Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651486--03989-2660941- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Emden 1× ep/1044505
OCR text
Seite 5&1 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 39 Bestandteil des ״Reichsvercins“. dafür aber um so mehr ein Herd des fanatischsten Stöckcrianismus ist. Wenn Naumann dieser antisemitische:» Organisation das Zeugnis ansstcllt. dass sie . in den Emst und die Tiefe der nationalen Probleme vorzudringeit sucht‘, dann müssen wir sagen: Ein schlimmerer politischer Dilettantismus, als er in diesem phänomenal schiefen Urteil zutage tritt, ist uns noch nicht vor Augen gekommen. Es gibtTceinc seichtere, oberflächlichere Behandlung der ..rtatiopalen Probleme.**. als wenn man an sf_* von! Standpunkte des Antisemitismus herantritt. Wie denn auch schwerlich irgendwo etwas weniger Ernstes, etwas weniger Tiefes geredet wurden ist. als in den Tiraden gewisser antisemitischer Pestredner. denen innerhalb d;r Vereine deutscher Studenten von Jünglingen zugcjubclt worden ist deren ganze Intelligenz sich in den Hass gegen Andersgläubige konzentriert. Herr Naumann gehört der freisinnigen Vereinigung und ihrer Leitung an hervorraeender Stelle an. Die freisinnige Vereinigung hat bisher soviel wir wissen über den Antisemitismus und seine Anhänger Gönner und Förderer in akademischen und nichtakademischen Kreisen Anschauungen vertreten, die sich mit den Anschauungen Naumanns nicht vereinigen lassen. Wer vertritt denn nun eigentlich im Punkte Antisemitismus das richtige Programm und die richtigen Anschauungen der freisinnigen Wrei.1it*1»u»? Der Flügel Barth oder der Eliigcl Naumann? l)r. .Barth ist ia wohl Vorsitzender des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Möchte er in di:scr Eigenschaft nicht einmal hei dem Vor- Staude der freisinnigen Vereinigung anirageu. was dieser zu tun gedenkt, um den Standpunkt der Partei in der antisemitische״ Frage vor Verdunklungen zu schützen?“ Es ist »»iclit unsere Aufgabe, innerhalb der freisinnigen Parteien irgendwie Partei zu ergreifen. Aber wir müssen es für c;־־e Ehrenpflicht nns:hen, Naumanns Nationalismus gegen den Yorwurt jenes radauartigen Antisemitismus in Schutz, zu nehmen. wie er in den Vereinen deutscher Studenten zu Hause is». Aber Naumann mit diesen Leute״ in einen Topf zu werfen, weil er auf sein gutes Recht Anspruch erhebt, in den nominell nationaldcutscheu Vereinen seinen reinen Nationalismus zu pflegen und ihm aus dem längst verlassenen Antisemitismus einen Vorwurf zu machen, das war der Mosseschen VOLKS- ZEITUNG Vorbehalten. Eine Synacrogenweihe Osnabrück, den K September 19*^5. Die neue Synagoge der hiesigen israelitischen Gemeinde ist am gestrigen Tage in feierlicher Weise ’ cincfcweiht und damit ihrer Bestimmung übergeben worden, nachdem am 12. September v. J. die Grundstcinleguiig vorausgegangen war. Binnen Jahresfrist ist also unter der kunstverständigen Leitung des Baumeisters Münchhausen aus Köln an der RolanJstrasse hiersclbst ein Monumentalgcbände entstand:״ das nicht nur der israelitischen Gemciitde zur grössten Ehre gereicht und seinen Meister lobt, sondern mit Recht als eine Zierde der Stadt, speziell des westliehen Teils derselben bezeichnet werden kann. Die Weihcrede hielt Landrahhiuer Dr. Löh-Emden, der bei d r AbeiubVstlichkeit einen Kaisertoast hieit. aus dem d ׳s OSNABRüCKER TAGEBLATT die folgenden Sätze, wiedergibt bei deren cs die liier fett gedruckten Worte im Druck hervorhebt: ..Wir haben heute .Motgen Gott di• Eine gegeben. we:l er uns ein Gotteshaus gelnut hat. und wtr wollen itt dieser Stunde auch gegenüber dem König, der uns auf Erden gnädig reg ert unsere patriotische Pflicht erfüllen. wie uns auch als Juden vorgesch rieben ist. Auch in Israel erkennt man die Macht und die Würde des Kömgs an und wir beugen uns vor der Macht unseres Königs und Herrn. Einmütig wollen wir cs aussprechen, dass wir nicht nur Juden sind sondern auch deutsche Staatsbürger, wir wollen unsere Pilichteit und unsere Rechte als deutsche Staatsbürger betonen. Fest einander verbunden sollen sein die Menschen, die Fami'ien. die Stämme eines Volkes: der eine Mensch ist immer auf den anderen angewiesen. Nicht so darr es sein, dass in der Strömungen Lauf einer sich von dem anderen verliert, dass in» Staatenlebcn einer 'von dem anderen zurückgestosseu wird, dass die Strömungen, die Wellen den einen hochtraecn und den anderen versrhliitgen. Der Steuermann muss die, Schiffe so leiten und führen, dass die Fahrt unversehrt und gischk*sscn auf der Strömung verläuft. Alle Schiffe, die seiner Obhut anvertraut sind, muss der Grossaümiral vor Fahrnissen behüten. Meine Damc.i1 und Herren! Auch das Staatslcbcn Ist von Brandungen und Wegen umtobt. Es gibt verschiedene Strömtmgeh. verschiedene Stimme in Deutschland. Diese verschiedenen Stämme müssen in Eintracht und Frieden verbunden sein u״d keine Strömung der Zeit darf den einen oder anderen Stamm in das Verderben in den Abgrund hinunterstosseit. Da ist cs die Aufgabe des Steucrn1a;mes. der d e Staatsflott? befehligt, der aut R»!׳!*:r des Staates steht, dass er alle seine Schiiie in einen sichere»; ilatett führt. Und auch wir sind ein Stamm im Staate, denn das deutsche Vaterland besteht aus verschiedenen Stämmen und Nationalisten. SirJ wir auch ein abrahamitischcr Stamm, so wohnen wir doch seit Jahrtausenden auf germanischem Boden und halten die gleichen Anrechte wie die anderen Stämme. Aber wenn wir von der Brandung umtost werden, so blicken wir auf zu dem Steuermann, dass er unser Schiff führe durch die verderbliche Brandung in den Hafen, der Ruhe und Frieden bringt, dass er uns schütze, uns sichere vor Anfeindungen und Getahrcit und Entwürdigungen. Möge Se. Majestät mittler ein solcher Steuermann sein, der das gross.• Rcrclisschiff so iülirt. dass a'le itt Ruhe und Frieden itt diesem Reiche leben können dann wird fcststckcn das Gebäude des Staatswesens, das auf der Einigkeit der Stämme ist aufgebaut, auf dass die Einigkeit nicht unterwühlt w ird von den Strömungen der Zeit. Und wem: so. wie Se. Majestät durch die Pflege des Friedens und der Eintracht unter d.וי Nationen den Weltfrieden erhält, auch der Friede der Konfessionen untereinander gepflegt und gewahrt werden, dann wird Deutschland gesegnet sein unter dem Zepter seines glorreichen .Kaisers. Königs und Herrn. Unser Wunsch und Gebet ist. dass Sr. Majestät vergönnt sein mö״e. das Steuer des Staates noch lange kräftig zu führen, das Staaksscb.iti in den sicheren Hafen des Friedens zu lenken, in dem wir alle gcsichert und geborgen s'!.d. In diesem Sinne bitte ich Sie. die Gläser zu erlichen und mit mir zu rufen: Se. Majestät, •unser :•llcrgnädigster Kaiser tmd Landesvater lebe hoch!“ Mit Recht spielt Herr Dr. Lö I! auf die bekannte Kaiser rede im Posencr Stände 11 a u s an wo unser Kaiser die Losung ausgab. dass die n a t i o 11 a I c Treue der einz c י tt e 11 Stämme sic n i c 111 hindert, ״vor allen Dingen gute Prcusscn zu sein“! Man sieht, der orthodox gerannte Rabbiner von Emden ist doch ein modernerer Mensel: als der liberale Rabbiner von Stettin. Judenfeinde und Bilduno:sfeincfe zugleich Die DEUTSCHE TAGESZEITUNG, die bekanntlich d^c 1::- teressen der grössten Kartoffeln vertritt, mehlet aus Mainz ..Das hessische Schulmimstcrimn hat einer löiährig.11 jungen Derne aus Mainz einer Jüdin, die Erlaubnis orte!!!, ztfrn Zwecke eines späteren Umversitätsstudaims das Real- Gymnasium zu besuchen. Das junge Mädchen wurde den Schülern der Ohersekmida zuget.iit." Diese Notiz versieht sic mit der Spitzmarkc ...Mansche eben“. Was sich wohl die :11 hohem Masse intelligente ’,״daktion bei dieser Aufschrift gedacht hat? Es wird ihr nicht gelingen, uns Juden die Biidtmg z.u verekeln. Warschauer Brief Der nachstehende Brief eines angesehene׳! Kaufmanns ans Warseliau wurde vor den» Pogrom aus S'edlce g schrieben. Er gibt ein Bild der Zustände 0! der Hauptstadt Polens und er ist darum so interessant, weil nach aus ihm d!c neuesten 11־׳s;scl!en Regicrmieseruiidsätzc nt't aller Duitbchkeit hervorgehen, sie lauten, der friedliche Bürger wird dafür verantwortbeft gemacht, dass d׳e Behörden mit den Revolutionären n ein i.rtig werden. Der Brief lautet: Die Lage 11 »serer Stadt ist eine äusserst kritische und das Schlimmste Hegt darin, dass man nicht voraussehen kann, wann eine AenJenmg dieser traurigen Zustände eintreten wird. Schon am vorigen Mittwoch zog d;e Regierung d e Poh/ei ein und übergab d e Staut der Gewalt des Militärs, welches so schön Ordnung" einfültrte. dass an 70 unschuldige Personen t־:>׳ geschossen und an 51m verwundet Wurden sind. Die Soldaten hrlt.'n jeden Augenblick Passanten auf. unterz;ch!11 dieselben einer sehr peinlichen Revismn. wobei sehr oft Schläge und Grausamkeiten Vorkommen. Schon vor 8 Uhr abends werden alle Läden geschlossen. d:c Stadt sieht wie ansgestorben aus. In den Arbeitertmd jüdischen Vierteln werden Leute am Tage ohne Grund mit Kolben und Bajonetten geschlagen und verwumJet: sogar in die Läden dringen die Soldaten von Ze t zu Zeit e:n! Wie immer leiden die Juden mehr als andere, man kann aber nicht behaupten, dass die Soldaten spcz.icll au! die Juden, wie so m.a teile in Ucbcrtre bung behaupten, es abgcsehen haben. Es sind am Mittwoch unbedingt Versuche seitens des Militärs gemacht worden, eine Judcnlietze hervor/:!rufen, sie si׳״J aber Gott sei Dank alle misslungen, so z. B. hielt ein Kosakcaoffizier den Magert der Rettungsgescllscliaft auf. trug den Arzt, ob er eine:! Juden im Wagen habe tmd verlangte, nachdem er eme bejahende Antwort erhielt, dass der Jude nach dem Gefängnis und nicht nach dem Krankenhaus gefahren werde. Dem. Arzt ist es nach langen Debatten gelungen, dem Offizier klar zu mache•״, dass er kein R.clit habe, ihm solche Befehle zu erteilen. Die versammelte Menge hätte Gott \w \s was getan, wenn der Arzt nacheegchcii hätte. Aeimliche Falle sind mehrmals koustakert worden, die christliehe Bevölkerung aber leistete stets den Judüt Beistand.