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Jüdische Rundschau · 1906-09-28 · Heft 39 (28.9.1906) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 39 JÜDISCHE RUNDSCHAU Vj<־. atc< Ks ist auch Privatpersonen gelungen. den Provokateur da Prozessiouspunik ausfindig zii machen. Es ist ein Geheimagent der kleine Petarden geworfen •hat, wo rau 1 in öer Nähe hefindliche Soldaten, im Glauben. man sehiessc auf sie. melnvrc Salven abgegeben haben; sic verwundeten eine Menge Leute, von denen mehrere den W unden erlagen. Der Name des Täters ist in den Zeitungen veröffentlicht worden, er ist aber bisher ungestraft geblieben: auch keine Untersuchung fand statt. Augenscheinlich will die Regierung nichts gegen diesen Zustand tun. Sie klagt die ganze Bevölkerung der Mitschuld an. gibt ihr aber nicht die Möglichkeit, irgend etwas selbst zu tun. umgekehrt, sie verhindert einen jed41״ selbständigen Schritt. Die Menschen sind geüngstigt. und mau kann sich gar nicht wundem, dass bei einer jeden kleinen Ursache, speziell die Juden, den Anfang eines Pogroms vermuten. Neulich, nach dem Mord des Polizeimeisters in Sicdlce. sind aus der Stadt hunderte von Juden geflohen, weil die Soldaten auf den Strassen geschossen haben und mehrere Personen, darunter meistens Juden, getötet haben. Solche Zustände sind der Tod für den Mandel und die Industrie, und cs unterliegt keinem Zweifel dass das Ulend ein ganz erschreckendes sein wird, wenn der Kriegszustaud nicht aufgehoben wird. Dij Stadt, das ganze Land wird sehr bald zu einer Ruine. An eine Intervention hiesiger Bürger ist gar nicht zu denken. Wir müssen' ruhig Zusehen, wie man tjtis zugrunde richtet und nur danach trachten, de! Bevölkerung klar zu machen, sie soll so viel wie mögkcli den Soldaten aus dem Wege gehen. Von den wohlhabenden Binwohne in sind die meisten verr Jst --- Warschau. LoJz etc. sind leer. Himmelschreiend ist die Auferlegung des Sequesters auf die Einkünfte des Hauses, aus dem man die Bombe auf den llciieralgoiiveiücur geworfen hat. Sämtliche Wohnungen in diesem Hause sind \0n höheren russ.seiten Beamt.*.! gemietet und die neuen falschen Mieter der einzigen leerstehenden W ohnung waren auch Russen, wenigstens gesprochen haben sic auch unter sich russisch. Was kann der Hausbesitzer dafür? Ebenso unglaublich ist der letzte Befehd d.s <iene! algouveimxirs. der lautet, dass ein jeder verpflichtet ist. den ,Soldaten Hilfe zu leisten und den later eines Mordes oder Attentates iestzunehmen versuchen muss. Was soll das bedeuten? W er wird die Rolle eines Polizist.n spielen wollen und dabei sein Leben riskieren, denn bei sulchen Ai'iärtn sch.essen die Soldaten nach allen Seiten und stechen mit Bajonetten alle nahestehenden Persouen. Der Generalgonverneur weIss ganz gut d:<$5> er tinmögliches verlangt, er will aber damit wahrscheinlich beweisen, dass die ganze Bevölkerung revolutioniert ist und dass man gegen eine so denkende Bevölkerung alles stell erlauben kamt, ‘ Aus Siedlec Hiesige Blätter melden, dass in Siedlcc der erste Schuss •von. einem Orthodoxen namens W a s s i 1 i c w abgcicucrt wurde, dessen Leichnam sich in der Kaserne befinde. Von jüdischer Seite wird die Gesamtzahl der Toten aui 142, der Verwundeten auf •130 angegeben. Der Hütsvereiit der deutschen Juden hat eine ganze RciliJ von Telegrammen aus Warschau von Pctsöulichkeitcn der verschiedensten jBerufsstüiide erhalten, darunter tiucr Anzahl von Müimeni. die ihm bekannt sind, sich in hervorragender sozialer Stellung befinden und als ruhige Beurteiler der Sachläge bekannt sind. In den verschiedensten Wendungen wieder• holen diese Telegramme, dass sich die Anzeichen eines ■PoRronis in Warschau mehren, dass das gesamtc geschäftliche Leben still steht!und dass die wohlhabenderen Kreise massenhaft die Stadt •verlassen. Alle Telegramme klingen in einem Hilferuf aus, das A u s 1 a nd ,m ö g e intervenieren und cs wird insbesondere darauf hingewiesen, welch ausserordentlich grosse ausländische Kapitalien in Warschau gleichfalls mit in Gefahr kommen würden. Um der Möglichkeit von Zusammenstussen im Dunklen vorzubeugen, sind für die jüdischen Feiertage die Abendgottcsdicnstc abgesetzt worden. Eine von zahlreichen Reitern begl.ftete Abordnung überreichte dem auf'einer Dienstreise begriffenen katholischen Bischof von Lublin ein prächtiges Kissen, welches mit dem Emblem des polnischen Königtums, dem einköpfigen weissen Adler mit rotem Schnabel, geziert ist. Auch die Kleidung der Reiter, welche polnische Nationaltracht tragen, sowie das Bamutr zeigten den weissen Adler. Die Juden brachten überall dem Bischof Salz und Brot dar. Zwangskurs steht bevor Die russischen Finanzen krachen in allen Fugen. Wfic dringend matt einer ausländischen Anleihe bedarf, geht aus r folgendem Telegramm hervor״ das dem BERLINER LOKAL- ANZEIGER zugeht: ״Aus bester Quelle erfahre ich, dass demnächst ein Reg ie r un gs-Komm u n iqu e über die J ud 911 frage veröffentlicht werden wird, durch das die Rcchtscins c ft r ä n k 11 n g e ״ administrativer Art für die Juden aufgehoben werden sollen, so besonders die für sie vorgeschriebenen Niederlasstingseinschränkungen. Künftig wird ihnen das Recht verliehen, ihren Wohnsitz nach Belieben in Russland zu wählen. Die Ausarbeitung aller übrigen Gesetze über die Gleichberechtigung der Juden soll der nächsten Reichsduma Vorbehalten bleiben. Die Hochschulen dürfen schon heute studierende Juden in unbeschränkter Anzahl aufnch.ren.“ Diese Mitteilungen gehen jedesmal einem grossen Pumpversudi voran. Sobald die Anleihen unter Dach und Fach gebracht sind, wird eine andere Melodie gespielt und dazu pogromiert. Nationalistische bp egelfechterei Ucber die Vereinigung des Jüdischen Arbeiterbundes (Bund), der infolge seiner völligen Alnvirtschaftung in jüdischen Arbeiterkreisen sich nicht mehr allein zu halten vermag, mit der russischen internationalen Sozialdemokratie, weiss der VOR WA ERIS folgendes zu berichten: , ״Der VII. Kongress des Jüdischen Arbeiterbundes hat die Vereinigung mit der russischen sozialdemokratischen Partei angenommen. Ein bedeutungsvolles Ereignis im russischen J’arteilcben. Dje Einzelheiten fehlen noch: die Grundlagen der Einigung sind auf dem Einigungsparteitage der russischen sozial Jemokratischcn Partei festgcstcllt worden. Eine ausserordentlich schwierige Frage war zu lösch. Die russische sozia idemokratischg Partei bekennt sich zu dem Grundsätze der territorialen Organisation des Proletariats, der territoria- I c n Autonomie im Aufbau der Partei, im Gegensätze zu der nationalen Absonderung des Proletariats, welche den rtineu Klassenkampf verdunkelt und nationale Sonderimertssen erweckt. Im Namen der proletarischen Einheit bekämpft die russische sozialdemokratische Partei die nationalistischen Tendenzen. Falls das Prinzip der nationalen Organisation des Proletariats zugelasscn wird, können zum Beispiel im Kaukasus 0־ nationale Sozialdemokrauen entstehen Nach Aufhebung der jüdischen Anstcdcanigsgreiize wird sich das jüdische Proletariat in ganz Russland verbreiten können; das Bestehen von zwei parallelen proletarische» Organisatinnen in ganz Russland würde die Parteieinheit beeinträchtigen. Deshalb empfahl der W'ilnaer Vertreter der russischen sozialdemokratischen Partei auf dem Einigungs-Parteitag die völlige Verschmelzung des Bundes mit der russischen sozialdemokratischen Partei und die Errichtung von Gruppen zürn Zwecke der Agitation und der Propaganda im jüdischen Proletariat; diese Grupncn könnten miteinander Konferenzen abhattfJJ und einige Zentralbehörden wählen. Der Bund, der programmatisch mit der Sozialdemokratie völlig libercinstiinmt. erkennt eitlen anderen organisatorischen Grundsatz an: Der Klassenkampf des Proletariats nimmt, obwohl er im Rahmen eines politischen Organismus geführt wjrd, doch bei jeder Nationalität eine eigene Form und ein anderes Tempo an; er wird im Rahmen jeder besonderen Nationalität individualisiert. Die Sozialdemokratie wird desto mächtiger sein, je fester sic sieh mit der Arbeitermassc verknünft; deshalb muss sie sich auch in den verschiedenen Nationalitäten individualisieren. Im Rahmen der einen Gesamtpartei muss das Proletariat nach Xationalitäten organisiert werden. Daher sollte erstens der Bund der einzige Vertreter des jüdischen Proletariats sein, und zweitens stellte der Bund Vercinigungsbedingungen mit der Russischen sozialdemokratischen Partei, welche die letz• tere als ״föderalistisch״ bezeic(mete und demgemäss verwarf. Auf dem Einigungsparteita״ wurde ein Kompromiss zwischen den beiden Gegensätzen erzielt. Der, Mohitewcr Vertreter der Russisch:n sozialdemokratischen Partei sagte: ״Wenn der Vertrag auf reinem Föderalismus gegründet wäre, so würde der Bund die Partei in seiner Umarmung erwürgen. Wenn umgekehrt alle $2urcn von Föderalismus aus dem Vertrage ausgemerzt wären, so würde der Bund in der Umarmung der Partei erwürgt werden. Weder wir noch der Bund wollen Sslbstvcrniehtung. Es bleibt nur übrig, beiderseits Zugeständnisse zu machen.“ Der Bund verzichtete darauf. deT einzige Vertreter des jüdischen Proletariats zu sein, und setzte seine Ansprüche auf Selbständigkeit herab. Die russische .sozialdemokratische Partei gestand zu, ״dass der Bund in die russische sozialdemokratische Partei eintritt als die sozialdemokratische Organisation des jüdischen Proletariats, die durch die Grenzen eines Gebietes nicht eingeschränkt w ird.“ In den Grenzen der Resolutionen der Gesamtpartei und der allgemeinen Direktiven des Zeutralkomitees bleibt der Bund in den Fragen der Agitation. Organisation und Propaganda selbständig; er hat eigene Kongresse. Lokalorganisationen, Zen-

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