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Jüdische Rundschau · 1906-11-02 · Heft 44 (2.11.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 654 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 44 I « verelendeter Städter ohne Gewöhnung an Bürgerrecht und Bürgerstolz noch weiter einströmc.i. Nirgend also ein mächtiger Freund, und das früher weitoffene Tor der Länder der Freiheit hat sielt bereits bis auf einen schmalen Spalt geschlossen und w ird demnächst ganz verriegelt werden.! * I Wohin also mit ihnen? ן Blickt um euch, von Pol zu Pol überfliegt die Länder dieses Planttes. Ihr werdet Wildnisse genug; linden, wo auch heute noch ein Volk weuerharter j Bauern siedeln könnte, aber nirgend ein Land, wo j Hunderttausende von Handwerkern Raun! finden könnten, um wieder zu Körperkraft und Selbstbcw usstsein, zu Bürgerstolz und Bürgerehre zu gelangen, als. eines. Und dieses!.and ist gerade dasienige. das die Sehnsucht der jüdischen Masscnsccle mit allen Kräften erstrebt: Palästina, Erez Jisrael. F.in Land, vor den Toren Europas, dem Zentrum der Judcnuot. Südriissland und Rumänien, so nahe gelegen, dass die UeberWanderung dahin mit־ den gerlngsten Kosten verknüpft ist, so dass fast der Aermste sie aus eigenen Kräften bewerkstelligen kann: ein Land unter einer schwachen Regierung, die dem Juden turne nie feindselig war und die Masscneinw anderting in das menschenleere Gebiet im eigensten Interesse freudig begrüssen sollte, tun neue Steuerzahler und Rekruten zu gewinnen; ein Land, fähig für den landwirtschaftliche.1 Kleinbetrieb durch sein Klima und seine nahen Absatzmärkte, das aus diesem Grunde von städtischen Handwerkern wohl bearbeitet werden kann, und das eine durchaus hinreichende Fassungskraft für die Massen hat, die zu verpflanzen sind, während in Ländem mit landwirtschaftlichem ״Mittel- oder Grcssbetrieb nirgend mehr eine Fläche .zu iinden ist, gross genug, um das jüdische Volk in seiner Masse anzusiedeln. Fin Land, dass allen europäische^ Märkten und den Sitzen des europäischen Kapitals so nahe liegt, dass hier auch diejenigen Unternehmungen mit Eriolg im Grossen betrieben werden können, für die sieh das heute vorhau־ denc Mneschenmaterial vor allem, wenn nicht ausschliesslich eignet: die Hausindustrie, das Verlags- System, das in Argentinien, Canada. um von Uganda und dem Sudan gar nicht zu sprechen, aus ökonomischen Gründen ganz unmöglich wäre. . Ein Land schliesslich, das im kommenden Zeitalter der friedlichen, wirtschaftlichen Völkerdnrchdringung seiner geograplüschen Lage gerade so den höchsten Aufschwung danken wird, wie in seinem Altertum, im Zeitalter der kriegerischen Völkerdnrchdringung, sein , Unheil und seine Zerstörung. Es ist die Landbrücke zwischen Europa, Asien und Afrika. Darum kreuzten sicli dort die Heerstrassen, auf denen die Armeen der alten kriegelischen Grcssmüchte des Mittehuecrkreises sich fortwälzten, und Palästina ward das Schlachtfeld und der Spiclball der.Mächte: bald kreuzen sich hier die Heer- Strassen, auf denen die friedlichen Armeen, die Güter, die neuen wirtschaftlichen Weltmächte rollen, die Eisenbahnlinien vom Orient zum Oceident, vom Nii zur Wolga, und Palästina wird der Stapelplatz der Welt, ihr königlicher Kaufmann. (Fortsetzung folgt.) z Lc'^Cl 11 *ükUj 1 נ; .י«• «* *! {f י* der I fif V» *« %J Die RUSSISCHE KORRESPONDENZ teilt den Wortlaut des Berichtes mit. den der Mitarbeiter des Grafen W itte, der iriilicrc Direktor des Polizeidepartements, Lopuelün, an den Minister Stoiypin über die Organisation der Pogrome erstattet bat. Der Bericht lautet: ״Geehrter Herr Peter Arkadjewitsch! Durch mein Schreiben vorn 26. Mai hielt ich es für meine Pflicht zur Kenntnis Eurer Exzellenz zu bringen, dass die Kopfe des Berichts des Chefs der besonderen Abteilung des Polizeidepartemems an den Minister des Innern über die. Organisation des Judenpogroms in Alcxandrowsk (Gauv. Ekatcrinoslaw) und über die Anteilnahme der Beamten des Polizeidepartements an dieser Organisation, der Redaktion der Zeitung RETSCH von mir übermittelt wurde in der festen Überzeugung, dass nur die durch die Presse gut unterrichtete Rcichsduma imstande sein werde, die dem Staate mit grösster Gefahr drohende systematische Vorbereitung jüdischer und anderer Pogrome, auf immer zu unterdrücken. Ich habe das mitgeteilt, damit nicht ein anderer von den Untergebenen Eurer Exzellenz der Übergabe des genannten Berichts an die Zeitung beschuldigt werden könnte. Ich habe cs unterlassen, sagte der alte Bal-Sugdi; ״die schöne Djct soll mcibe Lieder nicht mehr singen! Und auch die andern Mädchen sollen meine Lieder vergessen! Wenn der Vogel, auf dem Zweige sitzend, sorglos singt, da ahnt er nicht die nahe Geiahr; er sieht den Habicht nicht, der sich im nächsten Augenblicke auf ihn stürzen wird! Mein Winter ist gekommen und mein Habicht schwebt schon über meinem Haupte — ich fühle das Wehen seiner Flügel.“ — — ״Solltest du, w eisester der Sterblichen, den Tod fürchten?“ — — ״Nein, Khan, nicht den Tod fürchte ich, wohl aber dps, wofür ich so lange gelebt habe!.Mein süsser Wahn sang Lieder und das unersättliche Herz suchte immer neue Freuden! Aber nun ist’s vorbei mit Lied und Gesang! Schon längst vertiefe ich mich in gelehrte Bücher, in dies Meer von Weisheit! Je mehr ich hueinbUcke, desto stärker empfinde ich das Unheil, das meine Lieder angerichtet haben! Mit ihrer süssen Stinmje betrog ich Alt und Jung, ich verhicss Freuden, die es nicht gibt, ich betäubte die Seelen mit dem Dufte der Rose und doch ist unser ganzes Leben der zitternde Schatten eines durch den Luftraunt schwebenden Vogels! Ganze Abgründe von Kummer. Unglück, Not und Krankheit gibt's i.1 der Welt, ich aber tröstete mich und die andern mit einem Tropfen süssen Giftes! Meine eigenen Lieder, o Burun Khan, tun mir jetzt weh und machen mich schwermütig. Je mehr ich lest in meinen Büchern, desto klarer sehe ich meinen eigenen Wahn! Lass mich fort! Lass mich in andere L.änder ziehen! Ich werde dort grosse Streiter finden, die ihr ganzes Leben in Denken und Beschaulichkeit verbrachten. Bei ihnen werde ich die Wahrheit des Lebens finden, die ich ergründen will. Das ist meine zweite Bitte.“ — Bai-Sugdi schwieg, aber auch der Khan schwieg und vertiefte sich in ernstes Sinnen. Die Trennung von dem Sänger Bai-Sugdi, dem Stolze und der Zierde von Handigai, wurde ihm schwer. Was wfürde bleiben, wenn dieser Schwan davonfidge? Aber Hakim Bai- Sngdi sah so leidend aus — vielleicht würde die Reise ihm Heiluug bringen! — ״Es sei,“ sprach der Khan nach einer Weile, ״dein Wunsch soll erfüllt werden. Gehe, wohin du willst, aber versprich mir, wiederzukehren. Solange du auf der Wanderung bist, sollen deine Lieder in Handigai nicht gesungen werden. Ziehe hin in Frieden; suche die Wahrheit und bringe sie uns!“ — (Fortsetzung folgt.)

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