Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 43 JÜDISCHE RUNDSCHAU unter liberalen Eie menten in Deutschland mehr gefunden als grade unter russischen Juden. Wir ׳hüten uns aber sehr wohl vor jeder Vera II gemeinerung. Herr Feilchenfeld weiss sich offenbar so frei von jeder Selbstüberschätzung, dass er den ersten Stein aufhnb und auf die russischen Juden 1 warf. י Er weiss da viel Erbauliches zu erzählen von amerikanischen Studenten, die als Kellner und Strassen- ( reiniger sich ihr Brot verdienten, während nach seihe!ן ־ Behauptung die russischen Juden lieber von Piivatcn ( und von Stiftungen die Mittel verlangten, um zu studieren. Herr Fcllehcnield. das ist unrichtig! Grade ן russische Juden werden durch die reichen liberalen ן Juden, die die jüdischen Stipendien zu verwalten haben, j von der N u 17. n i e s s u 11 g der Stipendien grundsätzlich ausgeschlossen, auch wo , statutarisch solche Beschränkungen nicht bestehen. 111 harter Arbeit erwerben sich diese Juden! ihr Brot, das sehr kärglich bemessen ist und das j man ihnen noch missgönnt. Mit 20 bis 30 Mark •nonatlieh leben solche Studenten an allen deutschen Univcrsi- ן tätsstädten m Hunderten. Freilich grade vor der Tiire! des Herrn Dr. Feilclienteld kehren keine russischj jüdischen Studenten die Strasse. Da wird ihm nichts , anderes übrig bleiben, als selbst davor zu kehren. | Wir zweifeln nicht, dass Herr Dr. Fcilchenfeld j \veiss, wie bitter dem armen Studenten das sauer erj vorbene Brot der Armut schmeckt. Wir wollen an- ן nehmen, dass er nicht bloss aus dem hohlen Fasse schreibt. Aber er ist sich doch der schweren Vcrantw Ortung nicht bewusst geworden, die er auf sich geladen hat, als er jene russischen Jude».! beschimpfte, in denen mehr gesunder sittlicher Kern steckt, als in dem j ganzen angeblich-liberalen Judentume. Man sieht: eine ganze Fülle von eigenartiger U11kenntnis, die leicht noch vermehrt »nachgcwiesen werden kann, kennzeichnet den Aufsatz des Herrn Dr. Feilchcnfcld, aber immer kann man seinen Angriff auf diese Aermstcn der Armen ans den; Bestreben verstehen, ״die Sonderart auf äussere Bedingungen zurück- Zufuhren und in dem Willen ״nie eine zwingende Veranlassung zu sehen, eine besondere Rassencigentümliclikeit nachzuweisen“. Herr Feilchenfeld ist sieh sicher nicht bewusst geworden, dass er einen durch und durch antisemitisch wirkenden Artikel geschrieben hat, der cs mit andern antisemitischen Artikeln gemein hat, dass er ohne alle Kenntnis der Tatsachen aut Kosten der von ihm Behandelten seine Lieblingstcndenz erweisen wilf, dass die Juden keine Rasse sind. Wenn wir auch ganz gern auf die Zugehörigkeit des Herrn Feilchenfeld zu unserer Rasse verzichten möchten, so müssen wir doch eingestehen, dass selbst in antisemitischen Blättern selten mit gleicher souveräner Verachtung der tatsächlichen Verhältnisse iudenfei idliclie Angriffe gegen uns und unsere Brüder geschleudert werden. Herr Feilchcnfcld möge seine Artikel fürderhin in der STAATSBÜRGERZFITUNG drucken lassen, in die sie noch besser hineinpassen als in •den. ZEITGEIST des BERLINER TAGEBLATTS. Die hat aber so viel an ,vorrätigem konservativen Antisemitismus, dass ihr wohl wenig Raum übrig bleibt fii,־ liberalen Rischus. \ EH&qim. Seite r>3<) Briefevon einerPalästina-Reise (Fortsetzung.) * . ' Die SchuUragc. . ~ Des öfteren war von der Schule die Rede, so• dass es aui den ersten Blick so aussieht, als ob diese leidige Sclml frage ein Steckenpferd des Schreibers sei. Es wäre nicht schwer, sich von einem solchen Verdacht zu reinigen und zu zeigen, dass auch andere Beschauer ihr vorzügliches Augenmerk aui diesen, vorerst wunden Funkt richten werden. In Jerusalem könnte man heute getrost die Kinder fragen: ״Sage mir, in was für eine Schule gehst du, und ich will dir• sagen, wer du bist und auch wer du wirst.“.. . . Die Chalukajudcn haben ihre Chcders. Man• muss diese engen, schmutzigen Räume gesehen haben. Um cij.cn Tisch herum sitzen vi.le Kinder ,vor sich ein grosses hebrüi* sclies Buch, gegenüber ein Mclamcd, der wie eine Pagode ständig wackelt .... .. . Alle Untcrrichtsdisziplinen. die unsere Schule□ in Europa kennen, sind hier streng verbannt. Dafür aber erhält der Schüler eine grosse Belesenheit und Beschlagenheit in der heiligen Schrift und im Talmud. Diejenigen, welche gar nichts taugen, werden ausgenmstert und können irgendwie ־ ein Handwerk ergreifen. Di.• andern aber werden in der Jesuhibah noch weiter lernen. Während uns hier ein gut Teil der Volkskraft, für eine wirtschaftliche Arbeit und Stärkung verloren geht - und z.y^r gerade die Besten, existiert, damit wir ja nicht einseitig - nur aus einer Gcsellschaftsschichte die Jugend des Landes verlicren sollen, auch eine Schule der Bourgeoisie, die Ur.c f;'mliebe Wirkung erzielt. Es ist dies die Alliancc-Schule. Wie affe InsL־ tutionen dieser angeblich jüdischen Gesellschaft betreibt die hiesige Schule vornehmlich national-französische Arbeit. Schon im Kindergarten wird den Kleinen das Französische gelehrt. Neuerdings hat man allerdings der Zeit!in gewisses ,Opfer bringen müssen. Unleugbar wächst das indische Element ku Lande. Der Plan, das Französische zur Umgangssprache , lei Leute zu machen, ist trotz der jahrelangen Arbeit gänzlich ge. scheitert. Es fällt dem einheimischen Juden gar. nie ein, sich mit einem andern in Französisch zu unterhalten. Es blieben die drei Sprachen: Hebräisch, Jüdisch-Deutsch und Spagno lisch. Nun wird zwar am meisten das Yiddisch gesprochei*. Doch nahm in de» letzten Jahren die Kenntnis des Hebräischen rapid zu. In allen Kolonien und in einer Reihe von Stad.*- Schulen (der Chowewc-Zion) wurde das Hebräische.als•, einzige Volkssprache infolge ihrer grossen theoretischen Kenntnissc rasch und leicht. Dazu kam noch die religiöse und ge• schichtlichc Bedeutung der htbräischen Sprache, urn ihr bei der Alliance ein Recht zu verschaffen. Und so lehrt man denn die kleinsten Kinder 1וזו Kindergarten schon zwei Sprachen: Hebräisch unJ Französisch’. Wir wollten aber gerne noch von diesem Missstand' absehen, wenn nicht einerseits das Hebräische 7. Bi in der gewerblichen Schule, deren dreijähriger Lehrgang sich der Volksschule anschliesst, völlig ausgemerzt, anderseits in den Kindern ein Streben grossgezogen würde, Palästina möglichst bald zu verlassen. ’ : r , Erziehung und Unterstützung entführen auch hier dem Laude alljährlich eine hübsche Zahl arbeits- und oft kapital kräftiger junger Leute. Man muss sich wundern, .,wie Zc:t schritten, die sich gestern und vorgestern national und; sogar zeitweise zionistisch nannten (z. B. OST UND WE&T) bcmähen, die Arbeit der Alliance zu beloben. Wer sich nur die geringste Muhe nimmt, an Ort und Stelle die Arbeit der Alliance zu betracht:!!, der kann als Nationaljude auf natu! liehe Welse zu einem verhimmelnden Urteil nicht kommen.