Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651484--03944-2660894- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 37 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 555 Nachbar und Geschäftsfreunde, dem Fabrikanten Bloch, in seinem Hause Zuflucht zu gewähren. er forderte sogar seinen christlichen Nachbar Pankcwitsch, welcher zum Schutz der bei ihm versteckten Juden an der Haustfirc ein Heiligenbild ausgestellt hatte, auf, dasselbe zu entfernen. Den Fabrikanten Philipp, der gleichfalls viele Juden versteckte, forderte er auf. diese aus dem Hause zu jagen. und als die Aufforderung nicht befolgt wurde schoss Vclters Sohn in Philipps Haus und rief dadurch eine Patrouille herbei . . . Aus diesen Gründen hat der jüdische Selbstschutz Vclters Fabrik in Verruf er• klärt und den Hooligan so gezwungen, den Betrieb einzustellen. Kurz darauf lief er aber zum Generalgouverucur .und erwirkte einen Befehl au alle jüdischen Fabrikanten Bialystoks. bei Veltern einzukaufen. Ausserdem hetzt er jetzt die christlichen Arbeiter gegen ihre jüdischen Genossen auf. Dennoch wird Herrn Vcltcr wohl nichts weiter übrig bleiben als seine Fabrik zu schliesscn. da die Juden trotzallcdcm seine Fabrik boykottieren und sich durch nichts von dem Boykott abbringen lassei! wollen. Die Ermordung Herzensiems Der Redakteur der MOSKAUER ZEITUNG, die die Nachriebt von Herzcnsteins Ermordung schon einige Stunden vor der Tat brachte, ist entflohen, ohne dass die Polizei ihn daran hinderte. Es ist erwiesen, dass er in den ganzen Plan der Mörder cingcwciht war und ihn unterstützte. Die Unternsuchting bei dem dem Redakteur befreundeten Dcsabri für- | derte Material zutage, das ibr verbrecherisches!'reihen und | 'das des Vereins zur aktiven Bekämpfung der Anarchie zweifellos erwies. Das ״faine“ Blatt ' Unter der Spitzmarke ..Nette Kurgäste" schreibt die ־ jetzt auch fromme STAATSBUKRGERZEITUNG: l ״Der Kurort Grafenberg leidet sehr stark unter der indischen Invasion, so dass sich besseres Publikum dort überhaupt nicht mehr aufhält. Kürzlich ereignete sich folgeude interessante Begebenheit: An einem schönen Sonntag wurde ein Wohltütigkeitiest für die ״Opfer von Bialystok" abgchalten. Die jüdischen Wohltäter unterhielten sich ausgezeichnet und nach Schluss des Festes fehlte eine silberne Tasse. Am nächsten Tage konnte man auf der Promenade mehrere Plakate folgenden Inhalts angeschlagen sehen: ..Bei der gestrigen Wohltätigkeifsveraiistaltung für die Juden von Bialvslok ist eine schwere, silbergctricbcne Serviertassc auf unerklärliche Welse verschwunden. Dem Zustandebringer wird Belohnung zngesichert. Das Vcrgnügungskomitee.“ Natürlich waren die Juden darüber sehr aufge« bracht und rissen die Plakate schimpfend herunter, aber die Tasse blieb gestohlen. — Nette ״Wohltätigkeit‘*!” ״Besseres P u b I i k u in“ ist selbstverständlich solches Publikum, das die STAATSBUERGERZE1TUNG liest. Solches ist sicher dort gewesen, lind so erklärt sich die . uii* erklärliche Weise", da diesem Publikum der tuoralisclie Standpunkt vorgetragen wird, dass Juden zu bestehlen keine Sunde, und sie zu betrügen kein Verbrechen sei. 191 " — ~ """"" ~ ." ״־״ " Q ־־tu Sprechsaal 1—r~ Für die Mitteilungen an dieser Stelle, übernim■nt <l>c Redaktion nur die pressgeselzliche Verantwort!!. Berlin. 9. Sep’tcmbcr 06. An die Redaktion der JUEDISCHEN RUNDSCHAU Berlin Melanchthonstr. 4. Sehr geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer der JUEDISCHEN RUNDSCHAU vom 7. September befindet sich ein Artikel, der sich mit den Zuständen in Jerusalem beschäftigt, l'r ist aus der hebräischen Zeitschrift ״Haschkalah" übernommen. Auf die Einzelheiten dieses Artikels cmzugehen. liegt uns fern, nur eine Bemerkung wollen Sic uns gestatten. In dem Artikel heisst es wörtlich: . ״Wenn der Hilfsverein der Deutschen Juden wirklich ernsthafte Gernianisation treil>en und sich der deutschen Regierung und Nation gefällig erweisen will, so sorge er dafür, dass entweder nur deutsch-jüdische wissenschaftlich gebildete Assiniilantcn hferherkommen, oder noch besser, er verlege das Jerusalemer Lehrerseminar nach Berlin in die Nähe des kaiserlichen Schlosses, nach dem Vorbilde der französische!» Alliance, welche unter ihrer speziellen Aufsicht den zukünftigen Jugendbildncrn in Paris den nötigen französischen Nationalgeist einimpfen lässt. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat sich nie ein anderes Ziel gesetzt, als das. die realen Bedürfnisse, unscrer Glaubensgenossen zu beiriedigen, und nur wenn jüdische Gemeinden selbst der Ansicht sind, dass deutscher Unterricht in den Schulen zum Segen für die künftige Generation gcreichen wird, nur in diesen! Fall hat unsere Vereinigung deutsche Lehrer gestellt und deutsche Schulen eingerichtet, in denen natürlich zugleich in ausgiebigster Weise sowohl für die religiösen Bedürfnisse der Schüler wie auch für eine allseitise Ausbildung neben dem deutschen Unterricht gesorgt wurde. Der Versuch, deutschen Unterricht den Gemeinden im Orient aufzudrängen, ist schon aus dem Grundo niemals gemacht worden, weil ein Unterricht, der nicht in den Bedürfnissen der Bevölkerung wurzelt, eine absolute Kränevergeudung darstellt und nicht einmal einseitig chauvinistiseben Tendenzen, wie sie der Artikel dem Hilfsverein unterschiebt, zu dienen geeignet wäre. Gerade um die zukünftigen Lehrer in engster Verbindung mit unseren Glaubensgcnossen in! Orient zu erhalten, ist denn auch unser Lehrerseminar in Jerusalem, also dem Zentrum des jüdischen Lebens im Orient, errichtet worden. Dein Artikel gegenüber muss auf das Nachdrücklichste hervorgehoben werden, dass niemals Schulen seitens des Hilfsvcreins ins Leben gerufen oder unterstützt worden sind, wenn nicht aus den Gemeinden selbst die kompetenten Per* sönlichkcitcn einen dahingestellten Antrag gestellt batten, wie auch stets in Ueberelnstimmung mit diesen kompetcjitcn Persönlichkcitcn der Lehrplan festgestellt worden ist. Wir bitten, sehr geehrter Herr Redakteur, gegenüber der völlig irreführenden Darstellung der Haschkafal! die obigen Zeilen in der JUEDISCHEN RUNDSCHAU veröffentlichen zu wollen. Mit vorzüglicher Hochachtung Hilfsverciu der Deutschen Juden. Dr. P. Nathan. II. Posen, den 3. IX. 06. Sehr gehrte Redaktion! Ich bitte uni die Veröffentlichung folgenden Artikels: Im Ostscebade K o 1 b e r g herrschen inbezug au! rituelle Verpflegung Zustände, welche entschieden der Abhilfe bedürfcn. ln K.. welches mit Recht den Ruf eines Wcltbades ge-!!!esst, besteht nur ein einziges Geschäft koscherer Fleisch- und Wurstwaren; es trägt einen nur privaten Charakter und wird in ganz beschränktem Masse betrieben. Die Preise sind so hoch, (ein paar gekochte Würstchen kostet! 0,25 Mk\), dass sie ein gewöhnlicher Sterblicher kaum erschwingen kam! und wir cs unseren Glaubensgenossen nicht verargen dürfen, wenn sie aus Not die Speisegesetze übertreten und treife essen. Es wäre grossen Firmen, wie z. B. Reich in Licgnitz, Breslauer. Kaufmann in Berlin und andere, wohl ein Leichtes, während des Sommers in Kolberg und in den anderen Seebädern. — denn die Verhältnisse gleichen siel!, — ein Zweiggeschäft zu errichten, das sowohl ihnen, als auch den Kurgästen grossen Vorteil bringen würde. Auch die drei rituellen Spcischüuser genügen den An- Sprüchen die die zahlreichen jüdischen Kurgäste an sie steilen, nur in ganz unvollkommenem Masse. Für etwas verwöhnterc Gaumen kommt eigentlich nur ein Speisehaus in Betracht, welches aber gleichfalls nicht sehr befriedigen kann. Dein! abgesehen davon, dass die Kellner, deren Zahl übrigens vollkommen, unzureichend Ist, in schroffer und unlicbcnswiirdi ger Weise bedienen, sind die Preise, (trotzdem man an Bade* preise gewöhnt ist), sehr hoch, die Portionen aber um so kleiner. Eine Portion Gemüse, nach deren Genuss man genau so hungrig ist. wie vorher, kostet 0,50 Mk־.. eine Mcnue wird gar nicht verabfolgt. Speisen ä la carte werden nur in dei Zeit vor der tab!e d'höte. (also nur bis l’a h) gereicht. Alles in allem macht den Eindruck, dass die Betriebsleitung wohl bewusst ist. dass die Kurgäste auf ihr Unternehmen angewiesen sind. Infolge der mangelhaften Bedienung ist cs vorgekommen, dass Gäste, die nach Aufgabe der Bestellung eine sehr lange Zeit (Mt Stunde) warten mussten, schliesslich die Geduld verloren und fortgiiutcn. Dasselbe taten Leute, denen der Kellner an der lablc d'höte keinen Platz anweiseu wollte, weil sie. wie er behauptete, nur am Sonnabend table d’höte. speisen wollten, wo es ganz besonders lohnend wäre!! Dazu ist zu bemerken, dass die betreffenden in demselben Hause an dyn übrigen Tagen ä la carte assen.