Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1906)
- Date
- 1906-10-11
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 620 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 41 Nach einem äusserst wirkungsvollen, mit grossem Beifall aufgcnonim cren Schlusswort des Herrn Pr. Moses (Manuheimt erreichte de Versammlung kurz vor U Ihr ihr Hm*.*. Die öffentliche Abcndsltzung, die in dem grossen Saal der August-I^anicylogo stattfand, begann um halb 0 Uhr. Der Saal war gedrängt voll. In ihr sprach Herr Julius Simon über die Reform des Gebetbuches. Er polemisierte in scharfen'Worten gegen den Oberrat der Israeliten Bad .ms. der ein neues Gebetbuch verfasst habe, das seines spe/.Tsehjüdischen Charakters vollkommen entkleidet sei. Insbesondere sei der nationale Gebalt des Gebetbuches vo!!!2׳ ausgemerzt und all•: Hinw.isc auf die Volksgemeinschaft der .luden und auf ihre Hofimmtrcn inbeztte auf Palästina *׳•:cn mis dem Gebet* buch entfernt. Redner sieht hierin eine Fortsetzung der söge* raunten ..Authlärimgspcrioue“. die eine Verachtung jiidNeher Werte gelehrt und deren Resultat die Assimilation ganz r Volksteile zur Folge gell? *״».bc. Wenn der Oberrat das mau* eelnde jüdische Empfinden lediglich in dem geringen Svnacogenbesuch sehe und aus angeblich unmodcrreii Ocheten erkläre so gehe er d:11 feieren Ursachen descr für den Redner be* klagcnswcrten Erscheinung nicht nach. Gewiss müsse dieser Mangel konstatiert werden, aber die Arbeit des Oberrats, wie s:c sich in dem Gebetbuch zeige, werde dem mir weheren Vorschub Ic'stcn. Fs sei kein Bedürfnis für derartig. Reform* bestrebnngeu vorhanden. Ein Teil der Juden sei mdiifcrcnt geworden und nur ein neues Ideal, das der Redner im Ziotusmns s»cht, sei fähig, die Gleichgfdtigeu wieder einem Ubcud'gen jüdischen Empfinden zimiführ.׳'. Nur der nationale Gedanke, der im Zionismus zum Ausdruck komme. eestJtte es jedem einzelnen, nach seinem Gewissen zu leben und für seine Wcltautfassunc zu wirken und dennoch jüdisch zu!eben und iüdisch zu wirken. Pie Religion könne beute das emziee *bnJ nicht mehr se'n. Redner sucht nun a׳> einzelne•• Bei* spielen des bebräiseben Urtextes und d:r deutschen Heber- Setzung davon nachzuweisen, dass der Oberrat sich nicht nur von dem Bestreben leiten li /ssc die Gebete zu modernisieren sondern dass er auch eine unfreie Rücksichtnahme nach aussen und insbesondere auf die Beschuldigungen der ludem'e'nde zeige. Ferner zeigt Redner «an weiteren Beispielen, dass die Ueber- Setzungen d.s Oberrats, die zwar als freie, aber doch siimgcmüsse hingestelit wurden, zum Teil durchaus nicht dem Sinne des hebräischen Urtextes entsprechen würden. Das könne zu sehr bedauerlichen Konscouenzcn in den Schule:» fuhren, in denen der Oberrat das Gebetbuch auch für den Religionsunterricht cinzuführci! gedenkt. Redner bezeichnet dies als eine der ernstesten und bedenklichsten Seiten der Angelegenheit. Der Redner schliesst seine fast cmstfmdbgen Ausführungen mit den Worten: ..Pas Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein.“ Pie Anwesenden schienen die Ausiühnmeen des Redners vollkommen zu billigen, du ein starker Beif dl eiits.lztc. Pie Diskussion bot wesentliche Punkte nicht mehr dar. Schliesslich gelangte folgende Resolution mit »llen gegen eine Stimme zur Annahme: .Wir erblicken in dem Versuch, den nationalen Gehalt und die Hoiimmgen des indischen Volkes in bezug auf Palästina aus unseren altiib-rliefcrten Gebete׳! atis/umerzen, einen gewaltsamen Einern'! in den Ge:st dv; Judentums. D:escr Fingriff kann mir die :illerbelenkkchsten Folgen für die Entwicklung des Judentums nach s'ch zielten. Fr entwertet die idealst! 11 Antriebe aus unserer Vergangenheit und für unsere Zukunft.“ Um halb M Uhr schloss der Vorsitzende die Versammlung mit der Aufforderung dies:׳ heutige Protestkundgebung nur als einen Anfang zu betrachten und gemeinsam niit/uarbelten. damit die Versuche des Oberrats nicht zur Durchführung kämen. Das Jahr 5666 in der Geschichte der jüdischen Renaissance-Bewegung Von M. J. GUicksohn. Bern. Was das verflossene Jahr im Allgemeinen in der leidcns- reichen Geschichte Jsracls bedeute, was cs uns auf sozialem Gebiete in Form von katastrophalen Ereignissen und chronischen Leiden, an blutigen Verfolgungen und kränkender. zurficksctzciulcr Behandlung gebracht hat. weiss jeder Jude mir zu gut und braucht dem Leser dieser Blätter nicht erst gesagt zu werden Viel wichtiger aber als die passive Seite unserer Geschichte, die von andern gemacht wird, ist die aktive und die Jahresbilanz der national-politischen und nationalkultiirellen Bewegungen innerhalb des Judentums ist daher fiir dc;t modernen jüdischen Chronisten von besonderem Interesse. Leivier aber zeigte auch das politische und geistige Leben unseres Volkes •m abgchufcncii Jahre nicht die Fortschritte, die wir in den letzten Jahren auf diesem Gebiete zu verzeichnen gewohnt waren. Nicht allein, dass jede grossaugelegte organisierte und organisierende Arbeit nach dieser Richtung durch die Katastrophalen Ereignisse des Tages gelähmt wurden, sondern - - was noch viel schlimmer ist — cs machte sich überall noch geltend eine ungewöhnliche innere Zerrüttung und Zerfahrenheit, ein Irrewerden an den eigenen Gesinnungen. Voraussetzungen. Hoffnungen und Plänen, kurz citie unheimliche krankhafte Gärung, die die unschätzbaren positiven Ergebnisse des letzten Jahrzehnts unserer Geschichte in nichts zu verwandeln, oder doch wenigstens für Jahrzehnte hinaus lahm zu legen drohte. Oie Doktrin von der Autoemanzipation. der sich die besten und einsichtsvollsten Elemente unseres Volkes »»geschlossen hatten; die Überzeugung, dass nur eine selbständige nationale Politik, die nichts von der Gnade und der Gerechtigkeit unserer Wirtsvölker erwartet, dass nur die Schaffung eines eigenen politischen und kulturellen Zentrums das gesamte komplizierte Bfmdvl von .׳:!!״Jcnfragcn“ zu losen vermöchte wurde im Lärm und Wirrwarr des Tages übertem n.nd verdrängt. Allerhand konfuse ..Doktrinen'‘ und Schlagworte kamen auf. Achtzehnjährige Jünglinge mit wirren Köpfen und mangelhafter Bildung begannen die Judenfrage zu ..lösen“. Wie die Pilze schossen alltäglich neue ..Theori u" ־ dies die ׳'(!״che Bezeichnung fiir die krausen Kamtcgiesserckn der jugendlichen Brauseköpfe — und Parteien, die dann ihrerseits vermittelst weiterer Kombinationen 11ml Differenzierungen z» Neubildungen führten. Per Bund, die S $.. die P. Z. spalteten sich in unzählige Gruppen una Fraktion.!!, von denen jede ein anderes Rezept und ein anderes Programm zur Lösung der Judemrage »nt! natiVlic!) auch der Ailmenschbeitsfrage ־- empfiehlt, und es ist nunincb! geradezu unmöglich sich in diesem babylonischen Turmbau zurechtzmindcn: ja schon die Kenntnis der Zahl und der Nomenklatur all dieser Parteien bietet erhebliche Schwierigkeiteu. Pab-.-i ist die Möglichkeit weiterer Kombinationen dei vorhandenen ..Standpunkte“ mich lange nicht erschöpft. — Pie Wahrhaftigkeit und die historische Objektivität einer anbefangenen Revue fordert an dieser Stelle das traurige Gestandnis. dass auch diejenigen Kreise, die sich immer durch ein schärferes und tieferes Erfassen unseres nationalen Problems auszeichneten. letzt von der allgemeinen Verwirrung und Kop’ losigkeit ergriffen wurden. Männer, die im Dienste des nationalen Gedankens ergraut, deren Namen mit der Geschichte des Zionismus aufs engste verbunden sind, wurden von dem Strudel der Tagesereignisse so sehr mitgerissen, dass sie über die Gegenwart die Zukunft vergassen und nicht nur die zionistische Arbeit, sondern auch ihren zionistischen Standpunkt an den Nagel!längten und stark in ..Revolution“ machten. So musste cs nun zur merkwürdigen Erscheinung kommen dass neben einem merklichen Erstarken der allgemeinen zionistischen S t i nt tu u n g u r! d G c s i n n u n g bei den weiten Volksmassen, das infolge der traurigen Ereignisse.;,:c die Berechtigung des Zionismus in so furchtbarer Weise ad octilos demonstrierten, in die Erscheinung trat, die aktive zionistische Arbeit in diesem Jahre aus Mang״! a;1 organisatorischer und agitatorischer Tätigkeit seitens de.־ national gesinnten Intelligenz, die nun ganz von der ״Revo• lution“ absorbiert war, einen unzweifelhaften Rückgang zu verzeichnen hatte. Pie j ü d i sc 11 ־ n a t i o n a I e Presse tat auc1׳ h»־ Möglichstes, um die Geister zu — benebeln und das Verstau Jiiis fiir die Situation zii verwirren. Nachdem der FRAINP las salto mortale vom Zionismus zur Revolution gliickii'h gertiaJit hatte, folgten ihm in diesem Jahre nunmehr auch die meisten übrigen Organe, und es war lediglich Sache des Temperaments, wetm manche Zeitungen sich nicht cntschlicssen konnten, die Front offen zu wechseln und die siegreiche rote Fahne demonstrativ anstelle des bescheidenen blatt-weisscn Zions- ■ Wimpels aufzuhissen. Wäre nicht so viel Tragik an der Sache, müsste man es geradezu possierlich finden, wie dit Nachkommen des erfalirimgs- und glorreichsten Volkes auf Gottes weiter Erde über Nacht ihre ..Lehre“ vergessen konnten. 11:11 vor einem neuen selbstgemachten ..Egel“ in! Chorus Hvnutcn anzustimmii und in ihm das alleinige Heil zu suchen. Man verguss die Warnung des alten Propheten, nicht den Weg nach Miziaiiu. zu gehen, das Wasser des Schiehör zu trinken, nicht den Weg nach Ascliur zu gehen, des Euphrats Wasser zu trinken und opferte sielt für das Wohlergehen und buhlte um die Gunst der slavisclien Barbaren in der demütigend:!!, erniedrigenden Weise eines Schweinehirten, der in eine Prinzessin verliebt ist. —