Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 640 JÜDISCHE RUNDSCHAU * No. 43 Aber lassen wir die Jugend, die schon den Schlüssel zum goldenen Frankreich bei sien tragen, und betrachten \yn noch auf einen Augenblick ihren Direktor. Antöbi ist der .lyp des ganzen französischen Systems. Wie niedrige Administrationsbeamtc des Barons und der Jca hat auch er gewusst, krumme Wege zu gehen. Kr hat cs verstanden, alle Liegenschäften der Alliance-Schule auf seinen Namen cintragcn zu lassen, und als man ihn, der mehr als dieses Qcschichtchen sich geleistet hat, gehen hiess, erklärte er, als Besitzer der « Schule und des Terrains, zu bleiben. Vielleicht charakterisiert ihn auch diese Begebenheit. Professor Schatz, der bei Beginn des Beza lei gern mit der Kunstgewcrbe-Klassc der Alliance-Schule e'inen gewissen Konnex suchen und auch sonst ein gewisses Zusammenarbeiten herbeiführen wollte, wurde bei seiner rein konventionellen Antrittsvisite von dem Franzosen an der Türe in zweiMinuten abgefertigt. Es ist vielleicht möglich, dass die deutsche Alliance d*> Fusstapfen ihrer Schwesterkorporation meidet und eigene Wege geht. Hier in Palästina wäre fruchtbarer Boden dafür. lieber den Bczalcl ist man in Deutschland ganz gut un-!errichtet. Doch fchlt's noch weit. Hauptsächlich an einem Manne, der den unermüdlichen Schatz unterstützt und l'c ganze Sache ernst nimmt. Daran mangelte es be> den Herren, die mit drüben waren. Schatz hatte alles zu tun. Vielleicht, und man sollte meinen, es sei nicht so schwer, nimmt ein Mann wenigstens ihm das Sammeln von Gemälden und Kunstgegenständen etc. ab. Die Leitung der Schule und die Verwaltung des Unternehmens absorbieren genügend Man muss sich wundern, dass Professor Schatz noch so eifrig ist und während der Ferien den Lehrern in Jana Zeichenunterricht erteilt. Die Herren von der Palästina-Kommission können vielleicht seinem Beispiele Folge geben und de!’ Lehrern weitere Kenntnisse in gewissen Gebieten der Land- Wirtschaft vermitteln. Um aber auf Bczalcl noch einmal zurückzugreiien! Es wäre von grosser Wichtigkeit, wenn wir ein Museum in Jcrn- Salem bekämen. Die heutigen Sammlungen sind recht gering und können in Palästina nicht weit gefördert werden. Was sich da tun lässt, wird getan. Aber im Ausland sollte sich ein Mann finden, der, wie Chasanowicz, die Nationalbibliothek ausbaut, ein nationales Kunstmuseum schaiiL Um kurz etwas von der angeführten Nationalbibliothek zu erzählen, so muss man gestehen, dass ein hübscher Flügel eines grossen Gebäudes einen grossen Lesesaal und Räume für die Bibliothek beherbergt. Aber den gross angelegten Sammlungen fehlt’s noch überall. So wollte ich einiges über Palästina lesen und fand zwar alle alten Schmöker, aber ein neues Buch (d. h. seit 1870) war nicht darunter. Von Chasanowicz, der in Kischineff Arzt ist und sein ganzes Einkommen für Bücher ausgibt, erwartet man wieder eine Sendung von 4000 BänJm Von anderer Seite wird leider die Bibliothek fast gar ni:’1t unterstützt. Die zionistischen Zeitungen vergessen mit Au־• nähme der WELT sämtlich, Freiexemplare zu senden. Nach dieser kurzen Abschweifung zurück zu den Schulen! Schpn Susserlich repräsentiert sich die Schule des d e 1׳ t* sehen HilfsVereins recht vorteilhaft. Sie hat 1ו.׳ grössten Saal der Stadt (die Aula), und im Erdgeschoss ent grosse Turnhalle. Die, Schulzimrner gleichen den in Deutschland gebräuchlichen.'* Physikalische Apparate, Sammlung׳.*, aller Art sind vorhanden. Im ganzen Haus herrscht peinlichste Sauberkeit. Die Lehrer sind meist einheimische, tüchtige Kräfte, darunter die Hebraisten Ycllin und Suter. Aus Deuts;h land hat man auch einen jungen, in seinem Fach sicher tu;htigen Oberlehrer geschickt, der allgemein wegen seiner eiin• gen Orthodoxie aufficl. Ueberhaupt gelten die Deutschen hierzulande wegen der wenigen vorhandenen Juden, die alle orthodox sind, durchweg als Glaubensciterer. Deutsche Zionisten gibt es eigentlich nur zwei, soviel mir bekannt wurde. (Ingcnicur Treidel, Davis Trictsch.) Die in der Länielschule erzogenen Schüler sprechen unter sich meist Hebräisch. Sic erlernen noch gut DeutSv.11 und etwas Arabisch. Daneben ist der Stundenplan ähnlicn dem einer deutschen Volksschule. Die besten Schüler kammen ins Seminar und werden als Lehrer gute Stellen erhalten. Der Hillsverein selbst plant in den grösseren Städten des Landes Schulen zu gründen. Man rechnet, dass jährlich etwa fünf Seminaristen das Seminar verlassen. Für die Mädchen gibt cs noch eine anglisierende Sch ile, von der Baronin Evelina von Rothschild. Am Platze dürften speziell noch Fortbildungskurse aller Art für Alt und Jung sein. Von weiteren Projekten wird besonders das eines hebräischeu Gymnasiums und einer Commercc-Schule ventiliert. Dabei wird aber auf die mangelhafte Ausbildung der aligemeinen Bevölkerung sowohl in ihrem Beruf wie in ihrer Biidüng um einiger weniger willen vergessen. Eine Bevölker-mg von 80 01hl Seelen — so gross ist sic zu Lande — hat m. E. vorerst darauf zu sehen,dass die Massen die Erziehung bekamnu'ti, die sie fürs Leben brauchen. Die Kinder der Reichen haben schon immer in Kairo, Beirut, Paris (durch d׳'e Alliance', eine bessere Erziehung genossen. Schliesscn wir diesen Absatz mit der Erwähnung, dass auch die übrigen Institute für Blinde, Kranke und Greise gut ausgestattet und famos geleitet werden. Entwickelung der Stadt. % Es freut wohl jeden Juden, wenn er die Grenzen der Stadt abschreitet. Uebcrall wachsen da neue jüdische Quartiere aus dem Erdboden. Die Steine sind billig und der Bode.! trotz der starke!! Entwickelung der'Stadt desgleichen, so dass man in ganz gesunder Lage für 3—1000־ Mark sein Häuschen mit 3—4 Zimmern gebaut bekommt. Dieselbe Wohnung kann man auch für 200 Mar..־ am' ein Jahr mieten. Die Nahrungsmittel konnte ich selbst ebenfalls nicht teuer finden, doch will ich gern diesbezügliche Klagen registrieren. Der Fremde kann gut in einem jüdischen Hotel leben und bezahlt im Besten (kann wirklich empfohlen \ve־• den: Kaimnitz) als Palästinenser vier Francs, als Ausländer fünf für volle Pension und Logis. Die übrigen Hotels in Palästina sind noch billiger, viele sind als direkt schlecht zu he: zeichnen. In den Kolonien findet man überall einfache Unterkunft und Verköstigung etwa zu zwei. Francs. Unterhaltung hat man in Jerusalem noch nicht so vici wie in Jaffa, wo es schon eine Reihe von Vereinen und Zirkeln gibt. Sogar ein jüdisches Orchester spielt dort, ln Jerusalem ist vorerst nur die Loge, die teilweise von den Mitgliedern zu Geschäftszwecken benutzt wird. Geturnt wird nur von den Schülern der Lämelschule, w׳ührend Jaffa über einen neuen T umverein verfügt. Dagegen lockt das vorzügliche Klima von Jerusalem (nachts wird es immer hcrrlieu kühl) viele Immigranten an, so dass sicli auch hier bald ein gesellschaftlicher Verkehr entw ickeln wird. M o 2 a Die Kolonie ist wohl allgemein bekannt. Hier steht die Eiche Hcrzls, und gerade hier wollen österreichische Studciiten u-iserin grossen Führer ein Denkmal setzen. Als ob unsci Hcrzl noch eines toten Steines zur Erinnerung bedürfte! A's ob wir nicht das Geld an allen Ecken und Enden!)rauchten* Es liesse sich sicher eine andere Verwendung finden, die vielleicht noch lebhafter an Herzl erinnerte und dabei eine.11 wirklichen nützlichen Zwecke diente. An einem schönen Nachmittag ging's von Jerusalem auf der Jafiaer Chaussee hinaus. Bald hoben sich links und rechts wieder steinige Berge und nur in der Talsohle hatten Araber den Boden bearbeitet. Wohin sonst das Auge blickt, ansch-ri*