Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-09-19 · Heft 38 (19.9.1906) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651485--03965-2660916
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

, 9 No. 3$ JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 567 ויי Ordnung gebracht. Die Stadt soll ihr früheres Aussehen wieder ,'bekommen. An die Juden ist der Befehl erlassen, ihre Läden zu öffne;;. Sie solle״ doch nicht mehr über die Toten weinen und nur fröhlich au das zufällig unterbrochene Tageswerk 1 gehen . . . Bei uns in Russland wird ja auch alles auf Befehl gemacht. Wieviel der Toten, wieviel Verwundete, wieviele Irren, das lässt sich noch nicht fcststellcn. Man spricht von!00 Toten, vielen Hunderten Verwundeten. Bis auf den heutigen Tag wurden 27 Märtyrer ins Grab gesenkt. Von den 72 Schwcrvcr* wundden. die sich z. Zt. im jüdischen Spital befinden, werden nicht viele dem Tod entrissen werden können. Der materielle Ruin ist ungemein gross. Es gibt fast kein einziges Haus, kein einziges Geschäft, das nicht total ausgcptiiiidc rt oder nieder- .gebrannt wäre. Die Not ist entsetzlich^ Es hat sich ein Hilfs- Komitee bereits zusammengesetzt. Aus Warschau und Lodz, sind 6000 Rubel gekommen, auf Veranlassung des Hilfsvcrelns der Deutschen Juden -10 סריס Mark, Es ist hier aus Petersburg auf Beiehl von Stolypin eine Un(crsuchungsk״mm!sst״n. bcstehend aus den Generälen Wowossilzcw. Kruzcnstein, Wassilowsky und dem Oberst Ussow. cingetroffcn. Unter anderen wurde auch eine jüdische Deputation mit dem Rabbiner an der .. Spitze, vernommen. Was wir von dieser Kommission zu erwarten buben, wissen wir ganz genau. Umsomehr ist cs notwendig, eine juristische Kommission zu organisieren, um den Beschädigten fachmännische Mille zu gewähren und die bcliördüche Untersuchung zu tiberwachen. Das zionistische Zentraliwreau in Köhl erhielt folgendes Telegramm; Warschau,!2. 9.,!2.15 mittags. Der Pogrom dauerte gestern nachmittag schon seit fünfzig Stunden; unaufhörlich hört man Kanonen und Gewchrsalven. h's herrscht eine Ecuersbrunst. Mangel an Aerzten und Nahrungsmitteln, sowie Wassernot. Line .Delegation beim Gouverneur war ■vergebesn. Der Gouverneur fordert die Herausgabe der jüdischen Revolutionäre. 200 Laden sind ge- Plündert. 50 Häuser verbrannt. Bisher zählt man schon!00 Tote und 20<׳ Verwundete. Viele flüchten aus der Stadt, aus Warschau ist ein Hilfskomitee, sowie Aerzte nach Siedlcc gesandt worden. * Das Berliner Bureau der Alliance Israölitc Universelle erhielt ausführliche Berichte, in denen es u. a. heisst: Am Dienstag hatten die Salven aingehört, war Ruhe eingetreten. Die Bitte der Bevölkerung, die seit Samstag sich weder Speise noch Trank hatte bereiten können und Hunger und Durst litt, sich aus der Umgegend Brot holen zu dürfen, wurde abgclchnt. Am Dienstag, Nachmittag fand das Bcgrabnis jenes durch seinen Kameraden erschossenen Soldaten statt. Nach dem Begräbnis wiederholten sich die Szenen vo.n Samstag Abend; Revoiverschlisse der Gendarmen. Salven der Soldaten. Bei der Gelegenheit wurden 2 christliche Frauen erschossen. Am Dienstag wurde der Generalgouverucur General Eiig'Jkc seines Amtes enthoben und durch General Sykalow ersetzt. Seitdem ist in Siedlec Ruhe. Line Gewähr dafür, dass die Ruhe andauert, ist in keiner Weise gegeben Jeden Augenblick können sieb die Schreekensszcnen fiir die Bevölkerung erneuern. Ist doch die Forderung, mar. solle die angeblich Schuldigen, die' Anarchisten. Sozialisten. Bundistcu ausliefcrti. nicht zurückgezogen worden, und kann doch natur gemäss die Forderung nicht erfüllt werden. Am Mittwoch sinj auch die jüdischen Mitglieder der Deputation, die sich an den Militärkommandanten gewendet haben, darunter der Rabbiner. in Haft genommen worden. Besonders charakteristisch Ist, dass die Stadt Siedlec bcreits am Samstag früh abgesperrt war. die Post nicht 111 die Stadt htnclugclassen wurde, kein Reisender hin- oder hcrlaltrcn durfte. Das war zwölf Stunden bevor die angeblichen Anarchistcn-Revatverschüsse gefallen waren. Dagegen hatten die Soldaten von früher Stunde an von Ihren Oliizlcren Schnaps bekommen. Am Abend war ein grosser Teil der Soldaten bereits trunken. Noch muss erwähnt werden, was allerdings nur von Artilleristen aus Brest mitgeteilt, aber noch nicht anderweitig bestätig» worden ist. dass das Regiment von Brest bereits Sonnabend früh die Ordre kannte, die cs für Sonntag nach Siedlec rief. Ergänzend sei noch erzählt, dass in dem obenerwähnten Hotelrestaurant die Offiziere den Reisenden gesagt hatten, sr dürften unbesorgt sein, da in dem Hotei ihnen nichts gc! schellen w ürde. Die Herren Offiziere haben aber den Gehör sani ihrer Soldaten etw׳as überschätzt, denn am Sonntag nach mittag wurde in dem Restaurant kräftig geplündert das grosse Buffet wurde von Grund ans vernichtet und zerstört. Dass d;cs programmwidrig gewesen war. zeigte sich, als der Truppenkommandeur die Plünderung bemerkte und ihr Einhalt tat. Leicht wurde es ihm nicht gemacht. Der Offizier, den er ahgeschickt hatte, um den Soldaten zu befehlen, dass sic von ihrer Piündornngarbeit Abstand nehmen sollten, wurd״‘ wellt gehört und musste sich Gehorsam erst durch flache S.Peihickc erzwingen. Unser Gewährsmann sali, wie einige Zeit nachher Körbe mit Kognak und Wein von Soldaten in das Restaurant zuriickgebracht wurden. Das Verbrechen von Siedlcc. Der RUSS. KORRESPONDENZ entnehmen wir folgende Mitteilung: Die Nachrichten, die aus Siedlcc bisher eingelaufen sind, lassen die Grösse des Verbrechens, das dort verübt wor« den ist. noch nicht klar erkennen. Die Soldateska war vorsichtig genug, die unglückliche Stadt von der Ausscnwelt vollständig abzusperren. Aber eins ergibt sich doch schon aus den bisherigen Berichten; das System des Mordcns ist in ein neues Stadium getreten. In Siedlcc ist zum ersten Male jener Programmpunkt des schwarzen Hunderts zur Ausführung gelangt, der da lautet, wenn eine Stadt oder eine Ortschaft die Revolutionäre, die es unter de» Bürgern gibt, nicht auslicfert. so wird ein Blutbad unter den Einwohnern angerichtet. Nachdem sich die Polizei, nachdem sid* das Militär unvermögend erwiesen haben, die Revolution einzudümmen, soll nunmehr verfahren werden, wie eine Armee in Feindes Land verfährt, wenn dort Zivilisten sich am Kajnpf beteiligen. In Siedlcc ist wirklich die Aufforderung an die. Bevölkerung Crgangen, die Revolutionäre auszuliefern; als die Bevölkerung hierzu begreiflicherweise unvermögend war, verfuhr man mit Siedlcc. einer russischen Stadt, als välte es für einen Ucbcrfall in der Mandschurei Rache zu uehmen. Dass auch diese Taktik der Reaktion ergebnislos sein wird, ist unzweifelhaft, dem! wenngleich nicht jeder Russe Jieute Bomben wirft, so ist doch fast jeder Russe vom Standpunkt der Reaktion aus ein Revolutionär, selbst die Heyden und LIow־, die sich weigerten, in ein Ministerium Stolypin cinzutretcn. Das Verbrechen von Siedlce, das ganz nach dem Programm des schwarzen Hunderts verlaufen ist, wird neue Attentate zeitigen, und die Re־ volution noch blutiger gestalten; und am Ende kann nur der gewaltsame Zusammenbruch des jetzigen Regimes stehen, dessen Politik in nichts besteht, als in der brutalen Gewalttätigkeit. in dem Verüben brutalster Greuel. Vorschläge zur Reorganisation der zionistischen Bewegung Die Organisation der zionistischen Bewegung ist reformbedürftig und deswegen ist die Diskussion über diese Frage sowohl notwendig als berechtigt. Meine heutigen Ausführungen richten sich nicht gegen die Leitung, sondern gegen die Grundlagen der Organisation. Die Zionistische Bewegung von heute trägt wenigstens in Deutschland den Charakter einer V e r c i» s b e w e g u 11 g. Es bestehen Vereine, die auf dem Boden des Basler Programms stehen. Es wird jedem, d..־r sich zum Btslcr Programm bekennt, dringend ans Herz gelegt, sich einer Orts gruppe anzuschliesscn. Wer das nicht tut, dem wird der Schekel zwar auch abgenommen. ein rechtgläubiger Zionist aber sicht in diesen Elementen wenn nicht gar Schädlinge, so doch wenigstens nicht gerade die Grundpfeiler der Bewegung. Das ideale Ziel dieser Art von Agitation ist es also, alle deutschen Juden zu Mitgliedern zionistischer Ortsgruppen zu machen, d. h.. wenn man z. B. Berlin mit seinen HO WO Juden und davon etwa 51mHX) erwachsenen Männern und Krauen nimmt, so müsste das theoretische Ziel der Berliner Ortsgruppe sein, auf 50 WO Mitglieder hcranz.uwaehsen. * Das ist nun selbstverständlich kaum möglich, dass man es ruhig fiir unmöglich ansehen kann. Kann dies also nicht gcschehcn. so muss der Zionismus entweder sein Ziel aufgeben, alle deutschen Juden zu Zionisten zu machen oder es muss das heutige System aufgeben, mit dem man. wie ich {Tirchte, schon heute auf einem tote» Punkte angelangt ist. Denn schon vor 4 oder 5 Jahren sprach man von 4— 5000 Schckelzahlcrn in Deutschland und auch heute sind es trotz eifriger Propaganda nicht viel mehr geworden. Hätte die Organisation mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.