Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 37 Seite 554 finden sich unter den 1000 gelungenen Juden ebenfalls viele Verletzte, die stark leiden. Durch die *Schiesserci der Truppeu-sind alle Fensterscheiben in den vom Pogrom betroffenen StraSsen •zertrümmert. — In der Warscliawskastrasse wurde eine * Feldküche für die Garnison eingerichtet, die anderen Strassen sind in •Militärlager umgcwandclL Alle Läden sind gesperrt, in den• Wohnungen herrscht Totenstille, da alle Bewohner sich versteckt haben. Alle Aemter und Privatbureaus sind untätig, Gerichtssitzungen finden nicht statt, die Post und das Tclegraphcnamt sind geschlossen. Die Zeitungsberichterstatter müssen von der nächsten Bahnstation aus drahten. ־• Als.cinc •Abordnung der Bürger, mit dem Rechtsanwalt Sunderland an der Spitze, beim Gouverneur Wolzyn vorstellig werden wollte, lehnte dieser• den Enipfaiiß ab, erklärte aber, die Bürgerschaft müsse alle An- Stifter der Unruhen den M i 1 i t ä r b c 11 ö r d c n a u slic.fcrn, sonst würde die Stadt weiter bc־ schossen. Da keine Urheber bekannt sind, schwebt demnach die Bevölkerung in grösster Gefahr. Die ganze Stadt ist von der Ausscnwclt abgesperrt. Ferner wird dem Blatte gemeldet: Warschau. 11. September. Heute nachmittag iand in Siedlec die Beisetzung eines gefallenen Soldaten mit militärischen F.hrcn statt. Gleichzeitig wurden von den Juden mehrere, ihrer Erschosscnen beerdigt. Als nun vom benachbarten russische» Friedhöfe die F.hrensalvc grollte, entstand unter den Juden im Leichenzuge eine furchtbare Panik. Die Garnison dagegen glaubte, dass die Revolutionäre wieder einen überfall ausiührtcn.utid erneuerte daraufhin wieder das Gewehrfeucr i!; verschieden•.•» Strassen und zwang die Besitzer der wenige» Läden, die wieder geöffnet waren, diese zu sehliessen. Eine polnische FFrau wurde dabei erschossen. Im jüdischen Krankenhause snielfen. sich grauenhafte Szenen ab. In Räumen, die für zehn Kranke bestimmt smd, mussten 70 Platz finden. Einschiagcnde Kugeln töteten eine zwanzigjährige Aufseherin und den Portier und verletzten zwei schon verwundete Juden. Der Leiter der ganzen Metzelei war ein Dragoncr-Oberktlcutnant, namens Tichanowskv•, der betrunken nach. Gefallen schaltete und waltete,י . »M Rundschau (BSC Der Berliner VORWAERTS -lässt sich aus Rumänien schreiben: ״Ein neuer Kämpfer für den Sozialismus ist in Ruinä• nie it entstanden. Die jüdischen Arbeitermassen Rumäniens, die bisher den doppelten Druck des Kapitalismus und der schamlosen nationalen Unterdrückung stumm■ über sich haben ergehen lassen, beginnen sich z* rühren. Das Ideal des Sozialismus beginnt nun auch ihnen, zu leuchten und als Ansatz zu einer jüdischen sozialdcmokratiscTien Arbeiterpartei hat sich eine ״Kommission zur Ver• hreitiftig sozialdemokratischer Literatur in den jüdischen Arbeitermassen“ gebildet. Die Kommission hat einen Aufruf ,An alle jüdische.». Arbeiter dej ganzen Welt“ erlassen, in dem ׳ יsic. die elende ökonomische und politische Lage des rumänisch-jüdischen ,Proletariats schildert und als einzigen Ausweg •auf den Sozialismus hinweist. ..Unsere Not, unser Elend,“• heisst es in-dem Aufruf, ״wächst mit jedem Tage, der Verrat, unsorer• jüdischen Bourgeoisie wird, immer schmählieber;, mehr können und dürfen wir nid» eütagen. ein Aus• weg muss gefunden werden — und dies ist der Sozialismus. ouT'cr kann den jüdischen Arbeiter mit seinem christlichen Bruder vereinigen;• nur er kann uns von der ökonomischen, Dojitfechcn und nationalen Knechtschaft befreien. Von unseren Brüdern der ganzen Welt haben .wir gelernt, wo unser Feind ist;,'der Kämpf unserer Brüder in Russland. Galizien und Amerika hat uns die Augen geöffnet und gezeigt, dass alle unsere Angriffe mir gegen die moderne soziale Ordnung, gegen den Kapitalismus und seine Diener — den bürgerlichen Staat — gerichtet sein müssen . . . Eins aber dürfen wir, rumänisch-jüdischen Arbeiter, nicht vergessen: wir müssen gedenken, dass unser Kampf für Freiheit ein Kampf für die Freiheil aller Arbeiter Rumäniens und i» letzter Instanz auch der Arbeiter der ganzen Weit ist. Es lebe der Sozialismus! Es lebe die Vereinigung der Arbeiter aller Nationen und Lau* der!“ Wir wünschen dem neuen Kompfgenosscn viel Erfolg in dem schweren Kampf gegen unseren gemeinschaftlichen Feind! —״ Deutscher Flottenverein und Antisemitismus Ein Mitglied des Zentralvcrcins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte an den Redakteur der Zeitschrift DIE FLOTTE, des Organs des Deutschen Floltenvifems. eh» Schreiben gerichtet, in dem dagegen protestiert wird, dass in einem Artikel der FLOTTE zu dem Besuch des Seebades Borkum aufgefordert wird mit der Behauptung: ״Seitens der Bevölkerung ist alles getan, um den Fremden den Aufenthalt auf der Insel behaglich zu gestalten'‘, und ״Borkum ist eine Insel des Friedens.“ Das Schreibei! bezeichnet diese Angaben als unrichtig. Es müsse nach den zahlreichen Vorkommnissen auf Borkum vielmehr heissen: ״J ii d i s c h c 11 M i t g I i e d c r n des Flotten Vereins, (und deren sind nicht wenige) ist von einem Besuche dringend abzuraten, da sie in Borkum nicht geduldet sind.“ Zum Schluss verlangt das jüdische Mitglied des Deutsehen Flottcuvereins. dass sein Schreiben• in der!•'LOTTE vcröiieutlicht werde. Dieses Verlange» hat den Redakteur['; der FLOTTE. Korvettenkapitän a. I). Jacobs, in grosse Verlegenheit gesetzt und er erwidert dem Briefschreiber: J, ״Die von Ihnen erwähnten U11 g c h ö r i g k c i t e n sind י auch mir bekannt; ofien gestanden, hatte ich bei Annahme des Artikels gar nicht daran gedacht, ebensowenig wie der! Verfasser sicher auch. Von einer Aufnahme Ihres Protestes in der FLOTTE machte ich aber doch abschen. weil ich fn'rehtc. dass gerade dadurch Unliebsames entstehen könnte. Selbstverständlich macht der Flottcn-Vcrciu weder zwisehen Ständen noch Konfessionen irgend welchen Unterschied, da uns jedes Mitglied, weiches cs mit der Sache des Deutschen Elottcn-Vcrcins gut meint, sehr willkommen ist. Wii.rc cs nicht vielleicht besser, wenn den mosaischen Mitgliedern auf andere Weise — etwa durch Ihre Zeitungen — von dem Unfug der vorläufig auf Borkum besteht. Kenntnis gegeben würde?" Also Geld nimmt der Deutsche Flotieuvcrein mit Ver* cnügen auch von den jüdischen Mitbürgern entgegen, aber in dem Organ des Vereins darf beileibe nichts stehen, was die Antisemiten irgendwie ver• schnupfen könnte. Wenn die Juden Grund zur Beschwerde haben, dann sollen sie sich in jüdischen Blättern darüber beklagen! DIU FLOTTE Ist zu schade dazu. An die Selbstaelitung der jüdischen Mitglieder des Deutschen Elottcnvereins stellt ein solches Ansinnen wirklich recht sonderbare Amorderungen. , Aus Russland’ Petersburg. Zwei deutsche Hooligans. In den nächsten Wochen wird in Kiew ein Prozess stattfinde״, auf dessen Ansgang man in hohem Grade gespannt sein dürfte. Als Angeklagter wird der bekannte Kicwer Millionär Enstem fimgicreu. der beschuldigt wird, den dortigen deutschen Generalkonsul Griinkc schwer beleidigt zu haben. Oriinkc wohnte im Hause des Herrn Epstein, wo er zugleich auch seine Kanzlei hatte. Als während der Hcrbstkrawallc der Pöbel sich anschickte. Epsteins Haus zu stürmen, hat der Bedrohte den Generalkonsul, ihm und seiner Familie in seiner Wohnung Schutz zu gewähren. Die Bitte wurde schroff ahgclelmt und Herr Epstein, dessen Wohnung darauf vom Pöbel verwüstet wurde, ist mit knapper Not und wie ‘durch ein Wunder dem Tode entgangen. Am folgenden Tage kündigte Herr Epstein dem Generalkonsul schriftlich die Wohnung und motivierte die Kündigung mit der Erklärung, er wolle nicht mit einem Hooligan unter demselben Dache wohnen. Herr Ori'mke fühlte sich ob dieser Acusscrung schwer beleidigt und forderte den Staatsanwalt auf. Herrn Epstein unter Anklage zu stellen. Dur Staatsanwalt weigerte sich aber dessen und verwies Herr» Grünkc auf den Weg der Privatklage. Auch das Landgericht an das G. sich beschwerdeführend wendete, schloss sich der AnsiclU des Staatsanwalts an. Da schrieb der Generalkonsul nach Petersburg und hatte die Genugtuung, dass der Justiz־ minister die Kicwer Staatsanwaltschaft anwies, in der Sache die Voruntersuchung zu eröffnen. — Als echter unzweiielhafter Hooligan hat sich auch der deutsche Fabrikant Velter jn Bialystok entpupp(. Nicht nur weigerte er sich, seinen!