Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-10-11 · Heft 41 (11.10.1906) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 41 (11.10.1906)
Date
1906-10-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651488--04032-2660986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 41 Seite ölt JÜDISCHE RUNDSCHAU Jerusalem. i Wirtschaftliches Leben. Bevor ich noch 7u meinem eigentlichen Thema das Wort ergreife, niücbte ich kurz einige oft gehörte Vorwürfe zurückweiser.. Für den Fremden ist es natürlich schwer, ein richtig״«» Urteil über Land und Leute abzugeben. Besonders dürfte der Reisende, der nur mit dem Büdecker in der Hand, von einem Dragoman begleit.■t, pflichtschuldigst die ausgetretenen Pfade gebt nur in modernen Gasthöicn absteigt und in europäischer Gesellschaft verkehrt, sein Urteil nach den Ars:-c ixt gen der Hoteliers, der Fremdenführer und der Reisehandbücher fällen. Wie wenig verlässlich 2. B. selbst das Buch ist, das alljährlich aus Deutschland in grösster Menge in alle Länder verschleppt wird, sollen einige S't.Üen aus dem berühmten Büdecker (Palästina und Syrien vom Jahre 190-1, neueste Auflage) zeigen. Eingangs werden die Bewohner des heiligen Landes aufgeführt, wobei den Juden nur wenige Zeilen gewidmet sind. Hier lesen wir, dass ,die Juden des Orients!11 verschiedene Klassen zerfallen. In die Sephardim, d. 11. spanisch-portugiesischen Juden, und die Aschkciiazim. Diese stammen aus Russland, (iaüzien, Ungarn, Böhmen, Deutschland und Holland. Sie zerfallen wieder in Peruschim (Pharisäer) und Chassidim.“ Ls folgen noch einige Worte, die von ganz geringer Bedeutung sind. l:s ist wohl selbstverständlich, dass in dieser kurzen Spalte über die Juden nicht viele Unrichtigkeiten stecken können, der grösste Felder ist eben, dass so vieles Wichtige fehlt! Aber auch die Anffibrung. dass die orien.taiisJien Juden auch aus Böhmen und Deutschland und Holland kommen, dürfte sich ebenso rechtfertigen lassen, wenn man von den deutschen Juden sagen würde, sic stammten aus den Vereinigten Staaten, der Schweiz und Italien. Im ganzen Orient gibt es prozentuaüter so wenig Juden ans dem westlichen Kuiopa, dass sic bei einer solchen Aniiiihnmg vernachlässigt werden müssen. Wir Zionisten können hoffen, dass mit der Zeit auch aus diesen l.ämLrn ein nennenswerter Zuzug zu erwarten ist. Heute aber spielen neben den sepliardLsclten und russischen Juden nur noch au einigen Orten die rumänischen und ästet!eichisclieii eine untergeordnete Rolle. Aber das wäre' schliesslich Nebensache. Wenn wir nur etwas von der kolonisatorischen und haudeiswirtscliaftlichen Tätigkeit der Juden hören würden. In erster Linie ist selbst dem Fremden, der sich etw as im Lande bewegt, auffallend, dass er auf den Strassen, au der Eisenbahn, in den Städten europäisch gekleidete Bauern trifft. Der Kontrast zwischen ihnen und den Arabern ist ein derartiger, dass mau ihn mit Willen nicht fibersehen kann. Der jüdische Bauer macht Geschäfte, nimmt und lässt wiederum Geld zurück. Es Ist ein modernes Publikum, das für die Entwicklung des Landes unbedingt notig ist. Denn der Absatz von Fabriken, von Jen Geschäften an die paar Städte, deren Bevölkerung teilweise sich seihst aus Paupers (Arabern und Chahikah-Juden) zusammensetzt, allein für ein stärkeres Gedeihen von Industrien und des Handels zu wenig. Wenn nicht auch damit Hand in Hand ein Erstarken einer kauffähigen Landbevölkerung geht, wenn nicht der Aushau der Vcrkehrsvcrhältnisse in alle Winke! des Landes und nach dem benachbarten Syrien und Ägypten sich vollziehen würde, könnte man ruhig behaupten, dass grössere Fabriken in die Luit gebaut würden. Demi w0׳ sollten sie absetzen? Sollten hier zu Lande Betriebe eingerichtet werden für hundetttausende Mark, damit der Markt von Jatia und Jerusalem, der jährlich noch nicht einmal soviel konsumiert wie v’iue Stadt in Deutschland, die 50 000 Einwohner zählt, versorgt wird? Man denke nur! Der Araber lebt von Brot und Frücht:«. Das ist seine Nahrung tagaus, tageiu. Fleisch isst er au?, wenn sein Vieh krepiert. Seine Bekleidung ist eine mehr als dürftige. Als die Juden in den siebziger Jahren 111s Lai•! kamen,!lief er fast nackt umher. Seine Wohnung bildet eiae kleine Lehmhütte, in der du schwerlich viele gekaufte Gegenstände finden wirst. Sein \Vt:b lebt womöglich ein no-׳> tristeres Lebe•;!. Ihren Hauptschmuck, einige Glasperlen uni Ringe, bezieht sie aus arabischen Fabriken von Hebron, in dem Talmudjudenium, dass jemand, der die Schritt kann, alles werden könne. Einzelne, heute nicht seltene Fälle, zeigtei; es ja. Karn da zum Beispiel zu einem Unternehmer, der etwas malen liess, ein Geselle des Anstreichers, dem er cs übergehen hatte und bot ihn! an, ihn billiger zu bedienen. Verwundert iragte ihn der Bauherr, ob er es denn überhaupt könne, er lerne doch selbst. ״Nuir, meinte unser Ex-Talmudist, ״ich lerne schon sechs Wochen bei dem Meister und länger hat der seinerzeit auch nicht gelernt.“ Soll man sich da wundern, wenn das Handwerk noch vieliach von Nichtjudcii ausgetiilirt wird? Wir sind eben noch nicht tüchtiger, oft direkt weniger fähig, als z. B. die Araber. Ich selbst konnte mich bei einem Besuch der grossen Synagogen überzeugen, dass der dortige Anstreicher seine eigenen Lar bei! wieder wegkratzen dar!, weil sie abspringen. Der mich bcgl.itciide Kunstmaler machte mich auf die Ligurcn aufmerksam, die ein Jünger des Bezalel in die Synagoge gemalt hat. Nun wird aucii das unter dem Pinsel des Malers faücu und statt künstlerischer Dekoration werden einfache Linseleien angebracht werden. Allmählich geht auf der ganzen Linie das Gcschäitslcben in jüdische Hände über. Vorerst ist eigentlich alles Zufall, alles von selbst. Organisation gibt es nicht, Das Handwerk wird durch die Alliance-Schulen etwas unterstützt, aber diese Ausbildung, die mau in Deutschland erfährt, fehlt hier in den meisten Fällen. Die Grundspekulanteu sind meist Juden, hauptsächlich in den letziin Jahren eingewandert. Und das ist auch gut für uns. Diim wenn sich die Klöster eines Stückchens erst bemächtigt haben, so geben sie es nicht mehr heraus. Und bei dem Reichtum der Anstalten und der Angehörigkeit zu irgend einem fremden Staat ist und wird cs selbst bei Erreichung eines Gartens unmöglich sein, ihnen das Land abzunelimen. Und wenn nicht die starke jüdische Einwanderung gewesen wäre, die die Juden veranlasst, gezwungen hat, Boden in Jeru- Salem zu kaufen, wäre vielleicht heute das Stadtbild in Christliehen Händen und die Stadt judenrein. So aber erhebt sich von Jahr zu Jahr um die Mauern der Stadt und die Klöster herum eine neue Kolonie au der andern und lässt dadurch auch rein äiisserlich die Stadt in indischen Besitz und einen jüdischen Charakter kommen. Leider gibt cs auch Fälle, wo reiche Spagnolcn eines höheren Preises wegen unsern Boden an Klöster verkaufen, die überall sofort eine Kirche hinbauen. Bei den vielen Konfessionen, Sekten, Orden und dergleichen vermehrt sich die Zahl der Kirchen auch ständig. Die neuesten sind sehenswert. Die alten verschwinden im Häusergewirr. Die eigentliche Grabeskirehe habe ich nicht besichtigt, da ich mich nicht so sehr dafür interessierte, um mich zuerst lauge als Christ vorzustellcn. 111 ihr sind schon viele religiöse Morde geschehen. Wehe dem Juden, von dem sic genau wussten, dass er zu uns gehört. Haben die Mönche sogar den Führer der letzten jüdischen Reisegesellschaft, die recht viele Menschen waren, eiiwn Christen blutig geschlagen. Ein Pendant dazu bietet Bethlehem, wo mich ein biederer Münchener Klosterbruder führte. An dem Oorte, wo vor fast zwei Jahrtausend der geboren worden sein soll, der seinen Jüngern die Lehre gab. ״liebet nicht nur einander, sondern auch eure Feinde,“ stehen muslimische Soldaten mit dem Mordgewehr in der Hand, die jedoch auch nicht immer verhindern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.