Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Seite 652 __ _•JOD IS OME UND S GtlAU ___ No. H Aber klagen und anklagen wollen und sollen wir, dass die russischen Gewalthaber , an dem jüdischen Volke rächen, was einzelne Juden gewagt und getan haben. Und wenn unsere Stimme stark genug wäre, sie sollte über den Erdkreis hinaus schallen und im fernsten Erdenwinkel das Echo des Abscheus, des Entsetzens wecken. Die russischen Gewalthaber benützen die Anteilnähme, die so sehr begreifliche Anteilnahme vieler Juden an der Empörung gegen ihre Zwangsherrschatt als Vorwand, um die Empörung des Volkes gegen das ganze jüdische Volk zu lenke t. Sie glauben in ihrer Verblendung, den dumpfen Zorn der Massen austoben lassen zu. können in dem Blute der Juden, und so opfern sie ohne Bedenken die Wehrlosen, mir um länger tmgcstraft ihr Diebes- und Räuberhandwerk betreiben zu können. Wer es bisher nicht hat sehen wollen, dem haben Siedlec und der Bericht Lupuchins an Stolypiti die Augen öffnen müssen. Kein Zweifel mehr: cs ist oas offizielle Russland, die hohe Burcaukratic als Vcrtreterin ihrer Klasse, des Gritndadels die die Pogroms organisiert lind mit ihren Truppen befördert. Kein Zweifel .mehr, die russischen Juden sind nach wohlüberlegtem Plane dazu bestimmt, den Rachegöttern als Opfer zu fallen. Jedes neue Aufüanimcn der Rcvolution — und sie wird so lange immer wieder und immer fürchterlicher atiftiammen, bis ihr Ziel erreicht ist, wird beantwortet werden mit neuen Judemnetze-• leien von immer entsetzlicherem Umfang. So lauge das nicht gewiss war, durfte jeder Liberale, jeder Sozialist sagen: lasst die Juden ruhig in Russland. Das Morgenrot einer neuen Zeit steigt auf, die Freiheit wird erkämpft werden- und dann hat mit der Not Russlands auch die Judennot ihr Ende erreicht. So lange lasst sie dulden; sie haben für ihre Freiheit mitzukämpfen, im Kampfe selbst ihr Glück zu finden. Jetzt aber müssen wir sagen: gewiss wird die Sonne der Freiheit bald auch über den russischen Steppen aufgehen — aber sie wird dann auf kein jiidisehes Volk mehr scheinen. Sie wird die Brandstellen ihrer Häuser sehen und die verfallenen Hügel ihrer Gräber; sie wird ein paar zertrümmerte Reste finden, aber kein Volk mehr. Und das, meine Freunde, ist mehr, als der härteste Geschäftsphilosoph fordern darf. Kämpfend fallen -- in Gottes Namen! Im Kampf liegt Stolz und Glück, vielleicht mehr als in sattem Behagen des Unbcdrohtcn. Aber sich schlachten lassen, schlimmer: Jahre, Jahrzehnte lang unter dem Fleischerbeil leben, jeden Augenblick des tödlichen Streichs gcwärtig, bebend vor jedem Schatten, wehrlos schon durch die Furcht, das Unheil auf Weib und Kind, auf Eltern und Geschwister herabztibeschwören — nein! Das ist zu viel für Fleisch und Bein! Sie können nicht warten auf die Erlösung durch die Weltgeschichte, wie der russische Muschik warten kann, dem man wenigstens das Leben lässt, wenn er sich ruhig hält, dem man Weib und Kind nicht mordet, selbst wenn er in die Reihen der Kämpfer tritt. Die Juden können nicht warten; sie müssen heraus aus der Murdcrhöhlc, nur Flucht kann sic retten. Kann sic retten? Ach, welche Bitterkeit fasst mich, wenn ich den Sinn des Wortes bedenke. ״Kann wenigstens Einige retten!“, muss cs leider Gottes heissen! Es handelt sich um Millionen von armen Menschen ohne Besitz, mit grosscnteils einseitiger Berufsbildung, mit grosscnteils schwächlicher Leibcsbesehafienheit; unmöglich, sic schnell lierauszufiihren, noch unmug- Jiclicr, sic irgendwo anders anzusiedcln! Und wenn man auch Recht hätte, zu sagen: ״Heraus mit ihnen um jeden Preis und auf jede Gefahr! Besser, sie vcrhungern irgendwo in Frieden und mit der Hoffnung, sich durchzuringen, als sie leben in steter Todesangst unter der Fleischeraxt des Zarismus!‘*, selbst dann stünde man vor einer unlösbaren Aufgabe. Ja, wenn man die kostbare Zeit nicht verloren hätte, seit die ersteu Judenatetzeleien das europäische Gewissen aufrüttcltcn. Wenn mau damals in der Allgemeinheit klar erkannt hätte, was einzelne führende Grössen doch so klar erkannten, so klar darstellten, w׳ir ständen heute nicht in so verzweifelter Verzagtheit vor dem brennenden Hause, aus dessen zehntausend Fenstern Verlorene Menschen tun Hilfe schreien, in schrecklicher Todesangst, während wir doch nur Wenige retten können. Aber auch diese Wenigen wer- Der Schwan von Handigai Frei übertragen aus dem Russischen von M. Pfitzner. Asiatische Legende \ I. — «Wo ist Hakim Bai-Sugdi? Wo ist der Schwan yon Handigai?“ fragte Burun-Khan seine Höflinge. ״Warum sehen meine Augen den Ruhm und Stolz meines Reiches nicht? Wo weilt er — die Träne der Freude, das Lächeln des Trostes, das Licht des Ge- Wissens —־ wo ist Hakim Bai-Sugdi, der Schwan von Handigai?“ — . Die Mtirsen, Begs, Scheiche und Fürsten, welche iin Zelte 'Ruhm-Khans anwesend waren, senkten das Haupt und wagten nicht, ihren Gebieter anzuschauen; cs war, als ob sie sich' schuldig fühlten. In Wirklichkeit aber fürchteten sie Burun-Khan durch die traurige Nacnricht zu betrüben oder seinen Unwillen zu erregen. . ״ ־־Warum schweigt ihr alle,“ fragte Burun-Khan, seine -weissen Brauen finster zusammenziehend; ״w׳arum sagt mir niemand die Wahrheit? Uebrigens,“ setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, ״w ie kann ich Wahrheit verlangen von Menschen, die mir meine Augen, meine Ohren und meine Hände ersetzen wollen, um desto besser meine Biindlieit, Taubheit und Untätigkeit zu benutzen! Nur Hakim Bai-Sugdi allein sagte mir die Wahrheit und ihn sehe ich nicht hier!“ Noch tiefer senkte.! sich die alten und die jungen Häupter der Murseti. Begs, Scheiche und Fürsten und keiner vermochte ein einziges Wort hervorzubringen. Da trat kühn die schöne Djet. die. Lieblingstochter Bunn1:Khans vor und, sich auf ein Knie niederlassend, sagte sie: ״Mein Vater, verzeiht meine Kühnheit, die mich treibt, euch das zu sagen ,wozu die andern nicht den Mut haben.“ Die weissen Brauen des Khans glätteten sich, die Falten auf der Stirn verschwanden und die drohenden Augen wurden hell. Gab es denn überhaupt im ganzen Reich einen Menschen, der der schönen Djet zürnen konnte? ״Sprich, Djet, meine Gazelle!“ ״Vater, Hakim Bai-Sugdi ist schon längst nicht mehr der, der er war! Er hat sich so verändert, dass ihr ihn nicht w׳iedererkcnncn werdet! Er hat aufg'c• I hörtj seine wunderbaren Lieder zu setzen, die ganz »׳ו«ייוי1 ywf«