Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 37 (14.7.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 37 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 553 sich ihr Ideal nicht gar zu viel kosten lassen. Irgendwo stand einmal die scheinbar nicht sehr falsche Behauptung, dass cs Leute geben soll, die sich den Zionismus nicht so viel kosten lassen, wie vielleicht ein Briefmarkensammler in gleicher Lage für seine Sammlung ausgibt. Wenn man solche verbrecherische Gedanken mal ausspricht, so hört man zu- Meilen die Entgegnung: ״Ja, woher wissen Sie denn, was der oder Jener für den Zionismus hergibt? Das muss doch nicht immer im N.-F.-Ausweis stehen.“ Das mag Ja stimmen, dass manch einer gibt, ohne dass die Ocffentlichkcit davon crföWf. Merkwürdig ist nur, dass all diese heimlichen Spenden dami bei den Schlussabrechnungen so gar nicht zum Vorschein kommen . . . AJso klopfen wir allesamt an unsere Brust und sagen wir: ״Chotonu. Wir haben gesündigt. Wir haben unsere Pflicht nicht erfüllt gegenüber unserem Ideal. Wir wollen aber nun im neuen Jahre das Versäumte!lachholen, wir wo!- len unsere Schuld wieder gut machen.“ — Es ist hohe Zeit, dass wir so handeln. Aber eines noch: Wir sehen immer wieder, wie wenig wir für unsere Zwecke von denen erlangen, die nicht in unseren Reihen sind. Wir wollen uns daraus die Lehre ziehen, dass wir unsere Mittel für unsere Zwecke erhalten. Wir imVsscn uns darauf beschränken, dass wir beitragen zur Verwirklichung unserer Ziele. Für andere Zwecke ur.d andere Ziele mögen die geben, die für uns nichts übrig haben. Ks mag das nianchcmviclleicht kleinlich und engherzig erscheinen, wenn wir aber als praktisch denkende Menschen handeln wollen, können wir nicht anders tun. Es haben z. B. manche von uns schon öfters die Erfahrung gemacht, dass Zionisten, die. wenn cs hoch kam, im ganzen Jahre vielleicht 15 Mark iür zionistische Zwecke übrig hatten, wenn sic dann — vielleicht noch um, wie sic sagten, In diesen Kreisen den Zionismus zu fördern — in eine Loge cintraten, hier schlankweg 100 Mark und mehr im Jahre hingaben. Und wen!! man die kostspieligen Vergnügungen in diesen Kreiser! in Betracht zieht, waren es auch 200 Mark und viel mehr. Ist das nicht sündhaft? Entspricht das einer vernünftigen Erwägung? — Es wäre vielleicht auch gar nicht so falsch, wenn man sich daran gewöhnte, so oft man darum angegangen wird, für irgend welche Zwecke Gelder herzugeben, den Bctrag, den man sonst dafür bereit gehabt hätte, dem Nationalfond zukommen, zu fassen und den, der die Spende erbeten, davon in Kenntnis zu setzen, damit er wisse, dass er noch ein gutes Werk vollbracht, und dass.man nicht etwa aus Hartherzigkeit das Erbetene verweigere. Hierher gehört noch eines: In neuerer Zeit pflegen Schnorrer sich als Empfehlung auf ihren angeblichen Zionismus zu berufen (manchmal haben sic auch zionistische Empfehlungsbriefe׳ von Nicht-Zionisten). Denen sage man: ״Du weisst, was der Nationalfond ist. Sieho, ich lege hier vor deiner{ Augen das in die Büchse, was ich, M äre ich nicht Zionist, dir gegeben hätte. Du bist als Zionist geM’iss damit einverstanden, zumal Ich dir Adressen geben werde von Nicht-Zionisten, die viel reicher .sind als ich. Geh zu ihnen, sag* aber Ja nicht, dass du Zionist bist oder dass dich ein Zionist schickt. Deine Mühe wird nicht umsonst sein.“ Dieses uf0hIerprobtc und als sehr gut befundene Hausmittel sei den Oesinnungsgenossen hier verraten. Als Dank wird nur erbeten: Sorget, dass zur Zeit des 8. Kongresses man euch nicht. mehr anderer Leute Opferfreudigkeit als Musterbeispiel vorzuhalten nötig hat, dass man euch nicht mehr zu sagen braucht: Ihr habt gesündigt DibartL Wieder ein Pogrom Eine Judenmetzelei, die durch die Zahl der Opfer und dio Grausamkeit der Methode alle früheren Schlächtereien des staatlich privilegierten Mordgesindeis zu Cbertrcflen scheint, bat in Sledlce stattgefunden.. In dieser russisch-polnischen Stadt; deren Einwohnerschaft zum grössten Teil aus Juden besieht sind zwei Soldaten angeblich von Nihilisten — wahrscheinlich aber von agents provocateurs — erschossen worden. . Das war der Soldateska das Signal zu dem zweifellos längst vorbereiteten Judenpogrom. Als Resultat dieses bestialischen Raubzuges werden von der Tagespresse ICJ Tcio urj v»£lo lu:vl':rt Verwundete angegeben. Damit ist aber der Blutdurst der Banden noch nicht gestillt, es werden vielmehr weitere Schreckensszenen befürchtet Ein Telegramm des LOK.-ANZ. meldet: In Sledlce ist die Bevölkerung von Lebensmittelmangel bedroht. Tausende von Juden halten sich mit ihren geretteten Kostbarkeiten ln den Kellern der Häuser versteckt Viele leicht verletzte Juden wurden׳ heute früh ins Hospital gebracht doch be>* Seither habe ich viele Stunden in Gemeinschaft mit diesem Freunde verlebt, Stunden, die unauslöschliche Spuren hinterlassen. Wir zogen beide nach Jassy; ich suchte mir dort ein Quartier, Max zog zu Verwandten. Zu mir kam er oft und nicht nur einmal hatte ich Streitigkeiten mit meiner Wirtin, welche mich ersuchte, ihn nicht mehr ins Haus zu bringen. Sic mochte ihn nicht ausstehen, weil er hässlich war und nicht den ״bon ton‘4 kannte. In seinem kurzen und schmerzensreichen Leben hat mein unglücklicher Freund nicht einmal das Glück gehabt, sich einige Sypathien zu erwerben. Und doch war Max gutmütig, rechtschaffen und hatte einen edlen Charakter. Aber wer fragt einen darnach, wenn er das Unglück hat, unschöne Augen sein eigen zu nennen? — Vielleicht mochte man ihn am Ende nicht leiden gerade weil er einen guten Charakter besass? ־— Selbst unter den Kollegen wurde er kalt und mit Verachtung behandelt. Einer verfolgte ihn sogar mit giftiger Feindschaft, M-eil er gewagt hatte, ihm eine bittere Wahrheit in’s Gesicht zu sagen. — Ich war beinahe sein einziger Freund. Mit mir studierte er zu allen Examina und mir beichtete er, wenn seine Seele gar zu erbittert wurde und ihn die Plage überwältigte. — Dabei hatte ich immer wieder Gelegenheit, Tränen zu vergiessen und Seufzer zu ersticken — und trotzdem hörte ich fast andächtig den Schilderungen seines gequälten Lebens zu. — An den langen und manchmal sehr öden Winterabenden nahm Max bei mir den Tee, welcher neben einigen Oliven und einem Stücke Brot häufig unser Abendessen ausmachte. An solchen Abenden und besonders wenn mir einige Kilogramme Holz mehr zur Verfügung standen und der Ofen glühend heiss war, hatten wir uns vieles zu erzählen. Wir sprachen über alles, über Politik, Wissenschaft, über die an jenem Tage im Krankenhaus gesehenen ״Fälle“, über die trostlose Lage der Juden, bis wir schliesslich zu unserrn eigenen Elend gelangten. Hier wollte das Kapitel nicht ein Ende nehmen und oftmals brannte das ganze Petroleum der Lampe us, so dass Mir im Dunkeln blieben. Und Max erzählte weiter bis spät In die Nacht von den Bitternissen seines Lebens und dem Fluche seines Geschickes. — So vergingen uns Jahre des Mühsais und der Entbehrung, und nur wenn wir irgend eine Prüfung bestanden, war Max in froher Laune zu sehen. — (Schluss folgt.) י