Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1906)
- Date
- 1906-10-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 59?» JÜDISCHE RUNDSCHAU reich zu werden. Nachdem aber die Preise iür den Wein gesunken sind, geht man auf der ganzen Linie damit um, Orangen und .Mandeln zu pflanzen. Bis jetzt und wahrscheinlich auch später rentieren sich diese Pflanzungen vortrefflich. Auf neues oder anderes kommen recht wenig Kolonisten. Das liegt daran, dass sic noch immer Händler-Seelen sind, denen tiefgehendes Verständnis und Liebe für die Landwirtschaft noch fehlt. Die alte Generation kann eigentlich auch nicht anders sein. Das wird sich jedenfalls erst bei d.r JugenJ. de im Laude aufwächst und bei der die Vertrautheit mit der Scholle geweckt und grossgezogen wird, ergeben. Ausserdem fehlt es merklich an guten Vorbildern, au ausgebildctcn Gärtnern und Bauern. In Deutschland hat der Bauer trotz der lang‘.»» Ucbcrlicfcruug und Erziehung, überall staatliche ui.d private Berater, Wintcrsehulen, Herrengfiter etc. Hier zu Lande fehlt cs noch überall. Der Lehrer, der Apotheker, die vielen Handwerker. sic wissen alle* nichts von der verjüngenden Kraft der bebauten Erde. Und die Agronomen der Stadt (auch die zionistisehen) lassen sich nicht blicken, um von ihrem Wissen heraus dem Ackerer eine Anregung zu geben. Von den verunglückten Beamten des Barons wollen wir lieber übci haupt nicht reden. Ich erhielt Arbeit bei einer der Gesellschaften für Weingewinnung. Es gibt deren drei im Dorfe, da sie sich scheinbar aus Mangel an Eintracht separierten. Da ich einsprang, wurde ein Arbeiter entlassen, der eine Augenkrankheit hatte. Es fehlte furchtbar an Arbeitskräften und s<1 arbeiteten wir auch noch die Nacht hindurch, da die Arbeit geleistet werden sollte. An diesem verrückten System sind Bauern w*e Arbeiter gleich sehn'״. Beiden Parteien war es recht, ausser am Tage noch mehrmals in der Woche nachts zu arbeiten: Die Arbeiter, weil sic nur in der Saison verdienen und also angewiesen sind, recht viel Geld zu erhalten, die Weinbauern, weil sie wenig Arbeiter finden, die sich auf so kurze Zeit engagieren lasse•!. Diesem ungesunden Zustand entspringen viele weitere Unglückliehe Folgen. Als ich arbeitete, waren viele Arbeiter krank oder malade. Meist hatte sie das Eicher gepackt, daran war aber auch der‘Umstand schuld, dass sie nachts au! freiem Felde schliefen. Es gab im Ort eb einziges kleines Zimmer, in dem meist die Kranken lagen. Eine Hütte oder ein Zelt für die Arbeiter wäre dringend erforderlich. Ebenso schien cs mir, dass viele bei der geringen Bezahlung (75 Pfennige für den Tag) und der Sucht, zu sparen, sieh schlecht nährten. Das Mcnscheimiaterial war, wie in den andern Kolonien, ein famoses. Nette, junge Burschen, begeisterte Zionist’.«, die ihre Arbeit willig ausfiilirten. Die von ihnen, die richtige ökonomische Verhältnisse zu crwarte»1 geglaubt hatten, waren, nachdem sie unnützerweise Lärm geschlagen hatte.;, nach Russland oder Amerika ausgewaudert. Wie die Verhältnisse heute liegen, müssen noch manche von den Jungeus den heimatlichen Boden verlassen. Aber auch für die andern sollen Bedingungen gescliaffen werden, die ihnen eine auskömmliche Existenz verschaffen. Dazu gehörai an Ort und Stelle überall ein Heini. Konnte mau den Bauern hunderte von Häusern bauen und ihnen Land schenken, so ist cs gerecht, wenn man d?e Arbeitenden nicht ganz vergisst. Ein Haus in jeder Kolonie kann viel nutzen. Dann ist ein genauer Plan zu fertigen, wann ungefähr da und dort Ernte ist und Arbeiter gebraucht werden. Auf diese Weise lässt sich die arbeitsfreie Zeit noch beschränken. (Portsetzung folgt.) Entwicklung des jüdischen Handwerks in Russland Von Dr. S. M a r g 01111. St. Petersburg (Unter Redaktion des Verfassers aus dem Russische» übersetzt.) Zwei Momente haben zur Entwicklung des jüdischen Hand- Werks in Russlands zum kapitalistischen Betriebe beigetcagen. No. 40 Das Ist einerseits die Emanzipation des Handwerkers vom bcstimmten Konsumenten, vom Kunden, andererseits die Erna»- zipation der Handwerksproduktion von dem beschränkten Rahmen des Lokalmarktes. Der Handwerker hat a/n'gchört den Markt zu beherrschen: die engen Beziehungen, die früher zwischen den Handwerkern und Konsumenten bestanden, sind aufgelöst: der feste Boden eines steten Kundenkontingents Ist ins Schwanken gerate:», und zwischen dem Handwerker und Konsumenten ist eine Gestalt aus einer anderen Welt, der Vorsteher des handeltreibenden Kapitals getreten und hat’ durchgreifende Umwälzungen hervorgebracht. Ec bemächtigte ,sich des ganzen Absatzmechanismus für die Handwerkserzeugnissc. verdrängte den Handwerker vom Markte und fing an die ganze Produktion nach seinen» Ermessen zu lenken. Teils zentralisierte er die Produktion, indem er derselben das Ge• präge des Grossbetriebes verlieh; teils fand er es vorteilhafter für sich, die Produktion zerstreut unter der Masse der Kleinhandwerker zu lassen und sich dafür den Zentralabsatz ihrer Erzeugnisse vorzuhchalten. Letzteres hat. wie bekannt zum Entstehen der Heimarbeit geführt. Doch wie die Produktion durch das Hinzutreten des Handels- und Betriebskapitals auch organisiert werden mochte, überall b.stand seine Bedeutung darin, dass es den. Charakter des Handwerkbetriebes umgcstaltete, den Absatz der Handwerkserzeugnisse weit über die Grenzen des Lokalmarktcs hinaus verbreitete und das Ab• satzgebiet vo!» ganz Russland erschloss. Es finden nicht nur die Produkte des eigentlichen Eabrikbclricbcs wie Leder, Borsten. Pilüge. Ackcrbaugcrätc weiten Absatz im ganzen Russland, sondern auch die Erzeugnisse der Schneider. Schuster. Tischler. Drechsler, Strumpfwirker, die in den engen Werkstatten des kleinen Handwerkers verfertigt werden, werden weit über das Gebiet des ״Ansicdlimgsrayuns“ in die Krim, den Kaukasus, ins Gebiet der Donkosaken nach Sibirien und sogar nach dem Auslände ausgcfiihrt. Das jüdische Handwerk ist hiermit aus den engen Grenzen der Kundenproduktion hinausgewachsen. Der schwcriäiiigc plumpe Mechanismus des KJein* hetriebes. an einen bestimmten Platz gebunden und durch den subjektiven Willen eines jedon einzelnen Kunden in seinem Gange gehemmt, wurde jetzt beweglich, flicssend: der Produk- ־ tionsprozess hat sich objektiviert, wurde unabhängig vom Wille» und von den Launen der Einzelpersonen und cs hat sich auf diesem Boden eine Grossproduktion entwickelt, die sich weit über das ganze Land ausgedehnt hat. Diese Umgestaltung hätte dennoch keine so umfassende Bedeutung gehabt, wenn nicht zugleich ein anderer tiefer Um- Schwung im jüdischen Handwerk sich vollzogen hätte. Dieser Umschwung bezieht sich auf die soziale Struktur der Konsumenten der Ha»dwerkserzcu<!nissc. Während des letzten Jahrzehnts hat sich das jüdische Handwerk sozusagen demokratisje.rt, eine Richtung nach den Bedürfnissen und Forde- Hingen der breiten Bevölkerungmassen eingeschlagcn. es hat sich zur Produktion für den Massenkonsum umgewandeit. Dies ist auf zweierlei Wegen vor sich gegangen. Erstens haben sich in der letzten Zeit besonders diejenigen Gewerbe entwickelt, deren Erzeugnisse zur Befriedigung der allcrnotwendigsten orimüren Bedürfnisse dienen (Kleidung. •Schuhe, und Wohnungen). Die früher unter den jüdischen Handwerksberufen dominierenden Betriebe der Goldschmiede, der Stein- Schneider. Uhrmacher. Juweliere, Glasschleifer und sonstige privilegierte Gewerbe, die den Bedürfnissen der bemittelten Bcvülkeriingsklasse» dieucir. sind jetzt in den Hintergrund getreten und werden durch die geringste Zahl der jüdischen Handwerker in Russland vertreten. So bilden, von all diesen Handwerkern nur die Uhrmacher I % der jüdischen Handwerker: die Juweliere. Goldschmiede u. dg!, erreichen nicht einmal diesen Prozentsatz, während die Gewerbe, die der Verfertigung von Kleidung und Schuhwaren dienen. 50 % der jüdischen Handwerker in Russland bilden. Aber nicht nur darin, dass io der Skala der jüdischen Gewybc am meisten solche vertreten sind, die zur Befriedigung primärer Bcdiifnissc denen, äussert sich diese Tendenz des jüdischen Handwerks zur Produktion für den Massenverbrauch, sondern auch darin, dass jedes einzo'•’״ Handwerk mit fl**>» Absatz seiner Erzeugnisse tief in die untersten Gesellschaft• hebe»» Klassen h»nciugedn»ngen ist. die tiefsten Schichten der breiten Volksmassen erreicht hat und an jener Grenze stehen geblieben ist. wo die reissendc Gewalt der elementaren Bedürfiiisse durch die ewige finstere Not im Zaume gehalten wird, wo die mächtig nach Befriedigung heischenden Triebeewig in der niedrigen Produktiousfäliigkeit der russischen Bauern Widerstand trifft, wo die Enthaltsamkeit durch die, Gesetze cics ablehnenden Regimes gebieterisch diktiert worden ' war. Eine bedeutende Zahl der jüdischen Handwerker heschaftißt sich nämlich mit der Verfertigung von Erzeugnissen *יויי יי•**