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Jüdische Rundschau · 1906-09-28 · Heft 39 (28.9.1906) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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JÜDISCHE lässigen Angriffe“ sich zu Schulden kommen lässt. NVir . geben gern zu, dass in dem ganzen Passus, in dem ci zum Boykott gegen die zionistischen Rabbiner und Lehrer aufiordert, kein beschimpfender Ausdruck sich fi.ulet. Auch nehmen wir zu seinen Gunsten an, dass er sich der Tragweite dieses Vorschlages nicht bewusst ist. Denn hier hat ihn die vermeintliche Leidenschnitislosigkeit, deren er sich Herr glaubte, weil er versucht hat, scharfe Ausdrücke in der form zu vermeiden, gründlich 1111 Stich gelassen. Hier hat ihn der ohnmächtige Acrger übermannt, weil er nun ebenfalls zu sehen beginnt, was wir ihm schon vor 10 Jahren verkündeten, dass die junge Genelation der heranwachscnden Rabbiner und zumal die aus dem sogenannten liberalen Lager sich mit fliegenden Fahnen dem Zionismus ar.schliesst, trotz aller der an die Verhältnisse russischer Schulen erinnernden Unter• drückiingsmassregeln an den betreffenden Lcliranstalten. Er warnt die Rabbiner-Gemeinden vor der An- Stellung zionistischer Rabbiner und Lehrer, würde aber diese Gemeinden, jyenn sic seinen Rat befolgen wollten, m die Lage bringen, in längstens zehn Jahren entweder unter Verzicht auf deutsche Rabbiner solche wieder aus Ungarn einfiiliren oder ohne Rabbiner bleiben zu müssen. Denn .die junge Generation ist unser und kein Boykott vermag sic mehr ihrem jüdischen Ideale untreu zu machen Dr. Vogclstein gehört nicht zu den Leuten, die nichts vergessen und nichts lernen. Er hat längst vergessen, dass wir dein Robbinerprotcst unsere allcrpo^alärstc Propaganda verdanke׳.! und er hat gelernt einzusehen, ״dass es irrig ist, zti wähnen, dass die zionistische Bewegung schon so bald ihr Ende erreichen werd c.“ Im Gegenteil: Der Zionismus hat nicht nur bei uns liier in Deutschland gezeigt, dass er progressiv wächst und alle jungen Elemente im Judentume zu sich Iremzieht, die nicht im Christcntunic plötzlich oder allmählich oder in einigen Generationen untertauclicn wollen. Er hat fcereits klar jedem Einsichtigen bewiesen, dass das Nordausche Wort wahr und wahrhaftig zu Recht besteht ״Das Judentum wird zionistisch sein oder cs wird nicht sein!" Das Judentum ist bereits auf dem Wege, durchaus zionistisch zu weiden. "״ Der Zionismus ist tatsächlich eine Gefahr: aber nicht für das Judentum, sondern für die Auflösungsbe- Strebungen im Judentum, die sich seit einem Jahrliundert in ihm breit machen. Der Zug aus dem Judentum hinaus, den die liberale Entladung anführte, wird vom Zionismus in einen Marsch in das Judentum hinein verwandelt. Mit Schrecken haben wir gesehen, dass die angeb lieh liberalen Judenfamüicn vom Beginge und der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts heute ausserhalb des Judcnvolkcs steheU. Die Nachkommen Mendelssohns werden zwar noch von den Nidujuden stets als Juden bezeichnet, und angesehen, aber sind bereits seit meh- «eren Generationen getauft. Vor, den Nachkommen des ugcntliche,! Gründers . d.r liberalen Bewegung in: J udentum, David Fried; ä ״der, ist k e i n e i n - ziger jüdischen Bekenntnisses. Der von den Liberalcn als ihr Mann augerufene (iabnel Riesser hat nur christliche Nachkommen. Der Sohr, des ersten Mannes, der liberale Tendenzen durch eine Orgelsyna* goge zu vertrete״ glaubte, der erste ,der anstelle der jüdischen Bar - Mizw ah ״k 0111־ i r m i e r t“ wurde, wurde, als er älter geworden war. der Sprecher der christkatholischen Gemeinde in Berlin. Aron Bernstein, des Gründers der Reformgemcindc, RUNDSCHAU ■_No. & Enkel Ist Kirchenvorsteher in Charlottenburg. Aus dem liberalen Juden Lazarussohu wurde der fromme Christ Prof, l.asson. NVir freidenkenden Juden, die wir gleichzeitig in unentwegter Treue am alten Stamme festhalten, können uns deshalb nicht ,,liberal“ nennen, weil sich in den liberalen Kreisen und unter dem Na tuen ״Liberal“ die Kreise zusammenfinden, die im liberalen Judentum die erste Stuie zum Eintritt in das Christentum durchniachen. Bisher war das liberale Judentum nichts weiter als entweder der bewusste Schritt aus dem Judentum hinaus oder eine inkonsequente Ortho• doxie. Wir, die wir konsequente Freidenker sind, fanden in dein uns vorgelegten liberalen Judentum weder freies Denken noch Judentum. Das fängt erst anders zu werden an bei der jungen Generation von Rabbinern, die sich dem Zionismus angcschlossefn haben, die mit ihm für eine Zukunft des Jüdischen Volkes arbeiten und sich und uns damit d?e freie Forsehung und das vorurteilsfreie wissenschaftliche Denken zu einem dem Judentume förderlichen, nicht das Judentum auflösenden Element machen. Freilich werden' diese jungen Rabbiner eine schwere Arbeit vorfinden. Denn sie müssen das Misstrauen hiuwegrüumen, das in allen wissenschaftlich und freidenkenden Kreisen sich gegen die angeblich liberalisierenden Tendenzen der Synagogen gebildet hat. Es wird lange dauern, bis man lernen wird, dass dieser Liberalismus etwas anderes ist, als der angebliche Liberalismus, der nichts weiter ist als die Tendenz, die zum Judentum liinausführt, als der Weg, auf dem die Geiger und Froincr den Weg zur Synagoge hinausweisen, und etwas anderes als das inkonsequente Judentum. Die Tauferei in den sich liberal nennenden Kreisen der Berliner Judenheit ist zu so grossen Dimensionen gekommen, wie das nur der Fall war, als die entstchende Rcfornibewcgung ihre Kreise zog. ״Ein sittlich empfindender gemütvoller Mensch“, so schreibt Vogelstein, ״wird des Elternhauses, in welchem er seine Kindheit zugebraclit, in welchem er so manche gute Lehre empfangen hat, stets gern und dankbar gedenken, wird sich auch freuen, wenn es ihm vergönnt ist, wieder einmal dort zu weilen und sich in die ErinneruMgcn seiner Jugend zu versenken, aber er wird, sofern er ein ernster zielbewusster Mensch ist, niemals seinen Beruf, der über die Enge seines Heimatortes hinausgewachsen ist, und der ihm hohe Pflichten auferlegt, seinem Pictätsgefiililc zum Opfer bringen.“ Auf diesem Standpunkte glauben so viele zu stellen, die ihren Beruf nicht dem Pietätsgefiihlc, sondern ״ihr P i e t ä t s - ge fühl“ dem Berufe zum Opfer bringen. Sie fühlen in sich den Beruf, in der Richterlaufbalm und m der Kolonialvcrwaltung, als Rcserveofiiziere und als Organisatoren des Vereins deutscher Studenten für das deutsche Volk Grosses zu leisten, und bringen ihr libe- 1a!cs Judentum, das aus nichts als aus Pietätsgefühl für die Eltern, so lange sic leben, besteht, dem grossen Berufe zum Opfer, der über die Enge des Heimatsortes und des Judentums hinausgewachsen ist. Wir können sachlich und leidenschaftslos den Aus• fiilirungeii Vogelsteins nachgehe״, soweit er sein liberales Judentum uns anpreist. Wir glauben gern an seineu guten Willen, auch wenn wir feststellen, dass er dort, wo er autbauen will, zerstört. Denn wir sind die Fortschreitenden, und er vertröt die gewesene Gene- 1ation. Dagegen müssen wir uns schari, wenn auch sachlich, dagegen verwahren, wo er in seinen weiteren Ausführungen uns Tendenzen unterschiebt, die wir nicht haben. Auch dabei, wo wir genötigt sind, seine Angrine auf unsere vaterländische Gesinnung ziiriickzuweisen, ־wo wir die Grundlosigkeit seiner Beschuldi-

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