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Jüdische Rundschau · 1906-09-28 · Heft 39 (28.9.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 39 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 531 Apotheker, Bademeister etc., die eben alle von der Kolonie bc- | zahlt werden müssen (ob direkt oder indirekt ist schliesslich nicht von tiefgehendem Unterschiede). Trotzalledem werden wohl die ׳meisten Kolonisten cs aushalten und sogar in füu.f Jahren, wo ihre Mandclkulturcn tragen werdun, über hübsche Einnahmen vcriügcn, für die andern wäre es schliesslich kein Schade, wenn man sie ihrem Lose Preisgabe. Denn schliesslieh muss eben die Kolonie einmal selbst sich erhalten lind dazu ist höchste Zeit, nachdem sie wahnsinnige Summen erhalten haben. (Ein fürstliches Geschenk ist auch der berühmte Weinkeller.) Die Arbeiterfrage. Auch diese Frage ist eine der wichtigsten, deren Beantwortung schon oft versucht wurde. Es ist, wie die Praxis zeigt, möglich, selbst für ganz niedrige Luhne (2 Francs, die lierabgehcn bis zu 80 Centimes) jüdische Arbeiter zu erhalten, die willig jede Arbeit durchführen. . (Fortsetzung folgt.) Lieber den jüngeien Pogrom Der Hiljsverein stellt uns einen Teil der Zeugenaussagen iiber die Vorgänge i<! Sicd'.cc zur Verfügung: 1. * Im jüdischen Krankcnhatisc befindet sich der Jude S.. 50 Jahre alt. Er ist am Kopfe, der rechten Hand. Hüne und Schulter verwundet. Das Gesicht trägt Spuren einer unlängst fi!)erstandenen Folterung. Die Augen sind von Blut unterlaufe״. Er wurde bei nachstehenden Umständen verwundet: Am Sonnabend, den 26. August kamen in sein Uhrengeschäft 3 Dragoner und erklärten ihm, dass die Erlaubnis erteilt worden sei. den Handel auch nach S Uhr abends fortzusetzen, und dass er deshalb sein Geschäft auch offen lassen könne. S; schenkte den Dragonern Glauben und beeilte sich nicht, sein Magazin zu schliessen. Als er jedoch die ersten Schüsse vernahm, versteckte er sich nebst Familie, wie auch sein Nachbar in den Keller unter dem Magazin. Um —9 Uhr abends hörte er, dass sein Geschäft gestürmt und sein Bcsitz zertrümmert .wurde. Er verliess sofort den Keller, ziindete ein Licht an und öffnete die aus der Küche zum Magazin führende Tür mit den Worten: ״Warum brecht Ihr hier ein. Ich bin der Wirt“. Im Magazin hausten ca. 50—60 Soldaten aus dem Libau'schcn Regiment, die von ihrem Feldwebel angeführt wurden. Aut seinen Befehl wurde S. nebst Nachbar aus dem Geschäft auf die Strasse geführt, wo man ihnen erklärte, dass sie arretiert seien. Auf dem Wege zur Polizei erblickten sie den Chef der Schutzwache. Herrn Tischanoiisky, und fragten ihn. warum man sie eigentlich arretiert habe, da bei ihnen doch nichts gefunden sei. Anstatt einer Antwort von Tischanoffskv verspürten sie anfangs bloss entsetzliche Nagaikahiebe. dem ein unbarmherziges Foltern folgte. Die Soldatm des Lib. Regiments und Dragoner stachen und hieben mit Kolben und Sähe! auf sie ein. Darauf wurde S. mit seinem Nachbar G. zur Polizei geführt von dort wieder aut die Strasse geschleppt, wo die Qualen aufs neue begannen. Erbärmlich zerschlagen und fast atemlos wurde!! sie w ieder zur Polizei gebracht, wo sie abermals von den Dragonern gepeinigt wurden. Nur dank d״r Anteilnahme eines bekannten Wacht1uanu.es wurden sic verhaftet und dadurch vom Tode gerettet. Nach ungefähr 3 Stunden wurden sie ins jüdische Ktankenhaus gebracht. IL In demselben Krankenbause befindet sich auch eine verwitwetc iungc Jüdin L.. 22 Jahre alt. deren Mann und Mutter getötet wurden. Vor den Kugeln Rettung suchend, versteckte sie sich nebst Mann und Kindern (3 und ל‘ Jahre alt) in einen! ihrer Zimmer, wo cs Urnen am sichersten erschien. Als am nächsten Morgen das Schiessen ein w׳enig aufgehört hatte, ging ihr Mann auf die Strasse und fragte die an der Piorte stellende Patrouille. w׳arum geschossen werde. Der Soldat antwortete, dass das Militär auf die Schüsse erwidert, die aus den Häusern kommen, wobei er noch hiuzuiiigtc. ״Auel! aus diesem Hause wurde geschossen.“ Der Frager war sehr erstaunt und sagte, dass aus diesem Hause niemand geschossen habe. In demselben Augenblicke wurde vom Soldaten dreimal in die Luft geschossen. Gleich darauf folgten in der Nähe Flintenschüsse. Bald erschienen Soldaten und nahmen eine Haussuchung vor. wobei sic auch 30 Rubel mit sich nahmen. Als die Soldaten sich entfernt hatten, war man in der Wohnung beruhigter, da man sagte, es sei bei ihnen ja nichts gefunden und die Soldaten schienen die Schüsse in die Luft abzufeuern. Jedoch kaum hatte der Mann der Famjlie. die aus dem Zimmer zum Korridor führende Tür geöffnet, als von Seiten der gegemlbcrstehenden PatrouiJIe eine Salve abgefeuert w urde, wobei die Kugeln den Mann an Nase und Arm .verwundeten. Ich beschloss sofort, ihn ins Krankenhaus zu befördern. Ich trat daher auf die Strasse und fragte einen Dragoner, wieviel er für das Hinführen meines Mannes haben möchte. El verlangte I Rbl50 ״ Cop. Ich gab ihm 2 Rbl. und wir machten uns auf de!1 Weg. Doch bald weigerte er sich, uns weiter zu iähren. Ich bat ihn, er möchte uns zu dem in der Nähe gelegenen Hause meines Vaters führen. Er brachte uns dorthin und verlangte wieder Geld. Ich ging zu meinem Vater, welcher den! Soldaten noch einen Rubel gab. Letzterer verlangte aber mehr. Ehe mein Vater noch Geld gefunden hatte, feuerte der Soldat drei Schüsse ab. w'obei er meinen Alamj am Unterleib verletzte. Mutter und icji wurden schwer am Euss verletzt. Wir wurden vom Vater ins Zimmer getragen. Ungeachtet der Bitten meines •Vaters wurden wir nicht ins Krankenhaus befördert, und als mein Va*er sich mit derselben Bitte an den Chef der Schutzwache. Tischanoffsky. wandte, v. urde er geschlagen und zuletzt noch verhaftet. Erst am nächste! Tage wurden wir privatim ins jüdische Krankenhaus gebracht, von wo aus meine Mutter ins Maricn-Krankenhaus beiörJvrt wurde. Dort musste sie sich einer Operation u״terz5ehen. die den Tod zur Folge hatte. Mein Mann starb infolge des Blutverlustes. Es wurde von den Acrzlcn konstatiert, dass bei rechtzeitiger Hilfeleistung sic vielleicht beide am Leben gebbeben wären. Dank der Anteilnahme eines bekannten Oifiziers wurde mein Vater schon am■•!. Tage aus dem Gefängnis befreit. III. Eine Soldatentruppe näherte sich dem Tabakmagazin des G. Dasselbe war geschlossen. Ein starkes Eisengitter umgab Fenster und Tür. Ganze 16 Stunden arbeiteten die Soldaten mit Brecheisen, die sie u. a. von! Brandmeister erhielten, bis sie endlich das Magazin erbrachen. Der grösste Teil der Ware wurde geraubt. Der Verlust beträgt 12 000 Rubel. Als die Untersuclumgskommlssinn aus Warschau ankam. wandte sich der Kaufmann G. an dieselbe mit der Bitte, die Soldatenkasernen einer Untersuchung zu unterwerfen. Dieselbe wurde genehmigt. Zu diesem Zweck« bevaben sich zu den Kasernen der Polizeimeister, der Artillcne-Komnmndeur. einige Zeugen und utispr Kaufmann. Dort wurde eine Menge verschiedener geraubter Sachen gefunden, u. a. auch Tabak. Als der geschädigte G. die Aufnahme eines diesbezüglichen Protokolls verlangte, wurde ihm mit dem Tode gedroht, wenn er sich nicht sofort davon machte. Es ist wohl überflüssig, zu bemerken, dass die geraubten Sachen nicht unter Siegel gelegt wurden. IV. Zum Hausbesitzer K.. 81 Jahre alt, der sich eines sehr Stuten Rufes erfreut und so״ar 2 Medaillen für Eiier besitzt, drangen am 26. August nachts Dragoncrsoldaten und deren Offiziere ein. Sie stellten eij.e Haussuchung an, schleppten den alten Mann aus dem Bette und begannen sein Hab und Gu.t zu plündern. Als sic sich die Medaillen aneignen wollten, 'rief ihnen der Alte zu: ״Wie wagt Ihr des Kaisers Geschenk zu nehmen!“ ״Schweige, sonst erdrosseln wir dich,“ war die Antwort, wobei ihm mit dem Bajonett gedroht wurde. Auch verlangten sic die Schlüssel zum Geldschrank. Der Besitzer des Gcldschrankes ist augenblicklich abwesend, warten Sie bis morgen, er wird dann wohl hier sein und Ihnen die Schlüssel geben.“ Die Soldaten begnügten sich nicht mit dieser Antwort und wollten den Geldschrank aufbrechen, was ihnen jedoch nicht gelang. Der anführende Offizier nahm daher die Schnüre aus dem Gebetmantel des K•, griff nach Sie• gcllack und versiegelt damit den Geldschrank. In der nächstfolgenden Nacht erschienen wieder die Soldaten, schleppten den Geldschrank auf die Strasse, brachen ihn auf und bemäcluigten sielt des Inhalts. Der Geldschrank wurde nachher auf der Strasse gefunden. V. Bei der Hausbesitzerin L. erschienen am Sonntag morgen 4 Dragoner. ״Wo sind die Männer?“ fragten sie die Wirtin, die ihnen die Tür öffnete. Sie trabm in die Wohnung und forder ten Geld. Im Bufft t lagen 25 Rbl., die sie sich ajicignetcii.

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