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Jüdische Rundschau · 1906-09-19 · Heft 38 (19.9.1906) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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No. 3$ ו « Seite 566 _JÜDISCHE des Raubes und der Vernichtung vollbrachte, interessant ist auch, dass der Kricgsgencralgouvcrncur Engcjkc am Sonnabend, das heisst am Pogronrtage, die Verordnung crlicss, dass die Geschäfte bis 10 L'hr abends geöffnet sein können, während sic sonst schon um 8 Uhr geschlossen werden mussten. Die Patrouillen erschienen in jedem Geschäfte mit den Worten: ״Heute könnte Ihr Eure Geschäfte bis 10 Uhr offen lassen, handelt frei, bis Ihr satt werdet“ Bericht an den Hilfsverein Berlin, 17. September. Der letzte Bericht, den der Hills verein der Deutschen Juden aus Sledlec erhalten hat. .st de! nachstehende: ״Ich bin noch immer nicht imstande. Ihnen etwas Bestinnntes mitzutcilen. Erst müssen wir die Wände, die Dielen, die halbzerbrochenen Möbel, vom Mcnsclienblut waschen, erst müssen wir unsere Toten begraben . . . Was in Sicdlcc geschchen ist, spottet jeder Beschreibung. Es ftbertmit d.c scheusslichsten Metzeleien, die unsere Vater zu den Zeiten Bogdan Clmiclmtzki’s erlebten. Die zwei Worte, mit denen Andrejew seine bcrübmte Kricgsschilderung beginnt, genügen nicht, um sich ein auch nur annäherndes Bild vom SicJleccr Blutbad vorzustcllen. ״Wahnsinn und Schrecken.“ Nein, mehr, viel mehr als das. Schon einige Wochen vorher hatten wir Grund, einen Pogrom zu bciiirchten. Wir wurden aber von offiziellen Kreisen beruhigt. Bekanntlich wurde vor einigen Wochen der Poüzeinicister Golzen ermordet. Per Täter entkam und konnte, nicht fest־ genommen werden. So biess es bald, es wäre ein Jude gewesen. Ab die jüdische Gemeinde einen Kranz aut das Grab des Polizeimeisters legen liess, wurde derselbe zurückgewiesen mit der Andeutung, dass man doch von den Mördern keine Trauerbczeugungen annchmen könne. Ganz genau wie in Bialystok. . Dass das erbärmliche Gefasel der offiziellen Regierungspresse von Revolution und jüdischen Revolutionären in Sicdlcc eine altlx:wäl1rtc Lüge ist. brauche ich Ihnen erst nicht zu sagen. Die Bevölkerung unserer Stadl ist die ruhigste in Polen. Sie besteht hauptsächlich aus armen Handwerkern und Kleinhändlern, die iroh sind, wenn sie auch nur einmal am Tage etwas zu essen haben. Die sonst als unruhiges Element Reitenden Arbeiter fehlen bei uns ganz und gar, da bei uns überhaupt keine Fabriken vorhanden sind. Von wem die .Greuel vorbereitet von wem sic ausgeführt wurden, darüber waltet wohl, wie bei uns so auch im Auslande kein Zweif.l mehr. Auf direkten Befehl der Vorgesetzten haben die braven Soldaten der russischen Armee unmenschlich gemordet, gebrannt, geschändet und geraubt. Ihnen zu Hilfe kamen die speziell von auswärts bestellten Huligans. Wie gesagt, waren wir über 2 W'ochen in banger Erwartung. Die allgemeine Furcht steigerte sich aber immer mehr und gelangte am Freitag bis zur Verzweiflung eines unschuldig zum Tode Verurteilten. Wir wussten, dass wir jeden Augenblick das Schlimmste erwarten können und waren machtlos, uns irgendwie zu helfen. Man erzählte sich, dass auf dem Ratliausturmc eine Stange angesetzt wurde, um darauf ein Zeichen zum Pogrom aufzuhängen. Es war unglaublich und trotzdem wahr! Die Vorbereitungen begannen F'reitag abend und von Sonnabend morgen an wurde die Stadt militärisch abgesperrt, wie abgeschnitten von der Ranzen Welt. Die Behörden beruhigten uns, wir aber waren uns im Klaren. Das auch sonst höhnische Benehmen der Polizei und der Soldateska wurde geradezu Herausfordernd: Gerüchte, eines das ander; ühertreffeitd. offen gemachte Vor* bereiturigen — alles stimmt damit überein, was wir von Kischinew. Hornel Bialystok und anderen Städten hörten. Wir sind In diesen Sachen ein erfahrenes Volk! Und so ist es denn gekommen! Sonnabend abend, einige Minuten nach 9. erschien ein rote Laterne auf der Stange. Man hörte einen Schuss, bald darauf mehrere gleichzeitig und es begann die Nacht von SicJkc. 60 Stunden dauerte ununterbrochen diese Siedlecer Nacht. 60 Stunden hintereinander mordete man und plünderte, brannte und ruiniertc. .Jüdisches Blut floss in den Strassen, auf den Höfen und in den Häusern, und es rieselte In die Keller hinunter auf die Köpfe der dort in Todesangst vorsteckten, vor Hunger und Durst sterbenden Männer, Frauen und Kinder. Es ist unmöglich, die entsetzlich.!1 Grausamkeiten zu schildern, die hier begangen worden sind. Als man im jüdischen Krankenhaus Eicht anziindete. um den verwundeten Hiiie zu gewähren, feuerten die Soldaten RUNDSCHAU durch die Fenster und erschösse״ eine Schwester und den Wächter. .V In einem Obstgarten im Blonja-Viertcl wurde der Füchte! Abraham Kristall, aus seinen! Versteck hcrausgcholt und*von Soldaten niedcrgcmctzelt. Ober seine Leiche stellten sie einen Tisch hin und as§en darauf ruhig das ^>bst aus dem Garten. Ein vor wenigen Tagen aus den! Dienst zurückgekehrter jüdischer Soldat erschien auf der Strasse. Er glaubte, in seiner Uniform sicher zu sein und wollte seine verwundete Schwester nach dem Krankenhaus bringen. Kaum war er aber auf der Strasse, — ein Dutzend Kameraden zielten auf ihn los, und der Unglückliche wurde auf d.er Stelle nieder* gemacht. Ihn rettete nicht einmal sein im Kriege durchlochtcr Uniformrock!! Erbarmen flösste manchmal diesen betes lmmaines Geld ein. Dabei stellte sich die musterhafte A n Spruchs- /osigkeit des russischen Soldaten heraus. Ein alter armer Jude kaufte sich von der Soldateska mit 35 Kopeken los. ..Matt* ich nicht das Geld bei mir.“ meinte der Alte, ״so war’ ich hier zusammen mit diesen.“ *— wobei er auf eine Anzahl in Reihe auf der Strasse liegender Leichen hinwies. Per Anstifter und Purehführer des bestialischen Planes ist der Oarnisoucbef Oberst Tiehanowski — eine Abart von einem Menschen. Spät in der Nacht gegen Sonntag, als der Pogrom im vollen Gange war. wurden einig.• angesehene Juden mit dem Rabbiner an der Spitze, zun! Poü/.eimeister gerufen. Als sie von den Soldaten umzingelt, zu d.n! Polizeichef kamen, wurden sie aus den anliegenden Höfen mit Steinen beworfen, wobei einer von der Deputation, Herr Tcmkin. verwundet worden ist. Oberst Tiehanowski verlangte von den Deputierten, sic sollen diejenigen 15 jüdischen jungen Leute;nisliefern, die geschossen haben. Nachdem sie die Erfüllung dieser Forderung iiir unmöglich erklärten, meinte Herr Tiehanowski: ״Na, dann geht cs weiter fort.“ Sic wandten sich an den Generalgouvemeur Engelke, an den Gouverneur Wo!/in. Aber es lautete auch hier dieselbe Antwort: ״Gebet uns eure Rcvolutionäredaun lassen wir euch Juden. Es half nichts: weder Elchen noch Beweise. Es stellt fest, dass kein emziger Soldat von d;;r Bevölkerung verwundet oder getütet ist. Nur einer ist zufällig von seinem Kameraden erschossen worden, als ein Gewehr fahrlässig losging. Am Sonntag trafen aus Rcmdbertow* und Brest noch zwei Regimenter ein: Truppen schien'.׳(! wahrscheinlich nicht genfigcnd zu sein. Es hörte nun das Fünienschiessen auf und es begann ein Kanoi.enbonibardenient. In kurzer Zeit wurden vier Häuser niederbonibardiert und an eine Anzahl von Häusern von dm! Soldaten Feuer gelegt, natürlich nachdem sic erst tüchtig von den Kriegsheldct! ausgerauht worden waren• So ging es bis Dienstag gegen Mittag wo das Schiessen und Plündern aufgeliört hat und in der Stadt eine gewisse Ruhe eiutrat. Nicht lange aber hat sie gedauert, zur Beruhigung der Bevölkerung crlicss der, anstelle des seines Amtes enthobenen Gencralgouverricurs Engclkc. ernannte General Sykalow einen Aufruf, iu dem er mit iherner Stirn seinem Kummer ״über die Fälle von Gewalttätigkeiten, denen eifrige um! ehrliche Träger der Administration zum Opfer gefallen sind," jetzt Ausdruck gibt und den Revolutionären, d. h. den Siedlecer Juden Liebe und Frieden predigt. Ungefähr um 3 Uhr nachmittags am selbe!! Tage empfing der Gouverneur Wol/in unseren Rabbiner, versprach ihm. das Schiessen nicht mehr zu wiederholen und hat ihn. die jüdische Bevölkerung zu beruhigen lind zwei Stunden darauf, gegen רי Uhr. wurde das von Sterbenden und Stöhnen den ungefüllte jüdische Spital von Dragonern umzingelt und 12 Kranke .wurden verhaftet und nach d. n! Gefängnis eskortiert. Ja. 2 Stunden darauf, begann das Schiessen wieder. Auf der Stadolna Strasse wurde das Haus No. •lö und auf der Ogrodna Strasse No. *G beschossen. Die Bewohner dieser Häuser flüchteten sich in die Keller. 2 Frauen wurden auf der Flucht hijiicrriicks niedergesehossen. eine ist tot. Nun ist aber endlich Ruhe bei uns. Vom Bahnhof treffe!! Ankommende ein. wenn auch mir gruppenweise und unter militärischer Begleitung. Einige Bauern haben ans den!nhd'eccndcn Doriern verschied-.ne Esswarcn zum Verkauf gebracht und die Bevölkerung hat nun die Möglichkeit, nach den vielen Hungertagcn etwas zu essen. Ringsherum aber sind noch alle Spuren der schreckliche!! Verheerung und Verwüstung sichtbar. Zertrümmerte und ein* geäscherte Häuser und Läden, die Strassen bedeckt von Patronen und Bettfedern, besprjtzt vo!1 Mciisck.iiblut. Durch die ebigeschlagoncn Fenster hört man ein Klagen und Jammern und Stöhnen. Fs wagen sich immer mich sehr wenige auf d:e Strasse und die Stadt sicht fast wie aiisgestorhcn aus. Auf Befehl von der Polizei werden die Strassen wieder in

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