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Jüdische Rundschau · 1906-09-28 · Heft 39 (28.9.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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!. 11 A I >, 1 h י' Seite 552 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 59 Sie nahmen daraufhin eine Haussuchung vor und entfernten sich. Die Wirtin L. begleitete sie bis zur Pforte hmau^wo sic Zeugin folgender Szene war. Aus der benachbarten Bude des M. wurden verschiedene Waren auf die Strasse geworfen, in Säcke gepackt und davongeiflhrt. Alles dies geschah 11» Gegenwart eines Offiziers. Sie kehrte in ihre Vohnung zurück. Nach 2 Stunden erschienen wieder die Soldaten und forderten wiederum Geld. Sic gab ihnen 1 Rbl- Als sie sic hinausbegleitetc. sah sic noch immer die Soldaten, die_ unermudlich die Waren des M. raubten. Ausserdem hat dieselbe L. folgendes Gespräch des Dragoner-Offiziers X. mit dem Beamten für besondere Aufträge des Gouverneurs belauscht. ״Dieses Magazin“, sagte der Dragoncr-Oiiizier. indem er auf das Qeschäftslokal des R. hinwics. ״konnten wir nicht ofjr.cn, wie sehr wir auch stürmten." ״Ueber lenes.4' setzte er hinzu, indem er die Bude der M, bezeichncte. ״wurden wir leicht Herr.“ Dieselbe Frau war vor Beginn der Massacrcs bei der Frau des Sekretärs der Gouvcmemcnlsvcrwattung W. und erzahlte letztere, dass Sicdfcc ein Pogrom bevorsteht. VI. Am Sonntag, den 27. Aug״ wurden in einem Hause auf der Pcnkuastr. zwei hinge Mädchen F. und S. erschossen. Sit hatten in ihrer Angst sich auf dem Boden versteckt. Nach ungefähr einer halben Stund׳;• erschienen in demselben Hause ein Oifizicr mit einigen Dragonern. Als die Schwester der S. sic fragte warum man ihre Schwester erschossen habe, erklärte der Offizier, dass aus diesem Hause geschossen wurde und die Soldaten daher eine Salve abgefeuert hätten. Einwcndüngen irgend welcher Art wurden nicht ztigclasscn. Sic feP tigten sie mit der zynischen Erklärung ab. dass nach zwei Stunden in diesem Hause niemand mehr am Leben sein wird. Unterdessen wurde von den Soldaten eine Haussuchung angestellt, wobei sic sich 50 Rbl. ancignc'cn. Aut die Bitte, wenigstens ci'ven Teil des Geldes für die Kinder, um Brot zu kaufet!. zurtTckzulassen wurde s׳c vom Soldaten mit den Worten angefahren: ..Schweig — (darauf folgte ein grobes Schimpfwort). sonst schlage •ch dich tot.“ Am nächsten Tage erschien eine neue Trunoc Dragoner mit ihrem Oifizicr. Die Frau flehte den Offizier an. P»r Schutz zu verleihen und sie zur Stadt hiiiauszubcgleit n. Der Offizier willigte ein und sie nebst Kindern wurde hinausbecleitet. Auf dem Wege blieben d«c Soldaten neben dem Gefängnis stehen mit den Worten: ״Dein Geld her.“ Sic hatte im Strumofe ihre einzigen 4 Rbl. *| versteckt, von denen sie .1 Rh!, d־'׳* Soldaton gab“ und nur 1 Rbl. für die Reise behielt. Die Ki’ der hatten seit zwei Tagen weder gegessen noch getrunken. Als durststillendes Mittet stand ihnen bloss stagniertes Regenwasscr zur Vcrfü gütig. VII. Bei dem Juden T.. der Medaillen für Elfer aufzuwclsen hatte, ersclncnen Soldaten mit einem Omzier an der Spitze. IJm sich vor dem Tode zu retten und sein Hab nicht zertiüntnier* zu sehen, legte sich der Jude die Medaillen an. Der Oifizicr B. entriss ihn» dieselbe mit croben Schimnfworten und schhie Ihm mit der Faust ins Gesicht. Dieser Fall wurde von T.. der aus Warschau angehugfon Kommission mitgeteilt. VIII. Der Jude S.. 17 Jahre alt. stand am Sonnabend Abend an der Pforte seines Hauses, als er von drei Dragonern herangerufen wurde, die ihn baten, mit ihnen einen Rundgang durch die Magazine zu machen, und die ErUnhnis des Chefs der Schut/.wache mittcilten. dass der Schluss der Magazine auf nach S Uhr abends hinausgeschoben werden kann. Aus Furcht vor den Dragonern benachrichtigte der Jüngling eine Reihe von Buden von der Erlaubnis des Chefs der Schutzwache, wobei seine Worte von den Dragonern bestätigt wurden: ״Kann man heute auch nach 8 Uhr die Strassen passieren?‘ Heute könnt ihr soazicren, so lange ihr nur wollt." antworteten die Dragoner. Nachdem der Jüngling seinen Rundgang auf der Penkunstrasse beendet hatte, und in d?r Nähe des Ungarisehen Gasthauses stehen blieb, hörte er auf der Warschauer- . strasse ulötzlich einen Revolverschuss. Es konnte ungefähr 9-*י Uhr abends sein. Nach einigen Momenten wurde auf derselben Stelle ein zweiter Rcvolvcrschuss abgefeuert. Nach dem zweiten Schuss sprangen die Dragoner mit folgendem Ausruf auf 'hre Pferde: ״Soldaten greift zu den Flinten, man schiesst.“ Bald darauf wurden an derselben Stelle, wo die Rcvolvcrschüssc fiörbar waren Flintenschüsse abgefeuert. Die Dragoner eilten davon. Der .!ibigling versteckte sich unterdessen ln einem in der Nahe befindlichen unbewohnten Hause, wobei er eines der Fenster einbrach und sich in ein abgelegenes Zimmer verkroch. Am nächsten Morgen um 7 Uhr erschienen daselbst 2 Offiziere und 12 Soldaten des Llbausehen Regimentes. Die Soldaten waren vollständig betrunken. Sic fanden den Jüngling und fragten ihn was er im Hause tue. Er erklärte, dass er sich vor den Schossen retten wollte. Unter groben Schimpfworten wurde er einer Untersuchung unterworfen. Die 25 Rbl., die er bei siel» hatte, wurden ihm fortgenommen. Auch hatte der Offizier seine Uhr zu sich gesteckt. Als er jedoch daraui das Porträt des Kaisers erblickte, gab er Ihm dieselbe zurück. Hierbei wurde der Knabe auch mit dem Tode bedroht. Es wurde sogar eine Kugel auf ihn abgefeuert, die glücklicherweise vorbciüog. Von Angst getrieben, flehte der Jüngling um Erbarmen. Als der zweite Offizier sah. dass die Soldaten Ihn nicdcrmetzcln wollteil, rief er ihnen*zu: ״Rührt ihn nicht an." Darauf wurde ihm die Möglichkeit geboten, das Haus zu verlassen. Man zog ihm eine Soldatcnuniform an und geleitete ihn bis zuo! Dorfe Starowcll, wo er wieder seine Kleider anzog. Auf seine Bitte gab ihm der Offizier 50 Kop. zur Reise Auf dem Wege sah er eine Fuhre, die mit Leichen» besetzt war. Diese Fuhre wurde von Soldaten aus der Stadt hcrausgcffihrt. Bericht des Hilfsvereins Der geschäftsffihrcndc Ausschuss des Hilfsvcreins der Deutschen Juden hielt am 16. September unter Vorsitz von Herrn James Simon eine Sitzung ab. in der zunächst Herr Dr. Pap! Nathan über seine Reise nach Russland, seine Unterredungen mit dem Ministerpräsidenten Stolypiti und dem Finanzministcr Kokowzow, die auf spezielle Aufforderung der Minister erfolgt waren, sowie über seine Rücksprache mit einer Reihe anderer einflussreicher Persönlichkeiten nähere Mitteilungen machte, die in einer sehr pessimistischen Am'־ fassung über die nächste Zukunft des Zarenreiches gipfelte״• 111 Kflrzc berichtete er sodann über die aus Anlass der Ungliickscreignisse in Sicdlcc und des drohenden Pogroms in Warschau seitens des Hi!fsvcrciu$ bei dein Ministerpräsidenten Stolypin und anderen 11ns näher stehenden Stellen imtcrr.ommenen Schritte. Noch während der Sitzung: traf ein Telegramm aus Petersburg ein. des Inhalts, dass der Minisfcrpräsident zugesagt hätte, das Erforderliche zur Abwendung neuer Unheile zu tun. Die Versammelten sprachen den Herren James Simon und Dr. Nathan für ihre zweckcntsprcebenden Massnahmen ihren Dank aus. Es wurde ferner einer Anzahl Persönlichkeiten, die In dem Dienst dps Hiüswerks für die Opfer der Oktoberpogromc in erster. Reihe gestanden hatten, der Dank des Hiifs- Vereins votiert, so dem Generalsekretär der Jcwisli Colonisation Association in St. Petersburg. Herrn D. F. Feinberg, dem ein Ehrengeschenk zu überreichen beschlösse:» wurde. Herrn Siegmund Bergcl von der Orosslogc für Deutsch-!and. Frl. Bertha Pappenheim von dem Verein w-iblrhe Fürsorge in Frankfurt a. M. und Herrn Dr. Bcrnh. Kah l. Gcac׳al- Sekretär der Zentralstelle für jüdische Auswandererangelcgenheilen, die sich Insbesondere um d׳c Durchführung der Aktion fär die Unterbringung russischer Waisenkinder in ihrer neuen Heimat sehr verdient gemacht haben. Für Schulen wurde eine Reihe von Bewilligungen vorgenommen. Es herrschte Einstimmigkeit darüber, dass vor allem das Schulwcrk in Palästina, wohin eine starke Auswanderung ganz armer Elemente aus Russland jetzt stattfindet, nach Möglichkeit grosszügig nuszugestalten sei. Entsprechend dem Prinz'n. das Schulwesen organisch von unten aufzubaucn. hat der Hilfsvcrcin zunächst Kindergärten in den Zentren des jüdischen Lebens ln Palästina begründet. Gerade bei den wirtschaftlichen und hygienischen Verhältnissen des Orients und dem bunten Völkcreemisch ist cs von höchster Wichtigkeit, die Kinder von frühes'er Jugend an in Obhut zu nehmen und ihnen eine einheitliche Vorbildung für die Schule zu geben. Nachdem Kindergärten in Jerusalem,. Jaffa. Safed Ins Lehen gerufen sind und nachdem durch ein Lehrerseminar in .lernsalem geeignete Lehrkräfte hcrancebildet sind, gellt der Hiifsvero׳n daran. Schulen 711 begründen, die den mannigfachen Bediirfmssen der verschiedenen Bevölkerungskiassen Rechnung tragen. In Jerusalem Ist Im Herbst vorigen Jahres eine Mädchcnschulc eröffnet worden, die sich des lebhaftesten Zusnruchs erfreut. Die Einrichtung der sechsklässigen Knabenschule in Jaffa, die Im April dics״s Jahres stattgefnden hat, erweist sich auch aus dem Gru״dc als tiesonders segensreich, weil gerade In dieser Stadt ein׳' sehr starke Einwanderung russischer Flüchtlinge, die kaum mehr als ihr Leben gerettet haben, stattgefunden bat und c:״e dauernde Hilfeleistung kann segensreich vor allem I״ der Form einsetze״. dass den Kinder״ der unentgeltliche Besuch einer gut׳'!» Schule ermöglicht wird. Ausserctatsjnässig sind für diese Kinder bis zun» Endo

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