Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1906)
- Date
- 1906-10-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40 JÜDISCHE mosaisch nennen, Worte und Gedanken in den Mund gelegt, die das absolute Gegenteil dessen sind, was die liberalen Rabbiner für mosaisch ausgeben. Dort heisst cs Deut. Kap. 30 Vers 1 ff.}: ..Und es wird geschehen, wem» über dich kommen al’l diese Diuge, der Segen und der Fluch, den ich dir vorgelegt, und du nimmst es dir zu Herzen unter all* den Völkern, wohin der Ewige dein Gott dich verstossen; Dass du znriiekkehrst zu dem Ewigen deinem Gotte, und seiner Stimme gehorchest, ganz so wie ich dir heute gebiete, du und deine Kinder, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele; So wird der Ewige dein Gott >:urücktiiiiren deine Gefangeaen und sich dein erbarmen, und dich w ieder sam* mein aus all’ den Völkern, dahin der Ewige dein Gott dich zerstreut hat. Wenn deine Vcrstossencn sein werden am Ende des Himmels, so wird von dorther der Ewige dein Gott dich sammeln, und von dorther dich holen. Und dbr Ewige, dein Gott, wird dich bringen in das Land, das deine Väter besessen, und du wirst es besitzen, und er wird dir wohltun und dich vcrmeliren mehr als deine Väter. Und der Ewige dein Gott wird beschneiden dein Herz und das Herz deines Samens, zu lieben den Ewigen deinen Gott mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, auf dass du lebest. Und der Ewige dein Gott wird sich erhalten in allem Werk deiner Hände, in deiner Leibes* bucht und in der Frucht deines Viehes und in der Frucht deines Erdbodens zum Heile; denn der Ewige wird siel! wieder über dich zum Guten treuen, wie er sich gefreut über deine Väter. Wenn es Leute gibt, die sich mosaisch nennen diirfen. so sind es jene, die im Sinne Mosis erwarten, dass sich Gott der Weggefährten erbarmen und die öefangenen zurückführen wird. Von einem persönlichen Messias ist dabei in der Bibel ebensowenig die Rede, wie von einem angeblich liberalen .hidcntmne. Das Mystische und das Glaubensmomcnt, überhaupt alles Dogmatische, ist erst von jenen angeblich liberalen Juden in das Judentum hineingetragen worden, die in dem zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts jene Lehre vor. der ״Mission des Judentums“ erfanden, die von den Nichtiuden als Ueberhebung empfunden wird und die im Judentumc, vor allem iin Mosaisnius keinen Platz hat. Die Bestrebungen der Zionisten, in Palästina für das jüdische Volk eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte zu gründen, widersprechen nicht nur den messianisclicn Verheissungen des Judentums nicht, sondern sind nach Bibel und Talmud die absolut notwendigen Vorbedingungen ihrer Erfülliing. Wenn der Rabbinerprotest ausdrücklich hervorhob, dass er nicht ״jene edlen Bestrebungen“ treifen wolle, ״welche auf die Kolonisation Palästinas durch jüdische Ackerbauer abzielen“, so verschleierte er damit erstlich die Tatsache, dass diese Kolonien durch die P r i - vatiniative der Zionisten gegründet und erhalten wurden. Dann aber enthielt er doch die Verpflichtung, so edle Bestrebungen zu unterstützen. Der Verein ״Esra“ kann ein Lied davon singen, dass das nicht geschehen ist. Auf dem Rabbinertage des folgenden Jahres hat Dr. Vogelstein ausdrücklich in seinem Protest gegen den Zionismus die wärmste Unterstützung dieser Kolonisationsbestrclumgen versprochen. Im Interesse des Vereins ״Esra“ und ״jener edlen Bestrebungen“ ist cs zu bedauern, dass der tatkräftige Mann es bei dieser pietätvollen Erwähnung auf dem Rabbiuertage heliess. Dasselbe Wohlwollen, das mit einem Male unsere Kolonisationsvereine erfuhren, von dem sie bis dahin RUNDSCHAU nichts wussten, wird jetzt der ITO zuteil. Man glaubt damit einer Spaltung des Zionismus Vorarbeiten zu könneu und beweist damit nur die absolute Unkenntnis in allen zionistischen Angelegenheiten. Damit ist cs nichts. Der Zionismus steht heute konsolidierter und innerlich gefesteter da, als jemals Wir gönnen der ITO die Sympathien des Herrn Dr. Vogelstein und seiner Gesinmmgsgenossen von Herzen und wünschen nur, dass diese Sympathie, die einstweilen nur der Feindschaft gegen Zionismus und Nationaljudentum entstammt, nicht bloss ein pietätvolles Erinnern bei der Polemik ■gegen den Zionismus bleibt, sondern sich in real c T a t c 11 fiir diese neue Wohhätigkeitsgesellschaf! umset/t. Die liberalen Juden haben ja oft genug bei Berliner Kirchenhauten ihr weites Herz und ihre Gehefreudigkeit bcwiesen, wie ihnen Graf Mirbach gern bestätigen wird. Es ist aber ein Irrtum des Herrn Dr. Vogelstein die ITO als solche — sic hat auch Zionisten zu Mitgliedern — für jüdiselmationul und zionistisch zu halten. Und da dies sein einziges Bedenken ist, sie zu imterstützcn, so envarfen wir jetzt seine tatkräftige Arbeit fiir diese auch in seinem Sinne wohltätige Gesellschaft. Immer wieder betont Dr. Vogelstein, dass wir eine Religionsgemeinschaft und keine Nation seien. Da frei- (teil zu uns auch alle die gehören, die durch das liberale Judentum zu Pantheisten und Atheisten erzogen vcorden sind, so fehlt vielfach die Religion und jedenfalls jede Gemeinschaft der Religion. Wenn aber das Kennzeichnende für die /ugehörigkeit zu dieser Rcügionsgemcinscliaft nicht die Abstammung und die nationale Zugehörigkeit zum Judenvolke sondern der Glaube at: einen einigeinzigen Gott ist, so sind die Muhammedaner in ihrer grossen Masse Mitglieder dieser monotheistisehen Religionsgemeinschaft, während mancher liberale Jude und vielleicht auch so mancher reformierende Rahbincr längst nicht mehr zu dieser Gemeinschaft der Religion gehört. Aber w ir sind sicherlich eine Gruppe von Menschen, die durch die gemeinsame Abstammung und durch die gemeinsame Geschichte, durch die gleichen Verfolgungen und die gleiche Zukunft uns von andern Gruppen der Menschen unterscheiden. Und eine solche Gruppe von Menschen nennt der Historiker, der allein über die Frage der Nationen zu entscheiden hat, in emi- »entern Masse eine Nation. Das tangiert freilich in keiner Weise unsere Zugehörigkeit zum deutschen Reichsvolkc und zum prcussisclicn Staatsvolke. Wenn aber die Juden jemals eine Religionsgemeinschaft gewcscii sind, so haben sie aufgeh3׳rt dies zu sein, seitdem der Liberalismus diese Gemeinschaft der Religion zerstört hat. Wir wissen sehr wohl, dass Dr. Vogelstein mit seinein Warnungsruf, unsern Zionismus für nicht vereinbar mit der Vaterlandsliebe zu!!alten, von keinen unedlen Motiven ausgiug. Denn nicht wir sind cs, die den Gegner für persönlich gehässig erachten. Aber bereits jetzt ist sein Aufsatz in einem Auszüge dazu benutzt worden, um uns in kränkender imd wahrheitswidriger Weise als schlechte Patrioten zu verdächtigen. י Durch alle lib'eralcn und viele andere Zeitungen wurde planmässig eine auf Vogelsteins Acusscnmgcn fussende Korrespondenz erlassen, der cs unverdiente Ehre antun hicssc, wollte man ihr ernsthaft erwidern. Es genügt icstziistellen, dass sie von zionistischen Staatsbeamten als eine Denunziation empfunden wurde, die deshalb au unrechter Stelle angebracht wurde, weil die preussische Staatsregierung besser als die liberale Presse die vaterländischen Gesinnungen der zionistischen Juden zu w ürdigen weiss. Immerhin hätte sich Herr Dr. Vogelstein vorsichtig ausdrückeii müssen, weil er wissen müsste,