Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3S Seite 568 JÜDISCHE RUNDSCHAU den ideellen Erfolgen der Bewegung Schritt gehalten, so mössten wir längst über die ersten 5000) hinaus sein. Noch vor 2 bis 3 Jahren war das Hauptthenia aller grossereu Zionistischen Versammlungen die kühn eingeworfene Frage: ״Warum sind noch nicht alle deutschen Juden Zionisten. Line vH hundertköpfige Menge lauschte meist den Ausführungen des Redners, die in keinem Punkte zu widerlegen waren und auch in keinem Punkte widerlegt wurden, und der Erfolg war: 10 bis 20 Mann erklärten sich zum Eintritt in die zionistische Ortsgruppe bereit und für den Nationalfond, wurden 13 Mark gesammelt. Heute hat man mit diesen tönenden Agitatious* Versammlungen so ziemlich aufgehört. Das uns zugängliche Publikum ist eben mit zionistischem Agitationsstoff gesättigt lind doch ein so lächerlich geringer Erfolg! Die Schuld hierfür kann nicht an der mangelnden Beweiskraft der zionistisehen Argumente liegen. Diesen Gefallen hätten uns unsere Gegner nicht getan. Unsere Versammlungen waren jedesmal Siege. Die Schuld hieran liegt auf organisatorischem Gebiete. Unsere heutige Organisation ist anstatt auf eine Volksbewegung auf eine Vcrcinsbcwcg u n g zugcschnitt.cn. Wir dürfen nach einer Agitationsrede nicht, wie es noch in den kürzlich erschienenen, im allgemeinen guten Vorschriften für Veranstaltung von öffentlichen Versammlungen heisst, nach dem Vortrag zum Beitritt in die Ortsgruppe auffordcrii; ferner darf auf den im Saale zu verteilenden Beitrittskarten nicht stehen: ..Hierdurch trete ich der zionistischen Ortsgruppe in .... . bei,**, sondern der Vorsitzende hat eine Abstimmung zu beantragen, wer von den Anwesenden die Richtigkeit der zionistischen Ziele anerkenne. — das Ergebnis Ist dann in der Oeffentliclikcit zu verwerten — und die Beitrittskarten haben nicht chic Aufforderung zum Beitritt in die Ortsgruppe, sondern zum Beitritt in die zionistische 0 rganisation zu enthalten, der man dadurch angchört, dass man das Basler Programm anerkennt und den Schekel zahlt. Dann werden unsere numerischen Erfolge ganz anderer Art sein. Damit soll die Agitation für die Ortsgruppe keinesfalls aufhören. Ich stelle aber die Forderung auf, dass den zionistischen Ortsgruppen nur Leute angehören, die bereit sind, aktiv für die Bewegung tätig zu sein und allenfalls solche, die bereit sind, die Organisation mit grösseren Geldmitteln zu unterstützen. Alle andern Ortsgruppcmnitglicdcr sind nur ein hemmender Ballast für die Fortschritte der Bewegung. Das werden mir mit einem schweren Seufzer alle die zugehen, die sich gleich mir schon einmal bemüht haben, Ordnung und Leben in eine zionistische Ortsgruppe zu bringen. Doch sie glauben wahrscheinlich im Interesse der Bewegung, dieses Kreuz hinnehmen zu müssen. Denn nach der Zahi der Ortsgruppenmitglieder wird ja der Stand der Bewegung beurteilt. Wie falsch diese Ansicht ist, will ich im folgenden klar legen. Zunächst darf die Zahl der Zionisten eines Ortes nicht nach der Zahl der Ortsgruppenmitglicder. sondern nur nach der Zahl der Schekelzalilcr berechnet werden. Das ist .so sonnenklar und liegt so sehr in! Interesse der Bewegung, dass man nur Un* erfahrenheit als Entschuldigung der Niehlbefolgung annchmcii kann. Ferner wird mir wohl mancher einwctiden. dass bei Durchführung meiner Forderung der Besitzstand der Bewegung sowohl ideel als auch matedicll stark gefährdet wird. Nichts ist leichter als das Gegenteil zu beweisen, und. da sich am konkreten Beispiele leichter beweist, nehme ich ein für mich ungünstiges Zahlcnvcrhältnis an. Ich nehme an, dass eine Ortsgruppe heute 100 Mitglieder zählt. Von diesen seien nur der fünfte Teil, also 20, bereit, für die Bewegung aktiv tätig zu sein oder die Bewegung mit grösseren Geldmitteln zu unterstützen, dass diese Aufstellung ungefähr stimmt. Ich bchaupte ■nun, dass es für die Bewegung vorteilhaft ist, diese 100 Leute in 20 Ortsgruppenmitglicder (aktive Zionisten) und 80 Schekclzahlcr (passive Zionisten) zu teilen. Denn für die Idee Ist es unwesentlich, wie die Leute genannt werden. In die Sitzungen kommen sie nicht, trotzdem sic jedesmal eingeladen werden und zu grosseren Vcrsammhingen. Festen usw. werden sic kommen, auch wenn sie nicht in der Ortsgruppe sind. Bleibt also der materielle Vorteil, imaginär. Demi unsere 20 aktiven Zionisten werden minde• stens ihre 50 Pf. Monatsbeitrag freiwillig zahlen und werden ihren Landesbeitrag und Schekel und ihre Zeitung ausserdem bezahlen, so dass zu Zwecken der Agitation am Orte 20 X 6 Mk., d. h.. 120 Mk. fast ohne Abzüge vorhanden sein werden. Unsere 100 Ortsgruppenmitglicder sollen ebenfalls ihre 6 Mark jährlich zahlen. (In Berlin werden nur 4 Mark gezahlt.) In diese 6 Mark sind aber regelmässig der “Schekel und Landeshcitrag oder das Abonnement für die Zeitung' cinbegriffen. Das heisst also von diesen 600 Mk., deren Einziehung in den meisten Fällen eine grosse Schwierigkeit ist, werden 150 Mark überhaupt nicht gezahlt, 50 Mark erhält der Kassenbote. 50 Mark entfallen auf Einladungskarten. 200 Mark. auf Schekel und Landesbeitrag (oder noch mehr auf Zcitungsabonnement). so dass trotz des grossen Apparates nicht mehr hcraiiskommt als in dem andern Falle, wobei man noch be- ,,rücksichtigen muss, wieviel Arbeitskraft und wie viel Opfer* Willigkeit unserer aktiven Zionisten dazu gehört, um diesen schwerfälligen Apparat in Bewegung zu erhalten. Nur die Kraft unserer Idee hat es bisher vermocht, dass sich trotz der Zwecklosigkeit derartiger Bemühungen immer noch Leute finden, die ohne Murren sich solchen Arbeiten unterziehen. Ich glaube also erwiesen zu haben, dass wir ohne Gefahr für unseren Bestand diese Reorganisation werden vornehmen können. Die Zionistischen Ortsgruppen sollen nur die Agitationszentren der Bewegung bilden. Um sic herum soll sich eine Schar von Schekclzahlcrn gruppieren, die an Zahl die der Ortsgriippcnniitgliedcr mindestens um das Fünffache über♦ steigt. Die zionistischen Ortsgr11pp.cn werden dadurch zu leicht beweglichen maschinellen Hilfsmitteln der Bewegung. An dem tatsächlichen Bestand ändert sich nichts 7.11 ungunsten der Bewegung. Trotzdem wird eine gewaltige Menge von Arbeitskraft frei. Ausserdem wird das Ansehen der Ortsgruppe nicht unwesentlich gehoben. Man wird nicht gezwungen sein, jeden beliebigen in die Ortsgruppe aiifzunclimcn. Ls wird jedem Zionisten zwar möglich sein, der Ortsgruppe anzugehören, aber eben nur. wenn er für die Bewegung tätig ist. So werden die Ortsgruppen die Elite der Zionisten eines Ortes bilden. Die Aufgabe der Ortsgruppen ist dann eine wesentlich neue. Während bisher die Ortsgruppen genug daran zu tun hatten, sich selbst zu verwalten, haben sie nun die Aufgabe, das zionistische Leben des Ortes zu überwachen. Unsere 20 Zionisten (10 genügen auch) teilen sich in die verschiedenen Arbeitsgebiete. Die einen sorgen für Linziehimg des Schekels und des Laudesbcitrags. die andern für den Nationalfond; für Verbreitung der Zeitungen und der sonstigen Literatur, andere für Veranstaltung von Agitationsabenden usw. Ein gemeinsamer Vorstand überwacht und kontrolliert diese Tätigkeit. In regelmässigen wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Sitzungen kommt mau zusammen, um über die Fortschritte zu beraten. So denke ich mir die Neuorganisation der Ortsgruppen. In der einen oder der anderen mögen schon Ansätze dazu vorhanden sein, und diese werden die Riehtigkeit meiner Forderungen erweisen. AH diesg Aenderungen könnnen sich in den einzelnen Ortsgruppen vollziehen, ohne dass die Oeffentliclikcit viel davon merkt. Ohne das lärmende Echo des Dclcgicrtentagcs. denn cs handelt sich um innere Fragen. F.rst das mächtige Anschwellen der Schekelzalilcr wird nach aussen hin von einem inneren Umschwung Kunde geben. Es ist wohl klar, dass diese Arbeiten, die ich eben kurz skizziert habe, unter den heutigen Verhältnissen noch von Privatleuten ausführbar sind, dass hier die Bewegung heute noch ohne das teure Hilfsmittel besoldeter Kräfte auskommt. Fiir die Zusammenfassung einzelner Ortsgruppen zu einem wohlorganisierteu Gruppenverbaude brauchen wir bereits be* solücte Kräfte, die imstande sind, ihre ganze Zeit und Kraft in den Dienst der Bewegung zu stellen, für diese Zwecke brauchen wir Parteisekretäre. Und so möchte ich auch diesmal wieder zusammenfassend schlossen: Die Ortsgruppen dürfen nicht die Grundlage der zionistischen Bewegfing bilden. Sie ejfiillen ihre wahre Aufgäbe dann, wenn sie nur die Mittelpunkte der Agitation sind. Kurz, die zionistische Organisation, die heute auf eine Vcreinsbcwcgung zugcschnlttcn ist, muss sich dem wahren Charakter der zionistischen Bewegung anpassen und das ist dann eine Volksbewegung. Joseph Löwy. r ■-׳■ ,m Rundschau ' «Ml .- .—1ך Friedrich von Baden Grossherzog Friedrich von Baden feierte am 9. Septemher seinen 80. Geburtstag. Zugleich wurde im ganzen Lande de goldene Hochzeit des grosslierzogl.celui Paar As festlich begangen. Die jüdischen Einwohner Badens iieltineit an der Df Dpelieier des grossherzoglichen Hauses den lebhaftesten Anteil. Hat doch Grossherzog Friedrich zu allen Zeiten eine Toleranz und einen Gerechtigkeitssinn an den Tag gelegt, wie