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Jüdische Rundschau · 1906-10-04 · Heft 40 (4.10.1906) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 40 (4.10.1906)
Date
1906-10-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 602 No. 40 JÜDISCHE RUNDSCHAU jiigung. die ein russischer Pope an seine Gemeinde gehalten J hat. Danach hat der liebevolle Geistliche gesagt: j ״Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen! Meine liebe Gemeinde! Wir haben heute iiir den Zaren und unser heiliges Russland gebetet indem wir zum lieben Gott die flehentliche Bitte gesandt haben, dass er die Juden vertilge und befiele unser heilige Land von verderbenj bringenden Leuten. Wie Ihr schon gehört habt, ist iiir unser liebes ן Russland eine schwere, traurige Zeit gekommen; denn cs erschienet! verschiedene Teufel und es ist aus der Mitte der Erde eine Menge verschiedenartiges Gewürm hercmgekrochen. weldies in Menschengestalt aui unserer heiligen Erde umherkriecht, um unser heiliges russisches Blut auszusaugen. Aber ich. als Euer geistlicher Vater, bin gezwungen. Eucli zu sagen, wer diese Feinde sind; cs sind dies nämlich verschiedene Studeuten* die Intelligenz und das Judentum. Und ich sage Euch, als der Vertreter Gottes, haut sie nieder, tötet und vernichtet diese Heiden. Gott, der Allmächtige, wird Euch in Zukunft s?in Paradies geben, und der Zar. unser Väterchen, wird Euch Lqnd schenken, und es wird alsdann Friede und Reichtum in Russland sein, denn es wird niemanden geben, der unser teures russisches Blut aussaugen wollte. Ich höre, dass Ihr alle berzlichst schluchzt, das heisst. Ihr habt meine Worte ycrstanden und ich hofic. dass Ihr so tun werdet, wie ich Euch gesagt habe. Nehmt Euch als Beispiel den Sohn Gotes. Jesus Christus, dem unsere heilige Kirche geweiht ist. Denn Jesus Christus gehörte zu unserem heiligen orthodoxen Glauben und war ein echter Russe, wie Ihr selbst es seid; denn er ist im Gouvernement Kursk geboren worden, beiläufig gesagt, im Zentrum des russischen Landes. Und. was das wichtigste.* ist, war er d.i Regierung frcundl.ch gesinnt, denn er starb nicht! ohne Rang, sogar mit hohem Rang, denn er war Geheimer Rat und Ritter vieler russischer Orden. Und so. meine Lieben und rechten Russen, gedenket, dass wir auf heiliger Erde leben, und icj! hone, dass meine Worte nicht fruchtlos, nicht vergehlieh sein werden, und ich!ordere Euch aui. zu den Waffen, zun! Kampf mit den Feinden des russischen Landes. Und heute, als zum Anfang unserer Erlösung, geht alle wie ein Mann ins Gasthaus, trinkt aus Freude so viel wie möglich Schnaps, denn er ist staatlich, und auf diese Weise werdet Dir einen grossen Gefallen unserem geliebten Zaren erweisen. Ich gebe Euch, meiner heiligen Gemeinde, meinen Se^cn im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!״ | Eines Kommentars bedarf diese oratorischc Leistung wohl nicht. Echt russische Männer | Petersburg. 18. September. Gestern stand in der NOWOJE VVREMJA folgendes Telegramm aus K i s c!1 i 11 c w. das die Kischinewer Abteilung des ״V e r b a 11 d e s d c s russischen Volkes״ an den Zaren gesandt hat: j ״Grosser Herrscher! Die Verttlgnug des Ministers der Volksaufktärung fiber die Aufhebung der Prozentnorm bei Aufnähme von Juden in Lehranstalten hatte die russische Bevölkerung unvorbereitet getroffen; viele Russen fanden in den Lehranstalten keinen Platz, da diese von Juden besetzt ' waren. Durch diesen Umstand niedergedrückt, erkühnt sich der Vorstand der Kischinewer Abteilung des Verbandes der! russischen Volkes. Dich« Herrscher, anzuflehen, den Ministei j zu richten, der gewagt. Deinem Willen zuwider zu handeln.! und dadurch der Bevölkerung ein verbrecherisches Beispiel 1 von respektwidriger Stellungnahme zum Gesetz zu geben. Das radikale Abendblatt SSEWODNJA meint, zu eine! anderen Zeit wäre das eine lustige Anekdote. Ein Häuflein provinzialer politischer Kannegiesser. meist stumpfe und fanatische Leute mit einem nicht mehr einwandsfreien I Renommee und mit immer ״echtrussischen“ Namen, wie Kruschewan. Jerchan. Schtscherban usw. lauter rumänische Emigranten, versuchen cs. die Schick- I sale Russlands zu entscheiden. Aber im Hinblick auf die Ereignisse der letzten Tage ist das Blatt geneigt, eine ernstere * Stellung zu Auslassung der hessarabischen ..Patrioten“ zu j nehmen. Es erinnert daran, dass der berüchtigte Purischke | witsch, auch ein Bessarabier, der den Posten eines Beisitzers ( des ״patriotischen" Verbandes bekleidet, den Gouverneuren; ..Befehle* versandt upü den Gencralgouverncurcn Verweise erteilt hat, die sich beeilten, ihm ihre Entschuldigung zu machen. Derselbe Purischkewitsch. der die Verfügungen des Stadtliauptroänos ebenso ignoriert wie das Gesetz, hat seiner Zeit eine!, gedruckten ״Ukas“ erlassen, in dem er jeden mit Körperstrafe | bedroht, der es wagen sollte, vor der hiesigen Teehalle des Verbandes zu demonstrieren. Graf Konownizyn. der Vorstand iks Odessaer Verbandes, crliess eine Bekanntmachung, in | welcher er darauf hiuwies, dass jede ״verdächtige Persönlichkeit", die sich ihm auf der Strasse nähern sollte, von seinen Leibwächtern niedergeschossen werde. Pcrner erinnert das Blatt auch an den Vorsitzenden des Kicwcr Verbandes des russischen Volkes, Herrn Jiisefowitsch. der an den Kaiser Wilhelm in einem Telegramm vor dem Grafen Witte warnte und eine Antwort bekam. Schliesslich weist die SZEWODNJA noch darauf hin. dass das kleine Blättchen OBJEDINENIJE (Einigung) die oberste Gewalt mit Rache bedroht habe, wem! sie nicht die Anschauung des ..patriotischen" ״Verbandes des russischen Volkes" teilen sollte. Diese Tatsachen, schliefst das angeführte Blatt, veranlassen zu sehr crn'.em Nachdenken und zwingen elbst mit dem albernen Telegramm aus Kischiuew zu rechnu, das Gericht über einen Minister fordert, der ein. 1t durchaus gesetzmässigen Akt vollzogen hat. Die Huligans Petersburg. IS. Sept. Die NOWOJE WREMJA bespricht heute das Treiben des arbeitsscheuen Gesindels, das das Leben in den Städten, namentlich in der Provinz, unerträglich mache. Das Blatt macht sich dabei lächerlich, indem es die Schuld iiir die Entwicklung dieses ״fünften" Elements Maxim Gorki zuschient ,weil er angeblich den ״Stand der Diebe, Zuhälter und ähnlicher Subjekte" glorifiziert habe. Dieser Unsinn braucht nicht widerlegt zu werden, zumal kein Zweifel darüber herrschen kann, wie das Huliganunwesen um stell gegriffen hat. Lauge bevor die politischen Zustände sich zum Ausbruch einer offenen Revolution, die sich infolge reaktioärer Bestrebungen in eine Anarchie verwandelte. zugespitzt hatten, gal» cs überall, so auch in Petersburg arbeitsseJiguc. dem Alkohol ergebene Leute, die durch Bettel und gelegentlichen Diebstahl ihr Leben fristeten. Des Mordes waren die allermeisten wohl nur im Affekt i; zig und viele würden, wem; mau sie :11 ein Arbeitshaus gestr .kt hätte, wohl noch der Gesellschaft gerettet werden können.. Statt nun den Kampf gegen Bettel und Vagabondigc durch Gründung von Arbeitshäusern und dergl. zu beginnen, beschränkte sich die Administration darauf, sic ner Schub in eine der nach• steil Städte abzufertigeii. wo sie ihrem Schicksal überlassen blieben. Es dauerte dann je nach der Entfernung 3 -8 Tage, bis sie sich wieder in die Gressstadt zuriickgebettelt hatten, um ihr Treiben von neuem zu beginnen, wieder abgeschoben zu werden, wieder zurftckzukehreu und so in infinitum. Da begannen die politischen Zustände sich schnell zuzuspitzen. Man brauchte*..patriotischc**M a n i f cs t a!11 cחי** und was lag näher, als sich an diese Parias zu wenden,'die sieh plötzlich zum ‘Mittelpunkt eines Interesses gemacht sahen. Die Polizei, die sie früher wie Wölfe gejagt ha'tte, fing an, wie die russische Wendung heisst ״ihre Köpfchen zu streicheln‘*, es gab Schnaps, gelegentlich auch Geld und vor allem fragte man sie nicht mehr nach Lcgitimationspapieren und liess sit unbehindert in den Städten, um sie nötigen Falls gleich bei de! Hand zu haben, sei es nun, dass man sie brauchte, um die Arbeiter während eines Streiks zu diskreditieren, das kritiklose Publikum einzuschrecken, iitdeni man sie sich für Arbeiter ausgeben.,. und in drohendem Tone betteln Hess oder aTer ״Patriotistnus" zu markieren. A11$ diesem Gesindel, das schnell durch halbw üchsige Burschen. Zuhälter, die cs hier erst gibt, seitdem die auf den Strassen von der Polizei gehetzten Prosti• tuierten eines Verteidigers gegen die Roheit der Schutzleute bedurften, vergrössert wurde, wirbt auch das ..patriotische" Schwarze Hundert seine Scharen, die mit Abzeichen und Waffen versehen, sich als Rechtspersonen mit gew ährlcisteter Unantastbarkeit zu fühlen und dementsprechend dreist zu werden beginnen. Nach und nach ist dieses Gesindel, das allüberall von der Administration gehätschelt wird und dessen Rolle bei den Pogroms bekannt ist. zu einer Gefahr geworden, die die Administration selbst einmal erkennen wird, wenn es zu einem Zusammenstoss zwischen ihr und dem Gesindel kommt, und dass es dazu kommt. Ist nur eine Frage der Zeit. Das!st die Entstehungsgeschichte des russischen Hooliganen- Wesens, das mit Gorkis Schriften nicht das Geringste zu tun hat. Keine Emanzipation der Juden Berl'n, 22. September. Die RUSSSICHE KORRESPON- DENZ erhält das nachstehende Telegramm aus Petersbürg: Die Nachrichten englischer Blätter über die Entanz i o a t i o 11 der Jude n sind vollständig aus der Luft gegriffe!». Die Unterredung des'Ministerprüsidenton Stolypin mit leitenden jüdischen Persönlichkeiten gibt keinen Anlass, s o I c he m Oer »V c 111 Glauben zu schenke n. Tatsächlich befindet sich die Regierung vollkommen unter dem Einfluss der Schwarzen Hundert. Der Minister für Volksaufklärung. Kaufmann, der in einigen Hochschulen die Bcscliränkling in bezug auf den Prozentsatz der aufz11nel1!110r״de!1 Juden aufgehoben bat. entschuldigte sich offiziell dem Verband des I I יו•

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