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Jüdische Rundschau · 1906-09-07 · Heft 36 (7.9.1906) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 36 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 3f! JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 539 lassen |1!!d die Ruhe unigcrinassen wiederherstellen. — In Köhlers ״Kai serhof“ am Strande wurde dies Abends, abweichend \on der sonstigen Gepflogenheit. Jenes Borkumlied von de! konzertierenden Kapelle nicht im Anschluss an die 10. Prognunmiiunimtner gespielt. Eine u n b e s c 11 r e i b. liehe Lürmszenc war die Folge. Wie auf Kommando begann der Badepöbel ein Pfeifen. Johlen. Schreien. Zischen. Fussstanmfen. auf die Tische schlagen usw.. so dass die Musik innchnlten musste. Der Skandal nahm kein Ende, und als die Musik schliesslich doch das verlangte Borknmlicd intonierte, wurde laut: ..Musik hinaus!•• geschrieen, so dass die Kapelle das Konzert einstclite. Nur mit äusserstcr Mühe konnten sich die Kimstier aus dem Lokal entiernen. Am nächsten Abend war das Lokal ■von innen und aussen durch den antisemitischen Janhagel förmlich belagert: inan wollte sehen, ob der Wirt, der mit Rücksicht aui gewisse Gäste jene Programmünderuttg veranlasst hatte .die ..Kühnheit־• haben würde, das Wagnis zu wiederholen. Aber der Wirt hatte sich gefügt. Der badende Pöbel hatte seinen Willen durchgesetzt. Das Borkumlicd wurde wieder gespielt. Nun, lieb Vaterland kannst ruhig sein: in Borkum Kan man weiter schreien. Lippe in der Welt voran? Uebsr die staatsbürgerliche Zurücksetzung der .luden In Lippe klagt eine Zuschrift an die LIPPESCHI: LANPF.S• ZEITUNG, der wir das Folgende entnehmen: ״Als die Ausnahmegesetze in den anderen Staaten iiclen. war auch der Jude in Lippe der bürgerlichen Gleichheit und Freiheit teilhaftig. Leider hat in den letzten Jahrzehnten der reaktionäre antisemitische Kurs des ehemaligen prcussischcn Justlzminisiers Schönstedt auch in Lippe Schule gemacht. Wh wollen heute picht untersuchen, ob der geringe Zuschuss zur Unterhaltung der jüdischen!?ejigit-i'.s- und Elementarschulen seitens des lippeschen Staates in dem richtigen.Verhältnis steht ztt den Steuerlasten der irdischen Steuerzahler. Darüber ein anderes Mal. Heute sei nur die Rede von der selbst in P.-tussen nicht in dem Masse geübten Ungerechtigkeit der lippeschen Justizbehörde. Seit einer langen Reihe von Jahren ist ein Jude weder für das Amt eines Schöffen noch eines Geschworeneu für würdig befunden worden. Da das lippcsche Staatsgesetz Juden die Bekleidung dieser El! teil :unter durchaus Geht abspricht, liegt hier eine arge Verletzung bürgerlicher Staatsrechte der I.ippcr jüdischen Glaubens vor. Es würden sich mit Leichtigkeit mehrere Dutzend in ihrer moralischen Quaüfikation einwandsfreie jüdische Herren linden lassen, die sehr wohl für einen Schöffen öder Geschworenen sich Cigna vßrden. Dass schon seit Jahrzehnten gerade die Juden nicht ausgelqst werden, kann unmöglich Zufall sein. Und wodurch kann eine solche Ignorierung der Gesetze speziell in Lippe verteidigt oder besser, zu rechtfertigen versucht werden? Einzig und allein muss der Grund ip der Rassenzugehörigkeit liegen. Und da kann nicht laut genug die Stimme des Protestes erhoben werden gegen solche mittelalterliche. :eg!ichem Humanitätsgeiühl hohnsprechende Behandlung der Juden in Lippe. Daher ist es falsche Bescheidenheit, wenn die massgebenden. vieleicht auch cinilussrcich.cn Kreise der Juden in Lippe schweigen und diese sic tief kränkende Verletzung der Gesetze über sich ergehen lassen. Schweigen an falscher Stellt. Ist in diesem Falle entweder ein Zeichen unverzeihlicher Gleichgültigkeit oder feiger Selhstnichtachtung. Und sehen es die Herren am grünen Tisch nicht ein. dass hier ihr Vaterland gar innig liebenden Staatsbürgern bitter Unrecht geschehe, dann gibt es noch einen Fürsten in Lippe, der zehn Jahre lang einen Kampf ums Recht geführt hat. damit Recht auch Recht bleibe, dessen liochseliger Vater mit den Worten: ״Gott und mein Recht“ seinen Geist aufgegeben "hat. Die Upper jiidi• sehen Glaubens sollen sich aber auch nach ihrer Beschwerde mit einer der konventionellen ״Zusagen“ nicht abspeisen lassen, sondern nicht eher ruhen. bis.Reniedur geschaffen ist. bis ein gerechtes Gericht sich aufbaut auf ein gerechtes System. Die politische Lage dej Juden in Lippe ist. unter der Lupe der Gleichberechtigung betrachtet, prcnssisclier als. in Prciissen. 1Wo noch so rückständige Vorurteile herrschen, wo na:1 הו dem Menschen nicht nur dm Mensch־.!! sieht und alles Edle und Gute in ihm wertschätzt sondern als Massstab für seine Beurteilung die Abweichung ׳’er Hvnothemisc des Nasen* dr« iecks oder den Zufall (!er Geburt wählt — da ist man alles andere als freisinnig, da hat man sich noch nicht zu dem inhaltswahren BckT״׳’t!״s Kaiser Friedrichs, dass der Anti- 5emit»s1n:s eine Schmach des Jahrhunderts ist. aufgc- Schwüngen." Eduard v. Hartmarm über den Zionismus Der VOSSISCHEN ZEITUNG wird ein Brief Eduaad v. H a r t!11 a n n s zur Verfügung gestellt, in dem sich der jüngst verstorbene philosophische Schriftsteller über den Zionismus ansspricht. .,Gross-Lichterfelde, der« 17. 2. 03. Sehr geehrter Herr! Der Zionismus dementiert diejenigen Verfechter der Inter* essen des Judentums, welche sich dagegen gesträubt haben, zuzugebeii, dass die Judenschaft aller Länder Ein Volk, und dass die Judensckcft in jedem Lande Gast eines Wirtsvolkes sei. Er stellt die Interessensolidarität der Juderiheit über die Interessensolidarität der Juden;11 jenem Lande mit ihrem Wirtsvolk. Er bekämpft alle Bestrebungen, die auf nationale Verschmelzung der Juden mit ihren Wirtsvölkern abzielen und rechtfertigt damit den Vorwuri des Absondcrungsstrebens. den viele V״r-!‘echter des Judentums bisher als ungerecht bek '!:’pft haben. Er hält eine doppelte Nationalangehörigkeit im zionistischen Staat und in demjenigen des Wirtsvolkes für möglich, wenn ei nicht gar auf die letztere verzichtet. Statt des Zusammenbanges mit dem Kulturleben der Wirtsvölker bietet er den Juden eine Utopie. Dem Antisemitismus liefert er das ihm bisher iehlende Programm, den Schlachtruf: ״Fort mit den Juden nach Palästina!“ Für ehe armen und bedrückten Juden des Ostens mag die Utopie ein Ideal scheinen: für die wohlhabenden und gebildeten KulturJudcn wäre es dagegen die härteste Strafe, wenn sie wieder zurück nach Palästina müssten und ihren jetzigen Wirkungskreis verlören. Ein auf den ‘zionistischen Staat gestütztes und in alicn Landein die bishcrige Macht in verstärktem Masse ausübendes jüdisches Volk wäre ohne alle Analogie in der Geschichte und w iirde in allen Staaten zugleich die heftigste antisemitische Reaktion entfesseln. Man kann die Stimmung• begreifen, aus der der Zionismus erwächst, und ihn dennoch für eine kulturwidrig(; Verirrung halten. Hochachtungsvoll Dr. ft. v. Hartmann.“ Zu diesem Brief bemerkt die FRANKFURTER ZEITUNG: ״Das Schreiben ist zweifach interessant: einmal widerlegt es das Gerede von! Antisemitismus Hartmanns (Hartmann stellt sich hier den! Antisemitismus gegenüber und keineswegs an dessen Seite) und überdies wird der Widerspruch des Zionismus gegen die ernsten Assimillcrungsbestrebung.en, die seit mehr als hundert Jahren im hochgebildeten Teile der deutschen Juden sch a i t walten, klar dargclegt." Es ist von der FRANKFURTER ZEITUNG, der man doch Dummheit nicht Zutrauen mag. mindestens eigentümlich, aus dem Schreiben des in seinen Schriften über das Judentum grade von den Anhängern der ..ernsten Assimilienmgsbestrcbungcn" wegen seines krassen Antisemitismus bekämpften Hartmann herauslesen zu wollen, dass er kein Antisemit gewesen. Es ist dies die lächerliche Weisheit einer Gans. Wir empfehlen der FRANKFURTER ZEITUNG die Lektüre der Hartniannscben Schriften, insbesondere seiner Broschüre über das Judentum, und sie wird ihre durch keine Sachkenntnis getrübte Behaupcung mit gutem Gewissen nicht mehr aufrecht erhalten können. Aber jeder Einsichtige, der Hartmanns Anschauungen über die Juden kennt, weiss. dass seine Abneigung gegen den Zionismus nichts anderes ist. als der selbstverständliche Ausfluss seines Antisemitismus, der konsequent genug und schlau genug w ar. den Juden die einzige Bewegung verleiden zu wollen, die das Judentum und die Juden vor dem vernichtenden Ein- ’ fluss desAntiscinit'smiis dauernd zu schützen vermag. Dass die FRANKFURTER ZEITUNG für di״ Assimilierungshestrebungen cinlritt. ist In ihren! Sinne ganz konsequent. Ihr Gesinnungsgenosse. der Syphilisimpfer Professor Neisser In Bres* lau. nimmt a auch keinen Juden als Assistenten, der nicht durch vorherge laufe bewiesen hat. dass er die gleiche Reife wie er selbst besitzt. Mit dem Judcntaufschein in der Tasche kann man ordentlicher Professor, kann man Rescrveleutnant. deutscher Gesandter in Marokko und Direktor der Kolonialabteilung werden. Es gibt aber keine Assi* Inflation. die nicht durch die Taufe geht. Getauft, d. h. anerkannt assimiliert, gründen die LI mä n n e r die antisemitischen Vereine deutscher Studenten, sind die Judenstänutilinee Blutliigncr. und schreiben die Pro. testanten von Beniner Tageblättern ihre Artikel für Assimilation und liberale jüdische Gemeindewahlen. Die ..hochgebildeten Teile der deutschen Judenscliaft." die hier von der FRANK- FURTER1N so selbstgefällig gelobt werden, sind die kleine, kraft des Geldsacks in den jüdischen Gemeinden dominierende Gruppe von Nachkommen der ungebildetsten jüdischen Klasse, die an ihrem Bildurgsprotzeutum krankt. Nur die B i I d u n g sparvenues, denen die Bildung ebenso wenig in Fleisch und Blut übergegangt:: ist. wie ״gebildeten“ Berliner Bauunter-

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