Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 44 . JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 653 den zu Grunde gehen, wenn wir nicht endlich cinschcn, was Not tut. Erkepncn, um zu helfen! Und darum müssen wir Westeuropäer zu allererst erkennen, mit was wir es zu tun haben. Die Juden Osteuropas bilden ein Volk! .Das. konnten wir lange nicht begreifen. Wir sind doch auch Juden, und wir fühlen uns doch so durchaus als Engländer, Franzosen, Deutsche, sind so mit der Kultur unserer Geburtsländer durchtränkt, dass es uns ein Vaterland ward, mit dem wir uns mit allen heiligen Banden verknüpft fühlen. Was uns für jüdische Probleme interessiert, ist nicht das Nationale, wenigstens nicht für die Meisten von uns, sondern das allgemein Menschliche, unterstützt durch das Bewusstsein gleicher Abstammung und gleicher Schicksale in der Vergangenheit, so wie di0 Deutschen und Iren in den Vcreiiiigto.1 Staaten ganz Amerikaner sind, mit heisser Vaterlandsliebe und vollem Stolze auf ihre heimischen Einrichtungen, und doch für die deutsche - Einheit oder das irische home-rule viel tieferes Interesse hatten, als etwa für die serbischen Unabhängigkeitskämpfc oder die chinesische Verfassuugsbewcgung. Die Ostjuden sind aber keine Russen und Rumänen, sondern das jüdische Volk, da sie niemals Russen oder Rumänen sein durften. Und so haben wir cs nicht mit ׳einzelnen, wenn auch noch so vielen Einzeluen., ״Russen jüdischer Konfession'" zu tun, sondern mit einem Volke, mit einer Masse heisst cs von geniei.1samen Zielen und Bedürfnissen, mit einem Kollektiv- Körper, der seine Masscnsecle hat und mit dem wir nur etwas anfangen können, wenn wir seine Massenscclc in Tätigkeit setzen. Darum ist die Politik der Zerstreuung gescheitert. Ein Volk lässt sich nicht zerstreuen, wie sich Einzelne zerstreuen lassen. Der einzelne russische Emigrant, ob Jude oder Orthodoxer, bekennt das ״ubi bene ibi patria“ und schlägt Wurzel, wo er Boden findet. Das zur Auswanderung durch Todesnot gezwungene jüdische Volk Russlands aber lässt sich nur als Masse verpflanzen. Das beweist ihre Emigrationsgeschichte. ‘ Die Vortruppen der grossen Wanderung, die beweglieberen, dfe wohlhabenderen, die grenznäheren Eie-! Handigai singt! Ja, Hakim Bai-Sugdi. der Schwan von Handigai, hat sich in sein Zelt eingcschlossen, aus welchem ihn keiner hcrauskommen sieht. Schon seit einem halben Jahre trauert Hakim Bai-Sugdi und seine Frauen weinen sich um ihn die Augen aus. Die Sonne von Handigai hat sich hinter einer Wolke verborgen!“ — Der Khan verfinsterte sich wieder und Hess den Hakim Bai-Sugdi sofort vor sich kommen. Die schöne Djet trat hinter den seidenen Vorhang. Als der alte Hakim Bai-Sugdi mit dem langen weissen Barte in’s Khau’sehe Zelt trat, begann das junge Mädchen leise auf einer goldenen Harfe zu spielen und sang dazu das schönste Lied, das Bai-Sugdi gesetzt hatte: . — Mit einer roten Rose is♦ dein Lachen geschlossen, Das Lied der Nachtigall birgt deine junge Brust. — Niemand in ganz Handigai konnte so singen wie Djet; alle Mienen wurden hell und Burun-Khau schaute lächelnd Hakim Bai-Sugdi an. Nun lächelten auch die Mursen, Begs, Scheiche und Fürsten, wie Bunin-Khans Spiegel. Nur Bai-Sugdi stand vor dem Khan mit niedergeschlagenen Augen und an den weissen Wimpern hingen schwere Tränen. ״Hakim Bai-Sugdi, Schwan von Handigai,“ begann nientc haben sich nicht zerstreut, sondern haben sich In zwei Riesenmassen zusammengeballt, in London und New-York, wie sich ihre Väter in Polen zusammenballten, als die Pogroms der Pestzeit sie aus Deutschland vertrieben, und wie ihre Ahnen sich im Zw׳eistromlande zusammenbaütcn, als die Römer sie aus der Heinmt jagten. Der Jude des Ostens braucht als Lebensdement, weil er ein Volksteil ist, die Atmosphäre seines Volkslebens; darum klammern sich die Millionen immer noch an dc'!1 Boden ihrer Stieiheimat, unfähig, ihn zu verlassen, wenn sie damit ihr Volk verlassen sollen, und wollen lieber unter dem Henkerschwert des Zarisnius verbluten, als sich einzeln über die Erde versprdngen zu lassen. Das mag unvernünftig sein, aber es Ist! Und mit dieser Massenstimmung müssen w׳ir rechnen, wenn wrir etwas wirken wollen. L'»ic Politik der Zerslretiung ist unmöglich; die Judenw andern!!״ kann nur als Massen- Niederlassung erfolgen, oder sie unterbleibt, und das Schlachtopfcr verblutet. Aber wohin mit Ihnen? Die beiden angelsächrischen Länder der Freiheit sträuben sich, nicht ohne Grund, noch mehr von diesen in mancher sozialen Hinsicht unerwünschten Elementen aufzunelimcn. Wären cs Ackerbauer oder muskelstarke Tagelöhner, man würde sie mit offenen Armen aufnehmen. Aber es sind Handwerker, die aus einer Gesellschaft ״einfacher Warenproduzenten“ in die Gesellschaften des höchst entwickelten Kapitalismus kommen. Den Grossindustricllcn sind sic im Durchschnitt nicht das genehmste Arbeiterpcrsonal: sie sind körperlich zu schwach und geistig zu unabhängig, uni einen w ertvcllen Kapitalsklaven darzustellen; der Arbeitennasse sind sie aber gefährliehe Konkurrenten, well sie unterdurchschnittliche Lebensbedürfnisse haben und für jeden Lohn zu arbeiten bereit sind, also eine gefährliche Hauptquelle der Reserve-Armee liefern, dft den Aufstieg des Proletariats lähmt; dem Mittelstände der städtischen Handwerker sind sie unmittelbare, gefährliche Mitbewerber, und den gebildeten Ideologen stellen sie eine starke hs־gienische Gefahr und eine kolossale politische Erziehungslast dar. Man fürchtet für die Rasse und für die Aufrechterhaltung der Bürgerireiheit, wenn Millionen Bufun-Kha}!, ״was ist dir geschehen? Warum verbirgst du dich? Hast du irgend welchen Kummer? Ist dein Gewand abgetragen? Hat ein Unfall deine Herden betroffen oder bist du gar unzufrieden mit mir? Sprich!“ Es erhob Bai- Sugdi den Kopf und sagte: — ״Ich bin zufrieden, Burun Khan, ich ,habe alles vollauf, ja? mehr noch als ein einziger Mensch braucht. Wie das Stäubchen im Sonnenlichte, so bade ich mich In deiner Gnade!“ — ״Vielleicht friert dein Herz, Hakim Sugdi, und du brauchst ein paar Gazellcnaugen, um die junge Freude in ihm anzufachen?“ — 011״, Burun Khan, ich habe sieben Frauen, eine schöner als die andre; — an junger Freude fehlt es mir nicht,“ sagte mit bitterem Lächeln der graue Hakim. — ״Was fehlt dir denn, Bai-Sugdi? Verlange, was dein Herz wünscht, es soll geschehen. Ich will alles für dich tun, denn du bist mehr als ich! Heute bin Ich der mächtige Khan und morgen fressen mich die Würmer! Wenn du aber stirbst, so bleiben deine lebendigen wunderbaren Lieder leben! Es gibt viele Khans, aber nur einen Bai-Sugdi!“ — — ״Ich habe eine Bitte an dich, Burun Khan," %