Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1906)
- Date
- 1906-10-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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«•״«• JUEDISCHE RUNDSCHAU ־*י■« Aus der zionistischen Bewegung Süddeutscher Zionistentag Zur Zeit der spanischen Inquisition fanden sich unter den Juden in Spanien Schwache• genug. die sich, detn Zwange der Verhältnisse folgend, taufen Hessen. Fm Jahre M92 war aus Spanien der letzte Jude ausgewandert und noch 1755 wancierteil die Nachkommen der getauften Juden auf den Scl1:5tcrhäufen. In der Hauptstadt der Balcarcu-Inseln findet man einen Stamm von Menschern die aufs getreueste nach den Vorschriften der katholischen Religion leben und doch von der übrigen/3cvölkerung nicht voll geacht.t werden, sie wohnen in einem eigenen Viertel und können auch keinerlei Ehrenämter usw. erreichen. Es sind das die Nachkommen der 1192־ zu Kreuze gekrochenen Juden, die sich taufen Hessen. Das alles schreibt sich doch von nationalen Gegensätzen her. Man kann theoretisch streiten über das. was eine Nation ausmacht, praktisch lässt sich nicht leugnen, dass wir Juden als etwas anderes angesehen werden. Wir haben keine andere Sprache und keine andere Kultur, und doch werden wir nicht als gleichwertig angesehen. Wenn die Angehörigen unseres Stammes sagen, wir Zionisten seien unpatriotisch, so entspringt dieser Vorwurf lediglich der Angst; er ist ein Angstprodukt. Kein christlicher Mann hat uns Jemals diesen Vorwurf entgegengehalten. Die Ereignisse der lelzLn Jahre haben eine so beredte Sprache geführt. dass selbst Juden, die nicht unserer Ansicht waren, heute bereit sind, au unserer Aufgabe mitzuarbeiten, weil sie praktisch zur Einsicht kamen, es b!ei!>e nichts anderes übrig, als cii: Land zu finden, wo wir in einem Staatsgubilde vereint leben können. Seit 9 Jahren sagen wir immer wieder, dieses Land kann nur Palästina sein, ia cs muss Palästina sein. Freilich kamen wieder welche, die meinen: ״Diese Idee ist recht schön für die armen osteuropäischen Juden, uns deutsche Juden intcressiert das nicht.“ Denen ist zu antworten: Der Jude, der sich als Jude fühlt und stolz ist. von einem solch alten Kulturvolk abzus'.ammen. kann nicht sagen, die deutschen Juden gehen die Geschicke der .10 Millionen Glaubensgenossen in anderen Landern nichts an. weil cs uns zufälligerweise gut geht. Der Zion isrntis ist nicht nur nötig für d:c osteuropäischen Juden, sondern gerade auch für uns selbst. Man komme nicht mit der Mahnung, wir sollen uns assimilieren. Wir stehen als kltfine Zahl vor einem mächtigen Körner, den wir nicht hecinflusscn können: wir müssten unsere Eigenart vollständig aufgeben. selbstverständlich auch uncere Religion Da$ E»T»minden aller deutschen Juden ist aber, dass es im höchsten Gradt, י unmoralisch sei. sich selbst aufzugeben, um sich anderen anzuscl!l?cs<cn. Was würde das aber nützen? Einem Einzelnen vielleicht, wenn er eine Nas? besitzt, welche der Umgebung nicht auffällt, und wenn aus seinem Personalakt nicht hervorecht, dass er einen indischen Vornamen hat. D׳e Oes־m1th״:t würde aber ebenso betrachtet werden wie die Marannen. die Nachkoihmcn jener getauften Juden in Spanien. Diese getauften Angehörigen unserer Religio!! würden noch schlimmer dastehen als Ihre Väter. Diese konnten ihren Standpunkt wenn man sie angriif. als Juden noch verteidigen, was aber soll ein getaufter Jude antworte!»? Redner behandelt sodann die Stellung des getauften Juden in der heutigen Zeit und!licht geschickt eine Enisodc aus der russischen Duma ein. in der *ler nun ermordete Prof. Herzenstein, ein getaufter Jude, sich der indischen Fraktion anschloss bei der Wahl in eine Konimission jedoch von den indischer. Abgeordneten nicht als ihr Vertreter angesehen werden konnte. Welches Gefühl, sagt der Redner. muss Prof. Herzenstein gehabt haben, als ein Nicht- Jude (Petmnkcwilsch) in dcr Konmnssion erklärte, er verstehe es vollkommen, wenn die Juden Herrn Herzenstein nicht als Vertreter haben wollten. w-il er nur ein getaufter Jude sei. Und B'smarck bat In seinen Denkwürdigkeiten geschrieben, nur der orthodoxe Jude imponiere ihm. Dem ersten Kanzler cefiel das Geschlossene der Persönlichkeit des orthodoxen Juden. Dass einer einerseits Jude und dann wieder kein Jude sein will, das setzt uns in den Augen der Bevölkerung hr>rab. Und m unseren eigenen Augen? Man spricht vom Martyrium des Dorfiudcn. Das sind nicht lauter Fanatiker, diese Leute fühlen sich in ihrem Kreise zuhause. Wie ist cs heute? Wer hei Juden etwas gelten will, muss sich 111 nichHüd'schen Kreisen S'ünc Stellung erkanmfen. Ist er Vorstand. Schatzmeister etc. eines nlchtiiidischcn Vereins gewesen, dann hot er seine Befähicung zum Ocmcmdcrat bei der jüdischen Bevölkerung erbracht. (Lebhafte Zustimmung.) Zugeben muss Jeder Einsichtige, der Zionismus gibt uns unseren Stolz wieder, den manche, ia viele von uns verloren haben. Es ist durchaus kein Zufall, dass ln den letzten Jahren die Jüdische Aristokratie sich uns angcschlossen hat. Die Nachrieht von unserer Bewegung hat selbst in entfernten Ländern bei unseren Glaubensgenossen Freude und Hoffnung' erweckt. Hören Sic die Urteile von Männern, die gesehen haben, welche Wirkung die Nachricht von unseren Bestrebungen auf die Juden in Natal, Südafrika. Australien etc. gemacht hat. Der Zionismus gibt dem jüdischen Leben wieder einen Inhalt. In unseren Kreisen hört man d:e Frage: Warum wollt ihr nach Palästina gehen? Ja die Gegenfrage, warum wollen Sie nicht hingehen, wäre doch auch s;hr berechtigt. (Heiterkeit.) Haben wir nicht gelernt, ״führ’ uns zurück nach Palästina“ zu beten? Glauben Sie nicht, dass cs eine Riesenermunterur.g sein wird für die. die einst hinauswandern, wenn sie arbeiten an den Stätten, die Jedem von uns heilig sind? Man warf uns vor. wir seien zu bequem für körperliche Arbeit. Die Haltlosigkeit dieses Vorwurfs sehen wir an den Genossen, die als Kolonisten in den verschiedensten Ländern arbeiten. Im weiteren Verlauf seiner Rede legt der Referent dar, dass Palästina trotz anderer Angaben ein sehr fruchtbares Land sei, ein Land, das nur der Hände bedarf, um bebaut zu werden. Die vielen Probleme, die noch im Zionismus liegen, will Redner nicht weiter berühren, tr erinnert wie der verstorbene Führer der Zionisten, Dr. Herzl, mit den Herrschern der verschiedenen Staaten verhandelte und durch den Eindruck seiner Persönlichkeit Erfolge davontrug. Freilich, wer darauf rechnet dass in drei Jahren unsere Bestrebungen zum Ziel gelangen, der weiss nichts von den Gängen der europäischen Politik. Dringend nötig sei aber, um dem Ziele näher zu kommen, eine lebhafte Agitation unter den Juden selbst. Was die Juden leisten können durch Geschlossenheit im Vorgehen, das erläutert Redner an einem Beisph-1 aus Oesterreich, wo durch die Tätigkeit der Zionisten es erreicht wurde, dass man ln dem Wahlreform-Gesetzcntwurf den Juden eine Anzahl Sitze im Parlamente zubilligte. Die dcustche Judenheit hat die Verpflichtung, seine Aufmerksamkeit den Bestrebungen zur Verbesserung der Lage des jüdischen Volkes zu widmen und auch Mittel für diese grosse Sache zu gewähren. Schliessen Sie sich unseren Reihen an und arbeiten Sie mit uns. Der Weg ist zwar ein dornenvoller, das Ziel Ist so hoch, dass wir nicht sagen können, wann wir es erreichen. Eines aber wissen wir schon, die Arbeit für das gesteckte Ziel wird eine Befriedigung gewähren. Wir werden unser Ziel erreichen, weil ein fester Glaube und die Ueber- Zeugung von der Richtigkeit des Weges uns führen. Wo Ueberzeugung für die Durchsetzung einer gestellten Aufgabe herrscht da bleibt der Erfolg nie aus. (Anhaltender lebhafter Beifall.) Der nächste Redner. Herr Dr. Dreyfus (Kaiserslautern) ermuntert die Zuhörer, mitzuhelfen an den zionistischen Be- Strebungen. Für den Zionismus interessieren sich alle denkenden Menschen, denn er umfasse welttragende Aufgaben. Die Judenheit müsse sich mit dem Zionismus immer mehr befassen. Die verschiedenen Richtungen im Judentum dürfen s’ch nicht bekämpfen. Redner ermahnt in eindrucksvoller Art die Stamniesgcnossen. reichlich finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. In recht temperamentvoller Art behandelte Herr Rechtsar.walt Dr. Strauss (München) das Thema: ״Gibt es eine Judenfrage?" Seine Ausführungen liegen mehr auf praktischer Seite. Vor allem wendet sich der Redner gegen die Stammesgenossen, die die Reinheit der Motive der Zionisten anzwdifeln. Die Judenfrage sei eine ..Rassepfrage“. Dies moderne Schlagwort enthalte sehr viel Undefinierbares. Redner geht auf den Antisemitismus der Alldeutschen ein und führt die Stellung des Juden vor. wie er sic in den Augen der human denkenden Christen genlesst. Der Antisemitismus der gebildeten Klassen, dar von dem Stöckcrschen Antisemitismus weit entfernt sei. werde nicht so bald abwirtschaften er *ei keine Zeiterscheinung. Die Gegensätze zwischen Juden und den anderen Volksgenossen lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Die einzige Lösung bringt der Zionismus und das ist ׳־»uch seine werbende Kraft, dass er das AUemheilmUtel Ist. IMet der Zerstreuung haben die Juden zu leidin. Konzentration in irgend einem Teile dfcr Welt wird sie mächtig werden lassen. Der Zionismus will heute schon praktische Arbeit leisten. Es ist daher nötig, dass des Judentum finanzielle Mittel dem Nationalfond in immer reichlicherem Masse zuwende.