Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 34 Seite 509 JÜDISCHE RUNDSCHAU Ziehungen des Misrachi zu der 7.ioni$t:schcn Organisation" I geböten wird. Dieser Aufruf wird damit begründet, dass in der zionistischen Bewegung ״zwei von den gesetzestreuen I Zionisten missbilligte Strömungen vereint zur Qcltung.ge- I I a h g t. nämlich die ״Knlturzionistcn“ und die״Poale-Zion“, I .die sich zur Aufga bestellten, den jüdischen [ Nationalsinn vom Thoragesetz I 0 s z 111 ö s e n.“ Hierzu bemerkt das misrachistischc FRANKFURTER I ISRAELITISCHE FAMILIENBLATT: ־ ‘;,Es liegt für uns keine Veranlassung vor. des näheren darauf cinzugehen. inwiefern die Beschuldigungen gegen die oben erwähnten Richtungen. ..das Bestrebungen zu haben, den jüdischen Nationalsinn vom Tiioragesetz loszulösen“, zutrifft; hat doch Schreiber cs unterlassen, seine Behauptung mit Beweisen zu belegen. Worauf wir reagieren vollen, ist das Moment des Verhältnisses des M i s r a c h I zur zionistischen O e s a tu 10 r g a n i s a t i o n. Auf dem Misrachi-Kongrcss zu Fressburg hat das Aktions• komitee den Misraclii als eine Fraktion innerhalb der | zionistischen Gesamtorganisation anerkannt, der Misrachi! seinerseits hat sich mit diesem Rechtsverhältnis einverstanden erklärt und es in seinen Statuten festgclegt. Dieses Verhältnis sation anerkannt, der Misrachi seinerseits hat sich mit diesem war . eine logische Konsequenz der zionistischen Auffassung. Der Zionismus repräsentiert die jüdische Nation. — und wie sollte da eine religiös-nationale Gruppe, die der Gesamtheit angeboren will, da sic ihr angehören muss, sich von derselben ausschliessen? So dachte man vor zwei Jahren. Und jezt? Hat sich etwas ereignet, das die Veranlassung sein könne, dieses Vcrhältnis zu korrigieren? Nichts! Wohl steht der links• s.tchcnde Flügel der Zionisten der Leitung nahe, wohl macht das Parteiorgan DIE WELT hier und da manchen 1mgchörigen, scharf zu verurteilenden lieber־,: riir; aber dem kann abgehoben werden, cs muss nur der Wille zur Verständigung vorhanden sein. Denn nur dieser ist cs. der zur gedeih־ liehen Arbeit die g e in c i n s c a f 11 *i c h c Basis bildct.'und gerade dieser Wille geht tinscra Intransigenten von rechts'und links ab. Allein unsere Intransigenten sollten dessen eingedenk sein, dass man Scharfmacherei nur als spezifische Tilgend oder Untugend der Feinde. :Echt aber der Freunde kennt. ... Gewiss darf Objektivität von der Leitung mit Recht verlangt werden, denn nur den Fraktionen steht es zu. sich mit Differenzen kulturcllcr Natur zu befassen,• nicht aber der Leitung. Allein darüber . braucht man sich keine grauen Haare wachsen zu lassen, das ist mit diii wenig Energie zu erreichen. Wie mm sich{, denken unsere misrachisüschen Freunde gar nicht daran, auf diesen Leim zu kriechen, der besonders vbit den Scbdnkenmisrachisten gestrichen wird, die eine intejessantc Parallele zu den Berliner ״Schinkenorthodoxen“ bilden. Unsere gesetzestreuen Freunde, die um des Zionismus willen als Mirachl sich zusammengeschlossen haben, wissen ganz gut, das Misrachi nur ftn Zionismus die. Existcnzmögliclikcit hat. Sie wcxdf.n mit Freuden die wenigen ziehen , lassen, die Zionisten ,.mit Bedingungen‘‘ sind. Ma'arabf. Ein jüdisches Theater In Galizien Das jüdische Theater war seit jeRer ein Zankapfel für alle, die es als einträgliches Objekt ausnützen wollten. Man scheute keine Mittel, um eine Konzession für die Leitung eines jüdischen Thcatörs zu erlangen. Kaum hatte man sie in Händen, da hatte man ein.? unversiegbare Einnahmequelle und gebot über die Existenz von mehreren Familien, die just an einen Direkte gebunden waren. So :Avar es zur Zeit, da ganz Galizien nur ein jüdisches Theater hatte und der Lciterdesselbcn. Herr Gimpel, sozusagen efu Alleinherrscher war. Jetzt ist es anders. Mehrere Personen sind Im glücklichen Besitze einer amtlichen Bewilligung. Si^h Direktor nennen zu dürfen und mit einer grösseren oder kleineren[ Truppe in Galizien herumzureiscu. Also kein Alleinherrscher mehr, was den einzelnen, nur halbwegs befähigten Schauspielern insofern zugute kommt, dass sie uicht mehr für einen minimalen Lohn sich ablietzcn müssen, ein gewöhnliche! Konkurrenzkampf, der. wie alle ähnlichen materiellen Kämpft, seine Licht- und Schattenseiten hat. Moralisch und geistig hat sich das jüdische Theater in Galizien gar nicht gehoben. Man führt noch immer die alteuSchuadstückc mit immer schwächeren Kräften auf. weil die besseren Schauspieler nach Amerika auswandern, wo sie nach Gebühr bezahlt werden. Und ein Direktor rechnet cs sich als besondere Geschicklichkeit an. mit Statisten oder wie es hier technisch bezeichnet wird —- mit Hoofonstangcn — ein dem Schreiber gegenüber, gehörtes Selbstlob eines Direktors — auf die Bühne gestellt, seinem Publikum Geld und Beifall zu entlocken. Es war nie seine Sache.׳ auf eine Hebung der jüdischen Bühne Irgendwie bc dacht zu sein. Ratschläge, die ihm in dieser Richtung von bcrufenen Kritikern und Schriftstellern erteilt wurden. w:es er zurück mit der höchst‘ originellen Motivierung, er begreife mdii, wie Fremde in sein Geschält sich einmengen wollten. Man ersieht also aus den wenigen Beispielen, dass ein Direk-, tor mit derartigen Anschauungen nicht berufen ist, die jüdische Bühne auf die Höhe zu bringen, die sie Jetzt eigentlich einnehmen müsste. Wir begriissen cs daher mit Freuden, dass es unserem Gesinnungsgenossen Herrn Moses Richter gelungen ist .die Konzession für ein jüdisches Theater zu erlangen. Herr Richter ist bereits in der jüdischen Theaterwelt als begabter Dramatiker bekannt. Er hat sich mit einigen Dramen eingeführt, welche unbedingt eine Übergangsepoche für die Moderne bezeichnen. Ihm gebührt vor allem das Verdient, den üblichen Hanswurst von der Bühne — in seinen Dramen wenigstens — verscheucht zu haben. Er hat auch das hässliche ״Deutschsprechen“ aufgehoben. Seine Stücke sind in einem reinen Jüdisch gehalten, und es ist entschieden zu erwarten, dass ein Mann mit derartigen Fähigkeit die Leitung eines so wichtigen Kulturwerkcs, wie die jüdische Bühne es ist. 711 mehr als geschäftlichen und nur materiellen Erwerbszwecken ausbeuten wird. Jüdische Volksschulen Budapest. In Angelegenheit der fiidischcn Volksschulen hat der Untcrrichtsminister eine neue Verordnung herausgegebei!, aus welcher folgendes hervorzuheben ist: Die jüdisch-konfessionellen Schulen unterstehen der Leitune der zu bildenden Schulstühle (Schulkomntissiunen). Der Schulstuhl besteht aus sieben von der Gemeinde gewählten Mitgliedern. Amtlich gehören ihm an: der Oberrabbiner, der Gemeindevorsteher und der Leiter (Direktor) der Schule. Ausserdem delegieren nach § 117 des G. A. XXXVIII v. J. 1S6S die Lehrverbände Vertreter in den Schulstuhl. Die Kornmiss ton wählt selber (durch geheime ־Wahl) einen Vorsitzenden, Vors.-Stellvcrtretcr und einen Schriftführer. Alle Aufsichtsrechtc. die Festsetzung des Lehrpersonals, Creicrung neuer 'Stellen und die Besoldung der Lehrer gehören zu den Befugnissen der Schnlkommission. Als Berufungsinstanz gegen die Beschlüsse der Kommission, mit Ausnahme der Wahlen und des Disziplinarverfahrens, wird die Generalversammlung fungieren. Die Pogromwaisen Arn 15. ds. Abends sind von Hamburg aus 30 russische jüdische Waisenkinder nach Amerika. 19 nach England eingeschüft worden. Fräulein Pcrlmaim. die der russischen Sprache mächtig ist, geleitete die nach Amerika. Fräulein Pappenheim die nach London bestimmten Kinder, die sämtlich in gutem Gesundheitszustände waren. Fräulein Klausner brachte am 17. acht Kinder — sechs Mädchen und zwei Knaben — in das Ahlemer Erzichungsinstitut bei Hannover. Diese acht Kinder gehören zwei Familien an. sechs sind Geschwister Mordchc Lewin. zv*׳ei Geschwister Makel. Man hatte sic für Ahlem ausgesucht, uni dem Wunsch der Verwandten zu genügen, dass sie ungetrennt blieben. Der Verpflichtung zu j jffdisch-religiöscr Erziehung wird in Ahlem vollständig Genüge getan. Ein neunjähriger Knabe. Daniel Lewin. war ן mascrnverdächtig gewesen. Aus diesem Grunde hatte die Reise nach Ahlem verzögert werden müssen, bis der Vcr> dacht sich als ungerechtfertigt erwiesen hatte. Im Hamburg waren die Mädchen von dem dortigen Hilfskomitee mit neuen Kleidern ausgestattet worden. Es verdient besondere Erwähnung. dass die Beamten der Hamburger Auswanderer• hallen sich bemühten, den Hinterbliebenen der russischen Pogromopfer entgegenzukommen. Am Freitag reisten die acht Kinder mit Frl. Klausner nach Hannover. w0׳ sie von Herrn Inspektor Silberberg empfangen wudren. Um 5 Uhr nachmittags trafen die Kinder in Ahlem ein. wo herzliche Aufnahme sie bald zutraulich machte. Am Montag (20. August) beginnt der Unterricht, den sie mit 5 anderen, vor kurzem in Ahlem angenommenen russischen Kindern gemeinsam erhalten, bis sie des Hochdeutschen mächtig geworden sind. 5 von den neu eingetretenen Kindern — die 5 jüngeren Geschwister Lew in — sind Schützlinge der Alliance Israelite Universc׳״ die drei anderen unterstehen der Fürsorge des deutschen Ililfs- Vereins. Der BERLINER LOKAL ANZEIGER lässt sich da zu tck- I graphicren: ,.Die Ueberführung der russischen Waisenkinder, I deren Erziehung und Ausbildung die Alliance Israelite und I die Grossloge des Hilfsvereins Deutscher Juden übernommen I haben, nach der Erziehungsanstalt Ahlem bei Hannover, I findet, wie uns ein Privattclegramm berichtet, heute I statt. Die Kinder sollen deutsch und religiös erzogen werden. I Es befinden sich sechs Geschwister einer Bialystoker Familie I darunter."