailoff forderte (am 1. oder 2. Februar) ebenfalls tclcg’aphisch die Hinsendung einer neuen Partie dieses Aulrufes in Anbetracht seines besonderen Erfolges unter den Soldaten. Ausserdem wurden die vom Polizeidepartement abgedruckten Aufrufe in Petersburg durch den Herrn Dubrovin und den unter seinem Besitz arbeitenden ״Verband des russischen Volkes‘‘ verbreitet; in Moskau durch den Herausgeber der MOSKOWSK! WEDOMOSTI, Gringmut, dem eine grosse Partie dieser Aufrufe im Dezember 1905 in Moskau persönlich von Ratschkowski übergeben wurde. Die Provokationsaufrufc. des Polizeidepartements wurden auch in anderen Städten durch die Polizei und die Gendarmen verbreitet. Alles oben Erzählte habe ich'im Januar dieses Jahres dem Präsidenten des Ministerkomitecs, Grafen Witt£, mitgeteilt, und ihm die Exemplare aller obgenannten Aufrufe übergeben (eben deshalb habe ich augenblicklich keine zur Verfügung). Graf Witte zitierte sofort den Rittmeister Komisaroff zu sich, der ihm gegenüber alle diese Mitteilungen bestätigte. Auch mir gegenüber hat Rittmeister Komisaroff alle diese Mitteiiungen ohne Ausnahme bestätigt. Er erklärte dabei, er habe gehandelt auf Befehl des Herrn Ratschkowski. Den Text der Aufrufe habe er dann dem Direktor des Polizeidepartements Wuitsch zugestellt und sie erst dann in S**״ gegeben, wenn der Direktor durch seine Unterschrift bestätigte, das er den Aufruf gelesen habe. Auf die nachdrücklichste Forderung des Staatssekretärs Witte wurde die Tätigkeit der Druckerei des Polizeidepartcments eingestellt. Dabei zerstörte Rittmeister Konmiisaroii die Druckmaschine, um einen Vorwand zu haben, dem Befehle Ratschkowskis, die Aufrufe, ungeachtet des Verbotes seitens Witte, weiter zu drucken, nicht nachkommen zu müssen. Die Druckmaschine wurde aus dem Polizeidepartement ln die Wohnung des Rittmeisters Kommisaroff hinübergeschafft. Ausser allem, eben auseinandergesetzten, ist Eurer Exzellenz verheimlicht worden, dass die Aufrufe, die zur Ausrottung de! Juden aufforderten in der Stadt Alexandrowsk (Gouv. Ekaterinoslaw), auch nachdem alle Unruhen aufhörten. also nach dem 27. Dezember 1905. verbreitet wurden. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen anbei ein Exemplar eines Aufrufes zu übermitteln, der in der Stadt Alexandrowsk am 7. und 8. Februar verbreitet wurde und zur Ausrottung der Juden am 9. Februar, am Jahrestage des Ausbruches des japanischen Krieges, aufforderte. Es ist Eurer Exzellenz verheimlicht worden, dass der Beamte für besondere Aufträge Ratschkowski bis zum Ende April an der Spitze der politischen Abteilung des Polizeidepartements verblieb; dass er, obgleich dieses Amtes auf allerhöchsten Befehl enthoben, doch Kraft schriftlichen Befehls seiner Obrigkeit an der Spitze der ganzen Geheimen und Sicherheitspolizei verblieb, dass ihm das Recht gegeben wurde, den Gang aller (soweit er es für nötig halten werde) politischen Angelegenheiten und Prozesse die ins Polizeidepartement gelangten, zu beaufsichtigen, und er ferner beauftragt war. Im Interesse der Regierung die gesellschaftlichen Organisationen auszunutzen. Es Ist Eurer Exzellenz fälschlich mitgeteilt worden, dass Rittmeister Budogowski. nachdem sein Verbrechen bekannt war. nach Petersburg berufen wurde, damit ihm hier ein Verweis erteilt werde; dass das Polizeideparterucnt sofort, nachdem es Nachrichten fyckam, von der Vorbereitung der Pogrome auf seine eigene Initiative an die betreffenden Herren Telegramme abgesandt habe mit der Aufforderung, den Pogromen vorzubeugen, Rittmeister Budogowski ist nach Petersburg nicht dann berufen worden, als in Petersburg, im Monat Dezember sein Bericht eingetroffen war vom Erfolge seiner Propaganda in Alexandrowsk, sondern erst Ende Februar oder März und ausschliesslich Infolge der nachdrücklichen For-

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