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Jüdische Rundschau · 1906-09-19 · Heft 38 (19.9.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ho. 38 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 565 Auf die von Zelt zu Zeit ertönenden Provokationsschüsst antwortete das Militär mit ״Revision“ und Beschlossen der Häuser. Wenn nach der Revision Schüsse ertönten, wurden die Hauser bombardiert. Während der Revision in dch Privat• Wohnungen wurden Geld und Kostbarkeiten geplündert, die Einwohner verhaftet und auf den! Wege zum Rathause ver- Wundet oder ermordet. Es geschah oft, dass die Juden sich dadurch retteten, dass sic den Oifizicren oder Soldaten grössere oder kleinere Summen für ihr Leben bezahlten. Die Läden wurden auf Kommando der Offiziere erbrochen und geplündert, dann mit Stroh belegt und angezfiudet. Es wurden ausschliesslich jüdische Läden und Wohnungen geplündert, Es geschah aus Irrtum, dass die Soldaten sich an christliche Läden hcranmachten. Doch sobald sie den Irrtum merkten, hörten sie sofort auf. Es geschah, dass, wenn ein Laden fest verschlossen war und der Einbruch grosse Schwierigkeiten bcreitete, so wurde der Laden angezündet. Dasselbe geschah auch, wenn man die Einwohner aus den Häusern auf die Strasse bringen wollte, um dann eine Hetzjagd zu veranstalten. Die ganze Einrichtung des Pogrom zeichnet sich durch eine systematische Pianmässigkeit aus, die auf lauge Vorbereitungsarbeit schlossen lässt. Wenn man die Form des Pogrom näher betrachtet, so sieht man, dass cs eine Strafexpedition (KaratielnyJ Otrjad) gegen Juden war, um sie für ihre angebliehe Teilnahme an der revolutionären Bewegung zu strafen, so äli!dich, wie das in den Qstsceprovinzen geschieht. Liste der Verwundeten (vorläufige,!!!!;vollständige): Usclicr Orzcl 4S J.), Abraham Lessner (50 J.), JankicI Skladka, Moses Elefant, Abraham Sonnsheim, Leiser Gcudel, Kolomelec, Josef Aberg. Nula Srebna, Israel Kawa, Jankei Jedwab, Leiser Lipscliitz, Liba Lauterstein, Schulini Ber, Leib Oksmann, Jaikicl Oksmann, Leon Karpowitsch, Kozer Scroka, Majer Rosenberg, Moses Srebniak, Schlome Liwerant, Jankel Miltschak. Jankcl Kawa, Schmal Kawa, Schmul 'Grünspan, leck Solarz. Scliloma Lawcndel, Abraham Lewin, leck Goldstein, Sima Kowa, Sur GruYiberg, Schale Kesslcnbäum. Srul Rosenblum, Moses Agresbaum, Israel Kawa, Schaja Krystal, Moses Lcimann, Juda Lipschytz, Eljascl! Graionzy, Srul Maletschynski, Izek Hordik, Abraham Stary, Schmul Geisthüllert, David Sluchawski, Moses Goldmann, Moritz. Goldmann. Abraham Feigenbaum, Nuchin! Sluschny, Abraham Totusman, Jankel Tenenbaum, Joseph Ooldsteln, Moses Djament, Wolwel Dzwoniec, Alta Radynska, Boruch’ Schlcma Rynccki, Alta Olfisch, David Roscnfeld, Borucl! David Kaminski, Peiwel Ratanicwitsch. Totenliste (Erste unvollständige Liste): Dwojra Feigenbaum (16 J.), Mordko Möller (40 J.), Maler Wulf (33 J.), Izaak Weinberg (40 J.), Abraham Rafal (25 J.), Mendel Feinhlum ((38 J.), Hcrsch Dula (22 J.), Bereg Schklasch (40 J.), Gabriel Sonnheim ((27 J.), Feiwel Ratanewitz (27 J.), Chain! Liebermann (50 J.), Chaana Liebadlcr (20 J.), Bluma Burstyn (45 J.), Hendla Weinstein (50 J.), Mordko Goldberg (27 J.), Maier Solasch (17 J.), Nuchim Sluschny (18 J.), Chana Swlenconykatncn (17 J.), Rosen (14 J.), Chana Lelhchaner (30 Jahre).__ ' . •f Vorgeschichte des Pogroms. Das Zionistische Aktionskomitee hi Köln erhäll von seinem nach Slcdlec gesandten Spczialbcnchterstattcr folgende ausffihrlichen Nachrichten über die Vorgeschichte des Pogroms: Der Pogrom kann als Racheakt seitens des Gouverneurs von Sicdlcc Wolozyn angesehen werden. Vor einigen Monaten gründete er ein spezielles geheimes Burcau^ln dem einig- Personen arbeiteten, unter anderen auch der Stadtpräsident und der Verwalter der Kanzlei Chwiese!!tschenko. Diese Koinmission zeichnete sich durch besondere Grausamkeit aus. Bcsonders berüchtigt wurde sie seit dr Verhaftung des Zentralkomitces der P.P.S .und den schrecklichen Foltern, denen sic alle Verhafteten unterzog und denen viele unterlagen. Als unmittelbare Antwort auf diese Greuel kann die Bombe angesehen werden, welche die Mitglieder der Kampfesorganisation der P.P.S. auf die obengenannten Mitglieder des Bureaus gewarfen liabcn. Zwei von den Beamten wurden getötet, Chwicschtschcnko schwer verwundet. Unmittelbar nach dem Attentat soll sieh Gouverneur Wolzyn geäussert haben: ״Niemals-werde ich den Juden das verzeihen.“ In demselben Sinne äusserte sich auch nach seiner Genesung Chwieschtschenko. Die mörderischem Pläne wurden aber erst reif nach den! Attentat auf den Polizeimcister von Siedlec, das vor zwei Wochen vollbracht wurde. Da machte man sich energisch an die Vorbereitungen zum Pogrom. Da das Dublincr Regiment, welches von der revolutionären Propaganda beeinflusst ist und in Sicdlcc quartiert keinen sicheren Boden für solche Streiche bildet, so wurde aus Biala das Libaucr Regiment unu das 39. Narwskl-Dragoncrrcgimcnt nach Sicdlcc bezogen. Hier muss bemerkt werden, dass das Libaucr Regiment während des Bialyslokcr Pogroms ״tätig" war, sich also durch ״Sach- Kenntnis" aiiszcichnctc. Sofort nach dem Attentat auf den Polizeimcister wurde auf dem Turm des Magistratsgebäudes eine rote Fahne befestigt. Ein junger Mann. H. Hofneis. fragte einen Polizisten, was diese Fahne zu bedeuten habe. Dieser antwortete: .,Es ist ein Signal, dass in der Stadt ein Aufruhr (Bunt) ausgebrochen ist.“ Donnerstag morgens erklärte sich der Gouverneur Wolzyn für krank und übergab die ganze Macht dem Beamten der Stadtverwaltung Rimskij-Korsakoxv. Dass die Kanonen noch vor Sonnabend aus Biala nach Siedlec gebracht wurden, kam aus folgenden Gründen fest gestellt werden. Als die Bürge1־־ delegation beim Kommandanten der Ochrana TichanowskI um 5 Uhr morgens vorsprach, drohte dieser, dass er Kanonen aus Biala kommen lassen werde. Während aber die Reisezeit aus Biala nach Siedlec über 2 Stunden beträgt, waren schon nach Verlauf vor 1% Stunden die Kanonen auf den Strassen aufgcstellt. Die Hauptrolle ln der Organisation des Pogroms haben Offiziere des obengenannten Libaucr und Narwskl-Rcgiments gespielt. So erzählt der Gcmelnde-Sekretät Tschatzkis, dass er 10 Tage vor dem Pogrom zwei Offiziere des Libauer Regiments bemerkte, welche in der Stadt herumgingen und die Hausnummern der indischen Häuser und Läden und die Namen ihrer Eigentümer notierten. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, als die Wohnung von einem gewissen Levin revidiert wurde, hörte Tschatzkis, wie ein Offizier fragte: ״Und wo ist die Nummer 56?" Die Nummer des Hauses 56 war bereits früher notiert worden, weil sich dort die grössten und reichsten füdischen Läden befanden, so dass Geschäft von Glowltschower und anderen. Aus diesem Hause wurde ein älterer Jude herausgefiihrt Der Offizier forderte von ihm Geld. Da der Jude kein Geld hatte, wurde er vor den! Hause ermordet. Die ersten Nachrichten aus Siedlec lauteten, dass die Jüdischen Läden von durchreisenden beurlaubten Soldaten geplündert wurden. Doch hat sich erwiesen, dass diese Gerächte lügenhaft waren. In ganz Siedlec befand sich ein beurlaubtcr indischer Soldat, der von den Soldaten Im Rathause ermordet wurde, weil er ihnen seine Uhr und sein Geld nicht geben wollte. Ein anderer Jüdischer Soldat, der vor einigen Tagen aus fernem Osten zurückkam und bei seiner Familie weilte, wurde schwer verwundet. Auch die ״Schwarze Hundert" welche in Siedlec sehr zahlreich Ist, und im Teehaus des Antialkoholvcreins ihren Sitz hat. wurde in die Aktien nicht h 1 n c I n g ez 0 g c n. Es war nur einzig und allein das Militär, welches unter der Leitung der Offiziere das Werk des Mordes, P.P.S. Polnisch-Sozialistische Partei.

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