Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 626 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 42 befindlichen tätigen Bevölkerung aus Idealismus hicher gekommen. etw a gar aus Zionismus. Die wirklichen Zionist.cn in den Städten kann man an den Fingern abzählen, besonders wenn wir die abrechnen, die direkt oder indirekt davon leben. In dem Falle bleiben — ich schreibe es, auf die Gefahr hin. bei der orientalischen Vorstcllungsgabe eines Gesinnung?• genossen Anstoss zu erregen — erschreckend, wirklich blutwenig Zionisten. Und diese sind auch w ieder beruflich beschäitigt, sind teils persönlich eben nicht geeignet( von denen, die schliesslich nicht mehr wollen, ganz geschwiegen), teils haben sie auf einem speziellen Gebiete ziemlich viel geleistet. Aber die Menge der Zionisten fehlt, die überall organisatorisch und bessernd cingreift. Und so schreibe ich denn als meine traurige Uebcrzeugnng nieder, dass wir in wenig Ländern so wenig Zionisten haben als in Zion. « Vielleicht mit Unrecht habe ich mein Bcwelsveriahren contra Baedecker verlassen. Aber schliesslich ist nicht der Zweck, sich mit Reisehandbüchern umherzuzanken. Und wer eben ins Land kommt, wird selbst criahren, dass z. B. aus Holland fast gar keine Juden sind, aus Deutschland etwa 10־ Familien, während z. B. die Vereinigten Staaten (wenn man schon geringer vertretene Kontingente aufzählcn will) etwa 180 Familien zählen. Sie haben z. B. cina eigene Gemeinde. Dass auch jeder Fremde viel von den jüdischen Kolonien sprechen hört, wird man an Ort und Stelle bald merken. Der Bädeckcr beschränkt sich darauf, cn passant etwa im ganzen fünf Kolonien mit dein Namen zu nennen: C* est tout Währenu er über arabische Dörfer Seiten verliert Und schliesslich bin ich auch nicht angewiesen, die Un* richtigkeiten betreffs allgemeiner Fragen, die sich auf jeder Seite finden, in unserm zionistischen Blatte zu registrieren. Ich möchte nur z. B. darauf Hinweisen, dass Bädecker von den Juden auf Seite 21 sagt, ״die Juden leben grossenteils von den reichen Stiftungen europäischer Glaubensgenossen (Montefiore, Rothschild, AJIiance Israölite), wovon sie ihre Chalukah (Anteil) erhalten, um der Geber an heiliger Stätte zu gedenken.** Ich habe viel mit den sogenannten Chalukah-Juden gesprochen und habe dabei meine Anschauung teilweise geändert. Aus einer andern Ueberzeugung als die meine heraus halten sie eben den tflr den glücklichsten und den für den besten Juden, der immer lernen kann. Hier an heiliger Stätte ist natürben cer geeignetste Platz, den Talmud immer und immer wieder zu stuckeren. Aut meine Trage, was geschehen solle, wenn die westliehen Brüder kein oder nicht genügend Geld schicken, entgegnete man mir immer, j־a. dann werde man ein Geschäft ergreifen, ein Handwerk erlernen. Aber am besten sei cs, die heilige Schrift zu studieren und das wollten auch die, dass sie tun sollten, die das Geld schicken. Gegen diese Argumentation ist nichts einzuwenden, und so lange Geld geschickt wird, haben auch diese Leute Recht, es zu nehmen. Aber schliesslich heliea uns hier wiederum zwei glückliehe Umstände. Einesteils wandern viele Juden ein, so dass manche sehen, dass es sich vielleicht* besser leben lässt, w enn man arbeitet. Auf der andern Seite schafft die berühmte jüdisehe Fruchtbarkeit einen st» starken Nachwuchs, dass viele wohl oder übel sich um anderes Brot Umsehen müssen. Ein Teil von ihnen, oft sind es zwanzigjährige Menschen, die so lange nur gelernt haben, gibt die Geschäftsleute ab, ein Teil wird schon früher Handwerker. י (Fortsetzung folgt) ־־־־■ Rundschau Die Landkommission des Jto. Gemäss dem auf der letzten Jahreskonferenz, der Ito gefassten Beschlüsse hat sich nunmehr die hmter-Kommissimi konstituiert, die unter den Ansicdhmgsprojcktcn, die der ltn vorlicren sollen, nach sorgfältiger Brüning eine Auswahl treffen soll. Die Kommission besteht aus Lord Rothschild- London, Oscar Strauss - New York, .1 a!11 c s S i in o u und Dr. Paul N a t h a n-Berlin, Professor M a n d e I s t a m in- Kiew. Ausser dem früheren Mitgliede der Zionistischen Or-' ganisation Mandelstamm. ist also kein einziger in dieser K״mmission. der dem Zionismus jemals auch nur nahe gestanden hätte. Die Wiener NATIONALZF.ITUNG, die als .1 ii d i s c 11 c s Volksblatt schon Hcrz.l und den Zionismus bekämpft hat, gibt vor, der Jto zu dienen. Wenn aber ihre Mitteilungen über die Zugehörigkeit zur itoistisehtn Sache der Massstab ihrer Wahrheitsliebe bilden darf, s» wäre diese freilich gleich Null. Wie wir erfahren, soll jetzt der bisherige eigentlkh״• Inhaber von diesem Blatte sich zurückgezogen htben. Wie uns ferner niitgetcilt wird, hat sieh Baro.1 David G i n s b e r g in Petersburg der Ito angcsclilossen. Von Posen aus wird von angeblich zionistischer Seite ein Zirkular verbreitet, das unter falschen Angaben über Jie zionistische Presse zuni Abonnement der itoistisclien NATIONALZEITUNG auffordert. Es ist das aus dem Grunde bedauerlich, weil die NATION ALZEITUNO sich in immer höherem Masse die Geschehnisse, die ihm iti der Welt der Tatsachen leiden, durch Tatsachen der Druckerschwärze ergänzt. Die Itoistcn, die cs treu mit ihrer Sache mriiieii, kann man nur warnen, sich mit uiiauiriclitigeii Blättern einzulassen. Der Stil d >r Edelrasse Die DEUTSCHE TAGESZEITUNG hat einen feinen Stil an sich, einen Stil, wie er für das Blatt passt, das unter־ hcuchlerisehen Volkswohl- und anderen frommen Phrasen eine nackte und kaltberechnctc Privatinteressenpolitik verfolgt. Das Blatt endigt einen Artikel über .Russische Juden und Zigeuner“ mit folgenden Worten, wobei die hier fett gedruckten Worte, auch in der DEUTSCHEN TAGESZEITUNG im Druck hervorgehoben sind. ״Gegen das russische Juc!en״cslndel gibt es kr.utu einen Schutz. Denn werden heute mehrere eingesteckt, so kommen morgen unter freundlichem Geleit ihrer Glaubensgenossen in Deutschland und unter herzlichem Willkommen unserer Sozialdcniokratic einige Dutzend andere an, die es ihren Vorgängern gleich tun. sie womöglich noch fibertreffen.‘* Wir verwahren uns dagegen, die DEUTSCHE TAGES ZEITUNG für deutsch anzusehen. Rückkehr zur früheren Religion Brünn. Gemäss einer Entscheidung der Bezirkshauptmannschaft Mähriscli-Weisskirchen und der mährischen Statthaltcrei, dass ein Konfessionsloser, der zu seiner früheren Reh gion zurückkehren will, dies einfach bei dem Kultusvorstelicr oder bei dein Seelsorger jener Kultusgemeinde, in deren Sprengel er wohnhaft ist, anzumelden brauche, erstattete im vorigen Jahre der als tschechischer Parteimann bekannte, seinerzeit aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetretene Stöpselfabrikant Polak in Lcipnik den! dortigen Rabbiner Jie Anzeige, dass er wieder Jude werde. Diese Anzeige erfolgte auf offener Strasse, und, wie es in der vorliegenden Meldung heisst, in ungeziemender Weise. Demgegenüber stellte sich der damalige Kultusvorsteher in Lcipnik, Dr. Rokotnitz, auf den Standpunkt, dass, wenn sogar die Meldung in aller Form erfolgt wäre, dies zur Aufnahme in die jüdische Kultusge• nossenschaft nicht genügt haben würde. Er behauptete, dass zum Austritt aus einer Religionsgenosscnschaft allerdings die einfache Anmeldung bei der politischen Behörde genüge. Zur Aufnahme in eine Religionsgenossenscliaft sei die im Gesetz vorgesehene Anmeldung nur die unerlässliche Vorbedingung, sie bedeute aber nicht die Aufnahme selbst, diese könne viel- *nehr auch abgelehnt werden. Es stände im Widerspruch mit der Autonomie der Religionsgcnossenschaftcn. wenn sie b-.l Meldungen von Aufnahmswerbern nicht prüfen dürften, ob diese den durch ihre Satzungen vorgeschriebenen Bedingungen entsprochen. und wenn ihnen nicht das Recht zustehen sollte, die Aufnahme an die Erfüllung gewisser Bedingungen zu knüpfen oder auch zu verweigern. Das Ministerium, an das der Rekurs gegen die Entscheidung der Bezirkshauptmaruischaft ergriffen