Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 570 No. 38 JÜDISCHE RUNDSCHAU Kesclicitert. Kr fiel ־ - aber der Geist blieb derselbe. Die Oiiiziere der ..glorreichen” Armee knirschen die Zähne und fluchen in ihrem Herzen des ״salcs youpens“, wie sic in!icbenswT'rdigcr Weise ihre iiidiscben Mitbürger nennen. Auswanderung aus Russland Die Auswanderung aus Russland, die. soweit sic durch Deutschland Keilt, fiber die Station Ruhleben bei Spandau geleitet wird, hat, wie man uns schreibt, seit Wochen einen »och nie dagewesene» Umfang erreicht. Es treffen täglich in Ruhleben über 21)00 Personen aus dem Zarenreiche ein, die sich jenseits des Ozeans eine neue Heimat suchen wollen. In Sonderzügen werden sie nach den Hafenstädten Hamburg, Breme» oder Rotterdam befördert, von wo sic ihre Seereise antreten. Alle sind sic glücklich, dass sie den schrecklichen Zuständen ihres Vaterlandes entronnen sind. Unter den jüdischen Auswanderern befinden sich täglich verschiedene Fami]ign ohne ein erwachsenes männliches Mitglied; in diesen Fällen sind die Familienväter oder die erwachsenen Söhne usw. bei den Juden nt assacres ermordet worden. Es treffen oft Frauen mit sechs und mehr Kindern ein, deren Ernährcr bei den Metzeleien umgekommen sind. Die Leute fahren vielfach aufs Geratewohl in das fremde Land, nur um ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Ihr Hab und Gut haben sic oft zum grössten Teil in Russland zuruckgclassen. Petersburg, 14. September. Wie RJETSCH aus Odessa gemeldet wird, geberden sich die/Mitglieder des Verbandes russischer Leute in den letzten Tagen sehr aufgeregt. Sie ziehen bewaffnet und mit Signalpfeifen versehen, durch die Strassen und misshandeln die ihnen begegnenden .luden. AI)• täglich kommen solche Misshandlungen vor. Die Polizei weigere sich, diesen Vorkommnissen eine ernstere Bedeutung beizumessen. Das Duell Der RUSS. KORR, wird aus Petersburg geschrieben: Ein interessanter Briefwechsel wird jetzt in der Petersburger Presse veröffentlicht. Fs handelt sich dabei um eine Herausforderung zum Zweikampi wegen einer angeblichen Be- Icidigitng der 1ussisch.cn Armee. Diese Beleidigung soll bekanntlich der frühere zionistische Dumadeputierte Rechtsanwalt W. Jakuhsohn ausgesprochen haben. Herr Jakubsohn hat mimlieh wie erinnerlich, in seiner Rede über die Bialystoker Metzeleittu bei denen das Militär eine traurige Rolle gespielt, auf das Verhalten der russischen Armee in dem japanischen Krieg!:ingewiesen. Dort in der Mandschurei, meinte der Abgeordnete, war das Militär nicht so tapfer wie in Bialystok. Diese Acusserung Jakubsohns wurde seinerzeit von mehreren Seiten angegriffen, was ihn zu einer Erklärung in der Duma veranlasste, in der er ausführte, dass es ihm fern lag, die Gesamtheit der Armee einer Feigheit zu beschuldigen, und er nahm seine allgemeine Behauptung zurück־. Diese Erklärung Jakubsohns hat aber durch die NO WO JE NVREMJA und andere reaktionäre Zeitungen auigehetzten Offiz'urskreise nicht 1m> ruhigt. und bald fand sich ein junger Leutnant, namens Sniirnskv. der Jakubsohn zum Zweikampf aufforderte. Jakubsolin lehnte ab. da ein Zweikampf seinen Ueberzeuguuge» widerspreche. Smirnsky beiuhigte sich nicht und liess in der NOWOJK WRFMJA eine Drohung gegen Jakubsohn erscheinen. Hierauf reagierte ein junger Offizier, der einen Brief in der Zeitung OKO veröffentlichte. In diesem Briefe führte der Offizier unter anderem aus: ..Ich bin aus prinzipiellen Gründen der Meinung, dass der frühere Dumadeputierte Jakubsohn in allen seinen Handlungen recht hatte, und schlage dem Leutnant Smirnsky meine Dienste vor. Ich übernehme die Hcrausforderung. die er an Jakuhsohn g. richtet hat. lind stelle mich dem Förderer zur Verfügung.*• Gleichzeitig mit dem .Briete des Offiziers erschien in den Zeitungen ein zweites Schreiben, das von einem Herrn S. Alapin unterzeichnet ist. In diesem interessaut.11 Dokument schreibt Herr S. Alapin unter anderem folgendes: ..Ich erlaubte mir. n ich dem Leutnant Sniirnskv als Gegner vorzuschlagen. Auch ich kann nicht den Mord von unschuldigen und wehrlosen Mensehen gutheissen. . . . Solche w ie ich gihts in Russland mehrere Millionen, aber ich bin der erste, der den Vorschlag macht, und deshalb habe ich in dieser Beziehung ein Vorrecht . . . Sollte ich in diesem Kampfe unterliegen, dann wird es keine weiteren Folgen habän. denn ich habe nichts mit den Revolutionären gemeinsam und niemand wird für mich Rache rieh* men wollen. Aber es kann auch anders kommen: obwohl ich schon grau bin!und niemals eine Waffe in der Hand hatte, aber Ich glaube, dass Gott nicht in der Gew alt. sondern in der Wahrheit ist! . . . Ich möchte freilich auch nicht, dass etwa n»cine Gegnct die ..Terroristen von rechts** rächen wollen. Es wäre mir recht und billig, wenn diese loyale Bedingung von irgendwelcher) einfliVsreiclicn Organisation des ..Verbandet ruuischor Männer” anerkannt würde.*‘ Der Briefwechsel hat erklärlicherweise in der öffentlichen Meinung Russlands ein grosses Interesse hervorgerufen, um! man erwartet gespannt den Ausgang dieser Affäre, die besonders beachtenswert durch die religiöse Stimmung ist. die' in dem zweiten Brüte zum Ausdruck komm!. Judenhetze in Mogador In Mogador ist ein Berberliäuptling des benachbarten Distrikts. Kaid Antieos. mit einer starken Tmppenmaclit eingedrungen und hat verlangt, dass die jüdischen Kaufleute, von denen viele Schützlinge und Untertanen der europäischen Mächte sind, ihre Häuser im maurischen Teil der Stadt verlassen und sich in das Judcnviertel zurückzichen sollen. Die jüdischen Kaufieute haben ihr ganzes Leben lang im m. *isehen Viertel gewohnt. Als sie sich weigerten, ihre Wohnung aufzugeben, teilte ihnen der Berberliäuptling mit. dass er alle ihre Effekten wegnehmen und verbrennen werde. Die Dopeselten geben keine Klarheit darüber, ob er dies schon getan hat. Die maurischen Beamten in Tanger erhielten vom Gouvcrncur von Mogador eine dringende Bitte um Hilfe; 300 Mann Truppen wurden schleunigst cmgeschint. Man fürchtet i״ Tanger, dass, wenn der Berberliäuptling sc!ne_ Drohung ausführt, unzweifelhaft Aufruhr und Plünderung folgen werden- Falls die Lage nicht durch die Ankunft der ..Galilee“ gebessert wird, werden die europäischen Untertanen eiugeschifft werden- In Mogador herrscht grosse Panik. Der Gouverneur hält mit wenigen Soldaten die Kasbah (Zitadelle), die Aufloos anztigreifen droht. Wie dem MAHN aus Tanger berichtet wird, zwang der Kaid Anflous in Mogador die jüdischen Fami! ui. sieh in die ״Mcllah‘*. wie in den marokkanischen Städten das Ghetto bezeichnet wird, zurückzuziehen. und verlangt, dass die aJ.s Dienstboten in jüdischen Familien beschäftigten Araber di.״- selben verlassen sollen. Anflous belästigt nicht nur die inarokkanischcn Juden, sondern auch diejenigen, welche unter dem Protektorat der zivilisier teil Mächte stehen. Das d'ploma.tische Korps in Tanger hat seinen Doyen, den itnüenisckcn Gesandten Malmusi, beauftragt. Schritte bei Mohammed el Torres wegen Aufrecliterhaltuug der Ruhe in .Mogador zu tun. Mohammed el Torres bat die AbseitJung von 31' Soldaten nach Mogador versprochen. Der französische Ges:!mite hat dem Kreuzer ..Galilei” Befehl gegeben, nach’ Mogador zu dampfen, um nötigenfalls die dortigen Franzos.n. die französischen Schutzbefohlenen und auch andere Fremde gegen den Kaid Anflous zu beschützen. Der ..Galilei" wird am heutigen Sonn־ abenJ um sechs Uhr abends in Mogador erwartet. Auch zwei englische Kreuzer verhessen Freitagabend d e Reede von Gibraltar, um sicli nach Mogador zu begehen. Kleine Mitteilungen Fräulein Sophie Malerow lisch hat sich mit dem Zahnarzt Herrn Walienberg aus Berlin verlobt. Auch die Redaktion der RUNDSCHAU gratuliert lier/lichst. Hamburg. 13. September. Die alte Synagoge in der Elbe- Strasse, die I7S9 von Sonnin. dem Erbauer der Michaelskirchc, errichtet worden war, wurde beute feierlich nach einem Gottesdienst geschlossen. Heute abend soll die neue Synagoge am Bornplatz eingeweiht werden. Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums In Berlin, Lindenstrasse 4S/50. Verzeichnis der im Winter-Semestet 1906/1907 zu haltenden Vorlesungen. # Herr Dr. Bauet 11 wird lesen: 1) Talmud babli, Kiddm־ scliin, Cap. IV, •I Stunden. Montags und Donnerstags 10—12 Uhr. 2) Talmud Babli, Nedarini, Cap. I, 4 Stunden. Mittwochs und Freitags!0 -12 Uhr. 3) Einleitung in den Talmud, 1 Stunde, Donnerstags 12—1 Uhr. 4) Jore Dc’a (Tur und Schulehan *Arucfi. Fortsetz.). 2 Stunden. Mittwochs 8—10 Uhr. 5) Eben ha’ezer XVII (Forts.), 1 Stunde, Montags 12—1 Uhr. 6) Misclme Thora. Buch 7. 2 Stunden, Montags und Donnerstags 9—10 Uhr. Herr Dr. El bogen wird lesen: 1) Genesis mit dem Comrnentar des R. Samuel b. Meir, I Stunde. Dienstags 10—11 Uhr. 2) Talmud babyl. Moed Katon, Cap. III. 4 Stunden, Sonntngs und Mittwochs S—10 Uhr. 3) Geschichte der Juden in Deutschland. I. Teil, 2 Stunden. Mittwochs und Freitags 10—-11 Uhr. 4) Geschichte der Schriftauslegung, 2 Stunden, Sonntags 10—12 Uhr. 5) Historische Hebungen, 2 Stunden. Dienstags 8—10 Uhr.