Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1906)
- Date
- 1906-10-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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a 1 Seite 614 JÜDISCHE RUNDSCHAU_No. 41 Auf diese Zuschrift und zugleich als Antwort auf das Eingesandt des Zionistischen Zentralkomitees erwidert die LIBERALE KORRESPONDENZ in einem Artikel, der in» ANHALTER TAGEBLATT in folgender Weise erscheint: Der Zionismus Das Zionistische Zentralkomitee crljisst in der Presse eine Erklärung, in der es unter Bezugnahme aut den Liberalen Verein der Berliner indischen Gemeinde gegen die zionistischen Be- Strebungen glauben zu machen sucht, die zionistische Beweguug erstrebe, entsprechend dem grundlegend.n Baseler Programm, einzig und allein ,.eine öffentlich-rechtliche Heimjtatte der Juden in Palästina••. Das ist leider nicht ganz riehtig. Die Herren Zionisten befinden sich entweder in einer Selbsttäuschung oder sic wollen die Aufmerksamkeit der Oeficntlidikeit von ihrer nebenher in Deutschland betriebenen nationalen Propaganda geflissentlich ablenken. Die letztere Tätigkeit der Zionisten ist aber, wie die deutschen Juden selbst sehr bald erkannt haben, immer mehr in den Vordergrund getreten. , Was dem Zionismus von den Juden in Deutschland (wir haben nur das Urteil eines angesehenen jüdischen Vereins wiedergegeben) mit Recht zum Vorwurf gemacht wird, ist, dass er in Deutschland ein jüdisches Volkstum wiederbelebcn will, das die erdrückende Mehrheit der deutschen Juden längst abgestreift hat und nach dem sie sich keineswegs mehr zurfickseimt. weil sie sich eben als vollwertige Deutsche fühlen. Die Zionisten erstreben dagegen ausgesprochener Massen eine nationale W iedergeburt durch die Betonung des jüdischen Volkstums; in Konsequenz dieses Standpunktes suchen sie selbst dort, wo schon gesellschaftlich eine weitgehende Ver- Schmelzung zwischen Juden und Christen stattgeimiden hat, die* Juden von ihren deutschen Volksgenossen wieder loszutrennen. Sie gründen jüdische Turnvereine auch dort, wo bisher in den allgemeinen Turnvereinen zwischen jüdischen und niehtjfidischen Mitgliedern die schönste Harmonie herrschte pnd Judep sogar leitende Steilungen in»? hatten. Diese gewaltsame Z.rrciss!mg des nationalen Bundes, ist Christen und Juden in Deutschland weit gefährlicher als das utopistisclie Ziel einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte in Palästina; diese Forderung der Zionisten entstammt übrigens keineswegs religiösen Motiven, sondern in erster Linie der Betonung des Stanimcsbewusstseins. Die deutschen Juden haben aber nur ein Vaterland und begehren kein anderes. Deswegen hat auch der liberale Verein der Berliner jüdischen Gemeinde durch seinen Referenten mit Recht betont: ״Deutschland ist unsre Heimat, an der wir mit innigster Liebe hängen, mit deren Wohl unser eigenes Wohl fest verwachsen ist, an die uns die heiligsten Bande knüpfen. Wir glauben, dass unwillkürlich eine Lockerung dieser Bande eintritt, wenn heisse Selmsticht nach einem spezifisch jüdischen Vatej-Iandc die Gemüter erfüllt, wenn unserer Juge.nd als Endziel des politischen Strcbens ein jüdischer Staat in Aussicht gestellt wird.“ Dje deutschen Juden haben aber um so mehr Veranlassurig. sich gegen diese nationalen ,Absonderungsgelüste der Zionist.it mit aller Schärfe zu wenden, weil die andersgläubigen Gegner der Juden, die Antisemiten, aus der zionistischen Agitation den Beweis für ihre Behauptung!!erholen, dass die deutschen Juden trotz aller Loyalitütsbestrchuhgen sich doch nicht als Deutsche fühlet!! sondern einer fremden Nationalität angehören und angchürcn wollen. Gegenüber diesen durchaus unwahren Behauptungen, denen freilich die Zionisten durch ihre Agitation in Deutschland leider einen Schein von Berechtigung geben, bekennen eben die deutschen Juden in ihrer erdrückenden Mehrheit, dass ihnen das Judentum eine Religionsgemeinschaft und keine Nationalität ist, dass eine jüdisch-nationale Frage für sie nicht existiert und dass keine Kunst der Dialektik sie in der Ueberzetigung wankend machen kann, dass der Zionismus unheilvolle Wege wandelt. Welche grosse Rolle übrigens gerade die deutschen Juden als Kulturträger des Deutschtums z. B. in den gemischtsprachliqlten Provinzen des Ostens spielen, zeigt recht anschaulich ein Vergleich der Besuchsziffern der neugegründeteii Akadcmie in Posen. Die Akademie ist als Zcntra'stüttc deutsche! Kultur gedacht. Ihre Hörer sollen Pioniere des Deutschtums sein. Das ist eine Aufgabe, für die gewisse Kreise unsere jüdischen Mitbürger nicht für fähig halten, interessant ist mm in dieser Hinsicht das Hörerverzeichnis der Akademie zu Posen. Nach den kürzlich veröffentlichten Angaben des preussisclicn Kultusministeriums gehören von insgesamt 1139 männlichen und weiblichen Zuhörern 6-14־ der evangelischen, 196 der katholischen und 299 der jüdischen Religion an: also nicht weniger als 25 Prozent aller Zuhörer sind Mitglieder des Judentums, das doch nur wenig mehr als 2 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Soweit die LIBERALE KORRESPONDENZ. Es wäre eigentlich angebracht, diese wunderbare Rechnung auf ihre Rcclienfebler naclizuprüieii. Auch könnte es der LIBERALEN KORRESPONDENZ nicht schaden, wenn man ihr einmal die Augen öffnete über die Posener Akademie und ihre jüdischen Hörerinnen. Das ANHALTER TAGEBLATT brachte statt dessen die sehr beachtenswerte Zuschrift eines hochangcscheuen »ich tzionistischen Jiuh-11. die in folgender Weise zum Abdruck kommt: Zur Frage des Zionismus wird dem DESSAUER TAGEBLATT aus dem Leserkreise gc schrieben: ״Der Zionismus ist in Deutschland hauptsächlich unter den nicht sehr zahlreichen russischen und galizischen Juden verbreitet. Wem! sich diese aus der Heimat geflüchteten Massen, denen nach einem stillschweigenden Abkommen unter den deutschen Bundesstaat״.־ selbst in der zweiten Generation noch nicht die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen wird, die, wie es in Preussen einst unter Puttkamer geschah, von Rechts wegen jeden Tag aus Deutschland ausgcwiesen werden könneu. nach einer rechtlich gesicherten Heimstätte selmen, welcher billig Denkende möchte ihnen das verübeln? Unter den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens sind cs namcntlieh Akademiker, die einen starken Hang zum Zionismus zeigen. Diese Erscheinung zeigt durch ihr Dasein dem Kenner auch den Grund ihres Entstehens: die von allen Seiten zurückgewiesenen jüdische» Studenten machen cs, wie einst die Geusen, sie nehmen sich als Heerzeichen, was man am meisten an ihnen verachtete, sie werden Vorkämpfer des Judentums in Gistalt des Zionismus. Niemals ist es aber einem deutschen Zionisten cingeialien, mit der Aufforderung^ zum Beitritt zu seiner Bewegung die Aufforderung zum Abfall vom Deutschtum zu verbind.־!!. Ich kenne natioaaüiberale und freisinnige Zionisten, erstere auch in führender Stellung. Mit den Begriffen; ״Volk, Stamm. Nation“ kann man leicht Unheil aurichten, denn es gibt kaum Worte, der.!! Inhalt umstrittener ist. Keineswegs aber will der offizielle Zionismus der deutschen Juden ein Volkstum aufrichten, wie es die Polen und Dänen tun, in dem Sinne nämlich, dass es von! Deutschtum abgewendet werde«.. Auf dem deutschen •Zionistenkougress in Hannover ist nicht beschlossen worden, eine jüdische, politische Partei zu gründen, nirgends ist in den zionistischen Zeitungen von einem solchen Beschlüsse zu lesen. Ob irgend ein übereifriger Wirrkopf eine derartige Anregung gegeben hat. weiss ich nicht; sie könnte aber niemals der Uesamtpartu zur Last fallen, dem! welche IJartei ist vor solchen Ausschreitungen sicher? Die deutschen Zionisten betonen (!) die doch mm einmal vorhandene gemeinsame Abstammung ebenso, wie heute noch viele vor hundert Jahren eingewanderte Deutsche in Atnerika (!) ihre deutsche Abstammung hochhalten und dennoch gute Bürger der Vereinigten Staaten sind. Sie wollen, dass der deutsche Jude nicht bloss aus menschlichem Mitgefühl, nicht bloss aus dem Gefühl der Glaubensgemeinschaft heraus dem Ostjudcn helfe!!, sondern aus dem Gefühl der Stammes g.nieinschaft. der StammespflichL Sie führen dem deutschen Juden vor Augen, dass diese Pflicht gegen den gemeinsamen Stamm gebiete, die Ostjudcn in Sicherheit zu bringen, damit nicht immer neue Ströme ans dem jüdischen Osten sich über Mittel- und Westeuropa ergiessen und die hier von den Juden bereits eroberte Gleichberechtigung in Geiahr bringen. Die Antisemiten freilich bauschen diese Betonung der Stammesgemeinscliaft im Sinne politischen Volkstums aui. Aber weiche Lüge haben die Antisemiten über Juden noch nicht aufgebracht? Es gibt dann eben eine antisemitische Verleumdung mehr, über die dem Volke die Augen geöffnet werden müssen. Zuzugeben ist. dass auch unter den Zionisten, die nicht an vorderster Stelle stehen, sagen wir unter den zionistischen ״Unter- Offizieren“ hier und da Unklarheit über die Zwecke der Bewegung herrscht, die sich in phantastischen Vorstellungen von einem ,.indischen Volke“ äussert. Solche Vorgänge haben abe! alle grossen Kulturbcwcgungen miteinander gemein. Und auch der Zionismus erfüllt eine Kulturmission. indem er die Sorgen für die Ostjudcn von den schwachen Planken des Mitleids und der Religionsgemeinschaft auf den sichern Boden der Pflicht und ־־*׳um des Rechts schiebt. Was dariil>er hiiiausgeht. werden die deutschen Juden bis auf einzelne Schwärmer nicht mitmachn. Bei den feierlichen Protesten des Bcrliner liberalen Vereins darf man nicht vergessen, dass dieser Verein hauptsächlich die G.meindewahlen macht lind dabei in den Zionisten zumeist Gegner erblickt. Wenn sich hie und da ein jüdischer Turnverein auftut. so werden die Liberalen aller Konfessionen dieselben Bedenken gegen solche Gründung haben, wie gegen evangelische oder katholische oder polnische Turn- T