Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 638 JÜDISCHE RUNDSCHAU Und doch müssen auch wir an einem Punkte ihm Recht geben, lind zwar dort, wo er selbst es vielleicht am allerwenigsten erwartet. Wenn er nfimüch davon ansgeht, dass die Juden keine einheitliche Rasse wären, dass sie nur durch Inzucht zu den; geworden wären, was sie letzt physiologisch darstelleii, so verstellt er /.war offenbar etwas ganz anderes unter Rasse, als was die moderne Wissenschaft darunter begreift, aber wir gestehen die verschiedene Abstammung des Juden- Volkes gen ein. Wir halten cs nämlich für historisch wahr, dass beim Auszuge aus Aegypten sich vieles fremde Blut — Moses schreibt dafür ערב רב, — was Martin Luther mit grosses Gesindel übersetzt ־ den Hebräern anschloss, das nach der modernen Rassetheorie wieder ausgcschicdci! wird. Die Ausscheidung des fremden Blutes kann mau statistisch •laehw eisen. . ..Hiervon abgesehen aber müssen wir dem Herrn Dr. Feilehenfeld in jeder Weise cntgegemrete.1 und zwar nicht wegen seiner anderen Auffassung von Fat- Sachen, sondern w egen der als Tatsachen hingestelltcn Behauptungen. Es ist unrichtig, dass die •Juden in Amerika i1׳ ihrer zweiten Generation keinen Unterschied gegen ihre Umgebung zeigen. Wer das schreibt, war entweder nie in Amerika, hat sich nie um amcrikanischjiidiscbe Augelegenheiter, gekümmert oder er ist blind. Grade die seit Generationen einheimischen amerikanischen jüdischen Familien sind die Träger jiidischaationaler Gesinnung. W'ciss doch jeder Nationaljude, wer ihm Moidechai Manuel Noah ist, wie jeder Amerikaner weiss, welche politische und literarische Bedeutung diesem im Amerikanertum zukommt. An der Spitze der zionistischen Bewegung stellen führende Gelehrte nic!1teingew anderter Amerikaner. Und ebenso hat selbst die laufe, die in Amerika viel weniger grassiert, weil sie den liberalen Elemente•־.! Im Judentum zu wenig greiibare Vorteile bringt, dort ebensowenig den Typus wesentlich geändert wie bei uns. Wenn freilich Feilchenfeld zwischen einem deutschen und einem südrussischen Juden keine Aehnlichkeit findet, wenn er die Aehnlichkeit zwischen deutschen Juden und Deutschen, russischen Juden und Russen annimmt, so beweist das nur, dass er Typus und Habitus nicht zu unterscheiden vermag. Wenn nämlich der russische Jude eine längere Zeit in Deutschland ist, — wobei es ganz gleich ist, ob er in deutscher oder jüdischer Umgebung sich befindet, so nimmt er den deutschen Habitus an und wird da für den Typenteurteiler Feilchenfeld jetzt den deutschen, für uns ireilieh den jüdischen Typus haben. Nach Feilchenfeld ist es eigentlich unbegreiflich, dass man in allen Ländern den Juden ihren Glauben an den einen Gott selbst dann an der Nase ansieht, wenn sie gar nicht einmal an den Gott glauben. Aber es wäre vergeblich, mit einem Manne über das Vorhandensein des jüdischen Typus oder der jüdischen Typen zu disputieren, der sie ableugnet. Wenn er sie nicht sieht, so kann man sie ihm nicht durch Beweise demonstrieren, so w׳enig man dem Farbenblinden klar machen kann, was der Unterschied zwischen Grün und Rot ist. Dagegen müssen wir energisch Verwahrung dagegen einfegen, wenn hier von vermutlich jüdischer Seite Vorwürfe gegen unsere indischen Brüder in und aus Russland erhoben werden, die dazu angetan sind, den Mördern von Kischinew und Hornel, von Kiewf und Shitomir, von Blalystok und Siedlec sowie ihren literarischen Helfershelfern bei uns zu Lande einen Schein von Berechtigung zu geben. Es ist nicht wahr, dass der No. 43! 1 russische Jude, wie Feilchenfeld von ihm behauptet, , leichtsinnig ist. •Wenn inan überhaupt Urteile über den Charakter von Massen abgeben darf, so ist das genaue Gegenteil der Fall. Herr Fcilehenfeki wagt es, es Leichtsinn zu nennen, wenn der russische Jude aus dem Hause fortläuft, das ihm heuchlerische Liebe über dem Kopfe angeziiude! hat. F.r gehört beinahe zu einer Art von Leuten, die ihrem Johann befehlen: ״Schmeissen Sie den Kerl raus, er zerreisst mir das Herz“! Auch lässt er deutlich dttrchblfckcii, dass er recht sehr zufrieden ist, wenn die ״Scharen dieser unglücklichen Verfolgten vergeblich den Versuch machen, sich hier nkderzula=sen. Er hat offenbar gar keine .Ahnung, welche Unsumme von Elend und Not, von unverschiildctcr Verzweiflung durch die willkürlichen PoÜzeiausweisuagen über zehmausend russischer und aas Russland stammender Juden in Berlin gebracht ist, als sie .ohne jede .Rücksicht und ohne jede Nachsicht einfach nach der Aktcnriuninicr ans ihrer Existenz herausgeworfen und zu Bettlern‘ und heimatlosen Wände• rern gemacht wurden. Und diese Polizei - ־* arbeit dauert immer noch ungescwächt weiter, so weit es sich u 111 Juden 11 a 1! de 11. Nur Juden werden ausgewiesen und diese ohne jeden andern Grund als weil sie Juden sind. Und doch ist diese Unsumme von Elend, die sich vor unsern Augen abspielt —-. Herr Feilchenfeld hat nichts davon gesehen, ihn haben die Verzweifelnden nicht mit ihrem ״Leichtsinn“ belästigt — ein Kinderspiel gegen das, w as in jeder russisehen und polnischen Stadt mit jüdischer Bevölkerung sich alltäglich abspielt. Weiss zum Beispiel Herr Feildicnfeld, dass, wenn ein jüdischer junger .Mann aus irgend welchem Grunde von der schwarzen Bande aus dein Auslande zurrickgew ünscht wird, sie gute gesefzlicke Mittel hat, ihn ztirückzubringen. Das Gesetz bcstimmt in solchem Falle die sofortige Erlegung von 3000 Rubeln seitens seiner Eltern oder deren dreimonatige Einkerkerung. Die dreitausend Rubel zu bczahlen sind nur ganz wenige Juden in Russland imstände und aus den Gefängnissen ist nach drei Monaten noch kein Elternpaar lebend zurückgekonimen. Wir sprechen von Tatsachen, wie Herr Feilchenfeld von Vermutungen. Kein jüdischer lunger Mann ist seines Lebens sicher, keine jüdische Frau und kein jüdisches Mädchen ihrer Ehre. Und da nennt es Herr Fcilclien-!'cid ״eine uns völlig unverständliche Sorglosigkeit und grenzenlosen Leichtsinn“, wenn diese Unglückliehen wenigstens den Versuch machen, aus dem brennenden Hause zu entfliehen. Wir würden es nicht wagen, den hohen Mut zu besitzen, der dazu gehört, auf die vor den Ausbrüchen des Vulkans Fliehenden Steine zu werfen. Die. ״merkwürdige Heimatsliebc“, die uns nicht merkwürdig ist, vermag sie nicht zu halten. Denn sie fliehen vor dem Tode. Und diese Heimatsliebe ist echt und keineswegs liberal. Sie ist so echt, wie die Auffassung der mssisehen Juden eine hohe und ethische ist, wenn sie die menschliche Gesellschaft und vor allem ihre Volks- und Stammcsgenosen verpflichtet glauben, in ihrem Unglück ihnen beizustehen. Sie stehen so turmhoch über den Bettlern und den Herren der Wohltätigkeit, wie die soziale Gesetzgebung über den Gemeindcarinenlüiusern steht. Dass es Angeblich-Liberale gibt, die hierfür kein Verständnis haben, ist uns nicht verwunderlich. Herr Feilchenfeld greift auch noch ganz besonders die ״Selbstüberhebung“ an, die er unter russischen Juden gefunden haben will. Wir haben sie bisher