Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 627 No. 42 wurde, hat diese aufgehoben und erklärt, dass cs in der Sache t selbst nicht zu entscheiden habe. Es wurde als״ damit ancrkannt. dass d׳e Aufnahme oder Nichtaufnahmc in eine Rcljgions Genossenschaft eine interne Kultusangclegcnheit sei. Wieder eine — Bekehrung Die achtzehnjährige Tochter Rosa des Salomon Ka c z ka in Batlgrod, wurde anfangs September von dem Gemeindcbeainten Kudcla zur Flucht aus dem elterlichen Hause Oberredet und in das Kloster der Felicianerinnen nach Krakau gebracht. Auf Grund des Einschreitens beim Justizminislcrium wurde Kudcla wegen Entführung einer Minderjährigen verhaftet und in strafgcrichtlichc Untersuchung gezogen. Der Wiedererlangung des Mädchens aber stellen sich grosse Schwierigkeiten in den Weg. Zunächst weigert sich Rosa Kaczka selbst, in das Elternhaus zurückzukehren. dann aber steht die väterliche Gewalt des Salomon Kaczka in Frage, da derselbe mit seiner Gattin nur rituell getraut ist, seine Tochter sonach als uneheliches Kind angesehen wird. Von Liebermanns Gesinnungsfreündinnen Unter den Kaschauer .Juden herrscht infolge einer bös willigen Verleumdung furchtbare Aufregung. Zwei Arbeitcrinnen erstatteten am jüdischen Versöhnungstage, bei der Kaschauer Stadthauptmannschaft die Anzeige, dass die Juden gewaltsam einen Christenknaben' in ein orthodoxes Bethaus der Vorstadt geschleppt und dort abgcschlachtct hätten. Um zu eruieren, was an der Anzeige Wahres sei. entsandte der diensthabende Po!izeiko:1zipist zwei Polizisten und zwei Det.ktives an den von den Anzeiiierinr.cn bczeichncten Ort. Wahrend die Juden in den! Gotteshause dem feierlichen Gottesdienste beiwohnten, wurde der ganze Tempel und die in der Umgebung befindlichen jüdischen Wohnungen durchsucht, ohne dass auch nur die geringste Spur eines angeblichen Verbrechens gefunden worden wäre. Die Durchsuchung des Tempels hatte selbstverständlich die denkbar grösste Aufregung unter den Andächtigen hervorgerufen. Die Empörung der jüdischen Gemeind.rnitgiieder steigerte sich ins Un״emes$ene. als die beiden Anzeigeritmen in einer Schar auf ׳der Strasse sollender Kinder den vermissten, angeblich ermordeten Knaben erkannten. P:c hiesige Kultusgemeindc beabsichtigt, gegen die Polizeiorgane, welche in das Bethaus eingedrungen waren, die Strafanzeige wegen Religionsstörung zu erstatten. Ein zweiter Fall ereignete sich zur selben Zeit in Magyar-Kanlzsa. Beim Kantor Aron W e i s s war ein Christliebes Mädchen von 17 Jahren, Marie Juhasz. bedienstet Plötzlich war sie verschwunden. Die Bauern der Umgegend wussten natürlich sofort, was geschehen war. ״Die Juden haben sie geschlachtet“ Eine lebhafte Hetze begann. Mat! fand das Mädchen ball Unweit Zcnta zog man ihre Leiche aus der Theiss. Nun aber .wollte man am Halse Würgespuren gesehen haben. Natürlich haben cs die Juden getan! Una mit Äxten, Sensen und Dreschflegeln bewaffnet zog die bäuerliche Racheschar vor das Haus des Kantors, zertrümmerte die Fenster und bedrohte die Juden des Ortes an ihrem Leben, bis die Gendarmerie eintraf, die schliesslich die Ruhe herstcllte. Man sieht, dass Ungarn nicht mehr viel von Russland zu lernen braucht. Der erste grosse Pogrom der letzten Jahre in Russland, der von Kischinew, begann auch damit, dass man zuerst mit dem Pogrom drohte, dann raffinierte Ritualmorumärchen ersann. —־ bis eines Tages die Volksleidenschaften reif waren für die blutige Tat. Aufruf In Wien wird der folgende Aufruf mit gutem Erfolge verbreitet: I Das Hinmorden jüdischer Volksmassen scheint in Russland nicht aufhören zu wollen. Immer wieder liest man. dass 1 wehrlose Greise, unschuldige Kinder unter grausamen Qualen vernichtet werden, dass vertierte Menschen Leib und Leben jüdischer Mädchen und Frauen in verbrecherischer Gier zerstören. Weit und breit keine Hilfe! Wohl sucht man der Not des Augenblickes zu steuern; es sollte jedoch mehr geschehe«, als die Gabe des rasch verfluchtenden Mitleids zu bieten vermag. Wir wollen dem verfolgten Juden seine dauernde Zuflucht gründen: wir wollen in Palästinaan schon bestehende und gedeihlieh arbeitende jüdische Kolonien neue Heimstätten fffr Ackerbauer und Gewerbetreibende angliedern, ein St re ben, das uns mit den ״Paiästina-Kolonisati ons ver einen“ der ganzen Welt verbindet. Dort sollen unsere unglücklichen Stammcsgenosscn endlich nach blutiger Vcrfolgung. nach jahrtausendelanger Unrast ein sicheres Heim, eine dauernde Heimat finden. Hier handelt cs sich nicht um Zukunftsideen. nicht um Parteifragen. Hier gilt es, rasche und dauernde Hilfe zu organisieren. Wir wenden uns daher an alle Edelgesinnten; wir ersuchen jeden, der noch einer Empfindung des Mitleids zugänglieh ist und unschuldige Menschenbrfidcr vom drohenden Un• tergange retten will; wir flehen alle jene an. denen die Ehre unseres Stammes am Harzen liegt, treten Sic unserem ״J ii d i• sehen Kolonisatiönsvercine“ hei! Beitrittserklärungen und Geldsendungen erbitten wir uns an das Sekretariat, 11/3, GredLerstrasse 9.*) Das Zentralkomitee des Jüdischen Kolonisationsvercines: ßaurat Wilhelm S t i a s s n y, Emil Horner, Dr. Sigmund Zins. Kais. Rat Leopold Sachs, Hof- und Gerichtsadvokat. Licco Adu11. Dr. Josef Bloch, Prof. Dr. S. Ehrmann, Oberrabbiner Dr. Moritz Gfidcmann, David Ritter von Gutmann. Dr. Edmund Kohn, Baurat Oskar Marniorek. Prof. Dr. Josef Poljak, Richard Rappaport, Rabbiner Dr. Adolf SUflmiedl, Ignaz Schiff. Heinrich Yo rk-Steine r. Präsident Dr. Alfred Stern, Dr. Bela Taussig. jHöfrat Siegmund Taussig. Kischinew. Die Bevollmächtigten der Konferenz der ..Vereine des russischen Volkes“ verbreiten den folgenden Auf'iu unter der Bevölkerung: ״Geehrter Herr! Die Kischittew:r Abteilung des Verbandes des russischen Volkes kennt Ihre heisse Liebe /um Glauben, zur Kirche, dem Kaiser, dem Vaterlande und dem ganzen russischen Volke und bittet Sic. bei der OrganisUrung einer Kampfesabteilung des Verbandes de:; russischen Volkes behilflich •zu sein, indem Sie neve־ Mitgl'eder für diese Abteilung werben. Jedes Mitglied muss len jährlichen Beitrag von 50 Kop. zahlen. Jede Kampfcsab??1!ung muss mindestens 15 Mitglieder zählen, der Chef jeder Abteilung muss mit dem Kischincwer Verband des russischen Volkes in ständigen Beziehungen stehen. Der Vorsitzende des Kischincwer Verbandes des russischen Volkes. P. A> Krusebewan. Vizepräsidenten: Der Kischincwer Miss oniir Priester Theodosij Wölowei. P. I. Ga rin, Kassierer: N. A. Zolotuchin. Sekretär M. J. Kizacki. Mitglieder: Priest*': Sofron Tschelak. Priester ö. Abaschder. Oberst A. P. Popow, I. K. Kowaldschi. A. T. Sschtscbcrlak.“ Der Vorsitzende des Odessacr ״Verbandes des russischen Volkes“, Graf Konownicyn. wurde vor einigen Tagen vom Premierminister empfangen. Die Unterredung dauerte 2 Stu1׳- den. Der Graf bat um Unterstützung zum Kampfe mit der Revolution. S101 y p i n versicherte ihn, dass der Verband auf Sympathien der ׳Regierung rech• nen kann. Aut* Grund von Dokumenten veröffentlicht die Zeitung SEWODNIA sehr interessante Details über die inneren Verhältniss? des Verbandes des russischen Volkes. Bis zum!7. September zählte der allgemeine Verband des russischen Volkes •15000 Mitglieder; unter diesen befanden sich viele Be* amten der öffentlichen und der Geheimpolizei, Gendarmen. Polizisten etc. Viele von den Beamten verschiedener M 111־ sterien wurden ohne ihre Kenntnis in den Verci ncingeschrieben. In den letzten drei Tagen verübten Hooligans Anfälle in Tula auf Juden. Besonders oft kommt das in der Kiewer Strasse vor. Fromme Russen m Dem Kommandanten der Siedlecer Garnison, Obersten Tichanowski, ״Der Elisawetgradcr ״Verband des russischen Volkes“ sendet Ihnen und der ganzen Garnison di.e herzlichsten Glückwünsche zu ihrer EnergJe im Kampfe mit den Aufrührtrn. Wir beten zu Gott um die Beruhigung der Leidenschäften.“ Die Antwort von Tichanowski am 19. September 1906: Dem Vorsitzenden des Verbandes des russischen Volkes. Elisawetgrad. Ich danke Euch, liebe Freunde. Glaubt mir, das Bajonett steht höher als der Lappen. Oberst Tichanowski.“ *׳) Ein ordentliches Mitglied zahlt jährlich mindesten 5 K., ein immerwährendes Mitglied einmal für immer mindestens 250 K״ und ein Stifter einmal für immer mindestens 2000 K