Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 51! No. 36 JÜDISCHE RUNDSCHAU aus der vormär/licheii Zeit mögliche Zurücksetzung der jtidi• sehen nemcinden alle niclitdeutschen Kantoren und Schächter gezwungen, slcli in dem nichtprcussisehcu Auslände nach Stellen uinzusehcn. Während nun dort ein Überfluss au Kultusbeamtcn und solchen, die es werden wollen, herrscht, fehlt cs in Prcussen allerorten an ihnen und das Angebot ist keineswegs imstande, der Nachfrage der Gemeinden zu genügen. In allen preiissisehen Provinzen, vornehmlich aber in den östlichen existiert ein Krosser Mangel an geeigneten Bewerbern für die Stellen der Kantoren und Schächtern, was seinen ausschticssticheu Grund in dem Umstande findet, dass die Anxustellenden deutsche Staatsbürger sein müssen. Die PogromWc-1. Berlin. Der Hilfsvereiu der Deutschen Juden erhält aus Amerika die telegraphische Nachricht, dass die 30 russischen Waisenkinder, die durch seine Vermittlung nach Amerika gc* fahren sind, heute wohlbehalten drüben angekotmnen sind. Das ״National Cotnittce for Relief of Sufierers by Russinn Maesscrcs“!tat die Kinder, welche die Seereise sehr gut bestanden haben, in Empfang genommen und wird für deren Unterbringung in zweckentsprechender Weise Sorge tragen. Auch von den Kindern, die nach England gingen und, die vom dortigen Russe Jcwish Comijii.ttee versorgt werden, lmt der HiÜsvcrein der Deutschen Juden gute Nachrichten erhalten. Die durch die Grossloge für Deutschland in Deutschland versorgten Kinder beginnen bereits in ihren Pilegestcllen heimisch zu werden. New-York, 27. Attg. Dreissig jüdische Kinder, die infolge der Metzeleien iltre Eltern verloren hatten, waren auf de•- Dampfer ״Amerika‘‘ aus Russland hier cingetroiien und dei, indischen Woliltätigkeitsvcrcinen überwiesen worden, die für sie sorgen sollten, bis ihre Annahme in jüdischen Familien bewirkt sei. Diesen Kindern ist nun durch einen Beschluss der Einwanderiuigsbehördc, auf Grund einer besonderen Untersuchung. die auf Eilis Island stattfand, das Landesrecht verweigert worden, weil sic der öiientliclien Armenpflege zj:r Last fallen könnten. Gegen diese Entscheidung ist in Washington Baufung eingelegt worden. Man erinnere sich aber des grossspurigen Humauitätsbriefes. den der Eimvanderungs- Kommissar schrieb und dadurch diese Überführung vcranlasste. Ncv,-York. 29. August. Die dreissig indischen Kinder aus Russland, denen die Zulassung in das Geblct der Vereinigten Staaten verweigert worden war, obschon sic in jüdischen Familien untergebracht werden sollten, dürfen jetzt infolge einer Anweisung des Handelsamtes in Washington, endgültig landen. Nur zwei müssen zurückbefördert werden.' Sie schnorren mit Empfehlungen ln London halten sich zurzeit vier Vertreter der alten Religionsgemeinschaft der Samaritaner auf. von der noch tmgefähr zweihundert Anhänger existieren und die ihren Glauben als die einzig wahre hebräische Religion bezeichnet. Die vier Priester, die nach London gekommen sind, erinnern in ihrer äusseren Erscheinung und Haltung wie in ihren Namen an die Patriarchen des alten Testaments: sie heissen Isaak Ben Amram ha-Cohcii ha־Lcvi, Sank Ben Jakob ha-Colien ha-Lcvi. Nage Ben Khadcr ha־Cohen ha-Levi und Silabi Be 11 Jakob Salabi. Die vier Männer sind aussergcwölmlicli hoch gewachsenc. hagere Gestalten und in ihrem Benehmen schweigsam und würdig. Sie sind in priesterliclie Gewänder gekleidet und führen Bücher und Schriften von grossem Werte mit sieh. Darunter sind eine Rolle, die seit ungezählten Jahrhunderten in ihrer Synagoge benutzt wird, uralte Gebetbücher und eine vergilbte Zeittafel, in der von ihren verstorbenen Hohepriestern berichtet w ird. Die Samaritaner sind nach England gekommen, uni für ihren angeblich von den Türken verfolgten und mit Abgaben überbürdeten Stamm Unterstützung und Hilfe zu finden. Der Bischof von Jerusalem hat ihnen einen Brief an den Bischof von London mitgegeben. und König Eduard wird ihnen vielleicht eine Audienz gewähren. Die Samaritaner sprechen nur arabisch und aramäisch Jüdische Vorträge London. Während der Sommerfericn werden an den eng- Uschen Universitäten ihr das gebildete Publikum Vorlesungen über allgemeine, ausserhalb des Rahmens der Univcrsitäts- Studien liegende Themata gehalten. Der Vorstand des ..Verbandes der englisch-jüdischen Literatur-Vereine“ hat sich nunmehr an die Behörde der Universität Cambridge mit dem Ersuchen gewandt, unter diese Vorlesungen auch solche von speziell jüdischem Interesse aufzunehmen. Diesem Ersuchen ist mit grösster Zuvorkommenheit willfahrt wurden: die Universitäts-Behörde selbst hat schon für diesen Sommer die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, und seit Anfang August haben bereits drei derartige, von Glaubensgenossen gehaltene Vorlesungen stattgefunden, welche von einer zahlreichen, zumeist nichtjüdischen Zuhörerschaft besucht waren. Der erste Vortrag hatte ..Moses Mendelssohn, sein Leben und Wirken“ zum Gegenstände; der zweite behandelte ״Die Geschichte der Juden-Emanzipation in Frankreich“: in dem dritten sprach der geieiertc Maler Solomon J. Solomon unter Vorführung von zahlreichen Bildern. Skizzen usw. über ..Die Kirnst im Judentum.“ deren Wesen und LeJsU'ugcn er an dem ersten und zweiten Tempel zu Jerusalem, an dem Onias-Tcmpef in Ägypten, an der von König Chiskija angelegten Wasser-Leitung etc. etc. illustrierte. Es dari die Hoffnung gehegt werden, dass diese Vorlesungen in immer weiteren Kreisen nicht nur richtige Kenntnisse verbreiten, sondern aucll warmes Interesse iür Juden und Judentum wecken und so über ihre unmittelbare Be- Stimmung hinaus Scgenswirkungcn zeitigen werden. Aus Russland Acht Kilometer von Reval im Tannemvaldc befindet sich die Villcnkoloiue Komme, deren Häuser vielen Rcvalcr Familien als Sommcrauienthalt dienen. Heuer hatten sich auch viele jüdische Revaler Familien dort eingeniietet. Der Revaler Kreischa' hat nun sämtliche Juden aus Komme ausgewiesen, da russische Untertanen mosaischer Konfession nach dein Gesetze nur in Städten wo 11 neu dürften, nicht aber auf dem Lande. Also auch hier volle Reaktion. Warschau. Am Freitag abend sind die mit der W eichselbahn angekommenen Reisenden, die die unbewohnte Sierakowska-Strasse nassicren mussten von zwei Soldaten der Festungsgarnison überfallen und beraubt worden. Einer der Soldaten wir mit einem Karabiner, der andere mit einem Bajonett bewaffnet., Sie hielten die Reisenden mit dem so bekannten Rufe ..Ruki verehr* an. und während der eine den Gewehrlauf gegen das jeweilige Opfer hielt, leerte der zweite dessen Taschen. Dies dauerte von I0U* bis ungefähr 12 Uhr, uni welche Zeit eine Patrouille hefbeikam und die beiden Soldaten cntwaffucte. Man fand bei ihnen 517 Rubel bar und eine Menge Juwelen die zum Teil den Eigentümern zurückgegeben wurden. Die beiden Räuber wurden sodann nach dem Polizeibureau abgeführt. —- Hier ist eine neue Partei* fn Bildung begriffen, die . Nationalsozialisten“, die die Juden ausscbllcsst, ״weil sie zu eifrig und als Theoretiker'keiner ruhigen und zfc-1bewussten Arbeit fähig sind.“ Der Vorsitzende des Hilisvereins der deutschen Juden. D! Paul X a th a ־ . hatte eine erneute längere Unterredung mit dem russischen Premierminister S 101 y p i n. Aus dieser Unterredung e'gab sich, dass im Rahmen der grossen russischen Probleme Stolvpin der Frage der künftigen rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung der sechs Millionen Juden selir ernste Bedeutung beimisst. Es besteht angeblich die Tendenz, vor dem Zusammentritt der Duma den Juden einige Erleichterungen zu gewähren. Der neuen Duma soll alsdann, wie es verfasstmgsmässig vorgesehen ist. die prinzipielle Entscheidung überlassen werden. Auf Grund anderweitiger Informationen bleibt es sehr zweifelhaft, ob selbst nur diese Absichten sich werden vom jetzigen Ministerium verwirklichen lassen. Inoffizielle Kräfte und die Hofkamarilla erscheinen stark genug, um jede liberalere Auffassung zu ersticken, so dass noch die Hervorrufung neuer Pogroms möglich ist. In Shitomi r sehr ernst zu nehmen. Dort wird die Propaganda ffii einen Pogrom, wie herkömmlich, in offener Weise betrieben. Eine Postkarte * Warschau. 20. S. 06. Liebe.־ L.l Deine Karte haben wir erhalten. Wii leben leider in einer sehr entsetzlichen Zeit. Es gibt keinen ruhigen Tag und wir sehen jede Stunde, jede Minute dem Tode entgegen. Wir sind weder auf der Strasse noch in der Wohnung sicher״ Du kannst Dir verstellen, wie das wirkt auf dal Geschäftsgang und unsere Nerven. Gottlob ist uns bis run kehr Unfall zugekommen. Spätestens S Uhr abends müssen wir zu Hause sein. Zu dieser Stunde ist die ganze Stadt wie ausgestorben. Von Zeit zu Zeit hört man nur Soldatenstiimneii auf der Strasse. Man kann den Kopf nicht av.s dem Fenster strecken, sonst kann man ganz unverhoiit eine Kugel bekommen. Hauptsächlich wird in dem Judenviertel mit Kolben geschlagen und geschossen. Hoffentlich geht cs Dir besser. Wann kommst Hu zurück? Wir grussen Dich bestens Dein F. Fürsorge für russische Flüchtlinge Palästina. Monatlicher Bericht des Warschauer Informationsluireaus für Palästina. Aus ZION. Organ der