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Jüdische Rundschau · 1906-08-24 · Heft 34 (24.8.1906) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 508 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 34 den Konservativen, die sie nicht einmal in ihren Dreiklasscnj domänen mehr stören dürfen, werden die deutschsozialen , Phrasen keinen W ä h I c r mehr täuschen. Charakteristisch ist das NVahlabkomtnen auch ftir die Konservativen. Es bedeutet ein Eingeständnis, dass unter dem allgemeinen Wahlrecht in Hessen für die Konservativen nichts mehr zu holen ist. Sic ziehen sich bescheiden auf das Altenteil der Dreiklassensitze zurück und überlassen die Besorgung ihrer Geschäfte im Reichstage den deutschsozialcn Antisemiten, die sich auf Wahrnehmung agrarisch-reaktionärer Interessen allerdings ebenso gut wie die Konservativen verstellen. Vom Ritualmord Die KATTOWITZER ZEITUNG schreibt von einer Affäre, die wieder einmal auf die hohe Kultur ein grelles Schlaglicht wiri:. der sich zu assimilieren wahrlich doch verlohnen sollte: ״Schwlcnlochlowltz, 15. August. Wie der Blitz v c r ־ breitete sich hier die Kunde von cjtiem Menschenraube zu R i t u a I m 0 r d z w c c k e »1. Die jüdischen Handelsleute Rechnitz und Klattcr aus Polen waren gcschüflshalber nach Sehwien־ toc!:!״\vitz gekommen. Rcchnitz hatte seine beiden Knaben mitgebracht. die unterwegs in Streit gerieten, der in eine Prügelei ausartete• Her Vater trat dazwischen und strafte die Knaben ab. die deshalb zu weinen begannen. In der dichten Volksmenge, die im nu um die Handelsleute sich gebildet hatte, verbreitete sich sofort die Kunde, die zwei Knaben seien christlicher Herkunft und von den Juden geraubt worden, um abgcschlnchtct zu werden. Der Pöbel fiel über die beiden Männer her, misshandelte sic in überaus roher Weise und schleimte sie zu dem Geiidanncricwachtmeistcr Skolik, der die Menge jedoch sofort auseinandertrieb und der bedauernswerten, misshandelten Gesellschaft seinen Schutz angedeiher» liess. Der Vorgang spielte sich gegen 10 Uhr abends ab und wenn nicht einige besonnenere Leute gewesen wären, die den Pöbel von weiteren Ausschreitungen abhielten, so wären die Misshandelten kaum mit dem Leben davougekommen. Dieses Beispiel beweist von neuem, wie sehr das oberschlesischc Volk noch der Auiklärung bedarf.“ Und wo ist es besser in Prcusscn? — Polizeigeist in einem Badeorie Ein österreichischer Genosse, der sich einige Zeit in Bad Salzbrunn aufgelialten hat. schreibt der Breslauer VOLKS- WACHT: Noblesse oblige — ist Jedenfalls auch der Wahlspruch der ״herzoglich Plcssischen Verwaltung“, derer! Ukasc und In- Siegel man auf Schritt und Tritt in Bad Salzbrdunn angebracht findet. Während der ״Kurstunden“, die zumeist mit den sehr massigen Konzerten (die, wenn es regnet, mit Vorliebe — im Ei eien, bei schönem Wetter in der Halle abgchalten werden) einer in phantasicvollc Uniform gekleideten ״herzogLchen Bcrgkapelle“ zusamtncnfallcn, wird an ledern Tor des sorglich und kerkerartig cingefriedetcn Parks die einziehende Menge von himmelblau livrierten Dienern nicht nur auf standesgemässe und passende Kleidung, sondern vor allem auf den Besitz der Kurtaxkarte hin scharf gemustert. 20 Mark fordert man da im Namen des ״Herzogs“ für jeden erwachsenen' Kurgast. 3 Mark für jede Begleitperson und wer nicht langer als 5 Tage in dem herzoglichen Bad verweilt, muss für das jedesmalige Betreten des Parks während der Musik 10 Pig. bezahlen, manchmal, wenns der hohen Direktion grade passt, auch 30 Pig. Dass die 10 Hg. auch sonst im Kalkül des ״Herzogtums" eine grosse Rolle spielen, ersieht man daraus, dass selbst der 20 Mark-Kurgast, wenn er in den Lesesaal gehen will, jedesmal 10 Pig. in den gierigen Rachen eines herzoglich Plessischen Automaten werfen muss. (Wer den Nickel nicht ehrt, ist das Fideikonminiss nicht wert.) —- Interessant ist gewiss auch, dass die schäbigen Begleitpersonen mit ihren Mark-Karten laut herzoglichem Gesetz auch nicht einen Schluck aus dem Brunnen trinken dürfen, wie wenn nicht die Natur in ihrer Grossmut. sondern irgend, ein herzoglich Piessialer Moses die Quellen in Salzbrunn hervorgezaubert hätte. Dafür aber erfreuen sich alle Kurkartenbesitzer, d. h. Kopfsteuerzahler. der kostbaren Rechte, die im E i e d l c r sc 11 c n C a i6 im Park aufregenden Zeitungen zu Jescn (!!) und auf den unglaublich elenden und (wie der Herzog) steinreichen Wegen auf dein Hochwald die Schuhe zur höheren Ehre des Herzoghauscs zu zerrcissen. Solche Verschiedenheit der Pflichten und Rechte begründet denn auch die küiigartige Einfriedung des Parks und eine Ueberwachuug und Bureaukratie. die sich die schäbigen Nester Karlsbad. Marienbad usw. wirklich zum Muswr nehmen müssten. Dass aber den Mannen des Herzogs von Brabant durchaus nicht daran gelegen ist. dass alle, die ihre Taxen zahlen, auch den Park besuchen, konnte man aus der Kundmachung j erkennen, die letzthin am schwarzen Brett im Park ein aller- 1 d ngs mir eohemeres Dasein fristete. Die als Obrigkeit übe! ' die halsleideiuien nicht aber halsstarrigen Kurgäste gesetzte Direktion verbot nämlich den hier sehr zahlreich anwesenden, mit dem nationalen Kaftan argelanencn polnischen Juden das Betreten des Parks, weil — ihre Kleie 11 ng zu sehr von der der übrigen Gäste abstcchc. Zwar könnte man das mindestens mit der gleichen Berechtigung von den hier hcrutmvlmmcln» den königlich preussischcn Husaren, {)ra.goncrn. Ulanen (״-Im n:er durch! Immer Lanze nach vom!") sagen, denn der gcwohnliche Kurgast ist gewiss nicht gestiefelt und verschnürt, man könnte cs den Förstern und Afrikakriegern sagen, deren sfidwcstsandwiistcnfarhigc Uniformen gewiss weit mehr von der Kleidung der Kurmenschheit abstccheu. wie die in Schicsien sozusagen eine Khakiuuiform darstellenden Kaftans — aber wer dürfte den ..vornehmsten Rock" mit dem Kaftan vergleichen, der den entferntesten Verwandten seines Trägers unwürdig zum Reserveoffizier macht?! Aber trotzdem wusste die Kurmenschheit die herzoglichen Ukase und Beweggründe nicht zu würdigen, sie wollte nicht einsclicn. dass die Direktion durch ihre ans Mittelalter gc- . mahnende Kkidcrordming das Publikum bloss ästhetisch erziehen wollte und die Direktion beging den schweren Felder, vor der öffentlichen Meinung zurii'ckzuwexhen und ihre Kleiderordmmg alsbald wieder vom schwarzen Brett und aus der Welt verschwinden zu lassen! Solches Kapitulieren wäre gcwiss nicht einmal königlich prcitssisci! und — da sollte cs herzoglich Plessiscli sein?! Konsequent hätte der Gedanke der herzoglichen Brimncnhüler durehgeiührt werden müssen: ..E i n richtiger Magnat m a g k einen Juden leiden — doch seine Kur- und B a d c t a x c 11 nimmt er gc r n!" Misrachi Herr CI1. J. F;s$ in Zürich ersucht die WELT um Aufnähme nachstehender Zuschrift, der auch wir hiermit Raum gehen: An die thoratreuen Zionisten! Seit einiger Zeit sind in der zionistischen Bewegung zwei von uns gcsclzestreuen Zionisten missbilligte Strömungen vereint zur Geltung gelangt. Es sind dies die der bekannten ..K!11 tu r-Eifer er. die jetzt im Besitze der Leitung-der zionistischen Angelegenheiten sincH in treuem Bunde mit der!den sog. ״Poä 1 c - Z i o!1“. welche die Tendenzen der Lehren Marx und Lasallcs mit dem jüdischen Nationalismus zu verquicken sich anstrengen. Diesen beiden Strömungen liegt das gemeinsame Bestreben zugrunde, den jüdischen Nation a I s i n n vorn Thoragesetz loszulöscn. ׳ Gegen- ׳ über diesen Richtungen Ist unser, der Gcsctztrcueu, imvcjrjlckbarer Standpunkt hinlänglich bekannt. W i r 11 a 11 e » nach wie vor und unter allen Uniständcn an .der alten, ewigen jüdischen Überzeugung fest, dass unser heiliges Gesetz das eigentliche Wesen, die Seele der jüdischen Nation ist. Und da der Körper ohne die Seele nicht leben ka 11 n . seh c 1! wir in jeder Bemühung, die Nation von unscr.em überlieferten Lebensgesetze I o s 7. ti r e i s s e n . eine Gefahr, durch die unsere nationale Bewegung ernstlich bedroht, ja g 3. n z u 11 m 5 g 1 i c h v. c m a c h t w i r d. Geehrte Gesinnungsgenossen! Auf Vorschlag des Zentral- Bureaus des ..Miraehi“ wird in kurzem eine Konferenz des ׳ Zentral-Koinltces stattfinden. Auf dieser Konferenz werden unter anderem auch über die'..Beziehungen des ..Misrachi“ zur zionistischen Organisation in ihrem gegenwärtigen Zustande“ durchgreifende Beschlüsse gefasst werden. Dem Untcrzeichueten ist die Aufgabe zugcfalicu. die Materialien zu diesem Beratungspuukte vorzubcrcitcn. Ich richte daher an alle thoratreuen Zionisten die dringende Bitte, mir ihre Ansicht und namentlich׳die der ״M:srachi“-Gr.t1ppen über die fernere Gc- Stallung der Beziehungen der ..Misrachi“ zu der zionistischer! Organisation möglichst bald bekannt zu geben. Gleichzeitig cisuche ich. die Vorschläge zur Tätigkeit und Organ i s i c r u n g des ״Misrachi* mit gefi. mitteilcn zu wollen. Zum voraus dankend mit frcundl. Grusse Zürich, im Abhh 5666. . CI1..J. Ei ss, Mitglied des Zentral-Komitccs der ״Misrachi“. Viele jüdischen Blätter Westeuropas brachten in den letzten beiden Wochen diesen Auirui an die auf dem Boden der Tradition stehenden Zionisten, insbesondere au die Misrachi- Gruppen, in welchem um die Ansicht der gesetztreueu Zionisten in Bezug auf die ״fernere Gestaltung der Bc-

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