Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1906)
- Date
- 1906-10-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 613 No. 41 keine Anhänger gefunden hat, und. dass sollte zu denken geben! Nun aber ist Herr Dr. Vogelstein der Meinung, dass Zionismus und Patriotismus sich nicht vertragen können. Herr Dr. Vogelstein gestatte mir daher, seinem schönen Gleichnis vom Eltcrnhausc ein anderes entgcgcnzuhaltcn. Der Angestellte eines Geschäftes wird mit Lust und Liebe für dieses Hans tätig sein, auch wenn er die Absicht hat. sich später einmal selbständig zu machen. Und ich sage vielleicht nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass sich mancher von uns. verärgert über die vielen unverdiaiteu Zurücksetzungen, die den Juden auf Schritt und Tritt zuteil werden, den staatsumstürzlcrischeu Parteien aitgeschlossen hätte, wenn ihn nicht der Zionismus gelehrt hätte, dass der Antisemitismus zu tief in־: Volkscharakter begründet wäre, als dass er so bald ausgeglichen werden könnte, und dass die Juden nur durch Lauterkeit und musterhaften Lebenswandel sich die Anerkennung der Nichtiuden erringen können. Ob der Antrag vom hannoverschen DeL'giertentage eine wahnwitzige Idee gewesen ist. soll hier nicht untersucht werden; jedenfalls wurden zielbewusste Juden uns im Parlamente mehr nützen können, als *solche. dL sich bei für uns Juden wichtigen Angelegenheiten ausschweigen. Auch ob wirklich die Orthodoxie dem Zionismus so fern steht zu untersuchen, würde zu weit inhren, doch betone iclt dass eine sehr grosse Anzahl von orthodoxen Rabbinern namentlich auch in Russland, sich unserer Sache angeschlosscn haben. ־ Nur etwas möchte ich noch crwfihuen. Herr Dr. Vogelstein sagt, wir schrauben das Rad der Zeit zurück und liessen die Lehren der Geschichte unberücksichtigt. Und leint uns nicht gerade unsere leider so traurige Gcschichte, dass wir stets verfolgt und bedrückt wurden, weil wir eine Minorität, ein Fremdkörper, in den uns umgebenden Nationen gc\v׳esen sind? Gönne man doch endlich dem jüdschen Märtyrcrvolke die Rahe, verhelfe mail uns zur Schaffung eines Staates, in dein wir nach •unseren Sitten und Gebräuchen leben könn.n. als freie Menschen, als ganze Juden. Wohl mag iüi־ viele Juden der Wunsch .לשנה ״באד בירושתם eine Phrase geworden sein, doch bei uns kommt er aus dem Herzen, und jene alte Liebe für unser Heimatland, und jene Sehnsucht nach endlicher Befreiung von Leiden und Knechtschaft hat kräftigen Ausdruck gefunden im Baseler Programm, das für unser Volk eine gesicherte Heimstätte in Palästina zu erstreben sucht. Man glaube nicht, dass wir. wenn wir sehen, dass unser Wunsch nicht gleich in Erfüllung geht, uns ungeduldig von unserer Sache und überhaupt vom Judentumc abwenden werden. Auch Rom ist nicht an einem Tage erbaut, und sollte das jüdische Volk, welches schon fast 2w0 Jahre nach Erlösung lechzt verzagen, weil 10 Jahre praktischer und politischer Arbeit seinen Wunsch nicht erfüllt haben? Nein, so denkt man zu klein von uns. Der grosse Moment darf und soll kein kleines Geschlecht finden. In straffer Selbstzucht. in harter Arbeit für uns und unsre Brüder auf der ganzen Welt, wollen wir uns vorbereiteii auf den erhabenen Moment der die Lösung bringt einer der schwierigsten und schmerzcnsreichsten Fragen, auf den Tag. an dem die Judenfrage gelüst sein wird. Mit Bedauern haben wir jungen Zionisten cs stets empfunden, dass den verehrten Herrn Dr. Vogelstein, in dieser jüdischen Prinzipienfrage auf entgegengesetztem Standpunkte wussten, doch gehen die Meinungen hierbei auch auseinander, unserer ausgezeichneten Hochachtung möge er versichert bleiben. Stettin. Im September 1906. Erich freyer. Eine Polemik Unter allen den zahlreichen Polemiken, die in der Provinz, sich infolge der n der LIBERALEN KORRESPONDENZ cingc• streuten Angriffs auf den Zionismus ist von besonderem Inieressc eine kleine Polemik in der Dessauer Presse und dort insbesondere im ANHALTER TAGEBLATT. Wir geben diese Polemik hier wieder, weil sie ein interessantes Beispiel der heute sich abspiclenden Kontroversen ist. und wohl geignet ist, an Stelle anderer hier zum Abdruck zu gelangen. Denn es wäre unmöglich, auch nur die zahlreichen Blätter und ihre Acusserungcn zu registrieren, die sich an dieser Debatte beteiligen. . Nachdem zuerst die auf Vogelstcins Angrifi basierte Korrespondenz der LIBERALEN KORRESPONDENZ zum Abdruck im ANHALTER TAGEBLATT gekommen ist, erwidert ein Zionist daselbst in folgender Weise: Wir erhalten folgende Zuschrift: Dessau. 26. S ptember 1906. Sehr geehrter Herr Redakteur! In Ihrem Blatte Nr. 225 drucken Sic die Stelle eines Vor• träges ab, in dem der Liberale Verein fiir Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin dem Zionismus so unw ichtig, dass es nicht verlohnt, sich, mit ihm auseinanderzus.-tzen. Ueber den Zionismus sind von niassgebendster Seite ganz andere Urteile gefällt worden. Es sei nur der Ausspruch des Grossherzogs von Baden erwähnt. zu dem jetzt ganz Deutschland mit Verehrung emporblickt. Dieser gew׳iss echt deutsche und frei• heitlich gesinnte hohe Herr sagt: ,,Die zionistische Bewegung ist von Bedeutung und bedarf einer krättigen Unterstützung. Leider haben die Regierungen noch nicht das ganz richtige Verständnis für die Sache, aber es muss mit der Zeit kommen. Für unsere deutschen Juden brauchen wir gottlob solche Zufluchtsstätte-* nicht, aber für ihre Glaubensgenossen im Osten und Norden.“ Herr v. Gerlach tut den Ausspruch: ״Ich halte den Zionismus für eine Bewegung, die von dem hohen Idealismus ihrer Urheber zeugt.“ Peter Rosegger sagt: ״Der Zionismus ist eine Bewegung, die zu fördern einfach Menschenpfiicht ist, nicht mehr oder minder.‘‘ Sie sehen also, dass der Zionismus gar keine Ursache hat, sich mit dem ״Liberalen Verein für AngelegcH-eit der jüdischen Gemeinde in Berlin‘‘ zu streiten. Wenn wir diese Notiz an Sie senden, geschieht es lediglich, um Sie über einige Irrtiimer aufzuklären. Zunächst möchten sich die deutschen Zionisten, die auf dem Delegiertentag in Hannover versammelt waren, durchaus verbitten, dass man an ihrer deutschen Gesinnung auch nur im Geringsteil zweifle. Die deutschen Zionisten in Hannover haben ihre Arbeit mit der Absendung eines Telegramms an Sc. Maj. de!, deutschen Kaiser begonnen, in dem sie ihre unwandelbare Treue zu Kaiser und Reich atissprachen. Dieses Telegramm hat der deutsche Kaiser aufs Huldvollste erwidert. Wenn ir! Hannover die Gründung einer jüdisch-nationalen Organisation angeregt wurde, ■so glaubten die Antragsteller dadurch ihre Rechte, die man ihnen, wie Sie. Herr Redakteur, selbst zugestehen, vielfach vorenthält, besser wahren zu können, als selbst der Liberalismus bis jetzt es zu tun im Stande gewesen war. Die deutschen Zionisten stehen treu zu Kaiser und Reich und sind bereit. Gut und Blut für ihr deutsches Vaterland zu opfern, mindestens so wie der ״Liberale Verein für Angelegen- Iteiten der jüdischen Gemeinde in Berlin“. Wenn sie aber neben ihrer unzweifelhaften vaterländischen Gesinnung noch ein Herz für ihre Stammesbrüder haben, die man trotz tausendjähriger Niederlassung in ihren bisherigen Heimatländern wie die Hammel hingeschlachtet, so wird ihnen das kein ehrlieber Deutscher verargen.. Für diese unglücklichen Stammesgenossen wollen die deutschen Zionisten eine gesicherte und menschenw ürdige Heimstätte schaffen. In diesem Kulturwerk spricht sich mehr Deutschtum aus als in der Angstmacherei der Männer im ..Liberalen Verein für Angelegenheiten der jiTdisehen Gemeinde in Berlin“. Mit vorzüglicher Hochachtung Ein deutscher Zionist. (Naclischrift der Redaktion.) Wir haben entsprechendden Wünschen des Herrn Einsenders seine Ausführungen wortgetreu wiedergegeben, müssen aber anfügen, dass sie die in unserm, von durchaus liberaler und gerecht denkender Seite herrührenden Artikel ausgesprochene Befürchtung, dass der Zionismus mit seinem Plan der Gründung einer national-jüdisehen Landesorganisation als politische und wirtschaftliche Interessenvertretung der Juden in Deutschland geradezu Wasser auf die jVtühlen der Antisemiten treibt, keineswegs entkräften. Der von uns gebrachte Artikel ist im wohlverstandenen Interesse des Judentums geschrieben. Umso bedauer• licher scheint uns. dass die Ausführungen des Herrn Einsenders unnötige und unberechtigte Angriffe auf den Liberalismus riehten, wo doch der Hauptton darauf zu legen ist, dass die Warnung vor unklugem Uebereifer im Zionismus aus jüdischen Kreisen selbst erhoben wurde. Wenn auch der Liberalismus die Gleichberechtigung üct jüdischen Staatsbürger bisher praktisch nicht hat durchsetzen können so ist das richtig. Aber der Liberalismus hat bisher in Preusscn-Deutschland noch nie die Regierungsgesehäite geführt, noch nie bestimmenden Einiluss auf die Verwaltung gehabt. Das dürfte ja wohl auch dem Herrn Einsender bekannt sein, ebenso wie die Tatsache, dass gerade auch einflussreiche jüdische Kreise zur Stärkung einer konservativen Regierung in Preusscn-Deutschland wesentlieh mit beigetragen haben.