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Jüdische Rundschau · 1906-09-19 · Heft 38 (19.9.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 564 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 3S I I es sich hier liandslt, lebhafte״ Ausdruck verliehen hat. Man wciss, dass_das Moment des persönlichen Wohlwollens beim Kaiser einen grossen Einfluss auaf seine menschenfreundlichen Entschlicssungen ausflbi. Und scchliesslich die Sache selbst, spricht sic nicht überzeugender als irgend eine zur Menschiichkeit eines Mächtigen? Es erscheint unter diesen Er- Wägungen nicht ausgeschlossen, und wir hege*! die Hoffnung, dass das Vertrauen seiner!‘irdischen Untertanen in seine Gerechtigkeitslicbe, seine Humanität und ntclligenz den Kaisei veranlassen werden, die russischen Greuel der russischen Regierung gegenüber zu missbilligen. Dies Wort der Missbiltigung des deutschen Kaisers würde zweifellos die Wirkung haben, welche die zahlreichen Protestwortc von Deutschen und Juden nicht gehabt haben. Dass sie den vorgeschlagenen Weg beschreiten werd.n, erwarten wir — nicht von unseren Rabbinern, den geistiger Führern unseres Volkes, da sic Ja mit der ungleich wichtigeren Vorbereitung für unsere festliche Erbauung beschäftigt sind, und auch später, so wie bisher, vor drängender Amtsgeschäften keine Zeit für dig materiellen Lebensbedürfnisse ihres Volks übrig behalten werden, — auch nicht van anderen Organisatioiicn, welche Zeit, Geld und Interesse auf die Abwehr der gewichtigen und gefährlichen Angriffe der STAATSBÜRGER- 2EITUN0 und auf ähnliche Lebensfragen des jüdischen Volks verschwenden, — sondern von dem H ilf s v c r c i n der Deutschen Juden, der bisher schon viel für unsere bcdrängten Brüder getan hat und es als eine Ehrenpflicht bctrachten wird, einen noch nicht, beschritteiiyi Weg, der gangbar erscheint, einzuschfagcn, und von dem Ehrenvorsitzenden! dieses Vereins, Herrn James Simon, dem es keine ge- ringere Befriedigung als Pflicht sein kann, durch den guten! Klang seines Nameais seinen schwer gefährdeten östlichen Stammesgenosscn zu nützen. Die Besorgnis eines offiziellen Korbes darf, wo so viel auf dem_Snicl steht, nicht, hinderlich Sein; gin solcher kann weder die Lage unserer Brüder verschlimmem noch Herrn Simon peinlich sein. Und wenn der vorgeschlagene Schritt ein vergeblicher sein sollte, so haben wir doch unsere Pflicht getan. HansMeseritz. unglücklich wusste. Nach dem Examen habe ich den | Titel eines Reserveoffiziers bekommen mit dem Rechte, in Elend fortleben zu dürfen.“ Und um seine Mund- Winkel zeigte sich das gewöhnliche kalte und flüchtige Lächeln voll schmerzlicher Ironie. — »,Und jetzt“ — fuhr er fort — ״verlege ich mich auf die Examina, denn bis über’s Jahr muss ich damit fertig sein. In diesem Falle habe ich Aussicht, vom Elend befreit zu werden.“ Bei seinem Fleisse und seinem eisernen Willen hatte er binnen einem Jahre alle Prüfungen fertig. Im nächsten Oktober traf ich ihn in Bukarest, wo er einige Bibliotheken aufsuchen wollte, um' seine Doktorarbeit zu schreiben. ״Komm״ in eine Bierhalle4‘, sagte er, ״ich zahle alles was du willst, wir speisen zusammen und ich zahle auch Zigarren, die du wünschest.“ Als wir bei den Zigarren angelangt waren, zog Max aus seiner Brieftasche eine Visitkarte und schrieb darauf: ״ich habe genommen, danke.“ In wenigen Augenblicken durchlebten wir die Vergangenheit und Max wurden die Augen feucht. Ich sah ihn jetzt zum ersten Male weinen. ״Siehst du" — sagte mein Freund — ״jetzt erst fühle ich die ganze Schwere des durchgemachten -- .־־-.•*•- •-—. Der Pogrom in Siedlec Das Zionistische Aktionskomitee in Köln erhielt von seinem nach Siedlcc entsandten Spczial-Berichtcrstatter folgenden Be rieht, datiert vom 15. September: Dass der Pogrom in Siedlcc seit langer Zeit vorbereitet war, ist eine Tatsache, die noch von folgenden Einzelheiten bestätigt wird. Am Sonnabend, dem 8. September, frühmorgens, wurde ein Befehl erlassen, dass das Telegraphenamt keine Telegramme aufnchinen soll. Jakob Liwerant, ein Bierhändlcr, hat den folgenden Fall erzählt: Ein russischer Restaurateur war ihm viel Geld schuldig. Vor einigen Wochen, gleich nachdem die Bombe auf den Polizeimeister geworfen wurde, ging Liwerant zu ihm, um das Geld einzukassieren. Dir Frau des Restaurateurs schimpfte ihn aus und sagte: ״Wozu braucht Ihr Qeld, in zwei Wochen wird ohnehin keine Spur von Euch bleiben.“ Der Sekretär der jüdischen Gemeinde, Tschatzkis, hat den folgenden interessanten fall erzählt: Bei Isaak Stern in der Sadowastrasse diente ein christliches Dienstm"c’chen, diese fuhr am Donnerstag, den 8. September, von Siedlcc fort, weil ihr Bräutigam, ein Soldat, ihr niitgctcilt hat, dass r-.n1 Samstag etwas ״Neues“ passieren wird. Das Haus von Groclt in der Pieknastrasse war ausschliesslich von Juden bewohnt, mit Ausnahme einer Wohnung, die ein christlicher Handwerker be־ wohnte. Am Donnerstag vor dem Pogrom kam zu ihm der Brandmeister Kieliscliek und riet ihm, aus dem Hause zu ziehen und in keinem jüdischen Hause zu wohnen. Dor Form des Pogroms. Es muss konstatiert werden, dass der Pogrom c!nz:g und allein!von den lokalen Behörden organisiert wurde, 01me irgend welche Direktive aus Warschau oder Petersburg. Die Technik des Pogrom war eine ganz neue. Die Emleiumg bildeten provokatorische ScIiCVsse. So z. B. in der Prospektstrassc sah ein Pole, Fürst Opolski, dass im Hofe des benachbarten Gymnasiums der Wächter von Zeit zu Zeit in die Luit schoss. So sahen einige Juden, welche auf der Hauptwache verhaftet waren, dass die Osfiziere aus den Fenstern des Ofnzierklubs schossen. In der Ogrodawastrassc wohnt der Richter Janowki. Dieser sah, dass im benachbarten Hause ein Offizier von Zeit zu Zeit auf dem Balkon erschien und In die Luft schoss. Solcher Fälle gab es viele .... Elends. Früher schauderte mich, daran zu denken. Jetzt. bin ich aber voll Hoffnung und so glücklich! Ich habe mich mit einem guten Mädchen verlobt, das mich liebt und sogar eine kleine Mitgift besitzt. Ich erwarte nur die Vorlegung meiner Dissertation, dann heirate ich und fahre für einige Monate in’s Ausland, um manche Kliniken zu besuchen." Wir trennten uns und beschlossen, uns nach etwa zehn Tagen nach meiner Rückkunft in die Hauptstadt zu treffen. Aber wir haben uns nicht mehr getroffen. Alle seine Hoffnungen auf Glück sind in kurzer Zeit vernichtet worden. Nach vier oder fünf Tagen erreichte mich die traurige Nachricht in die Provinz. — In den Blättern der Hauptstadt war die kurze Nachricht zu lesen: ״Der Doktorand Max־, der aus Jassy hierher gekommen war, ist im Krankenhaus an Gehirnhaut-Entzündung gestorben. Der Unglückliche war nur zwei Tage krank gewesen.“ — Welch ein qualvolles Leben um einen Hoffnungsschein! — 1

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