Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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fto. 43 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 643 Heitliat verurteilt wurden, was fiir den Flüchtling, der ein russischer Deserteur gewesen sei, den sicheren Tod durch Erschlössen bedeutet habe, flerr Wechsler musste im Kreuzverhör"zugeben, dass csiiir einen jüdischen Kultusbcamtcn eine ungehörige Handlung sei, einen Bettler der Polizei zu überliefern,- und gab zu seiner Entschuldigung an, dass er den Mann für einen Schwindler gehalten habe. Der (jcriehtshof entschied demzufolge, dass er sielt einer ungehörigen Handlung schuldig gemacht habe, die mit seinem Amte unvereinbar sei, und dass seine Entlassung demnach zu Recht erfolgt sei. Ermunterung zu Massakres Alle diejenigen, die aufrichtig mit dem fri.dlicheit Siegt des wahren Liberalismus in Russland sympathisieren, haben unlängst mit «Erstaunen erfahren, dass die russische Regierung die zahlreichste, politisch reifste, ihre Anhänger einen irieJliehen Weg zur Freiheit führende konstitut;1:״c!!־d .mokratiseke Partei, dem Gesetz zunt Trotz, zu legitimieren sich weigert. Die einzige offiziell anerkannte politische Partei ist jetzt in Russfand der ״Verband des russischen Volkes“. Ihr Ziel — Rückkehr zum Absolutismus, ihre Mittel — Gewalt gcg:n alle die zur Freiheit streben, ihre Taten — die jüdischen Pogrome. Je bestimmter die Regicrungsaktion in Russland einsetzt, um so deutlicher ersc1, ’ t die Übereinstimmung zwischen Regicrung und 1• -fei. Aber in der letzten Zeit begnügt sieh die I iticlit mehr damit, dass sie diese Parte! .offiziell anc .,ennt. sie erweist ihr auch aktiye Unterstützung. Im Gedächtnisse aller werden noch lebhaft die in dci ersten russischen Reichsduma vom Fürsten Urtissov gemachten Enthüllungen sein, betreffend die während des Ministeriums Witte-Durnowo stattgehabte Tätigkeit der üeheimdruckerei des Polizeidepartements. die ganz Russland mit Aufrufen übe!־ :flutete, die zur Ausrottung der Revolutionäre und dir Jude!, aufforderten. Mau hat nicht vergessen, dass der Stifter und Leiter dieses Werkes, der im Ministerium des Innern iür bcsondere Aufträge angsstellte Beamte R a t s c 11 k o w s k y war, und *dass die unmittelbare Verwaltung dieser Druckerei von der Obrigkeit dem Gendarmerlcoffizier Komissarow anvertraut wurde. Es ist auch wohl unvergessen, dass die Ermordung der Juden in Bialystok dank dem Eingreifen des dortige.! Polizeichefs Scheremetjeff stattgenmden hat. Obgleich Herr Stoiypiu sich bemühte ihre Tätigkeit zu rechtfertigen, so verstand er doch, dass ihre Namen das Ressort, an dessen Spitze er sich befindet, beschmutzen, und diese Namen verschwanden auf cimVe Zeit vom politischen Horizonte. Gerüchte wurden Inu.t. dass Konimissarow aus dem Dienste entlassen sei, dass Rjjtsehkowsky nach dem Auslande auf 11 Monate beurlaubt (auf längere Zeit darf kein Beamter, den russischen Gesetzen gemäss, beurlaubt werden) und dass er seine Arbeit nicht wieder aufnehmen werde, und Scheremetjeff verschwand ci:1* fach. Das geschah vor 3 Monaten, als Herr Stolypin, wie es scheint, noch an die Möglichkeit glaubte, in seinem Programm Reaktion und Fortschritt zu vereinigen. Ganz anders fetzt! Wj: wir aus ganz zuverlässiger Quelle erfahren haben, hat Scli ereme tief f ein Amt an der Petersburger Polizei er• halten, Komissarow Ist zum Vize-Direktor der Pete:* burger politischen Geheimpolizei ernannt worden, einer In- «diUition. die mit den politischen Untersuchungen beauftragt ist und sicherlich In unmittelbarer Verbindung .mit dem ״Verbände des russischen Volkes" steht, und Ratsehkowsky kommt auf Befehl des Herrn Stolypin In diesen Tagen nach Petersbürg, um wieder die geheime reaktionäre Agitation im Aufträge .der Regierung aufzunehmen. Noch mehr: vor einigen Tagen hat der Kaiser nach dem Vorträge des Herrn Stolypin dem ,.Verbände des russischen Volkes" 25 000 Rubel bewilligt. Pie russische Regierung bescbreitet also den Weg der Ermunterung zu Massakres. Pie drei Personen* die nach den Junienthülliingen für jeder, (louverucmentß- und jeden Polizeibeamten als die Anstifter der Abschlaclitungen erschienen, sind wieder in ihre Stellungen eingesetzt! Und eine Organisation, die dieselbe Idee unauf bärlich in allen Aufrufen predigt, erhält Im Namen des Kaisers eine Gclduntersttitzung! Jeder.strebsame Beamte w e I s s also den Weg für sein Fortkommen zu finden; er arrangiert Abschlaghfungen. Gefängnisaufseher als Geseiz^eb r Wir haben in der letzten Zeit erlebt, dass das Land sich ־'mit einer ganzen Reihe selbständiger Gesetzgeber bedeckt bat. — in der Gestalt von General-Gouverneuren. Nun sind wir einen Schritt weitergegangen und haben einen Gesetzgefcer in der Gestalt eines Gefängnisaufsehers erhalten. Per Gefängnisaufseher von Sewastopol hat folgende ״In striiktioif* erlassen. * . ״Wenn ein Häftling einen Wachtposten beschimpft, gegen ihn aus dem Fenster mit Gegenständen wirft, auf dem Fensterbrette der Zelle sitzt, sich an dem Gitter mit den Händen festhält mit Leuten auf dem Hof spricht, so hat der Wachtposten auf ihn ohne vorhergehende Warnung zu schiessen." Petersburg. Der Senat fällte eine bejahende Entscheidung über allseitiges Wohnrecht der jüdischen Hebammen־ erster und zweiter Ordnung, nachdem ihnen dieses Recht, administrativ streitig gemacht war. Wie die Regierung die Po^romorganisafion straft Der Polizoimcistcr von Kiew, namens Zichotzky. stand während des schrecklichen Pogroms im Oktober vorigen Jahres au der Spitze der Plünderer. Sein Verhalten war derart. dass der Chef der Gouvernementskanzlei ihm •erklärt hat. er werde — wenn er sein Verhalten nicht sofort ändere — der Zwangsarbeit nicht entrinnen können. Der Gcneral-Gouverncur drohte, er werde ihn in 24 Stunden aus der Stadt ausweisen. — Der Senator ,Turau. der zur Untersuchung des Pogroms nach Kiew gesandt wurde, hat es fiir nötig gefunden, den braven Oberst dem Gerichte zu übergeben. — Nun ist seitdem ein Jahr verflossen — die Gerichte führen einen Krieg gegen die einflussreichen Protektoren des Herrn Zichotzky und cs gelang ihnen doch bisher nicht, ihn vor die Schranken zu bekommen. Ehrenwerte Staatsretter. Den inneren Wert des ״Verbandes des russischen Volkes" kennzeichnen sehr gut die in .letzter Zeit immer häufigeren innertn Zerwürfnisse unter seinen Mitgliedern. Diese Zer• wiirfnisse Enden immer statt auf dem Boden der Veruntreuung von Parteigeldcrn. Ein derartiger Skandal im Odessacr Verband des russischen Volkes machte vor einigen Tagen Aufsehen: aber cs ist auch in einer der wichtigsten Filialen .des Verbandes in Tula zum Konflikt gekommen. Einige Mitglieder d:s Verbandes klagten den Präsidenten Bjclofi der Veruntreuung der Parteigelder an und verlangten eine Kassenrevision. Bjeloff erklärte die Protestierenden inr ״Verräter“ und sa״te, er erkenne sie nicht mehr als Mitglieder des Verbandes an. Die auf diese Weise ausgewiesenen baten telegraphisch das Zcntral-Komitee in Petersburg, man möge eine kompetente Person als Revisor senden. Aber auch dem Revisor gelang es nicht, den Konflikt zu beschwichtigen, und wir haben jetzt in Tula zwei ״Verbände des russischen •Volkes“. Der Jargon des schwarzen Hunderts. Um eine Vorstellung von der ״energischen‘‘ Ausdrucksweise der WIETSCHE (ein Organ des schwarzen Hunderts) zu geben, drucken wir folgenden Auszug aus einem Artikel ab ..Ihr luden. Auswürfe des Menschengeschlechtes*‘. Ui! Juden. Mörder, die Ihr nichts Menschliches in den Herzei. habet! Wir. alle wahren Russen glauben dpeh, dass die K!־aft des göttlichen Kreuzes den Teufel besiegen wird, der in Euc.1 Dersonifiziert ist Ihr niederträchtigen von Gott verdammten Mörder. Ihr ..Vorwärtsschreitenden.** die Ihr, schwarze Hemden tragend, schäumend und mit aus den Augenhöhlen heraustretenden Augen, Eure Opfer mit den Brownings in Jen Händen verfolgt! Bedenkt doch selbst, glaubt Ihr, dass die Gesetze des Talmuds den Vergleich mit den erhabenen Vor• Schriften von Christus aushalten können? Und wie könnt Ihr. oh Gotteslästerer, behaupten ,dass er ein ״Sozialist" war? Hat denn er, Christus, Mördertaten gepredigt, hat er denn ccinc Feinde. Waffen in den Händen haltend, verfolgt? Nun, stellt Euch doch zur Antwort, oh Ihr Verdammten! Dar neue Ohacham-Baschi Anstelle des verstorbenen S c h a*u l E 1 j a s c h a r ist der Chacliam Jakob - Meir zum Chachani-Baschi gewählt und von der Provinzialbehörde bereits bestätigt worden, trotzdem in Jeder Weise gegen den vorzüglichen Mann eine energische Agitation getrieben wurde. Aber die von Valero geiührte und von gewisser aschkenasischo: Seite unterstützte Gegenpartei hat kläglich Fiasko gemacht. Jetzt hat man. wie das bereits bei der Provinzialregieruug geschehen war, von irgend einer Seite den Chacliam denunziert, er könne kein türkischer Patriot sein, weil er Zionist wäre. Die Pforte wird sich darum ebenso wenig bekümmern, wie der Pascha, der eigenhändig dem Chacliam schrieb, wie sehr er seine Wald als die eines besonders zuverlässigen türkischen Beamten bcgrüssc. Denn der Chachatp-Baschi hat eine wich- \