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Jüdische Rundschau · 1906-09-19 · Heft 38 (19.9.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 38 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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ו No. 38 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 563 aus ist cs möglich). Tuet was Dich möglich ist. Rettet die! grösste jüdische Gemeinde vor Tod und Verheerung, behüte Gott. lc!1 unterzeichne meinen Namen nicht aus selbstvcr- I /stündlichem Grunde, ihr kennt aber meine Handschrift." Wenn das Blutbad, das diese fiirchtcr’ichen Zeilen in Aussicht stellen, als geschehen gemeldet wäre, man hätte viel-, leicht mit jener bitteren Gleichgültigkeit über die Nachricht hinwcggclesen, mit der man seit einiger Zeit die Berichte unter der fast täglichen Rubrik ״Judcnmctzekkn", ״ein neuer Pogrom" ctc. der _ Tagesblätter fiberfliegt. Wir ־ sind dahin gelangt, derartige Nachrichten, die uns anfangs, als wir sic noch für kaum möglich hielten, das Blut erstarren machten, mit einer Art stummer Verzweiflung und ohnmächtiger Bitterkeit hinzunchmen. Wir sind dahin gelangt, als ein Haupi- Kennzeichen des Mittelalters nicht mehr schlechthin die Judennielzeleieii zu betrachten, sondern einschränkend und bcrichtigend nur die auf einer blinden Volkslcidcnscr.aft begründeten, während wir die unbegründeten und von einer Dynastie und Regierung eines sogenannten Kulturstaates ar.gcordnetcn Judenmordc als eine Errungenschaft der Neuzeit anzusehen lernteil. Wir sind dahin gelangt, ־ o, wir wissen zu gut, zu wcl־ cIicmii Grade von Ohnmacht, Verzweiflung und Erstarrung wir gelangt sind, aber wir können ihn nicht beschreiben. Und in einer solchen Lethargie befinden sich unter 1:: s nicht nur diejenigen ehrenwerten Volksgenossen, die nick: erst dahin zu gelangen brauchten, sondern auch der bessere Teil der dcut« scheu Juden. Demi der täglich erneute Schmerz hat uns abgestumpft ,und unsere Träne» sind aufgebraucht. — Dennoch haben wir unsere verwaisten russischen Brüder und Schwestern mit Geld versehen und gegen die geschehenen Greuel — protestiert. Stellt Euch vor, cs wrd'.e jemand einen Euch nahe Stehenden ermorden und Ihr protestiert dagegen? — Wer lacht da so mit Galgenhumor? — Ich habe allerdings schon davon gehört, dass man Ku 1111 .• m c ת sc 11 e n durch Protest klar zu machen versucht, dass sic gegen das Recht gehandelt haben. Die an die Spitze dieser Zeilen gestellte Nachricht möge uns wieder einmal aufrütteln. Ein Unglück ist bisher weniger geschehen und noch nebst vielen anderen zu verhindern. Allerdings nicht durch unsere Oohnmacht Die Nachricht ist an den Milfsvcrcin der deutschen Juden gerichtet, und wird von ihm zur Kenntnis der Welt und zur fürchterlicheren der jüdischen Welt gebracht. Und zu welchem Erfolge? -- Nun, die noch nie geschlossen gewesenen Wunden Israels werden vielleicht wieder einmal bluten. Und das wird der ganze Erfolg sein? Wir werden wissen, dass in dieser Stunde die Messer gcschliifcn werden, um die morgen die Leiber unserer ßiüiter zucken werden, und dass das Vorgefühl der Wollust und des Blutdurstes, das die slavischcn Hyänenkörper durchzittert, unseren Schwestern gilt, die sic morgen schänden und morden werdest, und wir werden weiter in unsercr Lethargie verharren? — Nein, luiffentlich nicht. Lasst uns versuchen, den mörderischen Arm aufzuhaltcn, ehe er niederfällt. Der Gedanke, dass noch die absolute Möglichkeit einer Hilfe besteht, muss uns zur Entdeckung und Aufbietung alles uns Möglichen zwingen. Aber wie?? Wir haben nunmehr die traurige Gewissheit, dass uns keine Diplomatie irgend einer Grossmacht helfen will, und dass das europäische Gewissen sich regt, wenn cs sich nicht um - die Juden handelt. Allein wir müssen auch wissen, dass es in Europa noch andere Mächtige gibt, die wii bisher nicht angcrufen haben, die aber die Macht haben, uns zu bellen n:1d vielleicht auch den Willen haben werden. Und wir müssen zugleich wissen, dass es unter uns einige gibt, die diesen Grossen näher stehen als wir übrigen, lind denen cs vielleicht gelingen würde, diesen Willen zu entfachen, wenn nämlich auch sic selbst wollten. Eh Teil unserer Presse und unserer Stammesgcuosscn nähmt sich dieser Auserwählten gern als der ihrigen. Wir meinen, dass sic sich einen Ruhm unter uns dann erwerben können, wenn sie etwas grosses fiit unser Volk getan haben. Hier habca sie die Gelegenheit; aber auch die Pflicht! — Wir würden, wenn wir unseren dem Untergang geweihten Bruder preisgäben, obwohl wir ihm helfen konnte״, nicht minder das Kainszeichen des Brude! mords tragen, als diejenigen, 'die den Mördern ihrer Brüder die Mittel verschafft haben, unter diesen weiter zu morden! Wir treten ari den Hüfsvercin der Deutschen Juden und seinen Ehrenvorsitzenden. Herrn James Simon, mit dem Rat und der Aufforderung heran, auf telegraphischem Wege em Immediatgesuch an den deutschen Kaiser zu richten und ihn um se-inc persönliche Intervention zu bitten. Es ist bekannt, dass der Kaiser schon mehrfach Beispiele gegeben hat, in denen er unbekümmert um politische Folgen seinem Gcrechtigkeltsgcfühl gegen grössere Machthaber als solche, um di? die paar Münzen. Um’s Essen kümmerte er sich nicht viel, er verzichtete oft darauf, versagte sich an den kalten Winterabenden das Feuer in seiner Stube, aber um sich Tabak verschaffen zu können, war er im Stande sich das Geld zu borgen, obwohl ihm vor diesem Aushilfsmittcl der Unglücklichen schauderte. Er hatte aber auch nicht viele Gläubiger und mir scheint, ich war der einzige. — Niemals verlangte er das Geld geliehen, sondern sagte immer: ״Gieb mir 50 Bani," als ob er hätte sagen wollen, ״ich verlange es nicht geliehen, weil ich nicht weiss, ob ich es dir werde erstatten können." Niemals verlangte er mehr von mir und führte genaue Rechnung über alles, was er von mir genommen. Erreichte die geliehene Stimme den Betrag von 5 Francs so verlangte er nichts mehr, weil ihm bekannt war, dass auch meine Finanzen nicht sehr gut standen und er mir nicht zur Last fallen wollte. — Traf sich das seltene Glück, dass er in den Besitz von etwas Geld kam, so lief er freudig zu mir und wie glücklich war er. mir die entliehene Summe erstatten zu können! Auf Tabak war er übrigens auch mein Pensionär. Hatte er bei mir 5 Francs geliehen, so verlangte er kein Geld mehr, kam aber morgens und abends nach einigen Zigarren. Traf er mich nicht zuhause, so nahm er den Zimmerschlüssel aus dem bekannten Versteck hinter dem Bricikastcn, holte sich einige Zigarren und hintcrlicss einen Zette! mit dem stereotypen Inhalt: ,.Habe genommen, danke." — Eines Tages habe ich ihn aus den Augen verloren. Er war verreist und ich konnte ihm nicht auf die Spur kommen. Beinahe hatte ich ihn vergessen, denn es waren gegen 7 Monate vergangen, in denen mich Ungliicksnillc Schlag auf Schlag getroffen hatten, so dass ich fast nicht mehr die Kraft hatte, an meine eigenen Qualen zu denken. An einem schwülen Julitage Kam ich nach Hause mit der Absicht, einigen Unglücklichen, die sich nicht mehr trösten können, einen Trostbrief zu schreibe.;!. Wie ich an den Tisch herankam, fand ich den so bekannten Zettel: ״Habe genommen, danke.“ hh vergass einen Augenblick an alles und ging, um ihn aufzusuchen. Wieviel Glück findet man nicht in einem Augenblicke des Ycrgcsscns! — Da ich ihn aber nicht treffen konnte, erwartete ich Um abends zuhause, weil ich sicher war, dass er kommen würde. — Er kam in der Tat und in wenigen Worten hatte er mir alles erzählt. ״Ich war in Bukarest, wo ich den Militärdienst geleistet*) und viel Elend erlebt habe. Der' Grund, dass ich dir nicht geschrieben habe, war, dass ich dich genug *) Zu jener Zeit für Studenten Jahr. — I ו I 1 I | \ I! I! f i 1 ן ) 1! I I f י t i '1 » 1־ .1. II - - II II ־־r 1111 וווו וווו.—ר•־־ ־ HL III r,. . .... ־ r1 ־ um.. m..!!!! I

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