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Jüdische Rundschau · 1906-10-04 · Heft 40 (4.10.1906) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 40 (4.10.1906)
Date
1906-10-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 40־ JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 599 für den ärmsten Bevölkcrungsteil. für die russischen Bauernniasscn. So hat die Emanzipation des Handwerks vorn Kunden, die auf der einen Seite die Entwicklung der Heimarbeit hervorgebracht hat. auf der anderen Seite dazu geführt, dass die grösste Zahl der Handwerker zur Verfertigung von Erzeugnissen für den Massenabsatz fibcrgegangcn ist. Denn der Handwerker kann nur so lange die Produkte für individuelle Bedürfnisse erzeugen, solange er für einen bestimmten Konsumenten, für seinen Kunden arbeitet, dessen Geschmack und Forderungen ihm vorher bekannt sind. Dies wird ihm aber unmöglich, sobald er seine Produkte ohne jegliche vorherige Bestellung zum Absatz für einen unbekannten Markt verfertigen muss. Seine beschränkten Mitte• erlauben ihm nicht, seine Produktion so mannigfaltig zu gestalten, dass sic der ganzen Latitude der Schwankungen des individuellen Geschmackes angepasst werden könnte. Dieses wäre nur dem Vorsteher des Handels- und Betriebskapitals, dem Magaziiiuntcrncluncr möglich, der den Absatz von Erzeugnissen im grossen Umfange organisieren kann. Dieser kamt in bestimmten Normen jede Abweichung des individuellen und entwickelten Geschmackes fassen, er kann einen festen und bestimmten Charakter auch den zufälligsten Schwankungen verleihen. Kraft dieses Vorzuges kan!, der Magazinunternehnier' sich immer mehr und mehr den individuellen Konsumenten als Kunden gewinnen, indem er ihm die breiteste Auswahl von Erzeugnissen bieten kann, während dem Handwerker nichts übrig bleibt, als entweder zur Heimarbeit für den Magazinunternehnier iiberzugehen und seine Selbständigkeit zu verlieren oder einen solchen Konsumenten zu finde(]. der noch keine individuellen Forderungen stellt. So giugcu die jüdischen Handwerker immer!nelir und mehr zur Verfertigung von anspruchslosen Erzeugnissen über uni wandteil sich immer mehr dem .Massenkoiisumenteu zu. Diesen Masscnkoiisunicnten landen sic in den breiten Bauernschichten. Die Gleichartigkeit des bäuerlichen Konsums gibt dem Handwerker die Gewissheit, dyss seine Produkte in der Bauern-!nasse sicheren Absatz finden werden, und die Notwendigkeit für einen unbestimmtea Konsumenten zu arbeiten wird dem Handwerker dadurch kompensiert, dass er imstande ist, die schlichten Forderungen dieses Abnehmers . vorauszusehen, welche mir so unbedeutende Abweichungen zulassen, dass auch die beschränkten Mittel des Handwerkers sie erfassen können. Kleine Handwerker (Kusturi) verfertigen für die Bauern sowohl Kleidung. Schuhwarcn, Pelzschuhe, Mützen als auch einige primitive Ackerbaugeräte, die auf den nächsten Jahrmärkten den Bauern verkauft werden. Ohne Zweifel wird der Magaziniinteriiehnier mit der Zeit auch den bäuerlichen Konsumenten' gewinnen, aber das Resultat dieser komplizierten Entwicklung ist und bleibt die Gewinnung der Millionen zählenden Bauern als Abnehmer für ein Gewerbe, das organisch aus dem jiidi■ sehen Handwerk entstanden ist. Es sind zwei Momente hervorzuheben, die dieses Gewerbe vorteilhaft vo!» anderen Gewerben auszeichiien. Dasselbe um• fasst einerseits das Gebiet des Massenabsatzes. Von jener grossen Rolle, die die qualifizierten Arbeiter in der allgemeinen Arbeiterbewegung spielen, wollen wir ein anderes Mal spreehen; hier wollen wir nur die wirtschaftliche Bedeutung dieses F’aktors erwähnen, die eben darin besteht, dass die qualifizierteil Arbeiter am wenigsten voi. der Konkurrenz der arbeitslosen Reservearmee und des ländlichen Proletariats zu leider! iiabai. Das sehen wir ja an der einfachen Tatsache, dass die Bauermnasse die Erzeugnisse des städtischen jüdischen Handwerkers kauft. Auf der anderen Seite ,leidet dieses Gewerbe als eins für den Massenabsatz bestimmtes am wenigsten von den schroffen Schwankungen des Marktes und. was am Allerwichtigsten ist — es muss sich unvermeidlich weiter entwickeln in dem Masse, in dem das Niveau des bäuerlichen Wohlstandes steigt. Kein einziger Industriezweig hat so sehr, wie gerade dieses jüdische Gewerbe, unter der Finanzpolitik des ablehr.eciden Regimes, unter der Politik von Wischnegradsky und Witte, die die Bauermnasse bis zur Erschöpfung gebracht hat, gelitten, und kein einziges Gewerbe in Russland wird so sehr durch den Sieg der!neuen Prinzipien aufblühen. Während die künstlich hervorgerufene südliche Bergindustrie ihre Produktion bedeutend beschränken, wenn überhaupt nicht gänzlich zu Grunde gehen wird, sobald die protektionistische Politik und die staatlichen Bestellungen und Subsidicn aufhören werden, wird dieses Gewerbe sich erst dann zu entwickeln und seine ganze potenzielle Kraft zu entfalten beginne«. Russland ist und wird noch für lange Zeit ein ackerbautreibendes Land bleiben, und die Entwicklung der Industrie wird noch lauge Zeit von den Bedürfnissen der ländlichen Bevölkerung bestimmt werden. Was aber besonders hervorgehoben werden muss: Russland ist das einzige Land, das bis jetzt keine Bliite des Handwerks gekannt hat. Während die Entwicklung des Kapltalismus in allen übrigen Ländern eine überflüssige HandwerksbcYölkerung vorgefunden hat. entspricht die Zahl der Handwerker in Russland auch heute noch weit nicht den vorhandenen Bedürfnissen und deshalb muss die wirtschaftliche Ent- Wicklung Russlands unvermeidlich die Bliltc des Handwerksgewerbcs hervorruten. Die Sache ändert sicli nicht dadurch, dass infojgc des allgemeinen kapitalistischen Charakters unserer Zeit (das Vorhandensein der Fabrikindustrie, Entwicklung des Verkehrs und Handelsverkehrs. Bewegungsfreiheit. Abwesenheit der Zollgebiete u. dcrgl.) auch das Handwerk grosskapitalistischc Organisationsformen annimmt. Und im Vordergrund der Arbeitsarmee, die diesen komplzierten Industriezweig in Bewegung bringt, stehen die jüdischen Handwerker. Deren Zahl übertrifft absolut um anderthalb Mal die Zahl der nichtjüdischen Handwerker im ״Ansicdlungsrayon“, und das Vcrhültnis der jüdischen Handwerker zur jüdischen Be%׳ölkerut1g des ״Ansiedlungsrayons“ ist 15 Mal so gross wie das Verhältnis der nichtjüdischc!! Handwerker zu der niclttjüdischcn Bevölkerung des Rayons. Das Aufblühen dieses Gewerbes muss hjejmit unvermeidlich die Nachfrage nach den jüdischen Arbeitern heben. Freilicli.steht cs ausser Zweifel, dass dieses Gewerbe auch seine ungünstigen Seilen hat. Eine von diesen ungünstigen Seiten fällt am grellsten auf: dies ist die Zerstückelung des Betriebes, die Tatsache, dass der Magazinunternehnier, der Leiter dieses Gewerbes, gar zu. oft geneigt ist. sich hinter dein Rücken seiner Arbeiter zu verstecken, dass er sie zwingt, selber die Ausgaben des Betriebes zu tragen, während er sich den ganzen Surplusprofit aneignet. dass er auf sie alle Nachteile der Arbeitslosigkeit der toten Saiso» abwälzt, währeiul er sich die günstigste Möglichkeit vorbehält, eine leicht bewegliche Arbeitsarmce bei jeder Belebung des Gewerbes zu mobilisieren. D»׳<;h lassen sic!! diese Näcmeiie im bedeutenden Masse durch entsprechende Arbeitsorganisationen bekämpien. Darüber ein anderes Mal. Aus: ZEITSCHRIFT F. DEMOGR. U. STATISIK DER JUDEN. Rundschau Staatsstellungen und Judentum Mit der Ucberscliriit Suum cuiquc erhält die KÖLNISCHE VOLKSZEITUNG aus jüdische״ Kreisen eine längere Zuschrift, welcher wir die folgenden Ausführungen entnehmen: Die Berufung des Bankdirektors Dernburg. dessen Vater als Jude geboren dessen Mutter Christin war. zur Leitung des Kolonialamtes begleitete die KREUZZE1TIJNG mit folgenden Ausführungen. ״Herr Dernburg ist jüdischer Abstammung. Der erste vom Fürsten Bismarck berufene Kolonialdirektor Kayser war es auch. Dass Dernburg noch dein Judentum angehört, ist nach unseren Informationell nicht anzunelittien. Sollte cs gleichwohl der Fall sein־ so würde diese Angelegenheit eine prinzipielle Bedeutung gewinnen, auf die zuriickzukonimeii sein wurde.״ Mit anderen Worten: die KREUZZEITUNG hat nichts gegen die Verwendung tüchtiger Männer jüdischer Abstammung im Staatsdienst einzuweuden, wenn sie den jüdischen Glaube!» verlasse»} haben — sobald dieselben Männer dem angeborenen Glaub:» jedoch treu bleiben, so sollen sic vom Staatsdienst ausgeschlossen bleiben. Dieser Grundsatz läuft schnurstracks der Verfassung zuwider, wird aber seit Jahren stillschweigend cchandlraht. Abgesehen davon, dass man au den Grundsätzen der Verfassung, wonach Rechtsunterschiede zwischen Preussen der verschiedensten Bekenntnisse nicht bestehen, nicht deuteln und drehen dürfte, liegt in der Gepflogenheit, glaubcnstreuen Israeliten die Zulassung zu den höheren Stellen der Justiz, zur Staatsanwaltschaft, zu den meisten Zweigen der Verwaltung überhaupt, zur ordentlichen Professur und zum Offizicrstand zu verschliesscn. ein grosses Unrecht. Wir sind die letzten, die eine Zulassung von jüdischen Anwärtern befürworten wollen. die nicht in brzug auf Charakter. Gesinnung. Fähigkeiten, überhaupt in jeder Hinsicht den strengsten Anforderungen geniigen, die Amt und Stellung erfordern, aber dass es unter dei nach Huiiderttausenden zählenden jüdischen Bevölkerung Prcusscns. die sich zum grossen Teile hohe Bildung erw'orben hat. Männer befinden, die nicht nur den gestellten Anforderungen entsprachen, sondern vermöge ihrer Intelligenz im Staatsdienst Hervorragend.s zu leisten vermöchten, beweisen die im freien Wettbewerb trotz des auch dort oft hemmenden Glaubens- Unterschiedes von Juden errungenen Stellungen. Einen Beweis

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