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Jüdische Rundschau · 1906-10-11 · Heft 41 (11.10.1906) · page 17

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 41 (11.10.1906)
Date
1906-10-11
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 41 JÜDISCHE RUNDSCHAU — t — || || - ־ Seite 621 Unsere Vorfahren im Ghetto hatten fiir ihre Feinde und Bedrücker eine gesunde, natürliche, wenn auch gutmütige Verachturig. Beute ist cs anders geworden. Mit der Verachtung fiir den Feind scheinen wir aber auch die Selbstachtung ver- Inrcii zu haben. Der ,.Kreise Israel“ macht einschmeichelnde Bücklinge vor seinen grimmigsten Feinden und seine Wortfülircr streiche!:• die struppige Mordbestic aufs Haupt. — Die Auguren der Presse krochen nach den Oktobercrcignisscn aus der Haut, um das russische Volk von der Schmach der Juden-!Metzeleien rein zu waschen und suchten alle Schuld lediglich und ausschliesslich auf Rechnung einer kleinen gewissenlosen Clique Von Machthabern zu setzen. Man leistete sich widc! besseres Wissen, den soziologischen Nonsens, die Gesamtheit des russischen Volkes in zwei Mächte cinzuteilcn, eine mystische böse Macht: Regierung und Polizei und eine gute Macht: das ganze übrige» Volk und fragte sich nicht, ob nicht die Regierung auch eigentlich ein Teil des Volkes wäre una wie es denn komme, dass die böse Macht immer Organe zu! Vollstreckung ihrer teuflischen Absichten finde und wo denn immer die gute Macht stecken bleibe, wenn der Mob in unsere Ghetti cindringt und seine Würgarbeit beginnt. Diese Taktik der falschen Propheten hatte natürlicherweise eine Verwirrung und Verdunkelung des Vulksbewusst- Seins zur Folge.!Man gab sich den gefährlichen und verwerfliehen Gedanken hin. dass das jüdische Volk seine Befreiung und Erlösung von allen Übeln einzig und allein vom russischen Volke zu erwarten hat: die russische Revolution wurde unser Messias. Aladjin und Genossen unser Sing und Sang. Unsere Duinaabceordnctcn de erste! jiidisclien Parlamentarier, die unter der Fahne des Natioraliuclcntums gewählt wurden! — trieben die gleiche kurzsichtige Politik. Aus übe! a:!;׳'•.brachten Rücksichten auf die übrigen freiheitlichen niemente der Duma — Rücksichten, die die Vertreter eines anderen, weniger unterdrückten Volkes, der Polen, keineswegs walten Hesse::! — hüllten sie sich lange Zeit in Schweigen und tmterliesscn cs. di.• grosse Jahrhunderte alte Anklage des verfolgten gehetzten Israel gegen seine Feinde zu erheben. _ Sie schöbet das entscheidende historische Wort, das ihre Wähler von ihnen erwarteten, so lange auf eine ..passende Oeleg.tihju:“ hinaus, bis die Duma auseinander gejagt wurde. Nur nach dem Byalisbker Pogrom traten sie aus ihrer Reserve, hatten aber auch dam! nicht den Mut. dem r u s s i ־ scheu Volke sein Sündenregister vorzuhalten, ihm all die Grausamkc'ten und Grcucltatcn. die cs uns zugefügt, ins Gesicht zu schleudern, sondern beschränkten sich darauf, gegen die Regierung in der üblichen We'sc der Kadetten loszuzielieu. Niemand wagte qs. der Byalistoker christlichen Bevölkenmg einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie. sofern sic sich nicht aktiv am Pogrom beteiligte, ganz tcilnahmlos der monströs.n Judenschlachtimg zusah. Auch die zionistischen Abgeordneten, von denen ihre Wähler eine würdigere, stolzere Vertretung der indischen Nation erwarten durften, bildeten leider hier:!! keine Ausnahme. Angesichts dieser Tatsache möchte man cs kaum wagen, mit einem Wina wer darüber zu rechten, dass er das Judentum in derselbe! V.Vsc vor dem russischen Volke gedemiitigt und crtiDdriet hat. w׳e sie d:e berüchtigten ״Schtadlonim“ alten Schlages der Regierung gegenüber praktizerten. iud.ni er sich nämlich in seiner Rede über Bvalistok in Komplimenten auf die Adresse der beben Russen erging und sich 711 der Behauptung verstieg die jüdische Nation hätte in ihrem Kampfe gegen ihr trauriges Geschick nur e'n־-M1 einzigen Bundesgenossen: das russische Volk! Wie wenig d e meisten indischen Dumamitglieder das in s:c gesetzte Vertrau.*n rechtfertigten. ze׳gt d e Tatsache, dass die!•ichtziomstischen Abgeordneten es abgelclmt haben, sieh rach Art der Vertreter aller anderen Völker im russischen Parlament zu einer einheitlichen jiidseh-rationalen Gruppe mit bildenden! Maforitätsl>esehluss in jüdischen Fragen zusammenzutuu. trotz eines dahingehenden Beschlusses einer allgemeinen Konferenz des Verband 3 iür d'c Gleichberechtigung der Juden: ja sic erklarten sogar, als die Konferenz die bctrcneidc Rcso>1׳t:«n fasste ihren Austritt aus den! Verband und eine ihnen gleichgesinnte starke Minorität der Konferenz tat das gleiche, so dass sich die zionistische Majorität gezwungen sah. den gefassten Beschluss wieder aufzuheben, um nicht den Verband in die Bruch.׳; geben zu lassen. — Diese allgemeine unglückselige Umwertung der Werte wa» vielleicht nicht w eniger als die traurige Lage schuld daran, dass Jede Tätigkeit auf dem Gebiete der n a t i o - na len Kultur und F. r Ziehung in diesem Jahre so sehr vernachlässigt wurde. Die hebräische F* r e s s e lind Literatur traten ganz in den Hintergrund. Der falsche Demokratismus unserer radikalen Parteien verkündete emphatisch die Erhebung des Umgangsidioms, des Jargons, zu unserer nationalen Sprache und eröffnete einen erbitterteil gehässigen Kampf gegen das Hebräische; nur bürgerliche Romantik könne fiir eine tote Sprache und ein totes Land schwärmen. das klassenbewusste Proletariat müsse gegen solche reaktionäre Auswüchse ankämpfen, etc. etc. Die hebräischen Organe stellten mit verschwindend geringen Ausnahmen zeitweilig oder definitiv ihr Erscheinen ein, die namhaftesten hebräischen Schriftsteller und Publizisten zogen sich von der Bühne des öffentlichen Lebens zurück oder gingen unter die Jargonisten und suchten ihr Heil und — Brot bei den Jargonblättern mit dem Boulevardcharakter. Den literarischen Markt beherrschten die ..Kopekc"-Brosehiireu und die Proklamationcnlitcratur der radikalen Parteien. krause Schreibereien. gespickt mit missverstandenen und unverdauten national-ökonomischen und politischen Schlagworten, die unsere frischgebaekencn Soziologen in Schwung brachten. Die ״vereinzelten Ähren“ aber, will sagen die wenigen jüdischen jungen Leute, die nicht vor dem modernen Baal knieten und ganze stolze und trotzige Julien bleiben wollten, mussten sich —־ da das einz.ige in Russland erscheinende hebräische Organ sic!! dem Inhalte nach nur wenig von einer allgemeinen russischen Zeitung radikaler Prägung unterscheidet t!m eine bescheiden•.• hebräische Monatschrift scharen, die einige idealistische junge Leute in London unter grossen Opfern gründeten und unterhalten. Die Heftchen des IfA.MEORER sind das einzige Sprachrohr der kleinen Gideon- Armee: sic allein v iss.:: von grossem Judenschmerz und Judenhofiiiung zu erzählen. — So sah es im grossen und ganzen in diesem Jahre aus. Glücklicherweise aber blieb die Reaktion gegen die allgemeine Verblendung nicht aus und die national-politische und.kulturelle Bilanz, des verflossenen Jahres hat auch beachtenswerte Aktiva 711 verzeichnen. Zu ‘diesen gehört meines Erachtens in erster Reihe d i t P a 1 ä s t i n a ־ P i o n i c r e ־ B c w e g u n g, die ohne jedes Hinzutun seitens der führenden zionistischen Elemente weite Kreise der Arbeiterklasse sowohl wie des Mittelstrandes ergriffen und sich in der Gründung von Vereinen und Kartellen zwecks Niederlassung in Palästina geäussert hat. Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang ein Kartell vor• r׳Y> Emigranten, das sich im O s t j o r d a!! I a!1 d — welches bekanntlich fast ganz menschenleer ist und noch für hunderttausende Menschen Platz hat — grosse Ländereien zu fabclhalt billigen Preisen 'erworben und somit der Kolonisation ein neues Gebiet erschlossen hat. (Schluss folgt.) —I Aus den Ortsgruppen ן— Berlin. In der Berliner Zionistischen Vereinigung berichtetc der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. Arthur Handtkc über die Kölner Jalireskonfcrenz. und über den Mannheimer Süddeutschen Zionistcntag. Eine lehhaite Debatte schloss sich an die interessanten Ausführungen Hantkes an. Memel. Im hiesfven Verein für jüdische Geschichte und Literatur hi:lt Di. Ht in rieh Locwe -Berlin einen Vortrag über das Thema ״Kreuz und quer durch Palästina." Königsberg. Königsberger Zionistische Vereinigung Sonnabend, den 13. d. Mts., abends SU> Uhr, findet im Hotel Masie. Hintere Vorst. 5t. unsere Generalversammlung statt. Tagesordnung: Berichte und Wahlen. Um zahlreiches Er• scheinen wird gebeten. Kön'gsberg. (Verspätet.) Am 2ö. Sept. hatten w ir die Freude, endlich auch einmal Herrn Dr. Heinrich Locwe bei 1ms begrüssen zu können. Er hielt •in Artushof vor einer grossen Zuhörerschaft einen Vortrag über Palästina, in den! er cs nicht nur verstand, durch Vorführung trefflicher Lichtbilder uns von dem heutigen Palästina ein plastisches Bild zu geben, sondern nur durch die Hinweise auf die nationale Vergangenheit :?es Landes und der Perspektive auf die Zukunft für das jüdische Volk zugleich auch einen wirkungsvollen Agitationsabend hereitete. Nach den! Vortrag lud der V.J.St. seinen A.H. Heinrich L«kwvc in den Ncbcnräiimen des Artushof zu einem Kommers ein. Der Gast hielt eine Ansprache, in der er auf die Anfänge des V.J.St. zurnckgehend. betonte» dass die Gründung des V.J.St. eine Tat war. die die Ehre der jüdischen Studenten erforderte, und die Hoffnung aussprach, dass seine Geschichte sich dieser Tendenz stets würdig zeigen möge. Eine anregende Fidelitas unter den! geistreichen Präsidium Loewes schloss die Kneipe. Strassburg L Eis. Im Anschluss an den Süddeutschen Zionistcntag findet am. Sonntag, den 21. Oktober, nachmittags » f *RM0PI

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