Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1906)
- Date
- 1906-10-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU• No. 41 Seite 612 können, dass sich an dieser Stelle Dummheit, Roheit und Oemciuheit aufs Wildeste auslcbt. Zum Schluss durfte ich auch Räume sehen, jedoch nur durch das Schlüsselloch, wo die drei Tiere bei der Gehurt Jesus gestanden sind. Die Türe ist zugesperrt, damit die griechischcn Brüder nicht hcreiukommen. Ich verlicss an vielen türkischen Wachen vorbei diese Stätten christlicher Nächstenliebe. _ Vielleicht dar!' ich anschliessend und gewissermass.-n zur Erläuterung und Dokumenticrung dass ich den menschlichen Geist nicht immer als hochstehend anerkenne, sagen, d iss in dein benachbarten Jerusalem ein eifriger Scelentaug für das Christentum betrieben wird. Da sich die Sache lohnt, so bleiben die Erfolge nicht inune!- aus. Mau sollte nicht so kleinlieh sein und diese Erfolge ihnen missgönnen. Bedauerlich ist bei diesen Renegaten nur, dass sic einmal zu uns gehörten. Dagegen ist der jüdische Bauer natürlich das gewünschte Element des Produzenten. Wir wollen gar nicht von Rischon sprechen. Bier begriissten die Damen den Baron bei seiner letzten Anwesenheit in seidenen Gewändern, so dass die Baronin, die ganz einfach gekleidet war, etwas verwundert dreingesehen haben soll. Aber auch der einfache jüdische Bauer hat und muss ge- Wisse Lebensbedürfnisse zeigen, welche einen grösseren Um fang des städtischen Handelsgeschäftes und der etwa im Lande befindlichen Industrie bedingen. Bis jetzt hatten vorerst von den Kolonien nur die Kaufleute Nutzen, die w iederum die bcschränkten Quanten Ware via Beyrut oder Konstantinopel aus England, Deutschland oder Oesterreich bezogen. Neuerdings hört man hier allerdings viel von beabsichtigten industrielle! Unternehmungen, von denen einzelne schon eingerichtet sind und auch Arbeit finden. Eine grössere Zahl ist geplant. Ehe ich mich hierüber verbreite, noch ein Wort über die Frage, ob die Kolonien überhaupt jemals sich selbständig halten und, wie ich angezeigt, als Konsumenten in Frage kommen werden. Darüber kann wohl kein Zweifel bestehen, wenn man die deutschen Ansiedelungen betrachtet. Sie alle bei Jaffa, Jerusalem, Heupha repräsentieren einen Typus von Dörfern, die man wohl In Deutschland zu den wohlhabenderen zählet: dfirite. Grund und Boden ist teilweise ganz der nämliche, wie der, auf dem unsere Kolonien stehen. Die Gründe, weshalb die jüdischen Ansiedler nicht so reüssieren wie die deutschen Bauern, sind ja recht bekannt und schon früher gestreift, so dass sie hier nur wieder,angedeutet werden können. Es ist also nicht cinzusehen, weshalb die jüdischen Dörfer nicht das gewünschte Konsumtions-Element bilden sollten. Und schliesslich müssen auch die stärksten Pessimisten zugeben, dass schon heute eine Reihe jüdischer Flecken ln ihrer Ent- Wicklung einen ganz, gesunden wirtschaftlichen Stand erreicht haben. Und nun zu den jüdischen Fabriken. Um diese aufzu zählen, müsste man allerdings länger im Lande sein. Allein nach dem Vorausgegangtnen bedingten die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes keine Fabriken. Trotzdem habe ich einzelne Fabrikanten gesprochen, die sich im Lande ansicdeln wollen. Einen derselben, mit dem ich eine Woche verkehrte, lernte ich recht gut kertnen. Ich ,möchte nun einiges, was ich von Ihm hörte, an diese Stelle setzen. Der Fabrikant hat eine Fabrik in der Textilbranche in einer grossen russischen Stadt, die sein ältester Sohn weiterführen wird. Die übrige Familie siedelt zur Zeit in unser Land über. Ich darf mitteilen, dass fast alle Leute, die ich sprach und die Zionisten sind, begeistert waren von Palästina. ״Wir sind hielicr gekommen, um als Pioniere in einem unwirtlichen Lande tätig zu sein und wir finden europäische Städte, in denen wir mit Tausenden von Juden leben und arbeiten werden. Das Klima ist gesund, die Lebcnsverhäitnissc günstige und überall schon europäischer Komfort Unser Fabrikant nun lässt seinen?,weiten Sohn in Deutsch-!and sowohl praktisch arbeiten, wie sieh theoretisch ausbilden, damit er zugleich seinen eigenen Werkmeister hat. Inzwischen wird er seine Fabrik l auen, Wohnung suchen, Webstühle bestellen, das Land bereisen, um die Ware und die Kundschaft kennen zu lernen. Bis er selbst zu arbeiten anfangen wird, soll mindestens ein Jahr verstreichen. (Fortsetzung folgt.) Dr. Vogelstein und der Zionismus Obwohl ich der Meinung bin, dass au! Dr. Vogclsteins kürzlich veröffentlichte Schrift: »Der Zionismus, eine Gefahr für die gedeihliche Entwickelung des Judentums** in der zio- 1:istischcn Presse eine Anzahl Entgegnungen erscheinen werden*), darf auch ich mir vielleicht gestatten, das Wort in dieser Sache zu ergreifen, weil ich zu jener Jugend gehöre, die sicti. im Gegensätze zu tinsern meist liberal gesonnen Gemeindemitgliedern. dem Ziomsmus abgeschlossen hat. und da ich für die Ausbreitung dieses irhaboucn Gedankens unter der jiidisehen Jugend gerade in der Stadt tätig bin. in der der verehrte Herr Dr. Vogeist.in als Rabbiner wirkt. Ur.d im weiteren Ge ge!'•saue zu Seiner Ansicht, dass der Zionismus eine Gefahr für d!e gedeihliche Entwickelung des Judentums se:. möge nur gistattet sein, mit wenigen Worten :!:eine Ansicht zu heg! in.Jen. die dahin geht, dass der Zionismus die einzige Möglichkeit ist. die jüdische Jugend dein Judentum•.: zu erhalten. Auch Herrn Dr. Vogclstein kann die Beobachtung nicht uitgangen sein, dass das Interesse unter der jüdischen Jugend immer mehr in Seilwinden begriffen ist. und wenn es vorkonin:»1! kann, dass siel! va:1 allen jüdischen Schülern der Prima eines Gymnasiums, d.r.en die von! ..Deutsch-Israelitisch, n Geuicindebuudc“ herausgegebene Schrift über Gabriel Riesscr kostenlos zu״ Verfügung gestellt wird, nur zwei findet! — bezeichnenderweise beides Zionisten —. die cs der Mühe wert erachten, sch das Buch zu hoLu. so zeigt dieser hcdaucrliche Vorfall, dass den jüdischen Schülern heutzutage die Anteilnahme an jüdischen Dingen verloren gegangen ist obwohl sie doch sonst für alle möglichen Dinge so leicht z,u begeistern sind. Und wer diese Interesseulosigkeit in Schülerkteisen mit Bedauern empfindet, der wird, falls er Gelegenheit hat, in die Kreise der jungen jüdischen Kauilcufc zu kommen, mit tiefem Schmerze konstatieren können, dass hier nicht 1 ur ein grenzenloser Indiffcrentismus Platz cegritien hat nein, man verspottet in diesen Kreisen viellach alles jüdische, und die Bezeichnung von jüdischen Antisemiten ist hier leider nur allz.11 treffend. Und in gereciitcr Würdigung dieser Erscheinungen sollte mau, dürfte man nicht behaupten, dass die Anteilnahme der Jvgcml am Judentume. die w ir Zio: ist.!! zu erwecken versucht haben und zugegeben*, rmassen mit Erfolg versucht haben, wirklich so unbedeutend wäre, um sie als Linsengericht z.u bczeichnen, gegenüber der Verwirklichung einer Aufgabe, die ihr Ziel darin sieht, die jüdische Gotteserkenntnis über den ganzen Erdboden zu verbreiten. Denn ohne Juden — kein Judentum. Und wer wollte das Judentum verbreiten und andere zu ihm bekehren — fast scheint es mir, als wenn ich in der Religionsstunde gelernt hätte, dass cs Juden nie als ihre Aufgabe betrachtet haben. Proselyten zu machen — wer sollte, frage ich. die jüdische Rtl'gion weiterverbreiten, wenn immer mehr Juden ihre angestammte Religion im Stiche lassen. Denn vom Indiiicruitisuuis zur Taufe ist nur ein kleiner Schritt, und wie viele schon heute diesen Schritt tun. lehrt die Statistik mit erschreckender Deutlichkeit. Und sollte dieser Gedanke Herrn Dr. Vogclsteins von der Aufgabe des Judentums wirklich Lebenskraft besitzen, so käme cs auf den Versuch an. ihn der Jugend, d׳e wir dem Judentume zu erhalten suchen, vorzustclleti; die Jugend ist ja so leicht entzündlich, wieso nicht auch hierfür. Doch ich will zugeben, dass gerade dieser• Gedanke unter der Jugend bisher fast gar *) Der Artikel ging bereits für No. 39 bei uns ein. konnte aber Raummangels halber nicht sofort gedruckt werden.